Oleg Zabielin/ shutterstock.com
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Was ist das Böse?

Ein Essay der Philosophin Ina Schmidt

In Zeiten von Gewalt und Terror sind wir schnell dabei, die Welt in „gut“ und „böse“ einzuteilen. Oft werden schon Andersdenkende als „böse“ bezeichnet. Für Ina Schmidt ist jedoch das wichtigste Kriterium für „das Böse“, sich und andere nicht als Personen zu verstehen. Blinde Zerstörungswut ist nur für diejenigen möglich, die andere nicht als Menschen anerkennen.

Nicht erst seit dem Bürgerkrieg in Syrien und den Kämpfen gegen den sogenannten Islamischen Staat, stellen sich die Fragen nach dem, was wir als Bedrohung erleben: Wie können wir das „Übel“ bekämpfen? Wie lässt sich die Ursache ausmachen und wie kommt man überhaupt ins Gespräch mit denjenigen, die dafür verantwortlich sind?

Schon während der Amtszeit des US-Präsidenten George Bush kursierten begriffliche Bilder einer „Achse des Bösen“, die den bedingungslosen Kampf gegen Schurkenstaaten und jede Form des „Terrors“ zur Notwendigkeit erklärte. Aber was ist es, was wir da als das „Böse“ oder den „Terror“ bezeichnen? Und welche Möglichkeiten gibt es, dem wirklich etwas entgegenzusetzen, ohne sich auf das hohe westliche Ross moralischer Überlegenheit zu setzen, wonach Folter in US-Gefängnissen oder amerikanische Amokläufer mit anderen moralischen Maßstäben gemessen werden als muslimische Gewalttäter?

Was bedeuten unsere Werte von Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit, wenn wir gegenwärtig erleben, wie sich neben all der Hilfsbereitschaft und dem Engagement in der Flüchtlingskrise auch jede Menge Bösartigkeit in westlichen und demokratisch geprägten Köpfen Bahn bricht – in den Foren sozialer Netzwerke, in offenen Demonstrationen oder in feigen Anschlägen gegen Flüchtlingsheime.

Ein erster wichtiger Schritt liegt darin, sich zu vergewissern, worüber wir eigentlich sprechen, in welchem Kontext und wie vorsichtig wir mit dem Begriff des „Bösen“ umgehen sollten, wenn wir es mit unserer eigenen Idee von Demokratie und Moral wirklich ernst meinen.

Grausamkeit ohne Sinn und Verstand

Die politische Denkerin Hannah Arendt hat sich in ihrer Auseinandersetzung mit den Ursprüngen totaler Herrschaft auch der Frage nach dem Wesen des Bösen intensiv gewidmet. In den 1930er Jahren floh sie vor den Nazis und verfolgte die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Greueltaten aus ihrem Exil in New York.

1960/61 berichtete Hannah Arendt über den Eichmann-Prozess in Israel, in dem der SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann zum Tode verurteilt wurde. In ihrer Beobachtung des Mannes als eines Rädchens in der Tötungsmaschine der Nationalsozialisten, erlebte Arendt eine unerwartete Wendung in ihrer ganz persönlichen Wahrnehmung des „Bösen“.

Nicht das menschliche Monster, das Böse in Person, sondern ein unscheinbarer Mitläufer, der seine Befehle ausführte, ohne eine moralische Haltung zu beziehen, war das, was dort aus Ausdruck totalitärer Herrschaft in Erscheinung trat. Adolf Eichmann folgte keiner Ideologie des Bösen, er folgte nichts als Befehlen, die von einer Obrigkeit ausgingen.

Letztlich kam Hannah Arendt zu dem Schluss, dass dem „Bösen“ in der Tiefe etwas Banales anhafte, etwas, das zwar zu größter Grausamkeit fähig ist, aber nicht dazu, aus einer Überzeugung heraus etwas zu bewirken – außer Zerstörung. Das, was „das Böse“ in seinem Kern ausmacht, ist eine Form unverhältnismäßiger Grausamkeit, die keinem Ziel oder Zweck, keiner Überzeugung mehr geschuldet ist, sondern Grausamkeit als Selbstzweck einsetzt.

Wie aber begegnen wir einem Phänomen, das sich auf nichts bezieht, als auf die Zerstörung des Bestehenden, das nichts außer der Bereicherung weniger im Blick hat, auf welchem Weg auch immer? Barack Obama hat in einer Rede vor den Vereinten Nationen im Herbst 2014 davon gesprochen, dass es „keine Sprache“ für das Böse gebe, dass es also nur möglich sei, der Gewalt des Bösen mit Gegengewalt zu antworten. Damit mag er auch vor dem Hintergrund der Gedanken Hannah Arendts recht haben, aber woher wissen wir, wann wir es wirklich mit dem „Bösen“ zu tun haben, statt mit einer anderen Auffassung des „Guten“ ?

Das Böse wird von Wesen getan, die keine Personen mehr sind

Offenbar lässt sich dieser Unterschied nur in der konkreten Auseinandersetzung treffen anhand der grundlegenden Fragen: Gibt es eine letzte Möglichkeit, sich in unser Gegenüber hineinzuversetzen? Können wir den anderen als einen Menschen mit „anderen“ Überzeugungen erkennen, auch wenn wir nicht mit ihm übereinstimmen?

Oder gibt es kein gemeinsames Fundament mehr für einen solchen Austausch? Diese Fragen sind nicht einfach zu beantworten, aber sie sind wegweisend, wenn wir unterscheiden wollen, ob wir es mit dem „Bösen“ zu tun haben oder mit einem Gegner, den wir in seinem Menschsein weiterhin anerkennen müssen, wenn wir die eigenen Werte wirklich leben wollen.

Hannah Arendt beschreibt das Wesen des Bösen als vollständig losgelöst von einem nachvollziehbaren Wertegerüst. Es hat keinen Bezug zu einem eigenen Ziel. Und damit ist es auch nicht möglich, für eine „böse“ Tat, Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung setzt voraus, dass wir uns mit den Folgen unseres Handelns auseinandersetzen wollen, dass wir etwas tun, was auf ein begründbares Ziel ausgerichtet ist.

Die grausame Zerstörung, etwa antiker Stätten im Nahen Osten tritt zwar im Namen einer Überzeugung auf, scheint es aber nur auf Gewalt und Widerstand gegen eine verhasste westliche Welt und auf den eigenen Machterhalt abgesehen zu haben. Die Zerstörung erscheint unberechenbar und richtet sich letztlich sogar gegen die eigenen Wurzeln und die eigene Geschichte.

Grausamkeit als Selbstzweck ist das, was Hannah Arendt in ihrer vierteiligen Vorlesungsreihe „Über das Böse“ als das „größte begangene Böse“ beschreibt, eine Tat, die „von Niemandem getan wurde, das heißt, von menschlichen Wesen, die sich weigern, Personen zu sein.“ Eine Person ist in diesem Verständnis ein bewusstes Subjekt, ein Individuum mit „menschlichen“ Qualitäten, das vernunftorientiert handelt.

Der Aufklärer Immanuel Kant hat diesen Begriff der „Person“ geprägt. Als zentrale Wesensmerkmale hebt er die Vernunftbegabung und die Fähigkeit hervor, sich als moralisches Wesen verantwortungsvoll verhalten zu können. Wir haben die Fähigkeit, uns für ein solches Handeln zu entscheiden.

Erkennen wir diese Grundsätze der Menschlichkeit nicht mehr an, werden wir zu „Unmenschen“ und damit unerreichbar für diese Grundsätze. Dann aber werden Taten möglich, die all unsere moralischen Vorstellungen sprengen und mit nichts übereinstimmen, was für uns eine Bedeutung hat. Und erst dann können wir von der Qualität des „Bösen“ sprechen – als die größtmögliche Abweichung von dem, was wir als „gut“ bezeichnen. Dabei aber beschreibt das Böse keine eigene Qualität, es folgt keinen eigenen Grundsätzen, sondern es zeichnet sich allein durch die Abwesenheit dessen aus, was wir als das „Gute“ erkennen.

Das Gute beruht auf kulturellen Werten

Wenn wir aber diese moralischen Kategorien auf aktuelle Situationen übertragen, lässt sich feststellen, dass wir oft zu ungenau sind: Wir beschreiben nicht nur das als „böse“, was „niemals hätte geschehen dürfen“, sondern auch das, was wir nicht teilen, was wir als eigenen Grundsatz nicht gelten lassen wollen. Auch das, was wir nicht kennen, was uns fremd oder ungewohnt erscheint, empfinden wir schnell als Bedrohung für unsere bestehende Welt. Dies gilt sowohl für Menschen, die meinen, die „Islamisierung des Abendlandes“ stünde unmittelbar bevor und damit Hetzreden und Nazipropaganda rechtfertigen, als auch für jene, die sich das Recht nehmen, unsere Werte und Überzeugungen zu missachten und eine Rachefeldzug gegen den Westen zu entfesseln.

Aber auch im Kleinen finden wir diese Konflikte: Wie viel wissen wir über unser Gegenüber, das wir gerade als bedrohlich empfinden? Welcher Flüchtling nimmt uns welchen Job weg und wie sieht es tatsächlich aus mit der Bereitschaft, Menschen aus anderen Kulturen zu integrieren? Wo braucht es ein klärendes Gespräch oder die Möglichkeit, sich zu begegnen, um in den Kommunen oder Städten Lösungen zu finden, die der Angst vor dem vermeintlich „Bösen“ den Nährboden entziehen?

Wenn wir schon in der Debatte beginnen, über diese sehr komplexen und schweren Fragen behutsamer mit den Begrifflichkeiten umzugehen und die philosophische Idee der „Person“ dabei im Kopf behalten, dann ist es zumindest sprachlich leichter, zu differenzieren. Wenn wir das Phänomen des „Bösen“ nicht missbrauchen, um die eigenen Position zu verteidigen, sondern es auf eine grausame Gewalt um ihrer selbst willen begrenzen, dann haben wir andere Möglichkeiten, begriffliche Grenzen zu ziehen und Demagogen und Rechtspopulisten etwas entgegenzusetzen.

Wir haben uns in unserer Verfassung auf die Grundwerte geeinigt, die wir für ein menschliches Miteinander abgesichert wissen wollen, es gibt eine UN-Charta der Menschenrechte und damit haben wir als menschliche Gemeinschaft Werte und Überzeugungen festgeschrieben, die die Grenzen von „gut“ und „böse“ markieren sollen. Selbstverständlich sind diese Grenzen nicht frei verhandelbar – sonst wären sie nicht das Papier wert, auf dem sie stehen.

Trotzdem müssen sie im Konfliktfall die Grundlage einer geführten Auseinandersetzung bleiben, um mit Menschen anderer Überzeugungen und Glaubensrichtungen im Gespräch zu bleiben, bis wir an die Grenze dessen stoßen, was wir für das „Böse“ halten. In einer solchen Auseinandersetzung, die nicht mit Gewalt geführt wird, sondern im Dialog, bleiben auch unsere Feinde ein menschliches Gegenüber.

Dieser Weg ist wahrlich nicht leicht und er hat seine Grenzen, Grenzen, die wir zur Zeit erleben. Im Zusammenhang mit den Greueltaten des Islamischen Staates versagt die Sprache, und so hatte Obama ein Stück weit recht. Wichtig ist nur, diese Grenze sehr überlegt zu ziehen und auch erst dann, wenn alle anderen Mittel erschöpft sind.

Einen solchen Weg einzuschlagen, ist nicht leicht und oftmals nicht einmal eindeutig. Aber er ist der einzige, der vor der ernsthaften Überzeugung demokratischer und freiheitlicher Werte, möglich ist und er lebt von der idealistischen Überzeugung, dass auch die Annäherung an das Gute einen Wert darstellt, selbst wenn es die eigenen Vorstellungen nicht umsetzen kann. Es ist der einzige Weg, der dem „Bösen“ eine humanistische Idee der Feindschaft entgegenhalten und damit eine andere Sprache als die der Gewalt möglich werden lässt.

Ina Schmidt

InaSchmidt-privates FotoDr. Ina Schmidt studierte Kulturwissenschaften und Philosophie. 2004 Promotion über den Einfluss der Lebensphilosophie auf das Denken Martin Heideggers. 2005 Gründung der denkraeume, einer Initiative für philosophische Praxis. Buchautorin, Referentin der Modern Life School und freie Mitarbeiterin des Philosophiemagazins „Hohe Luft“. Ina Schmidt lebt mit ihrem Mann und den gemeinsamen drei Kindern in Reinbek bei Hamburg.

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7 Gedanken zu „Was ist das Böse?

  1. Sehr geehrte Frau Schmidt,
    Ihr Artikel hat zwar viele Informationen über bestimmte Zusammenhänge, wie das Böse und das Gute in der Philosophie diskutiert wird; Sie reden jedoch um den heißen Brei, weil Sie idealistisch denken d.h. den dialektischen Materialismus wie Pest hassen, bzw. verachten. (Sie denken jetzt: „wieder ein Klugscheißer Betonkopf!“). Kein Wunder! Wenn Sie in gut gehüteten, dem Kapitalismuskritik immunen, bürgerlichen, „neoliberalen“… Universitäten Karriere machen möchten, müssen Sie solche Begriffe wie „Dialektik“, „Materialismus“… vermeiden. Das (gesellschaftlich wirtschaftliche) Sein bestimmt doch das Bewusstsein, oder?

    1. Hallo Herr Sekeroglu,

      es ist nicht leicht, auf Ihren Kommentar zu antworten, denn es wimmelt darin von Unterstellungen über die Autorin (z.B. dass sie „den dialektischen Materialismus hasse“, dass sie Sie als einen „Betonkopf“ sehe und im „neoliberalen… Universitäten Karriere machen möchte). Worauf wollen Sie eigentlich inhaltlich hinaus?

      Interesssant fände ich noch die Frage: Schließen sich die Aussagen „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“ und „Das Bewusstsein bestimmt das Sein“ eigentlich aus?

      Grüße, Birgit Stratmann

      1. Sie haben Recht, Frau Stratmann. Es war unhöflich von mir, so viele Vorwürfe in einigen Sätzen zu schreiben! (Bei meiner Antwort an Frau Schmidt habe ich mich ein Stück entschuldigt!).
        Sie haben auch Recht, wenn Sie sagen: „Das Bewusstsein bestimmt das Sein!“ Auch! In der Hinsicht bin ich weiterhin ein unverbesserlicher Marxist. Aber: Unter dem „Sein“ verstehe ich nicht nur die „wirtschaftliche Basis“ (Marx/Engels), sondern auch die Gesamtheit der geschichtlichen und gesellschaftlichen Werte. Dazu gehören natürlich verschiedene Ideologien/ Religion/ Weltanschauungen/ „Bewusstseinsindustrie“ usw. Das Bild des „Bösen“ (Feindbild) gehört dazu. Nehmen wir den IS als Beispiel an. Ich habe mich über den islamischen Fundamentalismus (auch in Deutschland) ein Bisschen schlau gemacht. Alle fundamentalistischen Organisationen haben ihre Unterstützen im Westen (in den USA/Israel, in England, in Deutschland und in der Türkei usw.). Das „SEIN“ hierbei ist das Öl bzw. Energiequellen, zu kontrollierende Pipeline-Wege… Dieses „SEIN“ wird phänomenologisch auf eine Terrororganisation (IS als „Böse“) reduziert, die rund um die Uhr beobachtet, kontrolliert und gesteuert wird. Wir müssen – „dank“ „Bewusstseinsindustrie“ (!) – daran glauben, dass dies eine „Verschwörungstheorie“ ist und dass IS mit einer falschen Auslegung des Islams/ Korans zu tun hat… Das „Böse“! Das sind wir eigentlich alle, weil wir zwar angekettet von unseren „Gauklern“ (Platon) durch die Medien und durch die Politik… in einer „Höhle“ leben, aber diejenigen als „Böse“ bezeichnen, die uns von den „Gauklern“ vorgegaukelt wird! Also: Das „Gaukeleien“ der Herrschenden, die das Öl (u.a) KRIEGen wollen, bestimmt unser Bewusstsein.
        Mit besten Grüßen…
        Dursun Mehmet Şekeroğlu

  2. Sehr geehrter Herr Sekeroglu,

    auf Ihren Kommentar nun auch noch eine kurze Antwort von meiner Seite, auch mir wird leider nicht klar, worauf Sie hinaus wollen. Ich habe keinerlei Schwierigkeiten mit unterschiedlichen Standpunkten, und meine Heimat sehe ich nicht in festbetonierten philosophischen Kategorien des Universitätsbetriebs (in dem ich übrigens schon lange nicht mehr tätig bin), oder denen, die Sie ins Rennen schicken, so dass es Ihnen schwer fallen sollte, vorauszusagen, was ich wozu denke oder wovon halte. In Bezug auf meine inhaltlichen Äußerungen, von denen Sie sagen, dass ich um den heißen Brei herumrede, mögen Sie Recht haben, sofern sie damit sagen wollen, dass die Einteilung in Schwarz/Weiß oder Gut/Böse alles andere als eindeutig ist bzw. das, was daraus als Handlungsoptionen folgt. Das liegt aber weniger daran, wie ich die Dinge sehe, sondern daran, dass diese Kategorien ihrem Wesen nach nicht so eindeutig sind, wie wir es manchmal gern hätten. Die Philosophie bedeutet die „Liebe zur Weisheit“, also den ernstgemeinten Versuch, sich der Weisheit anzunähern, manchmal muss man also in der Nähe der Wahrheit bleiben, und dann vielleicht auch eine Weile um den heißen Brei herumreden – aber das ist ein Anfang, nicht mehr, aber ganz sicher auch nicht weniger.

    mit freundlichen Grüßen, Ina Schmidt

  3. Liebe Frau Dr. Schmidt,

    Sie fassen das Böse als die Abwesenheit dessen, was wir als das Gute begreifen. Dieser Gedanke gefällt mir sehr gut. Danke dafür! Denn einerseits scheint es mir notwendig, vom „Guten“ zu sprechen. Andererseits ist die ideologische oder religiöse Verwendung von dessen Gegenteil, dem Bösen, eine nicht ungefährliche Sache. Dies hat folgende Gründe: Die Annahme eines solchen Bösen verhindert, nach tieferen Ursachen eines Übels zu forschen. Die Annahme böser Menschen verhindert, an die Möglichkeit zu glauben, dass diese Menschen sich ändern können. Die Annahme des Bösen eignet sich zur politischen und ideologischen Manipulation. Diese Gründe nennt der Dalai Lama (zu dessen Tugendethik ich mich bekenne).

    Soweit ich es beurteilen kann, ist die moderne christliche Ethik eher nicht dualistisch, kennt eher kein Böses, sondern spricht vorrangig allein vom Guten. Dazu eine Überlegung. Die tatsächliche und beobachtbare Moral einer Gesellschaft äußert sich im Verteilen von Achtung und Missachtung – Niklas Luhmann hat dies festgestellt. Die konstruktive Funktion liegt dabei sicherlich im Stärken der gegenseitigen Achtung, wogegen Missachtung allzu oft zu Streit, Diskriminierung und Feindschaft führt. Der Leitsatz christlicher Ethik: Du sollst deinen Nächsten wie dich selbst lieben, lässt sich so gesehen als Förderung gegenseitiger Achtung verstehen.
    Was die Interpretation des Korans betrifft, bin ich nicht bewandert. Jedenfalls ist eine nicht-dualistische Ethik wünschenswert, die auch Ungläubigen Achtung entgegen bringt und nicht etwa von einem Dschihad gegen jene Menschen spricht.

    Neben Ihrer Unterscheidung Gut/Abwesenheit von Gut und Gut/Böse gibt es noch eine dritte mögliche Position. Die moderne analytische Ethik vermeidet selbst den Begriff Gut. Hier geht es nur mehr um richtig/falsch. Daran ist die Überzeugung geknüpft, dass es kein Wissen über etwas absolut Gutes geben kann. Im Positiven ermöglicht diese Haltung Unvoreingenommenheit und erleichtert es, eine Metaebene zu finden, um komplexe Angelegenheiten zu beurteilen. Allerdings wird eine solche Neutralität mitunter derart übertrieben angestrebt, dass eine wertende Bezugnahme auf tatsächliche Probleme kaum noch möglich ist. Statt einer immer komplexeren Welt ideologiefrei gerecht zu werden, verdrückt sich eine so verstandene Ethik und beschäftigt sich nur mehr mit sehr abstrakten Fragen.

    Ich stimme daher vollkommen mit Ihnen überein, dass wir mit den gemeinsamen Menschenrechten die Grundlage von Ethik festgeschrieben haben. Ethik bedeutet daher keine Indifferenz, sondern das Begründen und engagierte Vertreten der humanistischen Überzeugung, die dem gemeinsamen Menschsein zugrunde liegt. Es macht Sinn und ist notwendig, in diesem Sinn vom Guten zu sprechen.

    Was die Begründung der gleichen Würde und der gleichen Rechte für alle Menschen betrifft, verweisen Sie auf Immanuel Kant und seine reine Vernunft. Ich dagegen glaube an natürlich angelegtes Mitgefühl, mitfühlendes Nachdenken und die Einsicht in eine zunehmend durch gegenseitige Abhängigkeit geprägte globale Welt, d.h. an die Argumentation des Dalai Lama. Besonders was die Überzeugung angeht, dass Ethik etwas mit unserem eigenen Glück zu tun hat, entsteht eine Spannung zur Philosophie Kants.

    Meine eigentliche Kritik betrifft jedoch dasjenige, das Sie mit Hannah Arendt als das Böse bezeichnen. Sicher hat moralische Gleichgültigkeit mit dem „Eichmann“ zu tun, dessen Persönlichkeit wir aufgrund der Filmdokumente zum Prozess gut studieren können. Sicher ist die absolute Gewissenlosigkeit Eichmanns böse. Später trat durch das berühmte und oftmals bestätigte Milgram Experimente noch das Problem des Gehorsams zu jener Gewissenlosigkeit hinzu. Und natürlich ist es vollkommen zulässig, den Eichmann als bösartigen Menschen zu charakterisieren.

    Bloß hat der Eichmann m.E. mit Faschismus kaum was zu tun. Und mit dem IS hat er schon gar nichts gemein. Wenn schon, dann entspricht der „Eichmann“ dem Typus mancher westlicher Manager der Rohstoffbranche. Sie kollaborieren gewinnorientiert im Auftrag ihrer Aktionäre und Vorstände mit Typen wie Gaddafi oder Assad und deren Clans. Gemeinsam plündern sie den Rohstoffreichtum jener Länder und verschieben Milliarden auf anonyme Konten, während rundum äußerstes Elend, Verbrechen und Hunger herrschen. So wie der Eichmann sind solche Manager keine rassistischen und hassgetriebenen Fanatiker und wollen die Auswirkungen ihrer Verbrechen gar nicht betrachten müssen.

    Das Böse von Faschismus und auch von IS funktioniert aber ganz anders, denn diese Ideologien sind in der wesentlichen Hinsicht „moralisch“! So absurd dies auch klingen mag. Thomas Mann äußerte im Rückblick zu den frühen 30ern: „Man soll nicht vergessen und sich nicht ausreden lassen, dass der Nationalsozialismus eine enthusiastische, funkensprühende Revolution, eine deutsche Volksbewegung mit einer ungeheuren seelischen Investierung von Glauben und Begeisterung war.“ Wie Sie sicher wissen, verfiel auch der Philosoph Ihrer Doktorarbeit, Martin Heidegger, Anfang der 30er dieser spezifischen Begeisterung für Adolf Hitler, auch wenn er später rationale Gründe vorschob.

    Beim Faschismus war es die andere, sozialdarwinistische „Moral“, die Hitler mit dem Ausmerzen von Nächsten- und Feindesliebe und dem Auslöschen des Judentums und seines Tötungsverbots bezweckte. Dies ging mit unerhörter Achtung für die arische Rasse und größtem Idealismus, den viele Nationalsozialisten für diese Sache empfanden, einher. Es war das Gefühl des Erhabenen, des heiligen Willens, der Teilhabe an größeren Mächten, das die faschistische Propaganda einer Riefenstahl zu erzeugen wusste. Diese „moralische“ Komponente lässt sich sehr eindeutig argumentieren, auch wenn die anfängliche Begeisterung, die der Nationalsozialismus auslöste, später natürlich gerne geleugnet wurde.

    Der Nationalsozialismus lässt sich daher besonders als Umwertung hin zu einer grausamen „Moral“, begreifen, glaube ich. Dies gilt selbstverständlich nur, wenn wir Moral abseits unserer Überzeugung aus der unvoreingenommenen Außenperspektive fassen!

    Hier findet sich nun die Ähnlichkeit zum IS. Denn offenbar ist es ebenso eine spezielle Moral, die den IS für junge Menschen attraktiv macht. Es ist eine Moral, die mit dem operiert, was die Psychoanalyse als primitive Spaltung bezeichnet: Wir folgen dem Propheten, wir sind Brüder, wir lieben uns alle und der Feind ist draußen, und wenn wir ihn zerstören, ist die Welt wieder perfekt.

    Es scheint doch ein Faktum, dass Menschen aus innerer oder äußerer Not zu dieser kognitiven Strategie greifen. Der Psychoanalytiker Otto Kernberg beschreibt diese paranoide Strategie höchst anschaulich. Sie geht mit dem Dualismus von Gut und Böse einher. Wir sollten ihr nicht mit dem gleichen paranoiden Dualismus begegnen.
    Selbstverständlich möchte ich dies Ihrem Essay überhaupt nicht unterstellen! Der Dalai Lama spricht von einem Islam, dessen höchster Wert die Barmherzigkeit ist. Diesem Islam müssen wir die Hand reichen.

    Daneben existiert natürlich die abscheuliche und vielleicht unheilbare Bösartigkeit einzelner Menschen, wie sie besonders in Extremsituationen und im Terrorismus zutage tritt. Doch ist dies kein Abstrakt-Böses, das hier aufscheint, sondern es sind immer noch konkrete, verhetzte Täter mit abscheulichen Eigenschaften und einer oft narzisstisch-bösartigen Persönlichkeit. Hier sind es besonders die unheilbaren Hassprediger, vor denen die offene Gesellschaft zu schützen ist.

    Soweit meine Gedanken zum Bösen. Lieben Gruß, Wolfgang Horniczek

  4. Sehr geehrte Frau Schmidt,

    erst gerade habe ich Ihre Antwort – zufällig – gesehen, weil ich nicht damit gerechnet hatte, dass Sie auf meine etwas harte (fast provokative!) Worte eine Antwort schreiben. Danke für Ihre nette Antwort… Ich stimme zu, dass man das Böse nicht so einfach und eindeutig feststellen kann. Eigentlich wollte ich nur darauf hinweisen, dass das Böse mit der „Herrschaft“ („Vater“/ Staat usw.) zu tun hat. Marx/ Engels sagten im Kommunistischen Manifest: „Die herrschenden Ideen einer Zeit waren stets nur die Ideen der herrschenden Klasse.“ Wenn wir nun die „Idee“ mit dem von der „Herrschaft“ konstituierten Bösen gleichsetzen, müssen wir sagen: „Die herrschenden „Bösen-Bilder“ (!)/ Feindbilder sind „Bilder“ der Herrschenden. Diese Tatsache können wir in der Menschheitsgeschichte leicht verfolgen, indem wir auf die Geschichte des Bösen schauen: „Teufel“, „Hexen“, „Ketzer“, Juden, Kommunisten, „(islamische) Terroristen“ usw. Der „Vater“-Staat bestimmt also nicht nur den „Heiligen Geist“, sondern auch den „Unheiligen (spricht: ‚Bösen‘) Geist“…
    In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein gesundes neues Jahr, in dem Sie mit dem „Bösen“ nicht zu tun haben!
    Mit besten Grüßen.

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