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Mehr Großmut in Zeiten sozialer Konflikte

Masjid Maba/ Unsplash
Masjid Maba/ Unsplash

Warum wir Milde und ein großes Herz brauchen

Die Tugend der Großmut scheint heute fast in Vergessenheit geraten. Sie bedeutet, Milde walten zu lassen, auch wenn einem geschadet wurde. Es ist das Gegenteil von kleinlichem Aufrechnen. Nicolas Dierks ist überzeugt: Ein großes Herz und einen höheren Sinn von Gerechtigkeit zu haben stiftet den dringend benötigten Zusammenhalt.

Dünn scheinen die Fäden des Vertrauens heute geworden. Klar, in einer freien, vielfältigen Gesellschaft sind Debatten und Konflikte unumgänglich. Aber Misstrauen und kleinliches Aufrechnen macht diese unproduktiv, sogar destruktiv. Könnte die Tugend der Großmut ein Schlüssel zur Wiederherstellung sozialer Verbundenheit sein?

Überlegungen von Aristoteles und Hegel geben Stoff zum Nachdenken. Großmut könnte am Ende nicht nur unsere eigene Haltung reifer machen, sondern auch eine Brücke sein für mehr Respekt und Vertrauen in unserer Gesellschaft.

Großmütig zu sein ist alles andere als leicht. Das zeigt das verbissene Aufrechnen in Scheidungsfällen, beim Sorgerecht oder im Erbstreit. Selbst im Straßenverkehr herrscht bisweilen aggressive Rechthaberei über Sicherheit.

Aufgebracht unterstellen die Streitenden einander das Schlechteste und zahlen mit gleicher Münze zurück. Wie würden sich solche Situationen entwickeln, wenn die Beteiligten mehr Großmut zeigen würden? Was meinen wir überhaupt mit „Großmut“?

Weniger beanspruchen als das Gesetz gewähren würde

Die Großmut begegnet uns in Aristoteles‘ Nikomachischer Ethik. Die großmütige Nachsichtigkeit handelte er unter der Tugend der epieikeia ab, der Billigkeit.

Aristoteles fasste Billigkeit als eine Art von Gerechtigkeit: wenn das allgemeine Gesetz ungerecht gegenüber dem Einzelnen ist und berichtigt werden muss. Die Billigkeit füllt die Lücke zwischen der gerechten Behandlung des Einzelnen und dem allgemeinen Gesetz. Aber nicht durch noch genauere Regelungen, sondern durch Augenmaß, durch Urteilskraft. So heißt es in der Nikomachischen Ethik:

„Wer nicht im schlechten Sinn zu genau am Recht klebt, sondern dazu neigt, weniger zu beanspruchen, obwohl er das Gesetz auf seiner Seite hat, der ist billig eingestellt.“ (NE, S. 189, [5.14.3]

„Im schlechten Sinn zu genau am Recht kleben“ – „kleinlich“ nennen wir dieses Verhalten. Es ist genau der Gegensatz zu nachsichtiger Großmut. Wenn jemand erbsenzählerisch auf seinen Ansprüchen beharrt – also buchstabengetreu Recht hat, aber dabei andere Faktoren oder die Situation als Ganze aus dem Blick verliert. Großmut hingegen hat eine umfassendere Perspektive.

Großes Herz und nachsichtiges Urteil

Mit der Großmut meinen wir heute die Fähigkeit, Milde walten zu lassen gegen diejenigen, die gegen einen gehandelt haben.

Seit dem 16. und 17. Jahrhundert verwendete man das Wort in der Bedeutung von „edler Gesinnung“ im Verbund mit Nachsichtigkeit – wie „großes Gemüt“ oder „großes Herz“.

Bis heute sprechen wie von einem „großmütigen Urteil“, wenn etwa in einem Gerichtsverfahren dem Schuldigen etwa aufgrund seines hohen Alters oder vielleicht seiner naiven Jugendlichkeit ein geringeres Strafmaß auferlegt wird als die Tat es gerechtfertigt hätte.

Als Ausdruck der Großmut könnte man auch das Gewähren von Begnadigung oder Amnestie sehen. Oder auch das in der Genfer Konvention verbriefte humanitäre Völkerrecht. „Handle menschlich auch im Kriege!“ ist einer der dortigen Grundsätze. Es bedeutet, sich nicht grausam zu rächen, sondern großmütig zu sein.

Der moralische Kern der Großmut ist der Umgang mit Schuld. Wie gehen wir großmütig mit Schuldigen um? Es bedeutet nicht, jemandes Schuld zu leugnen oder aus Mangel an Beweisen auf sich beruhen zu lassen. Es heißt, trotz der Schuld verzeihen zu können. Großmütig zu sein heißt, auf der Beziehungsebene einen Schritt zu tun – einen Schritt auf den anderen zu.

Kleinmut als Ausdruck von Entfremdung

Warum fällt uns der Schritt zum anderen gerade in der heutigen Zeit so schwer? Sind wir nicht eigentlich soziale Wesen? Warum fällt es uns nicht nur als Einzelne, sondern auch in der Gesellschaft insgesamt so schwer, großmütig miteinander umzugehen?

Schon Rousseau oder etwas später die Romantiker hatten den Eindruck, dass die Gesellschaft von einer naturgemäßen Lebensweise abgekommen und deshalb eine tiefe Rückbesinnung nötig sei. Hegel machte dann in seiner Phänomenologie des Geistes (1807) den Begriff der Entfremdung zur Grundlage seiner Zeitdiagnose.

Hegel fasste die Entfremdung in seiner Zeit durch die Unterscheidung zweier Haltungen, einer großmütigen und einer kleinmütigen. Hegel nannte sie „edelmütig“ einerseits und „niederträchtig“ andererseits.

Eine edelmütige Person hat eine Haltung, in der sie über ihre individuelle Freiheit hinaus auch von Gemeinsinn bewegt ist. Sie hat ein moralisches Bewusstsein und geht davon aus, dass es moralische Normen gibt, denen gegenüber sie verantwortlich ist – z.B. die Würde des Menschen.

Diese Haltung führt die edelmütige Person dazu, jenseits rechtlicher Freiheitsgarantien einen höheren Sinn von Gerechtigkeit und Gemeinschaft zu entwickeln. Sie gesteht auch anderen zu, dass sie edelmütig aufgrund höherer moralischer Motivation handeln, selbst wenn deren Handeln sich gegen sie selbst richtet.

Das Gegenteil von Großmut: Nur Eigennutz sehen

Eine niederträchtige Person hingegen geht davon aus, dass moralische Normen einfach subjektiv konstituiert werden. Für sie gibt es nur individuelle moralische Haltungen, keine Normen, die allgemeine Geltung beanspruchen könnten. Die niederträchtige Person versteht die eigene Freiheit als radikal „autonom“ („sich selbst das Gesetz gebend“).

Und so fasst sie auch die Motivation der anderen auf: Alle handeln in Wahrheit aus Eigennutz. Bringt eine Handlung etwa Anerkennung, so unterstellt sie: Anerkennung war das eigentliche Motiv.

Für die niederträchtige Haltung leben wir in einer Welt, wo jeder nur sich selbst der Nächste ist. Und da die niederträchtige Haltung allen anderen die gleiche Haltung unterstellt, schafft sie sich durch ihre Wahrnehmung ihre eigene Bestätigung.

Hegel behauptet, dass die niederträchtige Haltung ein beschädigtes und schädigendes Miteinander produziert. Aber Hegel meint auch, dass die menschliche Entwicklung über diesen Zustand hinaus deute. Wir können eine reifere Stufe des individuellen und gesellschaftlichen Zustandes erreichen – wenn wir eine edelmütige, großmütige Haltung kultivieren.

Eine großmütige Haltung kultivieren

Wir sind gut beraten, unser Bewusstsein der Großmut zu vertiefen und großmütig Vertrauen zu schenken. Gestehen wir einander zu, edelmütige Motive zu haben – auch wenn die Handlung gegen uns geht. Natürlich nicht naiv und im Bewusstsein möglichen Irrtums. Aber wir sollten uns nicht ent-großmutigen lassen, denn wir können auch richtig liegen und, wer weiß, uns gegenseitig zu vertrauenswürdigem Verhalten inspirieren. So können wir die Verbundenheit im Geiste gemeinsam wirksam machen.

Es bleibt möglich und ist zu hoffen, dass wir im großmütig geschenkten Vertrauen ineinander unsere menschlichen Verhältnisse und auch unseren Umgang mit den Grundlagen des Lebens auf diesem Planeten heilen. Vielleicht zeigt sich dann auch die Große Mutter Erde uns gegenüber großmütig.

Lesen Sie auch den Beitrag “Darf man den Kontakt zu Familienmitgliedern abbrechen?” Eine Antwort des Philosophen Jay Garfield

 

Foto: Markus Brügge

Dr. Nicolas Dierks ist Philosoph und Autor bei Rowohlt, u.a. des Spiegel-Bestsellers „Was tue ich hier eigentlich?“ (2014). An der Leuphana Universität Lüneburg leitet er das Zertifikats-Studium Digitale Ethik. Er erforscht die Frage, wie wir unsere digitale Zukunft verantwortlich gestalten können.

Warchi | iStock

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