Francesca Schellhaas/photocase.de
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Großzügig sein

Die 2. Achtsamkeitsübung

Der Meditationsmeister Thich Nhat Hanh hat fünf Achtsamkeitsübungen entwickelt, nach entsprechend allgemein anerkannten ethischen Richtlinien. Yesche U. Regel stellt die zweite Regel vor: nicht stehlen und Zeit, Energie und materielle Mittel mit anderen teilen.

Im Bewusstsein des Leidens, das durch Ausbeutung, soziale Ungerechtigkeit, Diebstahl und Unterdrückung entsteht, bin ich entschlossen, Großzügigkeit in meinem Denken, Reden und Handeln zu praktizieren. Ich bin entschlossen, nicht zu stehlen und nichts zu besitzen, was anderen zusteht.

Ich werde meine Zeit, Energie und materiellen Mittel mit denen teilen, die sie brauchen. Ich werde mich in tiefem Schauen üben, um zu erkennen, dass das Glück und das Leiden anderer nicht getrennt sind von meinem Glück und meinem Leiden, dass wahres Glück nur möglich ist mit Verstehen und Mitgefühl und dass es viel Leiden und Verzweiflung bringen kann, hinter Reichtum, Ruhm, Macht und sinnlichem Vergnügen herzujagen.

Ich bin mir bewusst, dass Glücklichsein von meiner geistigen Haltung und nicht von äußeren Umständen abhängig ist und dass ich glücklich im gegenwärtigen Augenblick leben kann, indem ich mich daran erinnere, dass ich bereits mehr als genug Bedingungen habe, um glücklich zu sein. Ich bin entschlossen, „rechten Lebenserwerb“ zu praktizieren, um so dazu beizutragen, das Leiden der Lebewesen auf dieser Erde zu verringern und den Prozess der globalen Erwärmung umzukehren.

Gegen Ausbeutung, Ungerechtigkeit und Unterdrückung

Die zweite ethische Richtlinie oder Achtsamkeitsübung kennen wir unter dem Begriff „nicht Stehlen“ oder, wie es im Buddhismus manchmal genannt wird: „Nicht nehmen, was einem nicht gegeben wurde.“

Der vietnamesische Meditationslehrer und Friedensaktivist Thich Nhat Hanh hat diese Richtlinie mit vielen Bedeutungsebenen gefüllt und nennt das, worum es hier geht, „wahres Glück“. Aspekte des Stehlens wie Ausbeutung, Ungerechtigkeit, Unterdrückung, aber auch Betrug, Missbrauch und mangelnde Wertschätzung bringen Unglück. Sie bewirken individuelles und kollektives Leid, und deshalb unterlassen wir sie. Schauen wir uns die einzelnen Aussagen genauer an:

Um diesem Leiden etwas entgegen zu setzen, werden wir aufgefordert, selbst „entschlossen zu sein, nicht zu stehlen und nichts zu besitzen, was anderen zusteht“. Das ist natürlich angesichts der auf der globalisierten Welt fließenden Warenströme und unseres Verwobenseins in wirtschaftliche Prozesse schon eine große Aufgabe. Was würde das zum Beispiel für unser Konsumverhalten bedeuten?

Ist es ethisch vertretbar, preiswerte Kleidung zu kaufen, die bekanntlich aus menschenunwürdigen Produktionsverhältnissen stammt und bei der niemand – mit Ausnahme der Unternehmer und evtl. der Aktionäre – eine wirklich angemessene Entlohnung erfährt? Wem gehört die Hose für 10 Euro, die ich im SALE erstanden habe wirklich, ganz zu schweigen von den Materialien, aus denen die Stoffe gewonnen sind?

In einer Dokumentation über Indien waren Baumwollbauern zu sehen, die nicht ausreichend für den Anbau dieses Naturrohstoffs bezahlt wurden. Aus Verzweiflung verkauften sie die Nieren ihrer Kinder, um ihre Familien ernähren zu können. Wir hingegen empfinden vielleicht dabei Genugtuung, eine günstige Baumwollhose ergattert zu haben.

Wir teilen materielle Güter, Zeit und Energie mit anderen

Großzügigkeit,  ein gerechter Umgang mit Werten und ein genaues Handhaben von Maßen sind die heilsamen gegenteiligen Haltungen zu Diebstahl, Habgier und dem allen zugrunde liegenden Egoismus. Und diese gilt es im „Denken, Reden und Handeln“ zu kultivieren. Das kann auch „Teilen“ bedeuten, und zwar von Zeit, Energie und materiellen Mitteln.

Es so zu sehen, ist elegant. Normalerweise würde man beim Geben nur an Dinge denken, aber jemandem Zeit und Aufmerksamkeit zu widmen, kann ein großes Geschenk sein, zum Beispiel in Beziehungen, Familie und Partnerschaft oder im Berufsleben. Das fängt mit einer Haltung wacher Präsenz an; man versteht es, durch Gesten, Mimik und Körpersprache selbst in kurzen Augenblicken Zuwendung und Wertschätzung zum Ausdruck zu bringen. Und es geht bis hin zu zeitaufwendigem Engagement.

Vielleicht wird man persönliche Interessen zurückstellen, zum Beispiel um Kranke zu pflegen, ein Spiel mit Kindern auch wirklich genussvoll und zu ihrer Freude zu Ende zu spielen. Oder man macht sich die Mühe, eine soziale oder ökologische Krisensituation so genau zu untersuchen, bis man sie wirklich verstanden hat und motiviert ist, sich für konkrete Verbesserungen einzusetzen.

Auch Energie kann ein Geschenk sein. Es gibt im ostasiatischen Buddhismus Gebete, die vor einer Mahlzeit gesprochen werden. In diesen wünscht man sich, dass die Nahrungsaufnahme dazu beiträgt, dass man selbst genug Energie dafür erhält, um den Weg des Erwachens und des Mitgefühls gehen zu können. Es ist ein Anreiz für eine gesunde Lebensführung, wenn wir uns sagen, dass wir darauf achten wollen, genügend Energie zur Verfügung zu haben, so dass wir alles in unseren Möglichkeiten liegende für andere auch tun können.

Auch für die Praxis des „Tiefen Schauens“, das ist eine Art der Einsichtsmeditation, um die Verbundenheit von anderen und sich selbst wirklich zu begreifen, benötigt man Zeit und Energie. „Glück und Leiden der anderen sind nicht getrennt von meinem Glück und Leiden…“ und Glück kann nur aus „Verstehen und Mitgefühl“ resultieren und nicht aus Egoismus und dem Hinterherjagen nach persönlichen Vorteilen.

Wertschätzen, was es an Gutem gibt

Es ist der Kardinalirrtum des Menschen, dass es die äußeren Umstände sind, die zu „haben“ unser Glück bedingen würde. Äußere Dinge können uns nur dann zufrieden und irgendwie glücklich stimmen, wenn wir selbst dazu auch geistig bereit und in der Lage sind. Deshalb gibt es auch Glücksgefühle, die primär Geisteshaltungen sind, und sie resultieren aus Einfachheit, Bedürfnislosigkeit, der Fähigkeit das Wahre, Schöne und Gute wahrzunehmen.

Wer den Schüssel zum „Achtsam-Sein“ findet, wird die Neigung, sich anzueignen, was ihr oder ihm vermeintlich zusteht, zutiefst verachten, diese aufgeben und das Glück auf andere Weise suchen. Hierbei spielen Wertschätzung und Dankbarkeit für das, was man bereits hat, eine große Rolle. Wir schätzen wert, was wir an materiellen Dingen haben, aber auch den eigenen Körper, die Luft zum Atmen, erfreuliche Umstände, Beziehungen und Freundschaften.

Allzu leicht rutschen wir ab in Mangelwahrnehmung. Während ich dies schreibe, hat mein ICE mal wieder eine gehörige Verspätung. Ich könnte damit unzufrieden sein. Aber tatsächlich sitze ich in einem sehr bequemen Sessel, habe noch etwas Tee in meiner Thermoskanne und nun etwas mehr Zeit, an meinem tadellos funktionierenden Laptop zu arbeiten. Ich könnte auch einfach ein wenig ausruhen, zuschauen, wie das Sonnenlicht durch die Augenlider flimmert, während die Landschaft vorbei fliegt. Gerade eine Verspätung könnte den Raum öffnen für Momente der Glückserfahrung.

Womit verdienen wir unser Geld?

Die Frage des „rechten Lebenserwerbs“, eine Ausdrucksweise aus dem Edlen Achtfachen Pfad, den der Buddha aufgezeigt hat, ist von großer Wichtigkeit. Über die Hälfte unseres Wachzustands verbringen wir mit unserem Broterwerb. Für viele besteht das Leben aus ihrer Arbeit. Das meiste „Karma“ schaffen wir, indem wir arbeiten. Es ist deshalb aus der Sicht der Achtsamkeits-Ethik eine Grundfrage, womit wir unser Geld verdienen und was unsere Handlungen für Auswirkungen implizieren.

Der historische Buddha sagte dazu, dass alle Arbeiten, die direkt oder indirekt dazu beitragen, dass andere Lebewesen Schaden nehmen, für Menschen, die sich vornehmen, in wacher Achtsamkeit und Verantwortung zu leben, nicht auszuführen sind. Als Beispiele erwähnte er Jagen, Fischen, Kriege führen und Gaunereien.

Das Leiden der Lebewesen auf diesem Planeten ist immens. Die globale Erwärmung wird von vielen als das größte Problem angesehen, das allem Leben in absehbarer Zukunft katastrophenartig widerfahren kann. Und wir werden heute aufgeklärt über die Ursachen, die zu dieser Erwärmung führen. Wenn der Satz stimmt, dass wir die Erde von unseren Kindern nur geborgt haben, dann bestehlen wir diese bereits, wenn wir ignorieren, was wir über diese Zusammenhänge schon wissen und einfach so weitermachen wie bisher.

Die 2. Achtsamkeitsübung ist eine Aufforderung, unseren Lebensstil und unsere Handlungen immer wieder zu überprüfen und zwar im kleinen persönlichen Rahmen wie auch im größeren Kontext der Gesellschaft, ja des ganzen Planeten. Auch hier geht es darum, die eigene Geisteshaltung zu klären, dies als ein Training zu begreifen, um daraus die Fähigkeit zu ethisch heilsamem, rücksichtsvollen und großzügigen Verhalten zu gewinnen.

Yesche Udo Regel

Lesen Sie auch den Beitrag des Autors zur 1. Achtsamkeitsübung: „Leben schützen“

privat

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Yesche U. Regel ist freiberuflicher buddhistischer Lehrer für Meditation und Studienthemen. Er war viele Jahre buddhistischer Mönch. Heute leitet er das Paramita-Projekt in Bonn. www.paramita-projekt.de

 

 

 

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