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Die Beschwörung des gesunden Lebens

Wie politisch ist Ernährung?

Gute Ernährung ist zu einer Art Kult geworden, gerade auch unter jungen Menschen. Statt sich Exzessen und Mutproben hinzugeben, achtet man peinlich genau darauf, was man zu sich nimmt. Kulturwissenschaftler Wolgang Ullrich fragt, was der Alarmismus beim Essen zu bedeuten hat. Könnte es eine andere Form sein, sich gegen Fremdes abzugrenzen?

 

Kaum ein Begriff hat in den letzten Jahren eine so große Karriere gemacht wie der Begriff ‚Ernährungsumstellung’. Statt die Ernährung, abhängig von Lebenssituation und Wohlstandsniveau, nach und nach ein wenig zu ändern, setzt man lieber auf eine klare Zäsur. Manche benehmen sich sogar wie Renegaten, die ihr früheres Leben als verfehlt und sündhaft verdammen und das neue Leben zum Hort des Wahren und Guten verklären. Und kaum haben sie ihre eigene Ernährungsumstellung halbwegs geschafft, werden sie zu Missionaren, die andere dazu drängen, es ihnen nachzutun.

Auf der Video-Plattform „YouTube“ finden sich unzählige Videos von Menschen, die von ihrer Ernährungsumstellung berichten und den Zuschauern Mut machen, sich auf denselben Weg zu begeben. Oft handelt es sich, wie auch sonst bei YouTubern, um junge Leute – 16-, 18-, 20-jährig –, die sich in absoluter Ernsthaftigkeit Video um Video mit ihrer Ernährungsumstellung befassen:

Ausführlich legen sie die Gründe dar, warum sie vegan geworden sind oder künftig komplett auf irgendetwas verzichten. Äußerst gewissenhaft beschreiben sie alle Veränderungen, die sie infolge ihrer neuen Ernährungsgewohnheiten verspüren Nicht ohne Pathos schildern sie die – oft ablehnenden – Reaktionen von Familienmitgliedern und Freunden, durch die sie zu Außenseitern werden.

Tyrannische Biopolitik

Wer sich daran erinnert, welcher Habitus unter Jugendlichen noch vor zwei, drei Generationen üblich war, kann nicht aufhören, sich über das Auftreten der Ernährungsumsteller zu wundern. Statt mit Drogenerfahrungen, Exzessen und Mutproben anzugeben, ja statt mit Ausnahmezuständen zu sympathisieren und sich draufgängerisch zu geben, beschwören sie einfach ein gesundes Leben.

Voller Genugtuung teilen sie mit, wovon sie sich befreit haben und wie sie dadurch bei sich selbst angekommen sind. Überschüssige Kräfte werden nicht ausgelebt oder geradezu mutwillig vernichtet, indem man beim Essen und Trinken über die Stränge schlägt, sondern man haushaltet vernünftig damit, hegt und pflegt sie, sorgt sich bei jeder kleinen Übertretung.

Hier ist eine größere gesellschaftliche Mentalitätsveränderung zu beobachten, die der österreichische Philosoph Robert Pfaller prominent am Beispiel des gewandelten Verhältnisses zum Rauchen diagnostiziert und analysiert hat: Was „bislang als mondän und gesellig galt“, wird nun „zu einem Objekt des geekelten Anstoßes“, wobei sich „selbstberufene Gesundheitsapostel“, so seine Wahrnehmung, „mit grenzenloser Aggression“ gegen alle wenden, die ihren Standards von gesundem Leben nicht folgen.

Weiter spricht Pfaller sogar von “faschistoiden Mimosen“, die zunehmend die Diskurse bestimmen, eine tyrannische Biopolitik betreiben und daran arbeiten, dass jegliche „Krankheit in Zukunft als etwas Selbstverschuldetes“ empfunden wird.1

Ist das die Deutung eines Vertreters einer bereits etwas älteren Generation, der der eigenen Jugend und ehedem erlebten oder auch nur erträumten Abenteuern eines wilden Lebens, ja irgendwelchen – vielleicht auch romantisierten – Spielarten von Ausnahmezustand nachtrauert, so sind damit Menschen, die ihre Ernährung umgestellt haben, kaum zu beeindrucken. Diese erleben ihren Neuanfang als so großen Fortschritt, dass es nur schwer gelingen könnte, sie davon abzubringen.

Insofern die Umstellung fast immer die Entscheidung für eine ganz bestimmte Ernährungsphilosophie bedeutet, kommt es ihnen so vor, als habe sich ihr Leben vom Chaotischen zum Geregelten, vom Uneigentlichen zum Eigentlichen, vom Unklaren zum Integren und damit auch Moralischen gewandelt.

Jegliche Verfallenheit an Trash und Bullshit scheint endlich überwunden, alles, was schädlich sein könnte, ist eliminiert. Die große Läuterung hat stattgefunden und wird, so die Überzeugung, auf das Verhalten insgesamt ausstrahlen, wodurch sich viel Positives bewirken lässt.

Dennoch hieße es, den Charakter vieler Ernährungsumstellungen zu verfehlen, würde man ihnen eine streng religiöse oder totalitär-ideologische Grundlage unterstellen. Vielmehr handelt es sich oft um Entscheidungen, die unabhängig von einer kompletten Weltanschauung – unabhängig davon sind, wie andere Bereiche des Lebens organisiert werden. Bekehrt sich eine Person zum Veganismus, lässt sich daraus also nicht schließen, ob sie einer speziellen Kirche oder einer bestimmten esoterischen Strömung angehört oder welche politische Einstellung sie vertritt.

Stoffwechselkontrolle

Dass ein schlechtes Ernährungsgewissen jedenfalls längst auch Menschen aus Milieus erreicht hat, die nicht zu den dafür verdächtigen grün-alternativen Besserverdienenden gehören, ja dass sich eben gerade auch junge Leute Sorgen über ihre Ernährung machen, verdeutlicht, wie stark die Gesellschaft insgesamt alarmiert ist, sobald es um Essen und Trinken geht.

Im Internet zirkuliert hunderttausendfach ein kurzer Brief, der an den eigenen Körper gerichtet ist und den Nutzer Sozialer Medien immer dann posten, wenn sie sich schlecht und schuldig fühlen. Er lautet, in deutscher Übersetzung: „Lieber Körper, es tut mir leid, ich habe dich so misshandelt, weil ich dir die falschen Lebensmittel gegeben und mich nicht um dich gekümmert habe. Ich verspreche, es künftig besser zu machen und dich wieder zur besten Form und Fitness zurückzuführen, die für dich möglich sind. Wir können es schaffen! Mit freundlichen Grüßen Ich“.2

Doch wie ist das zu schaffen? Das Zauberwort dafür lautet ‚Detox’, wie man schnell lernt, wenn man noch ein paar mehr YouTube-Videos anschaut. Oft ist darin von erlösenden Entgiftungserlebnissen oder auch peinvollen Entgiftungspannen, am häufigsten und ausführlichsten aber von einschlägigen Entschlackungsprodukten die Rede.

Man könnte zu der Auffassung gelangen, dass eine individuell austarierte und industriell begleitete Detox-Strategie heutzutage zu jedem halbwegs seriösen Leben gehört, so wie früher mal ein Bausparvertrag oder eine Aussteuer. Für viele scheinen Entgiftungsrituale so selbstverständlich zu sein wie Haareschneiden und Ohrenputzen, und so verfestigt sich allenthalben die Vorstellung, dass Essen und Trinken an sich eine Bedrohung der leiblichen Integrität, ja der Identität der gesamten Person darstellen.

Spätestens jetzt könnte – und sollte – man aber doch ins Grübeln kommen, ob Robert Pfaller wirklich übertrieben hat, als er die Menschen, die sich in einer Gesundheits- und Reinheitspanik eingerichtet haben, als „faschistoide Mimosen“ bezeichnet hat. Die Angst vor falscher Ernährung ist von einem Denken gespeist, das streng zwischen dem Eigenen und dem Fremden unterscheidet und gegenüber allem, was von außen kommt, zuerst mit Misstrauen und Abwehr reagiert.

Die Sorge um den Stoffwechsel ist also weitergehend eine Sorge um stabile, gut kontrollierte Grenzen. Menschen, die sich über Nahrungsmittelunverträglichkeiten und Inhaltsstoff-Intoleranzen definieren, könnte unterstellt werden, eine ähnliche Mentalität wie diejenigen zu haben, die aus Angst vor Überfremdung gegen eine multikulturelle, offene Gesellschaft zu Felde ziehen. Nur dass einmal der eigene Körper, im anderen Fall die gesamte Kultur – für manche auch der Volkskörper – als gefährdet erscheint und zum Gegenstand xenophober Reflexe wird.

Die Beschwörung des Echten, Authentischen, Reinen sollte also zu denken geben. Wer sieht, wie viele Jugendliche mittlerweile nicht nur Videos über Ernährungsumstellung und Entgiftung drehen, sondern auch sonst viel Zeit und Engagement darauf verwenden, einen passenden Ernährungsstil zu finden, sollte sich bewusst sein, dass die hierbei eingeübten Denkmuster genauso dazu geeignet sind, etwas als fremd Empfundenes zu denunzieren und eine auf Abgrenzung und Reinhaltung angelegte Identitätspolitik zu betreiben.

So wie die Protagonisten der 68er-Bewegung die Überzeugung vertraten, auch und gerade das Private sei politisch, ließe sich mittlerweile also konstatieren, dass Essen und Trinken zumindest nicht länger unpolitisch sind.

Wolfgang Ullrich

Annekathrin Kohout

Annekathrin Kohout

Wolfgang Ullrich ist Kulturwissenschaftler und freier Autor. Er forscht und publiziert zur Geschichte und Kritik des Kunstbegriffs, bildsoziologische Themen und Konsumtheorie. Er lebt in Leipzig. Mehr unter www.ideenfreiheit.de

Ullrich spricht am 19. April 2017 auf Einladung des Netzwerks Ethik heute „Über die Käuflichkeit von Moral“

 

 

 

 

1 Robert Pfaller: Das schmutzige Heilige und die reine Vernunft. Symptome der Gegenwartskultur, Frankfurt/Main 2008, S. 14f., 109.

2 Im englischen Original: „Dear body, I’m sorry‚ I’ve treated you this way, feeding you the wrong foods and not taking care of you. I promise to do better and get you back to the best shape and fitness you can be. We can do it! Sincerely, me.” – Z.B. auf: https://www.instagram.com/p/BPiGgZkDw3J.

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