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Den aufgewühlten Geist beruhigen

Anregungen zur Meditationspraxis

Die Achtsamkeitsmeditation aktiviert die Selbstheilungskräfte von Körper und Geist. Die Meditationslehrerin Michaela Doepke erklärt, wie wir bei regelmäßiger Übung auch angesichts von Stress und Schwierigkeiten lernen, entspannt und gelassen zu bleiben.

Die Grundlage für ein gesundes und stressfreies Leben ist ein ruhiger, ausgeglichener Geist. Durch regelmäßiges Praktizieren von Achtsamkeitsmeditation können wir diese Geisteshaltung trainieren. Mit etwas Übung kann es sogar gelingen, ruhig und entspannt auf Störungen, Stress und Schwierigkeiten zu reagieren. Wie geht das?

In der Achtsamkeitsmeditation experimentieren wir damit, alle gerade auftauchenden Empfindungen einfach da sein zu lassen, ihnen Raum zu geben, sie weder abzulehnen noch festzuhalten. Wir praktizieren die Kunst der Akzeptanz und des Loslassens.

Wie fühlt es sich zum Beispiel an, wenn wir unseren Körper einmal nicht leistungsorientiert bewerten, sondern ihn mit allen seinen Einschränkungen akzeptierend annehmen? Normalerweise wenden wir uns von Schmerzen ab und wollen Körpersignale nicht wahrnehmen. Oft erhöhen wir das Leiden noch, indem wir dem Schmerz Widerstand entgegenbringen und gegen starke Körperempfindungen ankämpfen.

Wer seine Schmerzen jedoch mit dem wärmenden Licht seines mitfühlenden Gewahrseins umhüllt, kann entdecken, dass sie nicht immer gleich bleiben. Sie verändern sich, werden mal stärker, mal schwächer und lösen sich manchmal einfach auf wie dunkle Wolken am Himmel. In der Stille verweilend, können wir neue heilende Selbsterfahrungen machen.

In der Meditation üben wir uns auch darin, den Prozess des Denkens wie ein neutraler Beobachter aus einer gewissen Distanz zu betrachten und somit den eigenen Geist kennen zu lernen. Die Herausforderung besteht vor allem darin, nicht auf die Inhalte der Gedanken einzusteigen. Wir beobachten auch hier den ständigen Veränderungsprozess, nehmen wahr, wie die Gedanken unaufhörlich entstehen, eine kurze Zeit verweilen und dann wieder weiter ziehen. Wir halten sie nicht fest, sondern lassen sie kommen und gehen wie Wolken am Himmel.

Das Gefühlschaos bändigen

Ein unruhiger Geist ist mit einem Glas voll aufgewühltem Schlammwasser zu vergleichen. Wenn wir das Wasser nicht weiter aufrühren und nichts damit machen, dann setzt sich der Schlamm allmählich von dem Wasser ab. Das Wasser wird klar, und wir können plötzlich sehen. Dieser Prozess erfolgt auch in der Meditation. Es geht darum ruhig zu verweilen, selbst wenn unangenehme oder störende Gedanken im Geist auftauchen.

Wir lassen die Gedanken gleichmütig und gelassen kommen und gehen, schauen sie interessiert an, ohne uns in ihnen zu verfangen oder sie weiter zu nähren oder zu füttern. Wir verlieren uns nicht mehr in Aufschaukelungsprozessen oder inneren Dramen. So können wir den aufgewühlten Geist auf Dauer beruhigen.

Wir erlauben auch allen Gefühlen, die in der Meditation erscheinen, einfach da zu sein. Wir laden sie freundlich ein wie Gäste an ein warmes Lagerfeuer. Nach und nach machen wir uns mit ihnen vertraut, wenden uns ihnen voller Interesse und Mitgefühl zu, erforschen sie neugierig und schenken ihnen Beachtung. Was brauchen sie, was wollen sie uns mitteilen? Vielleicht entdecken wir sogar, dass hinter unserem Ärger womöglich Trauer liegt und darunter enttäuschte Liebe.

Je länger wir mit dem Gewahrsein liebevoll und in einer akzeptierenden Haltung bei schwierigen und stressigen Gefühlen verweilen und das mitfühlende Sonnenlicht der Achtsamkeit bewusst auf sie scheinen lassen, umso schneller lösen sie sich auf. Und wenn sie verschwinden, kehren wir immer wieder beharrlich zum Spüren des Atems und in die Gegenwart zurück, um uns immer wieder zu zentrieren und zu stabilisieren. Der Atem ist der Anker, der uns immer wieder sofort in den jetzigen Augenblick und in die wache Präsenz zurückholt.

Gelassenheit – selbst bei Lärmbelastungen

In der Meditation haben wir auch die Chance, selbst störende Geräusche als Meditationsobjekte zu wählen. Dabei konzentrieren wir uns auf das pure Hören, ohne uns emotional verwickeln zu lassen oder gedanklich bei einem Klang hängen zu bleiben. So lassen sich große Meditationsmeister durch Lärm nicht aus der Ruhe bringen.

Auch hier besteht die Übung wieder darin, nicht sofort auf jeden Impuls zu reagieren und uns von emotionalen Reaktionen wie Ärger oder Unruhe davontragen zu lassen. Auf diese Weise sind wir auch im Alltag fähig, mit Störungen wie großen Lärmbelastungen oder Tinnitus umzugehen, ohne die innere Ruhe zu verlieren.

Am Ende der Achtsamkeitsmeditation lösen wir uns von der Fokussierung auf ein bestimmtes Meditationsobjekt und ruhen in einer offenen Präsenz, Moment für Moment. Wir bleiben gegenwärtig für alles, was ist, lassen los und entspannen uns in die wahre Natur unseres Geistes.

Ruhe finden

In diesem offenen Gewahrsein ruhend, können wir alles (aus-) halten, auch die unangenehmen Erscheinungen. Wir beobachten und öffnen uns für den weiten Geistesraum: Gedanken und Gefühle, auch Klänge kommen und gehen unaufhörlich. Wir nehmen wahr, wie sich alles ständig verändert und bleiben dennoch präsent und wach für den gegenwärtigen Moment. Wir lassen uns von unseren Geschichten nicht mehr davon tragen oder gefangen nehmen. Die Präsenz im offenen Gewahrsein länger zu halten, ist besonders für Anfänger nicht leicht, und es bedarf der stetigen und regelmäßigen Übung.

Im diesem weiten, offenen Raum des Gewahrsein lassen wir alles da sein, auch schwierige Empfindungen, damit wir die gesamte Fülle des Lebens auskosten und erleben können. Wir heißen alle auftauchenden Erscheinungen freundlich willkommen wie Gäste in einem Gasthaus. Und wenn sie wieder gehen wollen, halten wir sie nicht fest und verfolgen sie innerlich nicht, sondern lassen sie in Frieden und Gleichmut ziehen. So können wir uns darin üben, ein Leben in Liebe und bedingungslosem Mitgefühl gegenüber uns und allen Lebewesen zu praktizieren.

Michaela Doepke, www.michaela-doepke.de

Eine angeleitete Audiomeditation der Autorin zu diesem Thema

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Ein Gedanke zu „Den aufgewühlten Geist beruhigen

  1. nach dem buddhistischen Metta Sutta ist der „Frieden des Geistes“ das Ziel des Lebens.Dies habe ich nach einem erfüllten sozialpolitischen Arbeitsleben nun auch für mich als 66Jährigem immer mehr erkannt und insoweit ist der Artikel von Frau Doepke wieder einmal hilfreich.Bei der Erlangung der Achtsamkeit sind der Weg das Ziel und Akzeptanz allen Seins – vor allem aber Selbstakzeptanz – eine wesentliche Bedingung.

    Die Entwicklung der Ethik als philosophische Wissenschaft vollzog sich schon seit der griechischen Philosophie,aber auch in der mittelalterlichen Scholastik und später stets im Rahmen von realen Sklavenhaltergesellschaften und größten sozialen Verwerfungen.Über die Jahrtausende ist es der Menschheit nicht gelungen,Anspruch und Wirklichkeit ethischen Verhaltens in Einklang zu bringen.Der kategorische Imperativ von Kant hat daran nichts geändert und der konstruktiv pessimistische Wille im Sinne von Schopenhauer hat die Welt bestimmt.

    Um so wichtiger ist das persönliche Bekenntnis zu einer humanistischen und sozialen Lebensführung.Hilfreich hierfür ist der wiederkehrende Rückzug auf sich selbst im Sinne der stoischen Lehre und auch des französischen Philosophen Montaigne.Nimmt man hierzu noch die buddhistische Lehre der Achtsamkeit und der liebenden Güte(Metta) als tägliche Aufgabe,so ist einiges für alle Menschen,alle Wesen und die Welt getan.

    Mit freundlichen Grüßen

    Hans-Jürgen Leutloff

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