Furyk Nazar/ shutterstock.com
Furyk Nazar/ shutterstock.com

„Der Terror zeigt unsere Verwundbarkeit“

Interview mit der Philosophin Ina Schmidt zu den Terroranschlägen in Paris

Ina Schmidt glaubt nicht an militärische Gewalt als Antwort auf die Anschläge in Paris. Aber auch einem Dialog mit Terroristen sind Grenzen gesetzt. Im Interview fordert sie dazu auf, uns selbst stärker im Guten, in ethischen Werten zu verankern und eine gemeinsame europäische Identität zu schaffen.

Das Interview führte Birgit Stratmann

Frage: Die Terroranschläge vom 13. November in Paris haben uns alle in Europa schwer erschüttert. Wir spüren Trauer, Ohnmacht, Angst. Wie gehen Sie persönlich damit um?

Schmidt: Im ersten Moment können wir nur mit Entsetzen, mit Trauer und Mitgefühl für die Betroffenen reagieren. Die Grausamkeit lässt keinen Raum für irgendein Verstehen oder eine Begründung, die dabei helfen könnte.

Aber wie finden wir wieder heraus aus diesem Gefühl, solcher Gewalt ausgeliefert zu sein, nichts tun zu können, weil wir im wahrsten Sinne sprachlos sind? Und hier sind wir als diejenigen gefragt, die nicht direkt betroffen sind, die keinen persönlichen Verlust erlitten haben und doch eine Form der Bedrohung spüren.

Wir müssen uns fragen, mit wem haben wir es da eigentlich zu tun? Wie können wir vorbeugen, wie können wir uns schützen? Bis wohin reicht die Möglichkeit des Dialogs und wo sind die Grenzen?

Frage: Sie schrieben vor ein paar Tagen in Ihrem Artikel über „Was ist das Böse?“, kurz zusammengefasst: Das Böse bestehe darin, andere nicht als Personen anzuerkennen bzw. nicht mehr als Person zu agieren. Würden Sie sagen, dass das auf die Terroristen zutrifft? Und was entgegnen wir solch blinder Zerstörungswut, wie wir sie am Freitag in Paris erlebt haben?

Schmidt: Der Begriff der Person, der in der Kantischen Philosophie der Aufklärung eine wichtige Rolle spielt, bedeutet, dass wir die Handlungen unseres Gegenübers als Vernunft geleitet erkennen können, dass wir in ihm ein Gegenüber sehen, mit dem wir in Dialog über Werte, Überzeugungen, Weltanschauungen gehen können. Dabei spielt keine Rolle, ob wir unterschiedlicher Meinung sind. Wichtig ist, dass wir uns als Subjekte anerkennen und die Idee eines Rechtsstaats teilen.

Wenn wir aber Attentäter vor uns haben, die die Werte und Rechte anderer in keiner Weise anerkennen, sondern deren Ziel allein in der Zerstörung dieses anderen liegt, dann gibt es keine gemeinsame Sprache. Dann ist es reine Gewalt „ohne Grenze und ohne Gnade“, wie der französische Generalkonsul Serge Lavroff es nannte. Aber dann stellt sich die Frage: Wie gehen wir damit um? Was können wir tun, wenn ein solcher Dialog nicht möglich ist?

Wäre in Ihren Augen, wenn ein Dialog nicht möglich ist, der ja auf Kompromiss ausgerichtet sein müsste, Gewalt gerechtfertigt?

Schmidt: Ja und Nein. Militärische Gewalt ist sicher eine Antwort auf die akute Bedrohung, und die französischen Luftanschläge laufen ja bereits seit September. Aber sie ist nicht die Lösung oder gar die logische Konsequenz aus der politischen Sprachlosigkeit.

Militärische Gewalt ist eine verständliche Reaktion, weil wir uns angegriffen fühlen und uns verteidigen wollen, vielleicht müssen, aber sie ist letztlich auch eine Form der Gewalt. Ich bin mir bewusst, dass ich mir nun sofort die Frage gefallen lassen muss: Was aber ist die eigentliche Antwort oder gar die Lösung?

Klar ist: Wir können uns nicht in einem Dialog aufreiben, von dem wir wissen, dass er zu nichts führt, und wir haben jedes Recht, unsere Werte und die Menschen in Europa zu verteidigen. Aber wir dürfen uns gerade vor dem Hintergrund der eigenen Werte nicht zur reinen „Vergeltung“ hinreißen lassen. Neben der Notwendigkeit, sich zu verteidigen, sollte der Westen auch die eigene moralische Verortung und die Einteilung der Welt in „die Guten und die Bösen“ auf den Prüfstand stellen – auch wenn es gegenwärtig sehr schwer fällt.

Wissen wir wirklich genug über die Motive der Gegenseite und das, was sie dazu bringt, solche verabscheuungswürdigen Taten zu begehen und sogar selbst dafür in den Tod zu gehen? Eine angemessene Reaktion bzw. eine grundsätzliche Haltung, die unser Handeln leitet, ist nur möglich, wenn wir uns die komplexen Ursachen genau anschauen.

War das die Aufforderung, dass wir unsere eigenen Anteile daran sehen, wie sich im Nahen Osten solche Terrororganisationen bilden konnten und wie sich so viele junge Männer dem anschließen, auch aus Europa? Wir haben jetzt gehört, dass einer der Attentäter ein 29-jähriger Franzose war, der in Frankreich geboren wurde.

Schmidt: Vielleicht weniger unseren Anteil, als die Rolle, die wir selbst in diesen Zusammenhängen spielen. Eine Frage ist doch: Was ist es, das junge Menschen zu solch einer Terror-Organisation abwandern lässt – gerade Menschen aus europäischen Ländern? Was sagt das vielleicht auch über unsere freiheitliche Weltanschauung aus?

Wie könnten wir jungen Menschen einen ideellen Halt geben, der hinausgeht über Selbstverwirklichung, Individualismus, das Credo des „höher, schneller, weiter“ und „alles ist möglich“. Wo gibt es in unserer Gesellschaft Räume, in denen wir uns darüber austauschen, wie wir uns ein gutes Leben vorstellen und was an inneren Qualitäten dazu gehört?

Das sind alles sehr weitreichende Fragen, die nicht als Rechtfertigung oder Erklärung für solche grausamen Bluttaten missverstanden werden dürfen. Für solche Form des Terrors gibt es keinerlei Rechtfertigung, aber es gibt möglicherweise Ursachen, denen wir nachgehen müssen.

Ich möchte nur dazu anregen, ernsthaft nach den Hintergründen solcher Entwicklungen zu fragen: sowohl auf der geistigen, moralischen und natürlich auch auf der wirtschaftlichen, geopolitischen Ebene. Welche Verbindungen machen eine Organisation überhaupt erst möglich, welche davon gilt es zu kappen und wie ehrlich sind wir eigentlich im Umgang mit diesen Verknüpfungen?

„In unserer Gesellschaft gibt es einen Mangel an geistiger Verwurzelung“

Die Attentate von Paris sind ja auch ein Angriff auf unsere offene Gesellschaft, auf Demokratie, Toleranz, Menschenrechte – das, was uns wichtig ist. Wie schützen wir diese Werte? Man hat, gerade auch auf europäischer Ebene, das Gefühl, dass es dieses klein-klein von Partikularinteressen gibt, aber keine echte Einheit, kein Wir-Gefühl, sondern Individuen, individuelle Nationen, die etwas für sich erreichen wollen.

Schmidt: Das Problem ist: Wir sprechen zwar von diesen großen Werten, ja beschwören sie geradezu, aber in unserem persönlichen Leben spielen sie dann plötzlich nur noch eine untergeordnete Rolle. Sind es wirklich diese Werte, die unser Handeln bestimmen?

In unserer Gesellschaft geht es, wenn man sich umschaut, um Profit, Karriere, materielle Anerkennung und sozialen Status. Sind das die Werte, die wir meinen? Ein Haus, ein Auto, drei Mal pro Jahr in Urlaub fahren? Auf der anderen Seite erleben wir eine Sehnsucht nach einem sinnvollen Leben, nach alten und wirklich gelebten Tugenden und den Wunsch, neue Lebensformen zu entwickeln.

Inwieweit bin ich aber bereit, für einen ideellen Wert, der mir wichtig ist, auch persönliche Abstriche in Kauf zu nehmen oder auf Privilegien zu verzichten? Ein Beispiel wäre, dass wir aus Solidarität unseren Besitz mit Flüchtlingen teilen bzw. gerade in diesen Tagen zeigen, dass wir der Angst vor dem islamistischen Terror nicht in die Hände spielen, indem wir Muslime unter Generalverdacht stellen. Wie sehr bin ich wirklich bereit, mich für eine Überzeugung einzusetzen, ohne dass ich davon irgendetwas habe – außer dem inneren Wissen, das „Richtige“ zu tun?

Hier scheint mir in unserer Gesellschaft ein Mangel zu bestehen, der stark mit unserer individualisierten Glücksvorstellung einhergeht. Wofür stehen wir denn eigentlich, wo ist der Unterschied zwischen Wohlstand und Wohlergehen? Was meinen wir mit Freiheit? Was bedeutet für uns ein sinnvolles, ein gutes Leben? Woran glauben wir wirklich? Hier wäre es wirklich wichtig, die Idee des Dialogs weiter und stärker zu beleben.

Meinen Sie, dass der Terror uns auch eigene Schwächen spiegelt?

Schmidt: Er spiegelt uns unsere ganz konkrete Verwundbarkeit und auch unsere weltanschauliche Ratlosigkeit. Damit meine ich nicht die blutigen Anschläge, mit denen die Terroristen sinnloses Leiden verursachen. Sie spiegeln gar nichts, es ist blinder Hass. Aber wie kann es sein, dass eine Organisation wie der IS die westliche Welt derart erschüttern, uns dermaßen herausfordern kann und wir darauf mit der Beschwörung von demokratischen Grundwerten antworten, die für uns nicht wirklich greifbar sind?

Natürlich ist es das Wesen der offenen Gesellschaft, dass sie pluralistisch ist und niemand die Antworten vorgibt, aber wir dürfen Freiheit nicht mit Unverbindlichkeit und Beliebigkeit verwechseln. Sonst haben wir in Momenten wie diesen nichts, was uns einen Halt geben kann. Und eben das macht uns auf eine besondere Weise verwundbar, die eine andere Dimension betrifft als die Not und die Trauer, die wir in diesen Tagen zu bewältigen haben.

Das Böse ist ansteckend, wenn wir nicht im Guten verwurzelt sind

Nun macht das Wort Krieg die Runde. Der französische Präsident Hollande hat es, glaube ich, zum ersten Mal benutzt. Andere sind ihm gefolgt. Einige benutzen eine martialische Sprache, etwa wird vom „Kampf gegen das Böse“ gesprochen. Ist das Böse auch ansteckend? Laufen wir Gefahr, dass wir selbst dahin abdriften in unserer Reaktion auf die Grausamkeit?

Schmidt: Das Böse ist nur dann ansteckend, wenn wir nicht im Guten verankert sind. Hollande hat den wichtigen Zusatz gemacht, dass er den IS mit allen Mitteln des Rechtsstaates bekämpfen wird. Nicholas Sarkozy allerdings macht nun eher eigenartige Vorschläge wie z.B. jenen 11.000 Muslimen in Frankreich, die in irgendeiner Weise verdächtig erscheinen könnten, elektronische Fußfesseln anzulegen. 

Es mag pathetisch, idealistisch, naiv klingen: Unsere einzige Chance, das Böse, das Unmenschliche zu schwächen, ist eine feste Überzeugung in das, für das wir stehen, und ein dementsprechendes Handeln im Dialog mit den Partner, die diese Überzeugung teilen.

Nur indem wir uns unserer eigenen Werte versichern, können wir die Kraft dafür schöpfen, adäquate Maßnahmen zu ergreifen. Diese Maßnahmen können militärischer Natur sein, aber sie dürfen nicht in Rachsucht abgleiten und Gewalt mit Gewalt beantworten.

„Mit Gewalt allein erreichen wir nichts“

Denken Sie, dass diese geistige Arbeit den äußeren Maßnahmen vorangehen muss?

Schmidt: Nein, die Arbeit an einer gemeinsamen Wertegemeinschaft ist ein Prozess, der bereits im Gange ist, er wird Generationen dauern, vielleicht Jahrhunderte, und das Ergebnis ist offen. Wir sollten uns dieser Aufgabe aber sehr bewusst sein, gerade damit wir im konkreten Moment handlungsfähig sein können. Wie die Lösung aussehen wird, das weiß ich nicht. Wir können nur von einem Schritt zum nächsten denken und aus dem Ergebnis des Handelns wieder einen weiteren Schritt tun.

Wie glauben Sie, verändert dieser Schwarze Freitag das Leben in Europa? Und was würden Sie sich jetzt wünschen?

Schmidt: Die Attentate haben eine tiefe Verwundbarkeit und eine neue Dimension des Terrors gezeigt – mitten im Alltag vor unserer Haustür, im Café, beim Fußball, im Konzert. Wir sind alarmiert und ängstlich. Meine größte Befürchtung ist, dass diese Ängste ausgenutzt werden, um Stimmung gegen Flüchtlinge zu machen, Muslime zu verurteilen und unter Generalverdacht zu stellen. Das wäre fatal.

Martin Schulz sagte gestern: „Viele dieser Menschen sind hier, weil sie vor dem Terror des IS geflohen sind.“ Diese Menschen sind also auf derselben Seite wie wir. Es wäre völlig falsch zu polarisieren und die Gesellschaft weiter zu entzweien. Stattdessen sollten wir mit einer Stimme sprechen bzw. nach dieser Stimme suchen.

Ich sehe aber auch die Chance, dass aus dem Gefühl der Verwundbarkeit etwas Neues entstehen kann. Es zeigt die Notwendigkeit, dass wir zusammenrücken und als Gesellschaft eine gemeinsame Antwort finden. Diese Hoffnung habe ich, die Hoffnung auf das „radikal Gute, wie Hannah Arendt es ausdrückt. Dass wir den Menschen in unserer Wertetradition etwas geben können, wofür es sich zu leben lohnt und nicht zu sterben.

InaSchmidt-privates FotoDr. Ina Schmidt ist Philosophin. Sie hat denkraeume ins Leben gerufen, eine Initiative für philosophische Praxis. Buchautorin, Referentin der Modern Life School und freie Mitarbeiterin des Philosophiemagazins „Hohe Luft“.

Lesen Sie auch den Beitrag „Was ist das Böse“ von Ina Schmidt.

 

 

Beitrag teilen:Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Email this to someone
Bitte beachten Sie beim Kommentieren die Netiquette unserer Plattform

2 Gedanken zu „„Der Terror zeigt unsere Verwundbarkeit“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.