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Darf man den Kontakt zu Familienmitgliedern abbrechen?

Ekateryna Zubal/ Shutterstock
Ekateryna Zubal/ Shutterstock

Ethische Alltagsfragen

In der Rubrik “Ethische Alltagsfragen” greift der Philosoph Jay Garfield eine Frage zu schwierigen Familienverhältnissen auf: “Es gibt familiäre Situationen, die eine Beziehung fast unmöglich machen. Muss man in allen Situationen das Gespräch suchen?”

Frage: Es gibt familiäre Situationen, die eine Beziehung fast unmöglich erscheinen lassen. Ich habe es selbst mit meiner Schwester erlebt, die permanent allen Vorwürfe macht, extreme Positionen vertritt und wo es keinen wirklichen Austausch gibt. Ist es okay, den Kontakt abzubrechen, auf Eis zu legen? Oder muss man in allen Situationen das Gespräch suchen?

Jay Garfield: Wir suchen uns unsere Freunde aus, nicht aber die Familie. Gleichzeitig werden wir im Kontext der Familie zu dem, der wir sind.

Leider wählt die Natur nicht immer die Verwandten für uns aus, die wir gerne haben möchten. Und so herrscht in den wenigsten Familien die vollkommene Harmonie. Trotzdem sind die familiären Bindungen oft tief, selbst wenn sie durch Verletzungen, Meinungsverschiedenheiten oder Misstrauen belastet sind.

Die Bindunden sind tief, weil wir trotz aller unglücklichen Wendungen, die die Beziehungen nehmen können, doch so viel miteinander teilen. Die Herausforderugen sind auch deshalb so groß, weil wir aufgrund der Nähe die Fehler des anderen so deutlich sehen können. Auch leben wir so eng zusammen, dass selbst kleine Reibungspunkte ernsthafte Krisen verursachen können; selbst kleinere Differenzen erscheinen manchmal unerträglich.

Auch wenn die Dinge manchmal so schlimm sind, dass ein Abbruch der Beziehungen als einzige Lösung erscheint, würde ich trotzdem davor warnen, außer unter extremen Umständen, zum Beispiel Missbrauch oder wenn die Person psychisch so krank ist, dass sie sich einer Behandlung unterziehen müsste.

Den Frieden in der Familie wahren

Wenn man die Beziehung zu engen Verwandten abbricht, so wirkt sich das nicht nur auf die unmittelbar Beteiligten aus, sondern auf die ganze Familie; das kann furchtbar schmerzhaft sein. Wenn beispielsweise Anna die Beziehung zu Ben abbricht und Carla die Familie bei ihrer Hochzeit dabei haben will, muss sie eine schmerzhafte Entscheidung treffen, wen sie einlädt; oder sie riskiert, dass es bei der Feier unangenehm wird.

Gerade für ältere Verwandte, denen die Familie sehr am Herzen liegt, kann eine solche Situation großen Kummer bedeuten. Der Punkt ist, dass wir, ob wir wollen oder nicht, unseren Familien viel verdanken. Daher sind wir verpflichtet, mehr Unannehmlichkeiten von Verwandten zu tolerieren, als wir es gegenüber zufälligen Bekannten oder sogar guten Freunden tun würden.

Es ist gut, den Blick zu weiten: Menschen ändern sich. Jemand, mit dem man jetzt ernsthafte Probleme hat, kann später eine wichtige Bezugsperson sein. Wir teilen mit den Familienmitgliedern so viel, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass wir im Laufe eines langen Lebens Verständnis füreinander entwickeln werden.

Versuchen, die Sichtweise des anderen zu verstehen

Brücken müssen nicht abgerissen werden; man kann sie eine Zeit lang ungenutzt lassen, bis sich die Umstände ändern. Dann kann man sie wieder betreten und Milde walten lassen.

Ich rate also zu Vorsicht und Sorgfalt. Versuchen Sie, die Sichtweise und die Situation eines Verwandten zu verstehen, wenn die Dinge eskalieren. Manchmal, wenn wir jemanden verurteilen, ist uns nicht bewusst, was der Betreffende gerade durchmacht.

Selbst wenn Sie mit der Person nicht einverstanden sind und ihre Ansichten, Entscheidungen und Handlungen missbilligen oder sie einfach nur nicht mögen, ist es besser, sich eine Weile zurückzuziehen und zu warten, dass sich die Dinge bessern.

Das ist viel besser als die Beziehungen irreparabel zu beschädigen und die ganze Familie in Mitleidenschaft zu ziehen. Wenn Sie mit etwas mehr Milde handeln, verlieren Sie nichts. Sie können dadurch sogar zum Wohlergehen all derer beitragen, denen Sie so viel verdanken.

Lesen Sie auch “Mehr Großmut in Zeiten sozialer Konflikte – Warum wir Milde und ein großes Herz brauchen”

Wenn Sie eine Frage haben, eine ethische Zwickmühle, schreiben Sie uns: redaktion@ethik-heute.org

Jay Garfield ist Professor für Philosophie am Smith College, Northhampten, USA, und Dozent für westliche Philosophie an der tibetischen Universität in Sarnath, Indien. Ein Schwerpunkt seiner Lehrtätigkeit ist die interkulturelle Philosophie. Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher. Alle Beiträge von Jay Garfield in der Rubrik „Ethische Alltagsfragen“ im Überblick
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Mit Referenten aus verschiedenen Disziplinen.

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