Cradle to Cradle – Von der Natur lernen

Ilyashenko Oleksiy/ Shutterstock
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Für eine Welt ohne Müll

Sie kaufen Schuhe, und wenn sie nicht mehr zu gebrauchen sind, geben Sie sie dem Hersteller zurück, der etwas anderes daraus fertigt. So stellt sich der Chemiker Michael Braungart das Prinzip der Kreislaufwirtschaft vor. Auf einem Kongress in Lüneburg berichtete er, wie seine Idee funktioniert.

„Essen Sie Austern, um die Welt zu retten. Dann tun Sie etwas für die Umwelt.“ Meint der Mann auf dem Podium beim 1. Cradle to Cradle-Kongress in Lüneburg am 15. und 16. November 2014 das ernst? Dieser Mann heißt Michael Braungart, der Begründer der Cradle to Cradle-Idee.

Der promovierte Chemiker meint es ernst, aber natürlich will er auch provozieren, um die Menschen zum Nachdenken anzuregen. Angesichts der riesigen Mengen an Plastikmüll in den Ozeanen – vor Kalifornien kreist ein Strudel von Kunststoffresten, der so groß ist wie Mitteleuropa – sei es doch das Beste, die plastikfressenden Austern massenhaft zu verzehren. So könne sich der Mensch endlich als „Nützling“ verhalten.

Alles fließt – im Kreislauf

Die Cradle to Cradle-Bewegung ist noch klein. Und obwohl sie global agiert, ist sie noch immer nicht weltweit bekannt. Im Grundsatz ist ihr Kerngedanke leicht zu verstehen:

Es geht auf einer praktischen Ebene darum, alle Verbrauchs- und Gebrauchsgüter so zu designen und zu produzieren, dass sie nach ihrem Konsum wieder in den Kreislauf zurückgeführt werden können. Das heißt, sie sind nützlich, weil sie entweder schadstofffrei in den Kreislauf der Natur zurückkehren oder endlos im Technikkreislauf wiederverwertet werden können.

Ringstorff
Ein Kongress warb für die Idee der Kreislaufwirtschaft. Foto: Ringstorff

Heute werden auf der ganzen Welt weit über 1000 Produkte nach Cradle to Cradle-Kriterien entworfen und verkauft: T-Shirts, die kompostierbar sind, Teppiche, die die Raumluft reinigen, Eispackungen, die bei Zimmertemperatur schmelzen und Blumensamen freisetzen.

Auf diese Weise werden nicht endlos neue Rohstoffe benötigt. Die Unternehmen sparen Geld ein, während der Konsum weitergeht. Eine aktuelle Studie der Unternehmensberatung Mc Kinsey errechnete, dass Unternehmen in der Europäischen Union 464 Milliarden Euro einsparen könnten, das sind fast vier Prozent des jährlichen Bruttoinlandsprodukts der EU, wenn sie auf die Kreislaufwirtschaft umsteigen würden.

Der Mensch als “Nützling”

Für ein verändertes Selbstverständnis des Menschen als „Nützling“ zu werben – das ist das, was Braungart umtreibt. Auf dem Kongress in Lüneburg griff auch Michael Schmidt-Salomon von der Giordano-Bruno-Stiftung in seinem Leitvortrag diese Idee auf.

Der Mensch habe sich Jahrzehntelang als „Schädling“ begriffen. Die Umweltbewegung habe es uns eingetrichtert: Wir hätten Schuld auf uns geladen. Ein ökologisch korrektes Verhalten fuße dementsprechend auf Verzicht und Buße. Diese Einstellung sei alles andere als ermutigend.

Der Mensch, der eigentlich gut sei, werde zu einem Schädling abgestempelt. Schmidt-Salomon nannte dagegen Darwin als Kronzeugen für eine der Natur des Menschen entsprechende Wirtschaftspraxis, die der Natur nützt und die auf Innovation, Qualität und Schönheit setze.

Er nannte es das Prinzip des „survival of the sexiest“. Danach pflanzten sich die Individuen fort, die attraktiv seien. In der Natur regiere die Fülle und die Pracht der Schönheit, warum also sollte der Mensch sich klein machen und verzichten? Bei Cradle to Cradle gehe es nicht darum, die Menschen vom Schlechten abzuhalten, sondern sie zu unterstützen gut zu sein sein, so Braungart.

Konsum ja, aber unter bestimmten Bedingungen

Mit Braungart hat das Konzept der Kreislaufwirtschaft einen charismatischen Vordenker. Er tritt in den Niederlanden im Fernsehen auf, berät US-Präsidenten und beeindruckte Brad Pitt mit seinem Buch. Ihm gehe es darum, lange Jahre der Weltuntergangsdiskussionen in Innovation und Mut umzusetzen.

Bei Cradle to Cradle stehen Lösungen im Mittelpunkt, das Handeln, um nicht in der Problemdiskussion stecken zu bleiben. Darum ist Braungart weltweit als Berater unterwegs. Mit EPEA hat er eine eigene Agentur gegründet, an die sich Unternehmen wenden können, die nach Cradle to Cradle-Kriterien wirtschaften wollen.

Das Wirtschaften in Kreisläufen stellt nicht nur das Selbstverständnis des Menschen, sondern auch Produktions- und Verbrauchsmuster auf den Kopf. Jedoch ist Braungart kein Revolutionär, sondern ein Unternehmens- und Regierungsberater. Dies macht seinen Ansatz attraktiv für die kapitalistische Welt in den bestehenden hegemonialen Verhältnissen.

Der britische Computerwissenschaftler und Autor Stephen Emmott („10 Milliarden“) prangerte jüngst das zerstörerische Konsumsystem an und malte ein düsteres Bild der Zukunft der Welt: „I think we are fucked“, alles ist schon verloren. Cradle to Cradle dagegen ist die Versöhnung des Menschen mit sich selbst.

Die Botschaft lautet: Ja, die Menschen können weiter konsumieren – und zwar nicht nur diejenigen, die es heute schon tun, sondern auch die drei Milliarden Menschen, die noch auf die Anhebung ihres Lebensstandards warten und die drei Milliarden, die in den nächsten Jahrzehnten geboren werden.

Allerdings ist dieser Konsum nur möglich nach den Cradle to Cradle-Kriterien, also einer Produktion von Gütern, die nach ihrer Nutzung nicht die Welt vermüllen, sondern zu Kompost oder zu schönen, neuen Produkten werden.

Cradle to Cradle ist keine Antwort auf das globale Probleme von Armut und Ungleichheit. Globale Verantwortung zu übernehmen bedeutet mehr als nur Besitzstandswahrung derjenigen, die viel konsumieren. Die Fragen, was sinnvoll ist und was ich als Einzelner wirklich brauche, könnten ebenso gut zu der Einsicht führen, dass die Konsumenten der Wohlstandsgesellschaften verzichten, einsparen, schrumpfen müssen.

Friedrich Hinterberger, der Gründer des Sustainable Europe Institute, hat in einem Artikel in der “taz” zu Recht kritisiert, dass die Cradle to Cradle-Vorstellung von der gesamten Rematerialisierung aller Stoffumsätze in globaler Sicht nicht zu halten, sondern „eine bloße Behauptung“ sei.

Wer verantwortungsvoll handeln will, braucht vermutlich beides: den Abschied von Verschwendung und die Kreislaufwirtschaft, sonst spielt er sinnvolle Bemühungen gegeneinander aus.

Stefan Ringstorff

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