Ein Interview mit Andreas de Bruin

Prof. Andreas de Bruin ist Gründer des „Münchner Modells“, das seit 2010 Achtsamkeit und Meditation an Hochschulen anbietet. Im Interview spricht er über andere Wege des Lernens, Achtsamkeit und Selbsterkenntnis und warum Spiritualität einen Platz an der Hochschule braucht.

Das Gespräch führte Mike Kauschke

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Achtsamkeit und Meditation an der Hochschule zu unterrichten und das Münchner Modell zu initiieren?

De Bruin: Ich meditierte selbst seit 1991 und für mich war die Mediation immer ein innerer Kompass. Durch die Meditation konnte ich mehr herausfinden, wer ich eigentlich bin:

Ich bin die Person, die ich im Spiegel betrachten kann und die voller Konditionierungen ist. Gleichzeitig bin ich auch derjenige, der diese Person und ihre Konditionierungen beobachten kann. Die Person im Spiegel verändert sich, wird unter anderem älter, aber diese innere Instanz verändert sich in der Form nicht.

Wer bin ich nun, diese äußere Person oder der innere Beobachter? Die Meditation hat mir geholfen, dieses Innere besser kennen zu lernen, den Ort, wo wir herkommen und wieder hingehen. Wenn ich mit dieser inneren Instanz eine stärkere Verbindung habe, dann weiß ich auch besser, was ich hier in meinem Leben zu tun habe.

Aus diesem Grund fand ich es wichtig, dass die Studierenden die Möglichkeit erhalten, sich selbst besser kennenzulernen und dadurch herausfinden können, welchen Beitrag sie für die Gesellschaft leisten möchten. Erst danach interessierte ich mich für die neurowissenschaftliche Begründung der Wirksamkeit von Meditation.

Im Jahre 2010 fing ich an, Meditation an der Hochschule zu implementieren und fest im Curriculum zu verankern. Das war damals schon etwas Neues.

Wichtig ist, dass Raum für uns selbst und füreinander sowie für ein gemeinsames Gewahrsein entsteht.

Wie hat sich das Programm entwickelt?

De Bruin: Wir begannen in einer alten Turnhalle, die im Winter ziemlich kalt war, und saßen auf einfachen Stühlen. Es gab auch noch keinen fertigen Lehrplan samt spezifischer Unterrichtsinhalte. Es fing also bei der Basis an, Meditation in der Stille und das Gespräch darüber.

Das Angebot sprach sich herum, sodass sich auch Studierende aus dem Hauptstudium meldeten, und es interessierten sich sogar Beschäftigte der Hochschule dafür. Für die höheren Studienabschnitte habe ich dann Vertiefungslehrveranstaltungen ausgearbeitet.

Andreas de Bruin hat das Münchner Modell ins Leben gerufen.

Im Laufe der Zeit sind immer mehr Übungen dazugekommen. Die klassische Sitzmeditation bleibt für mich jedoch die zentrale Praxis. Das Meditationsobjekt muss dabei aber nicht immer die Atmung sein. Viele Studierende üben lieber mit einem Mantra wie etwa So`ham oder Maranatha oder sie konzentrieren sich beispielsweise auf den Punkt zwischen den Augenbrauen.

Ausgehend von diesen Sitzmeditationen habe ich das Programm dann auf informelle (z.B. achtsames Essen) sowie die formellen, sprich fest strukturierten Achtsamkeitsübungen (z.B. Body Scan) ausgedehnt. Das sind alles Übungen, die man sehr oberflächlich oder aber sehr tief praktizieren kann, das ist eine Frage der Einstellung.

Meine eigene Arbeit hat sich mit den Meditations- und Achtsamkeitsübungen und ergänzend mit neurowissenschaftlichem Input auch immer weiter vertieft. Es geht mir aber nicht mehr so sehr darum, dass ich bestimmte Methoden vermitteln muss, sondern dass Raum für uns selbst und füreinander sowie ein gemeinsames Gewahrsein entsteht. Daraus ergeben sich die Themen und Fragestellungen. Das ist für mich mehr und mehr die wirkliche Achtsamkeit.

So hat sich das Münchner Model aus einem inneren Impuls und über den Dialog mit den Studierenden immer weiterentwickelt. Daraus ist dann das Münchner Modell – Achtsamkeit und Meditation im Hochschulkontext – ganz natürlich gewachsen und für mich heute so etwas wie ein lebendiger Organismus geworden.

Wir brauchen einen Paradigmenwechsel in der Bildung.

Sie haben den Unterschied zwischen Achtsamkeit und wirklicher Achtsamkeit angesprochen. Was meinen Sie damit?

De Bruin: Ich habe schon diese zwei Identitäten angesprochen: Derjenige, den ich im Spiegel sehe, und das innere Selbst. Aus diesem tieferen Inneren komme ich und dort gehe ich auch wieder hin, da wäre es doch gut, wenn ich mich öfter mal dort aufhalte.

Im Bildungsbereich sind wir immer noch auf das Industriezeitalter ausgerichtet, man wird gebildet für den Job. Aber solche Fragen nach dem Sinn des Lebens haben wenig Raum. Wir brauchen einen Paradigmenwechsel in der Bildung. Lernen wir nur, um später einen Job zu finden? Oder ist es nicht Aufgabe der Erziehung, junge Menschen vorzubereiten, den ganzen Vorgang des Lebens zu verstehen?

Wir lernen auch nicht, wie wir mit unserem Geist umgehen können, damit wir z. B. weniger mit unseren Gedanken abschweifen und abgelenkt sind. Deshalb ist der Achtsamkeits- und Meditationsforscher Richard Davidson der Ansicht, dass es in Zukunft das Fach „Mentale Hygiene“ geben wird, ähnlich wie den Sportunterricht.

Meinen Sie, dass Bildung mehr das Innere einbeziehen müsste?

De Bruin: Wir sind so stark nach außen orientiert und definieren uns auf Basis von zahlreichen Konditionierungen, die uns von außen auferlegt werden: wie man am besten aussieht, was man später beruflich werden sollte, wie man sich zu verhalten hat usw. Daran gekoppelt sind dann auch die vielen Güter unserer Leistungsgesellschaft, die wir als Bestätigung benötigen.

Können wir aber lernen, uns mehr von innen leiten zu lassen, ist das ein tiefer Wandel des Geistes, der uns meines Erachtens gesellschaftlich bevorsteht. Die Australierin Bronnie Ware hat todkranke Menschen befragt, was sie in ihrem Leben gern anders gemacht hätten. Als Antwort kam, dass die Menschen ihre Gefühle gerne öfter ausgedrückt hätten. Sie hätten gerne mehr den Kontakt zu Freunden gepflegt und auch mehr gewagt, dass Leben so zu leben, wie sie es gerne gewollt hätten.

Deshalb ist es so wichtig, den gegenwärtigen Moment wahrzunehmen, wirklich da zu sein. Diesen Augenblick wertzuschätzen. Und auch eine Unsicherheit zulassen, dass ich nicht genau weiß, wo es hingeht.

Für die meisten Menschen ist die größte Angst, die Angst vor dem Tod. Und weil wir nicht wissen, was uns dabei erwartet, fühlen wir Unsicherheit. Aber dieses Sterben ereignet sich ja in jedem Moment, der vergeht.

Wenn wir lernen, mehr Vertrauen in uns selbst und das große Leben zu haben, dann schätzen wir jeden einzelnen Moment mehr und sind von innen heraus achtsam. Das ist die tiefe, wirkliche Achtsamkeit.

Spiritualität ist, was den Menschen mit seinem inneren Kern verbindet und ihn befähigt, sein Potenzial in die Gesellschaft einzubringen.

Sie haben gesagt, das heute die Achtsamkeit darin besteht, dass sie sich mit den Studierenden treffen und einen bewussten Raum öffnen. Können Sie das noch etwas erläutern?

De Bruin: Der Raum ermöglicht die Achtsamkeit. Es gibt Forschungen, die besagen, dass wir 47 Prozent der Zeit nicht bei der Sache sind, was als „Mindwandering“ bezeichnet wird. Oft ist der Geist abgelenkt und wir denken über irgendwelche Dinge, über Vergangenheit oder Zukunft nach.

Dies ist vor allem der Fall, wenn wir uns in einer Ruhephase befinden oder Routinearbeiten ausführen. Die Gehirnbereiche, die dabei aktiv sind, bezeichnet man zusammen als Default-Mode-Netzwerk, was man als „Ruhezustandsnetzwerk“ übersetzen kann.

Das heißt, wir haben sehr oft in unserem Geist keinen Raum. Deshalb ist es wichtig, das Mindwandering zu verringern, wodurch ich mich besser fokussieren kann. Dafür ist es hilfreich, dass ich erkenne, dass vieles, was ich im Default-Mode denke, sowieso nicht brauchbar ist.

Wir brauchen innerlich Raum, um bewusst sein zu können. Das ist der innere Raum; im äußeren Raum möchte ich ein Setting schaffen, in dem das möglich wird.

Anders als andere Ansätze, Achtsamkeit und Meditation in einen säkularen Kontext zu bringen, wird im Münchner Modell auch mit Ideen aus den Weisheitstraditionen gearbeitet, wie dem Höheren Selbst. Wie sehen Sie die Rolle von Spiritualität im säkularen Kontext einer Hochschule?

De Bruin: Hier müssen wir natürlich die Frage stellen, was ist Spiritualität. Ist das eine Sache der Religion und ihrer institutionellen Strukturen oder können wir es weiter fassen? Für mich ist Spiritualität alles, was den Menschen mit seinem inneren Kern verbindet und ihn befähigt, sein ureigenes Potenzial in die Gesellschaft einzubringen. Somit haben Hochschulen auch einen Beitrag auf spiritueller Ebene zu leisten.

Es soll hier ein Raum geschaffen werden, wo sich die Studierenden entwickeln können, damit sie dazu beitragen können, dass sich die Gesellschaft weiterentwickelt, die ja wiederum die Hochschulen finanziert. Deshalb finde ich es wichtig, dass Spiritualität einen Platz an der Hochschule findet und so ganz konkret im Leben verankert wird.

Natürlich ist es gewagt, dass ich dabei von Seele oder höherem Selbst spreche, aber viele von uns geschätzte Persönlichkeiten wie etwa berühmte Erfinder*innen und Künstler*innen haben diese Bezeichnungen auch benutzt.

Wenn wir Achtsamkeit und Meditation tiefer verstehen möchten, dann kommen wir um Begriffe wie Spiritualität im breiteren Sinn und Seele oder Selbst nicht herum. Denn Meditation ist im tieferen Sinne das Bauen der Brücke nach innen. Und dieser innere Kern ist das höhere Selbst oder die Seele.

Der Ethnologe Andreas de Bruin lehrt an der Münchner Hochschule für Angewandte Wissenschaften und der Ludwig-Maximilians-Universität München. Mit dem „Münchner Modell“ hat er ein Programm entwickelt, das Studierenden, Lehrenden und Angehörigen des Hochschulapparates Achtsamkeit und Meditation nahebringt. Er meditiert selbst seit 1991.

Infos zum Münchner Modell

Zur Website des Münchner Modells

Andreas de Bruin hat ein Buch zum Münchner Modell herausgegeben: Achtsamkeit und Meditation im Hochschulkontext – 10 Jahre Münchner Modell, Transkript Verlag 2021

Das Buch steht auch als kostenloses E-Book zur Verfügung.

Mehr zum Thema Achtsamkeit an Hochschulen finden Sie auf dem Online-Portal für Achtsamkeit in der Pädagogik des AVE Instituts, hier gibt es auch einen Artikel, der das Münchner Modell vorstellt.