Ein Buch über Social Business

Muhammad Yunus hat den Friedensnobelpreis für seine Grameen Bank erhalten, die Mikrokredite an die Ärmsten vergibt. In seinem neuesten Buch will er den Kapitalismus neu entwerfen und bringt dafür vor allem Beispiele aus seinen eigenen Social Business-Projekten. Sabine Breit findet den Ansatz nicht überzeugend.

Das Buch „Ein anderer Kapitalismus ist machbar“ von Muhammad Yunus hält, was der Untertitel verspricht. Das Buch gibt umfänglich Auskunft über die Yunus‘sche Idee vom Social Business. Im ersten Teil beginnt der Autor mit einer Bestandsaufnahme der kapitalistischen Welt, in der wir heute leben. Er benennt soziale Ungerechtigkeiten und geht auf die ungleiche Verteilung des Wohlstands und der Zerstörung der Umwelt ein, die er allesamt als Ergebnis unseres Wirtschaftens sieht.

Er spricht darüber, dass der Mensch eben nicht nur der egoistische Homo oeconomicus, sondern ebenso von altruistischen Motiven bewegt sei. Darüber, dass wir Dinge nicht nur nach ihrem Preis, sondern nach ihrem Wert bemessen sollen. Über mehrere Seiten benennt er sehr klar und präzise die Auswirkungen des gegenwärtigen Wirtschaftens. „Die Nullsummenannahmen innerhalb unserer Wirtschaftstheorie ermuntern den Menschen, „Gewinner“ werden zu wollen – und dafür ist es nötig, dass jeder andere ein „Verlierer“ wird. Ein Resultat dieser Haltung ist ein alarmierender Anstieg von Nationalismus, Ausländerfeindlichkeit, Misstrauen und Angst.“

Seine Antwort darauf ist „Social Business“. Ausschließlich. Denn nach Ansicht des Friedensnobelpreisträgers „gibt die wirtschaftliche Transformation, die das Social Business in Gang setzt, der Menschheit zum ersten Mal die Chance, eine Welt ohne Armut zu schaffen.“

Für eine Welt ohne Armut

So wird Social Business, insbesondere im zweiten und dritten Teil des Buchs anhand zahlreicher Fallbeispiele durchdekliniert, wobei viele der vorgestellten Unternehmen und Projekte Teil des weit verzweigten Yunus‘schen Firmen- und Beziehungsgeflechts sind. Auf einer Art Weltreise erfahren wir mal detailreich, mal nur skizziert von verschiedenen Projekten:

Hier geht es um die Herstellung und den Vertrieb von Honig, das Recycling von Plastikmüll oder Wasseraufbereitung für Schulen in Uganda. Weitere Beispiele sind ein Social Business, das Handarbeitsprodukte bosnischer Frauen vertreibt, eine kleine Manufaktur für handgemachten Schmuck in Palästina oder ein Unternehmen, das in Großbritannien Bauern mit Direktabnehmern in ihrer Region vernetzt.

Unter den vielen Beispielen finden sich zweifelsohne interessante und kreative Ideen. Ob Social Business allerdings „vielleicht die höchste Form von Kreativität ist, zu der Menschen fähig sind“, wie Yunus findet, muss jeder selbst beurteilen.

In den letzten beiden Teilen widmet sich Yunus schließlich dem, was er als die drei stärksten Kräfte der Veränderung sieht: die Jugend, die Technologie und gute Regierungsführung. Er beleuchtet die rechtliche und finanzielle Infrastruktur, die seiner Meinung nach in Zukunft benötigt wird.

Glaube an ewiges Wachstum

Meine ganz persönliche Reise durch dieses Buch war eine, die mit viel zustimmendem Kopfnicken begann, um dann in ein immer heftiger werdendes Kopfschütteln zu münden. Zu holzschnittartig ist mir die Aufteilung von Wirtschaft und Gesellschaft in gewinnmaximierende Raubtierkapitalisten auf der einen und „ausgelieferte arme Menschen“ auf der anderen Seite.

Der Mittelbau einer Gesellschaft aus fürsorglichen Unternehmern, zufriedenen Arbeitnehmern und Bürgern, die sich ehrenamtlich engagieren, ohne daraus ein Geschäftsmodell machen zu müssen, wird komplett ausgeblendet. Zu luftig die Behauptung, in jedem Menschen stecke ein Unternehmer und keiner müsse Angestellter sein – insbesondere da Yunus am Ende selbst erklärt, jedes Unternehmen, auch Social Business, brauche Angestellte.

Irritierend ist für mich auch Yunus‘ Blick auf Frauen, die sich etwa für sein eigenes Telekomunternehmen Grameen Phone in einer Art Ich-AG als „Telefonfräulein“ verdingen – d. h. in Dörfern ihr Handy verleihen, das sie mit Hilfe eines Kredits der Grameen Bank bei Grameen Phone erworben haben. In den USA bekommen sie nur dann einen Kredit von seiner Grameen Bank, wenn sie vier andere Frauen mitbringen und Eingriffen in ihr Privatleben durch die Bank zustimmen.

Zu unbegreiflich finde ich einen Zinssatz von 20 Prozent für Mikrofinanzierungskredite. Zu unkritisch ist mir der Blick auf das ein oder andere Großunternehmen und auf Ultrareiche und deren philanthropische Aktivitäten. So räumt Yunus sogar die Möglichkeit ein, man könne ein Unternehmen wie Facebook in die technische Gestaltung staatlicher Wahlprozesse einbinden.

Das ständige Name-dropping (einfluss-)reicher oder berühmter Personen, in deren Kreis sich Yunus bewegt, war mir zu penetrant und die Sicht insgesamt zu selbstbezogen. So lässt er etwa völlig außer Acht, dass es auch lange vor seiner Idee des Social Business schon gemeinnützigere Formen des Wirtschaftens gab, wie etwa das Genossenschaftswesen oder gemeinnützige Formen des Wirtschaftens.

Der uneingeschränkte Glaube an ewiges Wachstum scheint mir fragwürdig. Auch die Ansicht, ein gewinnmaximierender Kapitalismus, dessen Schäden er im ersten Teil klar benennt, könne so fortbestehen, wenn denn nur „Social Business“ dazu komme, muss man nicht teilen.

Wen all dies nicht stört, findet in diesem Buch durchaus Beispiele für menschliche Kreativität und den ein oder anderen Gedanken, der Anlass zum Weiterdenken gibt. Mich hat es gelehrt, wie wichtig es ist, die eigenen Ideen, Vorstellungen und Konzepte regelmäßig zu hinterfragen, statt sie immer und überall für das allein Seligmachende zu halten.

Sabine Breit

Muhammad Yunus. Ein anderer Kapitalismus ist machbar: Wie Social Business Armut beseitigt, Arbeitslosigkeit abschafft und Nachhaltigkeit fördert. Gütersloher Verlagshaus 2018