Wege aus der Polarisierung

Leben wir in einem Krieg um Sinn, der mit Narrativen und Mythen geführt wird? Mike Kauschke zeigt, wie Narrative Identität zementieren und die Gesellschaft spalten, nicht erst seit Corona. Er weist Wege aus der Polarisierung: sich der Begrenzung des eigenen Wissens bewusst sein und den Dialog suchen.

In den vergangenen Monaten habe ich im Zuge der Corona-Pandemie ein möglichst breites Spektrum von Medien angeschaut. Verschiedene etablierte Medien, kritische Medien bis hin zu den sogenannten Alternativmedien.

Wenn ich dann Menschen in Gesprächen ihre Argumente vorbringen hörte, klang darin auch eine bestimmte Sinnstruktur, ein Narrativ und manchmal auch ein Mythos mit, der mir aus den entsprechenden Medien bekannt war. Das brachte mich zu der Überlegung, dass wir uns oft der mythischen Kraft nicht bewusst sind, mit der bestimmte Informationen in übergreifende Geschichten eingebettet werden, die immer mitkommuniziert werden.

In vielen Alternativmedien lautet diese übergreifende Geschichte über die Corona-Pandemie vereinfacht gesagt ungefähr so: Es gebe eine globale korrupte Elite, die die Menschheit zu unterjochen versuche, neue diktatorische Strukturen etablieren und uns die Freiheit nehmen wolle. Deshalb sei das Corona-Virus nur ein Vorwand oder wäre absichtlich in die Welt gesetzt worden, um diese Agenda umzusetzen.

In vielen etablierten Medien lautete das übergreifende Narrativ in den letzten Monaten etwa so: Das Corona-Virus sei extrem gefährlich, bedrohe uns akut mit dem Tod, deshalb seien auch ungewöhnliche Freiheitseinschränkungen gerechtfertigt. Menschen, die diese Maßnahmen kritisieren, machen sich verdächtig, Feinde der Demokratie zu sein.

Mythen schaffen Bedeutungsmuster und stiften Identität

Unsere heutige Welt ist komplex und unsicher geworden, das sehen wir auch in der Corona-Pandemie. Deshalb sind wir auf die verschiedenen Medien angewiesen, die uns Informationen geben, durch die wir das Geschehen verstehen und einordnen können. Aber alle Medien geben uns nicht nur Fakten, sie betten diese Fakten unweigerlich in Sinnzusammenhänge, Geschichten, Narrative und häufiger, als uns bewusst ist, auch in mythische Begriffe ein.

Aber wie erhalten die Geschichten, durch die wir die Ereignisse der Welt in einen Sinnzusammenhang fügen, ein mythisches Element? Mythen schaffen Bedeutungsmuster in einem scheinbar beliebigen Geschehen. Muster in unseren Narrativen ermöglichen uns, eine Identität zu finden, uns als selbstwirksam, als Helden dieses Mythos zu erfahren.

Es ist ja interessant, wie das Motiv des Heldischen auf verschiedenen Seiten kommuniziert wurde. Es gab Werbespots der Bundesregierung, in denen das Zuhausebleiben im Lockdown als Heldentat beschrieben oder auch der Entschluss, sich impfen zu lassen, in eine Aura des Helden gekleidet wird, der sich für die Gemeinschaft einsetzt. Bei den Kritikern der Maßnahmen gibt es den Heldenmythos der Widerstandskämpfer, die sich gegen die Corona-Maßnahmen wehren oder dagegen protestieren.

Ein weiteres mythisches Element ist die Nutzung von symbolischen Bildern, mit denen Geschichten einen visuellen und emotionalen Attraktor erhalten. Die Bilder des Virus selbst mit seinen »Stacheln« wurden verbunden mit dramatischen Botschaften über seine Gefährlichkeit zu einem solchen Symbol. Auf der anderen Seite wurde der Mund-Nasen-Schutz für Kritiker der Maßnahmen zum Symbol für eine als unangemessen wahrgenommene Einschränkung der Grundrechte.

Existenzielle Ängste werden aktiviert

In der Corona-Debatte konnte man beobachten, wie oft solche archetypischen Grundmuster angesprochen wurden, die emotional höchst aufgeladen sind. Sei es die Angst vor dem Tod oder die Angst vor dem Verlust der Freiheit und Selbstständigkeit; hier werden dann häufig Bezüge zur DDR-Diktatur gezogen.

Wenn existenzielle Ängste aktiviert werden, wird leicht ein mythisch aufgeladener Raum geöffnet. Diese mythischen Elemente führen zu einer starken Identifizierung mit einer Seite, dem einen Narrativ, und der Abgrenzung von der anderen Seite, dem anderen Narrativ.

Sie führen zu einem Krieg der Welterklärungen, den der Komplexitäts- und Medienforscher Daniel Schmachtenberger als einen »War on Sense-Making« – Krieg um die Sinnbildung – beschreibt. Von diesen privaten mythischen Welten gibt es in der heutigen Informationsökologie, wie es Schmachtenberger nennt, unzählige. Durch die Fragmentierung droht diese Ökologie zu zerbrechen und damit auch das soziale Gefüge einer Gesellschaft.

Darin spüren wir auch die Wirkung des Mythos, denn er ist eben nicht mehr nur eine Sichtweise der Wirklichkeit neben und mit anderen, sondern die Wirklichkeit, die Wahrheit. So genutzt kann der Mythos einen Horizont der Guten und der Bösen, der Verbündeten und der Gegner, des Wir und der anderen öffnen.

Solche Einordnungen ermöglichen eine besonders starke Gewissheit und Identität. Wenn ich weiß, wer die Bösen sind, dann fühle ich mich in tiefster Gewissheit in ein sinngebendes Muster eingebunden. Und mein Leben erhält Sinnhaftigkeit daraus, dass ich auf der richtigen, der guten Seite stehe.

Die Dynamik polarisierender Gegensätze wird auch absichtlich von unterschiedlichsten Interessengruppen eingesetzt, um gesellschaftliche, demokratische Strukturen zu schädigen. Deshalb erklärt Schmachtenberger etwa, dass wir in einem »Krieg« leben, der mit Narrativen, mit Informationen, mit Falschinformationen und mythischen Bedeutungsmustern geführt wird.

Immer wieder mit leeren Händen dastehen

Wir sehen heute, dass eine solche Dynamik eine Gesellschaft spalten und entzweien kann. Wie finden wir Wege aus der Polarisierung? Zunächst einmal gilt es, die Ungewissheit anzunehmen, im Wissen, dass das Lebendige nie sicher, gewiss oder verfügbar ist. Schmachtenberger empfiehlt, immer wieder neu mit leeren Händen dazustehen und mit frischem, ungebundenem Blick auf die Welt zu schauen.

Der erste Schritt besteht also darin, vom Schlachtfeld zurückzutreten und in einem heroischen Akt mir selbst einzugestehen, dass meine eigenen Sichtweisen falsch sein könnten. Daraus erwächst das Interesse, den anderen zuzuhören. Und mit solch einer Haltung können wir zu Helden der Wahrheitssuche werden, die immer ein dynamischer Prozess ist und von uns fordert, unsere Sichtweisen und die anderer zu prüfen.

Schmachtenberger schlägt vor, sich mit eben jenen Medien-Kanälen auseinanderzusetzen, die den eigenen Überzeugungen entgegenlaufen: Was bewegt Menschen, auf diese Nachrichten zu hören? Was ist das Signal darin? Was ist das Anliegen, was sind die Werte, die dort ausgesprochen werden? Welche teilweise Wahrheit spricht darin?

Mit der gleichen Haltung kann ich in Gespräche gehen. Es verändert sich viel, wenn wir Erklärungen hinterfragen: Welche deiner Werte gehen damit in Resonanz? Welche biografischen Erfahrungen werden angesprochen? Welche traumatischen Erlebnisse werden berührt? Welche Visionen einer lebenswerten Welt findest du darin?

Die offene Mitte

Wenn ich die Identifikation mit einer bestimmten Sichtweise lockere und die mögliche Wahrheit der anderen Sichtweisen in Betracht ziehe, entsteht ein offener, unbesetzter Raum, in dem Verstehen und echter Dialog der Perspektiven möglich sind. Dazu gehört auch, dass wir uns der Narrative und mythischen Erklärungsmuster bewusster werden – unserer eigenen und der der anderen.

Die Philosophen Markus Gabriel und Gert Scobel bezeichnen in ihrem Buch “Zwischen Gut und Böse – Philosophie der radikalen Mitte” (2021) diesen offenen Raum als die “radikale Mitte”. Hier können unterschiedliche Wissensdisziplinen und Experten in einen offenen, vielstimmigen, mehrdimensionalen Dialog miteinander treten.

Eine konkrete Praxis, um die Mitte zu öffnen und zu kultivieren und sich darin zu begegnen ist der Dialog. Als Dialogbegleiter erlebe ich immer wieder, wie im gemeinsamen Zwischenraum, in der Mitte des Gesprächs ein freier Raum entstehen kann.

Dann bewerfen wir einander nicht mit unseren Meinungen und Vorannahmen und versuchen einander von unseren Narrativen zu überzeugen. Vielmehr hören wir einander zu, versuchen die Perspektive des anderen zu verstehen. Und wenn wir uns wirklich darauf einlassen könne, entstehen aus diesem Dazwischen auch neue integrierende Weisen des Verstehens und Handelns.

Ich denke, wir bräuchten in unserer Gesellschaft in diesem Sinne eine Art Dialogoffensive, eine Kultivierung von Qualitäten wie Zuhören, Nichtwissen, Interesse am anderen. Das mag utopisch klingen, aber die Erfahrung, dass es im Kleinen immer wieder gelingen kann, gibt mir Hoffnung, dass der Dialog zu einer Kulturtechnik der Zukunft wird, in der wir ko-kreative Wege in die offene Mitte finden.

Mehr zum Thema Mythen und Narrative im Magatin evolve, Ausgabe 31 „Wir alle leben in Mythen – In welchen wollen wir leben?“ Hier gibt es einen ausführlichen Beitrag des Autors zu diesem Thema.

Mike Kauschke ist Autor, Übersetzer, Dialogbegleiter und Redaktionsleiter des Magazins evolve. www.mike-kauschke.de 

Der Autor begleitet auch die Dialog-Abende des Netzwerks Ethik heute, die mehrmals im Jahr online stattfinden. Infos und Termine zu unseren Dialogen