Online-Magazin für Ethik und Achtsamkeit

Generic filters

Demokratisches Miteinander

Muslimische Akademie
Muslimische Akademie

Ein interreligiöses Ferienprogramm für Kinder

Das, was Menschen verbindet, ist so viel mehr als das, was sie trennt – mit dieser Idee bietet die Muslimische Akademie in Heidelberg ein interreligiöses Ferienprogramm für Grundschulkinder an. Die Kids kommen aus verschiedenen Religionen und familiären Hintergründen und lernen, wie man Meinungen äußert und Meinungen duldet.

„Es ist ganz anders hier als in der Schule“, schwärmt Saliha, „niemand fragt, welche Religion Du hast oder warum Du anders bist. Auch Kinder, die zum Beispiel eine Behinderung haben, gehören einfach dazu, und jeder spielt mit jedem. Hier gibt es keine Ausschließerei.“ Saliha war schon als Grundschülerin beim interreligiösen Ferienprogramm der Muslimischen Akademie in Heidelberg dabei; heute macht sie hier ein Praktikum.

Die Muslimische Akademie ist eine zivilgesellschaftliche Einrichtung der politischen Bildung. Sie setzt sich für eine solidarische und demokratische Gesellschaft ein, unter anderem mit dem Programm „Heidelberger Interreligiöse Ferien“, das offen für alle Interessierten ist.

Die Besonderheit ist die Kooperationen mit der Jüdischen Kultusgemeinde sowie der Evangelischen Kirche und der Katholischen Stadtkirche. Gefördert wird das Ganze vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Rumeysa Turna leitet von Beginn an die Ferienprojekte, die jedes Jahr in den Oster- sowie Herbstferien stattfinden. Gemeinsam mit ihrem pluralen Betreuungsteam organisiert die Realschullehrerin die Tage, bei denen die Gemeinsamkeiten betont werden und nicht die Unterschiede.

Ein Zeichen setzen gegen Fremdheitsgefühle

Hier begegnen sich Kinder zwischen sechs und zehn Jahren, die so unterschiedlich sind, dass sie sich ohne diesen Anlass wohl nie getroffen hätten:

Der Junge aus einer Unterkunft für Geflüchtete, dessen Muttersprache Arabisch ist und der gerade seine ersten deutschen Sätze formuliert, das Mädchen christlichen Glaubens, die zweisprachig aufwächst, weil die Mutter aus Slowenien stammt, sowie das Akademikerkind, dessen Eltern in einem nahegelegenen Softwareunternehmen arbeiten und das in Indien geboren wurde.

Kinder jüdischen Glaubens sind ebenso dabei wie Jungen und Mädchen, in deren Familienalltag Religion gar nicht vorkommt. All das darf sein, spielt aber keine Rolle – gar keine. Das freut Pfarrerin Sigrid Zweygart-Pérez:

„Ich bin um jede Initiative dankbar, die das selbstverständliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft ermöglicht. Hier erleben Kinder, dass es viel mehr gibt, das uns eint, als was uns trennt. Das ist wichtig, wenn an so vielen Stellen der Gesellschaft Fremdheitsgefühle geschürt werden.“

Sie setzt ihre Hoffnung darauf, dass kleine Menschen, die das erleben und erfahren, weniger empfänglich werden für Gruppen, die die Gesellschaft auseinanderdividieren wollen.

Verbindendes entdecken, zum Beispiel die Natur

Ein Thema zieht sich wie ein roter Faden durch das Ferienprogramm: die Welt der Natur und die Verantwortung, die wir für sie haben. Stefanie Jansen, Heidelberger Sozialbürgermeisterin, genießt es sichtlich, bei ihrem Besuch mit den Kindern zu spielen, ihnen zuzuhören und ins Gespräch zu kommen.

In einer Art „Reise nach Jerusalem“ tanzen alle durch den Raum. Stoppt die Musik, sucht man sich einen Stuhl in Zweier-Kombi, und beantwortet sich gegenseitig Fragen: Welche Superkraft hättest Du gerne? Worüber würdest Du gerne einen Film machen? Welche Sprache würdest Du gerne können, ohne sie lernen zu müssen? Was würdest Du mit einer Million Euro machen? Tiefe Gespräche in Turbogeschwindigkeit.

Am Freitagmorgen, dem letzten Tag, wird gemeinsam gefrühstückt. Auf dem Tisch stehen Gemüse, Käse, Müsli und Brötchen, Brotaufstrich und Obst. Äpfel, Ananas, Trauben und vegane „Salami“. In der Mitte in einem verschlossenen Glas die gesammelten Schätze des ersten Tages aus dem Wald: Eicheln, Pilze und Blätter.

Und am Tisch debattieren Grundschulkinder darüber, warum vegetarische Ernährung besser ist. „Ich mag aber Fleisch so wahnsinnig gern“, sagt ein kleines Mädchen bekümmert. „Dann musst Du darauf achten, dass die Tiere wenigstens ein gutes Leben hatten“, erklärt ihr Saliha.

Das Dilemma mit der Ernährung

Zwischendrin kommt ein kleines Mädchen vorbei, das von Betreuerin Johanna Füller einfach eine Umarmung braucht. Füller macht gerade ihren Master in Bildungswissenschaften. Was bereitet ihr in diesem Format Freude? „Es gibt einen Lernschwerpunkt, aber ansonsten ist alles heterogen und divers. Herkunft, soziales Umfeld, Sprache, alles ist durchmischt“, sagt sie und strahlt über das ganze Gesicht.

Nach dem Frühstück wird alles noch einmal unter Klimagesichtspunkten unter die Lupe genommen und mit Punkten versehen. Bananen (nicht verpackt, aber von weit her), Milch (Bio oder nicht? Hafer oder Kuh, Glas oder Tetrapak), Erdbeermarmelade (regional und saisonal, aber industriell verarbeitet), Getreide (Bio oder nicht? Gespritzt oder nicht?).

Die Kinder kennen sich aus, sehen sich aber dem gleichen Dilemma ausgesetzt wie wir Großen beim Einkaufen und werden nachdenklich. Fast sichtbar arbeitet es in den Köpfen. So entsteht Bewusstsein, aus dem dann wieder Handeln entspringt. Ganz sicher werden in einigen der Familie künftig auf Initiative dieser Ferienkinder die Einkaufsentscheidungen anders gefällt werden.

Dann kommen noch die praktischen Arbeiten wie Kürbiskekse backen, Armbänder und Traumfänger basteln, bevor jede Kleingruppe ihre Erkenntnisse präsentiert und zum Abschluss kräftig Party gemacht wird. Dann der Abschied am späten Nachmittag. Tränen fließen nach den intensiven gemeinsamen Tagen.

Kindern auf Augenhöhe begegnen

Und wie definiert Rumeysa Turna, ob das Ferienprogramm erfolgreich war? „Wenn die Eltern auf Initiative der Kinder am Ende Telefonnummern austauschen und Freundschaften geknüpft werden“, lacht sie, „dann weiß ich, die Saat ist gelegt“.

So sieht das also aus mit dem Zusammenwachsen. Ob Digitalisierung, Frieden, Globalisierung oder wie jetzt Klima und Umweltschutz, es sind dicke Brocken, die die Muslimische Akademie in ihrem Ferienprogramm anpackt.

Was lernen die Kinder dabei? „Wie man Meinungen äußert und andere Meinungen duldet“, erklärt Rumeysa Turna, „und wie man Verantwortung für das Ganze übernimmt“. Der Pädagogin ist wichtig, dass auch Rituale und Traditionen ihren Platz haben.

Da tauschen dann Kinder muslimischen, jüdischen und christlichen Glaubens ihre Fastenerfahrungen aus oder sprechen gemeinsam ein kleines Tischgebet aus einer der Religionen. „Wir wollen den Kindern auf Augenhöhe begegnen“, so Turna, „und keiner Frage aus dem Weg gehen“. Auch nicht der, warum sie selbst ein Kopftuch trägt.

Lernen mit Kopf, Herz und Hand, darum geht es der Lehrerin für Philosophie, Physik, Politik und Geschichte. Sie und ihr plurales Team erzeugen Hoffnung. Hoffnung, dass uns viel mehr verbindet als uns trennt.

Das Ferienangebot wird von der Muslimischen Akademie Heidelberg/ Teilseiend e. V. getragen und findet in Kooperation mit der Jüdischen Kultusgemeinde sowie der Evangelischen Kirche und der Katholischen Stadtkirche in Heidelberg statt. Die Maßnahme wird gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ).

Weitere Infos:

Ferienprogramm der Muslimischen Akademie in Heidelberg

Filmbeitrag im SWR Fernsehen über das Projekt

Foto: privat

Kirsten Baumbusch ist Journalistin und arbeitet in der Kommunikation einer großen Stiftung zur Förderung der Naturwissenschaft in Heidelberg. In ihren Ausbildungen zur Coach und Mediatorin hat sie gelernt, wie man Persönlichkeiten bei deren Bildung zur Seite steht und wie man Konflikte löst.

 

 

Shutterstock

Mit Referenten aus verschiedenen Disziplinen.

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
0 Kommentare
Inline Feedbacks
Alle Kommentare

Kategorien