Tagung “Wisdom2.0” mit 2500 Besuchern

Achtsamkeit und Meditation im Geschäftsleben waren die Themen der Tagung Wisdom2.0 in San Francisco. Hier traf sich die Creme de la Creme der IT- und High Tech-Unternehmen mit Experten der Yoga- und Achtsamkeitspraxis, um über das gute Leben nachzudenken.

 

 

Man will dabei sein, wenn die Gurus vom Silicon Valley wie die Gründer von Facebook, Twitter, eBay, PayPal sowie die Manager von Google, Microsoft, Cisco zusammen kommen, um mit Meditationslehrern über erfolgreiches Arbeiten und inneres Wachstum zu sprechen. Auf der Tagung Wisdom 2.0 in San Francisco Ende Februar 2015 versammelten sich 2500 Besucher – zehn Mal so viel wie noch vor fünf Jahren.

Während in Deutschland über “Beschleunigung und Entfremdung” (Der Spiegel) diskutiert wird, geht es hier um nichts Geringeres, als Modelle für ein “Leben mit Achtsamkeit, Mitgefühl und Weisheit” zu erkunden. Der Ausgangspunkt ist ähnlich. Nach einer Umfrage der Unternehmensberatung Gallup sind im Jahr 2014 sowohl in Deutschland als auch in den USA 70 Prozent der Arbeitnehmer kaum motiviert, 23 Prozent haben keine Bindung zu ihrem Job. Daraus folgen eine geringe Produktivität und Innovation, aber auch mangelndes Wohlbefinden.

Produktivität und Kundenzufriedenheit steigen überdurchschnittlich dort, wo Menschen sich leidenschaftlich für ihre Arbeit engagieren. Das Engagement der Führungskräfte ist nach Gallup der Schlüsselfaktor für den Erfolg.

Auf Wisdom 2.0 reichte die Spanne der Themen von Achtsamkeit und Meditation in Betrieben, verändertem Verbraucherverhalten, Frauen in Führungspositionen, Wirkung des Handys auf die Tiefe der Kommunikation bis zu neuen Gemeinschaften verschiedener Rassen. Was die Beiträge locker verband, waren die Suche nach einer persönlichen und betrieblichen Mission und die Meditation. Zufriedenheit, so die Idee, entsteht im Gleichgewicht von innerer (persönlicher) und äußerer (technischer und sozialer) Entwicklung.

Achtsamkeitsbewegung in amerikanischen Firmen

In den USA paktizieren so viele Menschen und Firmen aus unterschiedlichsten Branchen Meditation, dass man inzwischen von einer Achtsamkeitsbewegung spricht. Ihre Anhänger stellen sich nicht gegen die Technik, sondern suchen nach Wegen, sie mit dem zu verbinden, was sie am meisten schätzen. Karen May, Personalentwicklerin bei Google, sieht den Hauptgrund für die steigende Popularität von Meditation darin, dass Menschen und Firmen die Wirkung von Achtsamkeit selbst erleben und positiv bewerten.

Wisdom 2015

Jon Kabat-Zinn (re.) ist einer der bekanntesten Achtsamkeitslehrer im Westen. Foto: bzmstudio.com

Sicher trägt auch das wissenschaftliche Interesse zur Verbreitung bei. Jon Kabat-Zinn zeigte in seinem Vortrag, wie die Zahl wissenschaftlicher Publikationen über Meditation, die pro Jahr erscheinen, von 24 im Jahr 2000 auf fast 800 in 2014 gestiegen ist. Der Neurowissenschaftler Richard Davidson, einer der bekanntesten Meditationsforscher, berichtete, dass Meditation Wohlbefinden und Glück anregt, die grauen Zellen wachsen lässt, Gene erneuert und Schmerzen lindert. Durch Meditation können Menschen ihre Gefühle verändern und damit entscheidend ihr Wohlbefinden und ihre Lebensqualität beeinflussen.

“Jede große Organisation braucht Sinnhaftigkeit”

Jeff Weiner, CEO von LinkedIn, sprach über die Bedeutung der Vernetzung von Menschen im Berufsleben. Im Jahre 2013 gab es bei LinkedIn 277 Millionen registrierte Nutzer in über 200 Ländern. Es ist die derzeit größte weltweite Plattform dieser Art. Angeregt vom Buch des Dalai Lama “Die Regeln des Glücks” benennt er Mitgefühl als den Kern seines Managementstils.

“Wir müssen langsamer werden und uns die Zeit dafür nehmen, anderen zuzuhören, um ihren Standpunkt und ihre Herausforderungen zu verstehen.” Schnelllebigkeit, Ablenkung und der Drang zu sofortiger Bedürfniserfüllung seien die Feinde von fast allem, das in unserem Leben wichtig sei.

Weiner will langfristige Werte schaffen. Jede große Organisation brauche Sinnhaftigkeit und eine Vision. Das bedarf der authentischen Verbindung von Menschen, Reflektion und den Mut, diese Bedürfnisse zu erfüllen. Für ihn ist das “Weisheit in Aktion“.

Aus der Sicht der Modemacherin Eileen Fisher gehen Persönlichkeits- und Betriebsentwicklung Hand in Hand. “Wir waren finanziell erfolgreich, aber auch ziemlich gestresst.”

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Modemacherin Eileen Fischer und Karen May von Google. Foto: bzmstudio.com

Ihre Firma bietet nun Fortbildungsprogramme und verschiedene Regelungen an, die das Familienleben fördern – keine E-Mails am Wochenende, keine Sitzungen am Montag vor zehn Uhr oder am Freitag nach 13 Uhr. Weil die Ressourcen der Umwelt und der Arbeitskräfte begrenzt sind, soll der Arbeitsplatz zu einem Ort des persönlichen Wachstums und Lernens werden. “Wir können Umgebungen schaffen, in denen sich Menschen gegenseitig beim Wachstum unterstützen. Dann macht die Arbeit auch mehr Freude.”

“Die inneren Ressourcen sind ebenso wichtig wie die äußeren”

Ähnlich sah das Golbie Kamarei von der weltgrößten Investmentgesellschaft Blackrock. “Im Business sind die inneren Ressourcen genauso wichtig wie die äußeren.“ Leider hemme der Arbeitsstress sowohl die Kreativität des Einzelnen als auch die Entwicklung eines Gemeinschaftsgefühls.

“Wir brauchen das volle Engagement der Mitarbeiter. Das kann man aber nicht kaufen.” Man strebe deshalb an, durch Meditation den Stress abzubauen und die Trennung von Privat- und Arbeitsleben zu mindern. Kamarei organisiert seit 2013 Meditationsprogramme aus unterschiedlichen Traditionen. Rund 1.400 der 12.000 Mitarbeiter nutzen die Gelegenheit, ein bis zwei Mal wöchentlich 30 Minuten zusammen zu meditieren.

Sie werden durch Apps, E-Mails, Videos, wechselnde Gastlehrer und Leadershipkurse unterstützt. Was bedeutet das für die Zukunft von Blackrock? Kamerei: “Der Wandel beginnt beim Einzelnen und mündet in einem authentischen Gemeinschaftsgefühl. Das wird sich über die Zeit auf das ganze System auswirken – und wo das hinführt, dafür sind wir offen.”

Eine der Stars war Byron Katie. Ihr Ausgangspunkt ist die Einsicht, dass unser Leiden in uns selbst entsteht – im Denken, in den Geschichten und Urteilen, und nicht durch eine andere Person oder irgend etwas außerhalb von uns. Daher rät sie, sich selbst zu hinterfragen, um zu erfahren, welche Themen Stress bereiten, und sich den Ursachen der Gefühle zu nähern. Zur systematischen Untersuchung beginnt sie mit einer von vier Fragen. “Ist dieser Satz wahr?”

Google: Search Inside Yourself

Chad-Meng Tan von Google ist ein Wegbereiter für die amerikanische Achtsamkeitsbewegung . Er sprach über das Search Inside Yourself Leadership Institute, das Kurse für Tausende von Menschen in mehr als einem Dutzend Länder auf der Basis seines gleichnamigen Bestsellers anbietet.

Foto: bzmstudio.com

Chad-Meng Tan von Google setzt sich für Achtsamkeit in Unternehmen ein. Foto: bzmstudio.com

Effektive Führung hinge davon ab, wie wir mit Achtsamkeit und emotionaler Intelligenz unseren Geist nutzen und wie wir mit anderen interagieren. Von zentraler Bedeutung sei dabei die Verbindung von Weisheit (Klarheit darüber, was die beste Lösung ist) und Mitgefühl (Sorge um andere). Um Arbeitsplätze zu schaffen, wo Menschen ihr Potenzial verwirklichen können, sollten Achtsamkeit und Großzügigsein das Fundament bilden. “Die Lösung liegt innen.”

Nach der Yogawelle rollt also die Aufmerksamkeitsbewegung durch Amerika, und zwar abgekoppelt vom ethischen und religiösen Kontext. Buddhistische Kritiker sprechen von “McMindfulness”, denn Achtsamkeit in Firmen oder beim Militär einzusetzen, wo Handlungen von Gier oder Gewalt geleitet werden, erscheint ihnen problematisch. Bhikkhu Bodhi, ein bekannter amerikanischer Mönch, warnte beispielsweise, dass “ohne eine scharfe soziale Kritik buddhistische Praktiken zur Aufrechterhaltung und Stabilisierung des Status Quo missbraucht werden können, um den Konsumkapitalismus zu stärken.”

Der Meditationslehrer Jack Kornfield sieht das anders. Zunächst werde Meditation in den Betrieben eingesetzt, um Stress zu mindern und ein effektiveres Arbeiten zu ermöglichen. Da die Programme aber auch Akzeptanz lehren und dadurch eine tiefere Verbindung zu sich selbst und dem Leben entstehe, würden Samen gesät, die weit über eine reine Atemtechnik hinausgehen.

“Es ist doch großartig, dass Starbucks ihre 200.000 Mitarbeiter in Achtsamkeit schulen will, um sie und ihre Kunden zufriedender zu machen. Unsere Aufgabe sollte es jetzt sein zu überlegen, wie wir das Thema Mitgefühl und soziale Verantwortung populärer machen können,” so Kornfield.

Meditationslehrer sollen mit der Wirtschaft kooperieren

Der buddhistische Meditationslehrer empfiehlt Buddhisten, sich zu öffnen und neue Arten der Kooperation zu suchen. Er selbst arbeitet zusammen dem Neurowissenschaftler Adam Gazzaley, der seit Jahren mit Videospielen neue Arten des Gehirntrainings entwickelt.

“Wenn ich in einer Klausur achtsames Atmen unterrichte, gehen den Teilnehmern bei einer 20–minütigen Meditation viele Gedanken durch den Kopf. Setze ich dann eine Feedbackschleife auf einem iPad ein, kann der Teilnehmer selbst feststellen, wann er abgelenkt ist und selber eingreifen. Ist er nach sechs Atemzügen abgelenkt, kann er die Einstellung auf vier Atemzüge ändern. Wenn nicht, kann er die Frequenz z.B. auf acht erhöhen. Ich empfinde diese unmittelbare Rückkopplung als einen wichtigen nächsten Schritt.”

Meditationslehrer Jack Kornfield arbeitet mit dem Neurowissenschaftler Adam Gazzaley zusammen. Foto: bzmstudio.com

Neurowissenschaftler Adam Gazzaley (li.) und Jack Kornfield arbeiten zusammen. Foto: bzmstudio.com

Um die Kapazität und das Potenzial des Gehirns optimal zu nutzen, experimentiert Gazzaley mit der Kombination von Videospielen und Meditationsprinzipien, um die Leistungskraft des Gehirns zu steigern. Das dient sowohl Gesunden als auch Kranken und alten Menschen, um in absehbarer Zeit den Einsatz von Psychopharmaka zu reduzieren.

Gazzaley: “Ich hatte Bedenken, eine 2000 Jahre alte Tradition in einen Algorithmus zu übersetzen und auf ein iPad zu laden. Heute bietet uns die geschlossene Feedbackschleife die Möglichkeit zu sehen, welche Folgen die Übungen für die Abläufe im Gehirn des Übenden haben und wie sie diese Rhythmen kontrollieren können.”

Gazzaley hat die Zulassung von einigen Spielen bei der US Food and Drug Administration beantragt, damit sie künftig von Ärzten verordnet werden können. (Infos dazu: neuroscapelab.com)

Die Atmosphäre in San Francisco war offen. Die Menschen waren neugierig und darauf bedacht, ihr Leben als Einheit von innen und außen zu sehen, aber auch zu tagen und zu feiern. Wie Chade-Meng Tan sagte: “Es funktioniert nicht mehr, deine ganze Aufmerksamkeit auf das Arbeitsleben zu richten und dein inneres Leben zu venachlässigen. Sie sind nicht getrennt.”

Die Balance von innen und außen bedeutet aber auch, dass wir Verantwortung für die Schwächeren in unserer Gesellschaft übernehmen. Roshi Joan Halifax forderte dazu auf, Kindern, Sterbenden, Gefangenen, Heimatlosen zu helfen, neue Gemeinschaften und eine faire Ökonomie aufzubauen und Kriege zu beenden. Keiner wird da nein sagen. Doch wo beginnen? Wie der Volksmund sagt: Nichts ändert sich, außer du änderst dich. Und das war auch die Botschaft von Wisdom2.0.

Gerald Blomeyer

 

Gerald BlomeyerNach acht Jahren in Indien und Nepal unterrichtet Gerald Blomeyer seit 2015 Wochenendkurse zur Meditation, achtsamen Kommunikation und Buddhismus in Berlin und Hamburg. Beruflich lehrte er zehn Jahre lang an Universitäten und leitete 17 Jahre lang seine eigene PR-Agentur.