Ein Essay der Philosophin Ina Schmidt

In Zeiten von Gewalt und Terror sind wir schnell dabei, die Welt in „gut“ und „böse“ einzuteilen. Oft werden schon Andersdenkende als „böse“ bezeichnet. Für Ina Schmidt ist jedoch das wichtigste Kriterium für „das Böse“, sich und andere nicht als Personen zu verstehen. Blinde Zerstörungswut ist nur für diejenigen möglich, die andere nicht als Menschen anerkennen.

Nicht erst seit dem Bürgerkrieg in Syrien und den Kämpfen gegen den sogenannten Islamischen Staat, stellen sich die Fragen nach dem, was wir als Bedrohung erleben: Wie können wir das „Übel“ bekämpfen? Wie lässt sich die Ursache ausmachen und wie kommt man überhaupt ins Gespräch mit denjenigen, die dafür verantwortlich sind?

Schon während der Amtszeit des US-Präsidenten George Bush kursierten begriffliche Bilder einer „Achse des Bösen“, die den bedingungslosen Kampf gegen Schurkenstaaten und jede Form des „Terrors“ zur Notwendigkeit erklärte. Aber was ist es, was wir da als das „Böse“ oder den „Terror“ bezeichnen? Und welche Möglichkeiten gibt es, dem wirklich etwas entgegenzusetzen, ohne sich auf das hohe westliche Ross moralischer Überlegenheit zu setzen, wonach Folter in US-Gefängnissen oder amerikanische Amokläufer mit anderen moralischen Maßstäben gemessen werden als muslimische Gewalttäter?

Was bedeuten unsere Werte von Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit, wenn wir gegenwärtig erleben, wie sich neben all der Hilfsbereitschaft und dem Engagement in der Flüchtlingskrise auch jede Menge Bösartigkeit in westlichen und demokratisch geprägten Köpfen Bahn bricht – in den Foren sozialer Netzwerke, in offenen Demonstrationen oder in feigen Anschlägen gegen Flüchtlingsheime.

Ein erster wichtiger Schritt liegt darin, sich zu vergewissern, worüber wir eigentlich sprechen, in welchem Kontext und wie vorsichtig wir mit dem Begriff des „Bösen“ umgehen sollten, wenn wir es mit unserer eigenen Idee von Demokratie und Moral wirklich ernst meinen.

Grausamkeit ohne Sinn und Verstand

Die politische Denkerin Hannah Arendt hat sich in ihrer Auseinandersetzung mit den Ursprüngen totaler Herrschaft auch der Frage nach dem Wesen des Bösen intensiv gewidmet. In den 1930er Jahren floh sie vor den Nazis und verfolgte die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Greueltaten aus ihrem Exil in New York.

1960/61 berichtete Hannah Arendt über den Eichmann-Prozess in Israel, in dem der SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann zum Tode verurteilt wurde. In ihrer Beobachtung des Mannes als eines Rädchens in der Tötungsmaschine der Nationalsozialisten, erlebte Arendt eine unerwartete Wendung in ihrer ganz persönlichen Wahrnehmung des „Bösen“.

Nicht das menschliche Monster, das Böse in Person, sondern ein unscheinbarer Mitläufer, der seine Befehle ausführte, ohne eine moralische Haltung zu beziehen, war das, was dort aus Ausdruck totalitärer Herrschaft in Erscheinung trat. Adolf Eichmann folgte keiner Ideologie des Bösen, er folgte nichts als Befehlen, die von einer Obrigkeit ausgingen.

Letztlich kam Hannah Arendt zu dem Schluss, dass dem „Bösen“ in der Tiefe etwas Banales anhafte, etwas, das zwar zu größter Grausamkeit fähig ist, aber nicht dazu, aus einer Überzeugung heraus etwas zu bewirken – außer Zerstörung. Das, was „das Böse“ in seinem Kern ausmacht, ist eine Form unverhältnismäßiger Grausamkeit, die keinem Ziel oder Zweck, keiner Überzeugung mehr geschuldet ist, sondern Grausamkeit als Selbstzweck einsetzt.

Wie aber begegnen wir einem Phänomen, das sich auf nichts bezieht, als auf die Zerstörung des Bestehenden, das nichts außer der Bereicherung weniger im Blick hat, auf welchem Weg auch immer? Barack Obama hat in einer Rede vor den Vereinten Nationen im Herbst 2014 davon gesprochen, dass es „keine Sprache“ für das Böse gebe, dass es also nur möglich sei, der Gewalt des Bösen mit Gegengewalt zu antworten. Damit mag er auch vor dem Hintergrund der Gedanken Hannah Arendts recht haben, aber woher wissen wir, wann wir es wirklich mit dem „Bösen“ zu tun haben, statt mit einer anderen Auffassung des „Guten“ ?

Das Böse wird von Wesen getan, die keine Personen mehr sind

Offenbar lässt sich dieser Unterschied nur in der konkreten Auseinandersetzung treffen anhand der grundlegenden Fragen: Gibt es eine letzte Möglichkeit, sich in unser Gegenüber hineinzuversetzen? Können wir den anderen als einen Menschen mit „anderen“ Überzeugungen erkennen, auch wenn wir nicht mit ihm übereinstimmen?

Oder gibt es kein gemeinsames Fundament mehr für einen solchen Austausch? Diese Fragen sind nicht einfach zu beantworten, aber sie sind wegweisend, wenn wir unterscheiden wollen, ob wir es mit dem „Bösen“ zu tun haben oder mit einem Gegner, den wir in seinem Menschsein weiterhin anerkennen müssen, wenn wir die eigenen Werte wirklich leben wollen.

Hannah Arendt beschreibt das Wesen des Bösen als vollständig losgelöst von einem nachvollziehbaren Wertegerüst. Es hat keinen Bezug zu einem eigenen Ziel. Und damit ist es auch nicht möglich, für eine „böse“ Tat, Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung setzt voraus, dass wir uns mit den Folgen unseres Handelns auseinandersetzen wollen, dass wir etwas tun, was auf ein begründbares Ziel ausgerichtet ist.

Die grausame Zerstörung, etwa antiker Stätten im Nahen Osten tritt zwar im Namen einer Überzeugung auf, scheint es aber nur auf Gewalt und Widerstand gegen eine verhasste westliche Welt und auf den eigenen Machterhalt abgesehen zu haben. Die Zerstörung erscheint unberechenbar und richtet sich letztlich sogar gegen die eigenen Wurzeln und die eigene Geschichte.

Grausamkeit als Selbstzweck ist das, was Hannah Arendt in ihrer vierteiligen Vorlesungsreihe „Über das Böse“ als das „größte begangene Böse“ beschreibt, eine Tat, die „von Niemandem getan wurde, das heißt, von menschlichen Wesen, die sich weigern, Personen zu sein.“ Eine Person ist in diesem Verständnis ein bewusstes Subjekt, ein Individuum mit „menschlichen“ Qualitäten, das vernunftorientiert handelt.

Der Aufklärer Immanuel Kant hat diesen Begriff der „Person“ geprägt. Als zentrale Wesensmerkmale hebt er die Vernunftbegabung und die Fähigkeit hervor, sich als moralisches Wesen verantwortungsvoll verhalten zu können. Wir haben die Fähigkeit, uns für ein solches Handeln zu entscheiden.

Erkennen wir diese Grundsätze der Menschlichkeit nicht mehr an, werden wir zu „Unmenschen“ und damit unerreichbar für diese Grundsätze. Dann aber werden Taten möglich, die all unsere moralischen Vorstellungen sprengen und mit nichts übereinstimmen, was für uns eine Bedeutung hat. Und erst dann können wir von der Qualität des „Bösen“ sprechen – als die größtmögliche Abweichung von dem, was wir als „gut“ bezeichnen. Dabei aber beschreibt das Böse keine eigene Qualität, es folgt keinen eigenen Grundsätzen, sondern es zeichnet sich allein durch die Abwesenheit dessen aus, was wir als das „Gute“ erkennen.

Das Gute beruht auf kulturellen Werten

Wenn wir aber diese moralischen Kategorien auf aktuelle Situationen übertragen, lässt sich feststellen, dass wir oft zu ungenau sind: Wir beschreiben nicht nur das als „böse“, was „niemals hätte geschehen dürfen“, sondern auch das, was wir nicht teilen, was wir als eigenen Grundsatz nicht gelten lassen wollen. Auch das, was wir nicht kennen, was uns fremd oder ungewohnt erscheint, empfinden wir schnell als Bedrohung für unsere bestehende Welt. Dies gilt sowohl für Menschen, die meinen, die „Islamisierung des Abendlandes“ stünde unmittelbar bevor und damit Hetzreden und Nazipropaganda rechtfertigen, als auch für jene, die sich das Recht nehmen, unsere Werte und Überzeugungen zu missachten und eine Rachefeldzug gegen den Westen zu entfesseln.

Aber auch im Kleinen finden wir diese Konflikte: Wie viel wissen wir über unser Gegenüber
, das wir gerade als bedrohlich empfinden? Welcher Flüchtling nimmt uns welchen Job weg und wie sieht es tatsächlich aus mit der Bereitschaft, Menschen aus anderen Kulturen zu integrieren? Wo braucht es ein klärendes Gespräch oder die Möglichkeit, sich zu begegnen, um in den Kommunen oder Städten Lösungen zu finden, die der Angst vor dem vermeintlich „Bösen“ den Nährboden entziehen?

Wenn wir schon in der Debatte beginnen, über diese sehr komplexen und schweren Fragen behutsamer mit den Begrifflichkeiten umzugehen und die philosophische Idee der „Person“ dabei im Kopf behalten, dann ist es zumindest sprachlich leichter, zu differenzieren. Wenn wir das Phänomen des „Bösen“ nicht missbrauchen, um die eigenen Position zu verteidigen, sondern es auf eine grausame Gewalt um ihrer selbst willen begrenzen, dann haben wir andere Möglichkeiten, begriffliche Grenzen zu ziehen und Demagogen und Rechtspopulisten etwas entgegenzusetzen.

Wir haben uns in unserer Verfassung auf die Grundwerte geeinigt, die wir für ein menschliches Miteinander abgesichert wissen wollen, es gibt eine UN-Charta der Menschenrechte und damit haben wir als menschliche Gemeinschaft Werte und Überzeugungen festgeschrieben, die die Grenzen von „gut“ und „böse“ markieren sollen. Selbstverständlich sind diese Grenzen nicht frei verhandelbar – sonst wären sie nicht das Papier wert, auf dem sie stehen.

Trotzdem müssen sie im Konfliktfall die Grundlage einer geführten Auseinandersetzung bleiben, um mit Menschen anderer Überzeugungen und Glaubensrichtungen im Gespräch zu bleiben, bis wir an die Grenze dessen stoßen, was wir für das „Böse“ halten. In einer solchen Auseinandersetzung, die nicht mit Gewalt geführt wird, sondern im Dialog, bleiben auch unsere Feinde ein menschliches Gegenüber.

Dieser Weg ist wahrlich nicht leicht und er hat seine Grenzen, Grenzen, die wir zur Zeit erleben. Im Zusammenhang mit den Greueltaten des Islamischen Staates versagt die Sprache, und so hatte Obama ein Stück weit recht. Wichtig ist nur, diese Grenze sehr überlegt zu ziehen und auch erst dann, wenn alle anderen Mittel erschöpft sind.

Einen solchen Weg einzuschlagen, ist nicht leicht und oftmals nicht einmal eindeutig. Aber er ist der einzige, der vor der ernsthaften Überzeugung demokratischer und freiheitlicher Werte, möglich ist und er lebt von der idealistischen Überzeugung, dass auch die Annäherung an das Gute einen Wert darstellt, selbst wenn es die eigenen Vorstellungen nicht umsetzen kann. Es ist der einzige Weg, der dem „Bösen“ eine humanistische Idee der Feindschaft entgegenhalten und damit eine andere Sprache als die der Gewalt möglich werden lässt.

Ina Schmidt

InaSchmidt-privates FotoDr. Ina Schmidt studierte Kulturwissenschaften und Philosophie. 2004 Promotion über den Einfluss der Lebensphilosophie auf das Denken Martin Heideggers. 2005 Gründung der denkraeume, einer Initiative für philosophische Praxis. Buchautorin, Referentin der Modern Life School und freie Mitarbeiterin des Philosophiemagazins „Hohe Luft“. Ina Schmidt lebt mit ihrem Mann und den gemeinsamen drei Kindern in Reinbek bei Hamburg.