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Brauchen wir ein neues Geldsystem?

Über die Vollgeldinitiative in der Schweiz

Die Schweizer Vollgeld-Initiative wollte das alleinige Recht auf Geldschöpfung der Nationalbank übertragen. Was sonst, fragt der gesunde Menschenverstand. Doch die Schweizer stimmten dagegen. Zu recht, argumentiert Hubert Thurnhofer, denn wer diesen radikalen Wandel will, müsse gleichzeitig Derivate und Privatbanken abschaffen.

 

„Die Vollgeldinitiative wird vom Stimmvolk klar abgelehnt. Das hat einen einfachen Grund: Die Initianten blieben eine Erklärung schuldig, welches Problem sie mit ihrem radikalen Ansinnen überhaupt lösen wollten“, berichtet die Neue Zürcher Zeitung am 10. Juni 2018, dem Tag der Volksabstimmung.

Kritisch merkt das Blatt an, die Initiatoren hätten „eine Lösung ohne Problem“ geliefert, konzediert aber: „Dennoch erfüllte die Initiative eine wertvolle Aufgabe. Sie sensibilisierte die Öffentlichkeit für die Feinmechanik der Geldschöpfung. Dass nicht nur Notenbanken neues Geld in Um­lauf bringen, dürfte einigen Bürgern erst in den vergangenen Monaten bewusst geworden sein.“

Was viele nicht wissen: Heute, im Zeitalter der Digitalisierung, machen Münzen und Banknoten als „echtes“, von den Nationalbanken geschaffenes und kontrolliertes Geld gerade noch 14 Prozent der Geldmenge aus, die in Umlauf ist. Somit decken wir 86 Prozent unserer Ausgaben mit Buchgeld bzw. Fiatgeld.

Dieses wird im einfachsten Fall durch einen Kredit „aus dem Nichts“ geschaffen: Ein Kunde nimmt 10.000 Euro Kredit auf, eine Privatbank schafft diesen Kredit „aus dem Nichts“, d.h. als reines Buchgeld. Als „Sicherheit“ hinterlegt die Privatbank für diesen Kredit ein bis zwei Prozent bei der Nationalbank. Daher auch der Begriff „Fiatgeld“ nach dem Motto „fiat pecunia“, es werde Geld!

Hier hakt die Vollgeldinitiative ein, die ihr Anliegen so formuliert: „Die Vollgeld-Initiative will, dass neben Münzen und Noten zukünftig auch das elektronisches Geld allein von der Nationalbank hergestellt wird. Damit wird das elektronische Geld zu Vollgeld und steht jederzeit zur Verfügung, auch wenn eine Bank in eine Krise gerät.“

Die Gewinne, die bislang Privatbanken durch die Geldschöpfung lukrieren, sollen so direkt dem Bürger zugute kommen. Tatsächlich ist nicht nachvollziehbar, warum de facto alle Staaten dieser Welt, die sich beispielsweise die Verwendung von Funkfrequenzen teuer bezahlen lassen, das Recht auf Geldschöpfung ohne jegliche Gegenleistungen an Privatbanken abgegeben haben. Und darüber hinaus diesen Banken auch noch hohe Zinsen zahlen, wenn sie selbst Kredite aufnehmen müssen.

Sogar die Schweizer Nationalbank (SNB), die aufgewertet werden sollte, war gegen die Initiative, die bei einer Wahlbeteiligung von knapp 34 Prozent nur 24,3 Prozent Zustimmung erhalten hat: „Die SNB warnte glaubwürdig davor, dass es mit Vollgeld schwieriger würde, ihr gesetzliches Mandat zu erfüllen und für Preisstabilität zu sorgen. Auch fürchtete die SNB eine Politisierung der Geldpolitik“, berichtet NZZ.

Die Finanzkrise 2007 war nur ein Intermezzo

Wenn wir den Sektor der Irrealwirtschaft einbeziehen, so müssen wir nach Skizzierung des Gesamtbildes zu dem Schluss kommen, dass die Vollgeldinitiative tatsächlich ein idealistisches bzw. antiquiertes Modell voraussetzt. Und dieses ist nicht geeignet, die gravierenden Probleme des bestehenden Geldsystems zu verstehen. Unter „Irrealwirtschaft“ verstehe ich den Finanzsektor, dessen einziger Zweck darin besteht aus Geld – also ohne Umweg über die Realwirtschaft – noch mehr Geld zu machen.

Die Finanzindustrie unterscheidet sich vom alten Bankensystem durch die industrielle Methode, mit der Geldprodukte (für normale Menschen und sogar für Finanzexperten nicht durchschaubare Derivate) entwickelt und gewinnbringend in einem geschlossenen Kreislauf aus Versicherungen, Banken und Hedgefonds vermarktet werden.

Die Vertreter der Vollgeld-Idee gehen allerdings von der naiven Vorstellung aus, dass Banken Dienstleistungsunternehmen sind, die ihr Geld mit der Verleihung von Krediten verdienen. Doch spätestens seit Basel III ist es nicht mehr lukrativ, Kredite zu vergeben, und die Banken wollen Geld verdienen. Mehr denn je spekulieren die Banken daher mit Derivaten. Die Finanzkrise 2007 war nur ein kleines Intermezzo, die Subprime-Krise scheint vergessen zu sein.

Zum Verständnis, was für eine gigantische Geldblase die Finanzindustrie mittlerweile geschaffen hat, trägt The Money Project bei. Auf einer einzigen Internet-Seite werden die wesentlichen Kennzahlen der weltweiten Geldmenge verglichen und durch Grafiken veranschaulicht. So erfährt man hier, dass die 50 reichsten Personen der Welt gemeinsam ein Vermögen von 1,9 Billionen Dollar besitzen. Damit könnten sie sich ein Viertel aller Goldreserven kaufen oder zehn Prozent der amerikanischen Staatsschulden begleichen, die bei 20,5 Billionen Dollar liegen. Die Gesamtschulden dieser Welt betragen 215 Billionen Dollar. Dieser Betrag inkludiert alle Staatsschulden, die Schulden aller Unternehmen und der Privathaushalte.

Wenn wir diesem Schuldenberg den Wert aller Immobilien dieser Welt gegenüber stellen, der bei 217 Billionen Dollar liegt, so könnte man zu dem Schluss gelangen, dass die Schulden durch Immobilien gedeckt sind. Das relativiert die Bedrohung, die von den Schulden ausgeht. Bedrohlich und gleichzeitig von Ökonomen weitgehend unbeachtet ist jedoch die Tatsache, dass allein die USA für zehn Prozent der weltweiten Schuldenlast bürgen. Aber das ist ein anderes Thema.

Derivate sind wie Spielautomaten

Unser Thema lautet: wie viel Geld kursiert im Kreislauf der Irrealwirtschaft? „Die untere Schätzung der Größe und des Umfangs der globalen Derivatemärkte beträgt 544 Billionen Dollar“, schreibt The Money Project und ergänzt: „Banken nutzen typischerweise hohe Hebel, um diese Positionen zu erreichen.“

Derivate tragen so schöne Namen wie Futures contracts, Forward Contracts, Options, Warrants, Swaps. Was genau sich darin verbirgt, wissen immer nur diejenigen, die solche Pakete schnüren und auf den Markt werfen. Das sind auch die einzigen, die immer gewinnen, vergleichbar mit Spielautomaten: nur wer einen Automaten aufstellt gewinnt mit Sicherheit, während die Mehrheit der Spieler mit höchster Wahrscheinlichkeit verliert.

Die meisten Derivate werden „over-the-counter“ d.h. außerhalb der Börsen und damit völlig unkontrolliert gehandelt. An den Börsen werden lediglich konservative Aktien und Anleihen gehandelt. Der Akienwert aller börsennotierten Unternehmen dieser Welt beträgt 73 Billionen Dollar, also gerade mal 13,5 Prozent des Marktvolumens der Derivate.

„Der Finanzmarkt ist nicht kontrollierbar“, war das hundertfach von Spitzenpolitikern wiederholte Mantra während der letzten Finanzkrise. Und so ist es geblieben. Doch die Vollgeld-Initiative schießt am Ziel vorbei. Das Vollgeld-System wäre nur sinnvoll, wenn die Produktion und der Handel von Derivaten komplett verboten würde, denn diese 544-Billionen-Blase hat nicht den geringsten Mehrwert für die Realwirtschaft. Diese Blase, in der auch die Milliarden der EZB versickert sind, existiert ausschließlich für die Player des Finanzsystems, die davon profitieren indem sie völlig risikolos den Rahm abschöpfen: Management Fees, Provisionen und Bonuszahlungen.

Natürlich hat jeder Angst, diese Blase platzen zu lassen, denn keiner weiß, was dann passieren wird. Doch es ist verantwortungslos, nicht einmal darüber nachzudenken, wie man die Luft aus dieser Blase kontrolliert ablassen könnte. Auf jeden Fall würden die Banken mit der Beseitigung dieser Blase ihre wichtigste Einnahmequelle verlieren, denn mit Krediten verdienen sie angeblich nichts mehr! Und genau genommen ist es auch widersinnig, dass Banken Geld verdienen müssen. Mit den heutigen technischen Mitteln reicht eine Nationalbank pro Land um alle – in der Realwirtschaft erforderlichen Geldgeschäfte – abzuwickeln.

Fazit: Das Verbot von Derivaten und die Abschaffung der Privatbanken als gewinnorientierte Unternehmen müsste mit der Einführung von Vollgeld Hand in Hand gehen. Das ist keine Illusion, wenn man einem der reichsten Männer dieser Welt, Bill Gates, glauben darf: „We need banking, but we don´t need banks.“ („Wir brauchen das Bankwesen, aber keine Banken.“)

Und man müsste ergänzen: Wir brauchen keine Hedgefonds. Am Anfang eines derartig radikalen Paradigmenwechsels müsste aber eine elementare Frage beantwortet werden: Was ist Geld? Die Antwort ist frappant einfach. Geld ist Vertrauen (auf Englisch: credit). Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ich glaube, es ist nicht nur für einen Philosophen, sondern auch für jeden Ökonomen evident, dass man mit Vertrauen nicht spekulieren kann.

Herbert Thurnhofer

Weiterführende Informationen:

Vollgeld-Initiative in der Schweiz

„Eine Lösung ohne Problem“ – Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung

The Money Project

Foto: Robert Hailwax

Hubert Thurnhofer studierte Philosophie in Wien, Abschluss 1987 mit der Diplomarbeit „Musil als Philosoph“. Lebt als Galerist und Kommunikationsberater in Wien. Publikationen: Glaube. Hoffnung. Management. Entscheidungsfindung in Unternehmen, 2008; Die Kunstmarkt-Formel, 2014; Moral 4.0, 2017.  Mehr über den Autor

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