Meierei Horst

Milch von glücklichen Kühen

Eine Initiative gegen die Massentierhaltung

Die Milchbauern stehen unter Druck, die meisten Meiereien versuchen, mit Massentierhaltung über die Runden zu kommen. Die Meierei Horst in der Nähe von Hamburg zeigt, dass es anders geht. Die Biobauern gründeten eine eigene Genossenschaft für Konsumenten und Lieferanten. Entscheidend ist, dass die Kunden bereit sind, mehr für die Milch zu zahlen.

Wo sind eigentlich all die Kühe hin? Warum sieht man so wenige Tiere auf der Weide grasen? Knapp 4,3 Millionen Milchkühe werden in der deutschen Landwirtschaft gehalten. Doch die Kuh als landschaftsprägendes Element ist fast vollständig aus unserem Blickfeld verschwunden. Und dies hat einen Grund, denn die Kuh verbringt heute einen Großteil ihres Lebens im Stall.

Dabei braucht die Kuh als Weidetier Bewegung, frische Luft und faserhaltige Kost. All das bekommt sie aber in ausreichender Menge nur draußen auf der Weide, bei Wind und Wetter fast das ganze Jahr über. Doch das bedeutet Aufwand für den Landwirt – erheblich mehr Aufwand als die Stallhaltung – und das in Zeiten, in denen der Milchpreis tief liegt. Die Meierei Horst ist eine der wenigen in Deutschland, die dieses Kunststück schaffen.

Die meisten Meiereien in Deutschland versuchen irgendwie über die Runden zu kommen. Die wirtschaftlichen Zwänge erscheinen groß und so es wird mit spitzem Bleistifts gerechnet. Die Lösung in konventionellen Betrieben heißt: Konzentration. In den letzten Jahren ist es zu einem nie da gewesenen Verlust kleiner Meiereien gekommen. Die Mini-Betriebe werden aufgekauft oder schließen, die großen werden immer größer. Die Transportwege für das Frischeprodukt Rohmilch werden dadurch immer länger. Allein die größte Meierei, das Deutsche Milch Kontor, erwirtschaftet 4,6 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr, das sind mehr als 20 Prozent des Gesamtumsatzes aller milchverarbeitenden Betriebe in Deutschland.

Wo Tierwohl zum Gemeinwohl wird

In der schleswig-holsteinischen Kleinstadt Horst bei Elmshorn ist die Meierei Horst eine rühmliche Ausnahme. Dabei stand sie selbst vor wenigen Jahren noch vor dem gleichen Schicksal wie viele kleine Meiereien. Das Unternehmen war nicht mehr wirtschaftlich, die Bauern hatten schon neue Lieferverträge mit einer großen Molkerei in Breitenburg abgeschlossen. Horst stand vor der Schließung.

Achim Bock und Hans Möller, beide Bio-Landwirte aus der Region um Horst, sträubten sich dagegen, ihre Milch in eine Großmeierei fahren zu lassen und in einem großen Tank mit anderer Milch zu vermischen. Sie wollten etwas gegen das Verschwinden jeglichen regionalen Zusammenhangs für die Produktion der Milch tun.

Meierei Horst

Weidehaltung im Sommer, Auflauf im Winter – das Tierwohl ist den Biobauern ein Anliegen.

Sie retteten mit der Gründung ihrer eigenen Milchmarke „de öko Melkburen“ den Standort in Horst vor der Schließung. Die Biobauern bringen seit 2012 ihre Milch weiterhin nach Horst und investierten in die Infrastruktur der Anlagen.

Das war aber allein nicht zu bewerkstelligen, und so entstand die Idee einer Konsumenten- und Lieferantengenossenschaft, wie man es aus der Solidarischen Landwirtschaft kennt. Die Bio-Landwirte waren die Vorreiter, danach kamen konventionell arbeitenden Höfe der Region dazu und wurden ebenfalls Mitglied. Heute gibt es eine Warteliste für neue Höfe.

Die Genossenschaft ist angewachsen. Knapp 200 Mitglieder aus Schleswig-Holstein, Hamburg und Niedersachsen haben mindestens je sieben Anteile im Wert von 539 Euro gezeichnet und sind Eigentümer der Meierei Horst e.G. Die Genossenschaft ist ein Zusammenschluss von Menschen, die regionale Produkte wollen und die wissen, dass das Tierwohl zum Gemeinwohl beträgt und sogar wirtschaftlich nachhaltig sein kann.

In Horst bekommen die Bauern 30 Cent pro Liter Rohmilch, langfristig sollen 40 Cent gezahlt werden. Bei vielen Großbetrieben erhielten die Landwirte in 2016 oft weniger als 20 Cent. So lässt sich auf Dauer kein kleiner oder mittlerer Hof rentabel führen. Der einzige Lösung Ausweg ist dann die Schließung oder die weitere Einschränkung desTierwohls.

Wie Tierhaltung aussehen kann

In Horst geht das nicht. Die Lieferanten haben sich auf die folgenden Grundsätze bei der Tierhaltung geeinigt: Weidehaltung mit frischem Gras im Sommer, Auslauf während der Winterstallperiode und maximal 30 Prozent Mais als Winterfutter, keine Gentechnik beim Futter, keine vorsorgliche Gabe von Antibiotika. Nur so können die Bauern Milch von hoher Qualität liefern. Milch die gebraucht wird, um die hochwertigen Produkte herzustellen, die in Horst gefertigt werden. Auch hier wird mehr Aufwand als anderswo betrieben. So wird beispielsweise der Quark im sogenannten Schulenburg-Verfahren 16 bis 20 Stunden handwerklich verarbeitet, woanders erledigt die Zentrifuge in Windeseile die Arbeit.

Das hat auch noch eine andere Dimension. Tatjana Tegel, die Geschäftsführerin der Genossenschaft, macht sich Gedanken über die gesundheitliche Verantwortung der Lebensmittelbranche: „In Deutschland sucht eine Heerschar von Lebensmitteilchemikern nach immer neuen Möglichkeiten, hochwertige, teure Grundzutaten durch billige Ersatzstoffe zu substituieren, ohne dass der Verbraucher es merkt. Ich beobachte seit Jahren den Trend, aus Lebensmitteln Nahrungsmittel zu machen.“ Mit dem Vorteil der längeren Haltbarkeit, aber auch allen gesundheitlichen Folgen, so Tegel.

Die Bakterien und Mikroorganismen in unserem Körper, gerade im Verdauungstrakt, bräuchten Futter – und zwar vielfältiges. Doch immer mehr der heute verzehrten Nahrungsmittel seien oftmals bakteriologisch tot und für die Helferorganismen unnütz. Dies könnte zur wachsenden Zahl von Unverträglichkeiten und Magen/Darm-Krankheiten beitragen. Dabei sollte das Hauptaugenmerk der Lebensmittelbranche darauf liegen, uns gesund zu ernähren.

Etwa zwei Millionen Tonnen unser Reserveantibiotika, also Mittel, die wir brauchen, wenn herkömmliche Antibiotika nicht mehr wirken, werden heute rein prophylaktisch in der Landwirtschaft eingesetzt. Tatjana Tegel ist entsetzt, wenn sie darüber spricht, weil Tierwohl und Menschenwohl zusammenhängen: „Das passiert, weil die schlechten Haltungsbedingungen in der Massentierhaltung nur so funktionieren. Am Ende der Kette steht der Mensch. Wenn immer mehr Bakterien auch gegen diese letzten Notfallantibiotika resistent werden, könnten wir wieder Epidemien erleben, gegen die dann kein Mittel mehr wirkt.“

Die Folgen der Massentierhaltung werden vergesellschaftet. Dies könne sich aber nur ändern, wenn die Verbraucher mehr für Lebensmittel ausgeben und eine gesunde Skepsis gegenüber billigen, tierischen Lebensmitteln entwickeln. Es gibt zu denken, so Tegel, wenn der Krankenkassenbeitrag höher sei als die monatlichen Ausgaben für Lebensmittel.

Die Landwirte der Meierei Horst haben dagegen ganz einfache Erfahrungen gemacht: Je länger die Tiere auf der Weide stehen, desto robuster und weniger anfällig sind sie für Krankheiten. Es gibt sie eben doch noch: die glückliche Kuh, draußen auf der Weide, wo man sie genüsslich grasend antrifft.

Stefan Ringstorff

 

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