Interview über die Flüchtlingskinder 

Die klinische Psychologin Konstantina Psachoulia arbeitet seit elf Monaten für Ärzte ohne Grenzen in den Flüchtlingslagern auf Lesbos und betreut Kinder und Jugendliche in der psychischen Gesundheitsfürsorge. Ethik heute sprach mit ihr über die dramatische Lage der Kleinsten.

 

 

Das Gespräch führte Michaela Doepke

Frage: Frau Psachoulia, seit dem Brand und der Errichtung des neuen Lagers Kara Tepe auf Lesbos haben die Psychologinnen von Ärzte ohne Grenzen alarmierende Symptome bei den PatientInnen festgestellt. Wie stellt sich die aktuelle Situation der Kinder im Flüchtlingslager auf Lesbos dar?

Psachoulia: Wir stellen fest, dass sich die Gesundheit der Kinder, die eine sehr lange Zeit im Flüchtlingslager in Moria unter sehr schwierigen Umständen leben, sehr verschlechtert hat: Es gibt keine ausreichende Hygiene, traumatische Gewalterfahrungen innerhalb des Camps und begrenzten Zugang zu sozialen Aktivitäten und Bildung. Dadurch häuften sich die traumatischen Ereignisse.

„Auf verheerende Weise hoffnungslos“

Wir versuchen nun, die Kinder wieder zu stabilisieren in dieser neuen Umgebung, die von den meisten als Gefängnis beschrieben wird. Unglücklicherweise verschlimmert sich die Situation hier durch die Covid19-Beschränkungen. Dadurch mangelt es jetzt auch noch an jeglichem Zugang zu Spielbereichen, Schulaktivitäten oder irgendetwas, das sie motivieren könnte, anstatt lediglich auf ein Ende des Asylprozesses zu warten. Sie sind sehr müde und fühlen sich auf verheerende Weise hoffnungslos.

In 2020 haben wir zum Bespiel 49 offizielle Fälle von Selbstverletzung und Selbstmordversuchen sowie generell Selbstmorde erlebt. Als Symptom ebenfalls sehr verbreitet sind Posttraumatische Belastungsstörungen, die sie seit dem Tag mit sich tragen, an dem sie ihre Heimat verlassen haben sowie von der Flucht und dem Aufenthalt hier.

Ebenfalls vermehren sich Symptome von Angst und Depression, die in allen Altersgruppen am häufigsten vertreten ist. Was immer offensichtlicher wird: Je länger die Kinder hier sind, desto mehr verschlimmert sich die Symptomatik.

Woran fehlt es besonders für ein menschenwürdiges Dasein?

Psachoulia: Ich kann hier nicht zu sehr ins Detail gehen. Das neue Camp ist völlig unzureichend in Bezug auf die Wetterbedingungen. Vor allem hatten wir einen harten Winter hier auf Lesbos. Es war eisig kalt und regnerisch auf der Insel. Die Kinder sind ungeschützt in Bezug auf die Wetterbedingungen. Das heißt, sie können die Zelte nicht verlassen, oder die Zelte sind überflutet, so dass sie jederzeit zusammenbrechen können.

Natürlich haben die Kinder auch keinen Zugang zu irgendeiner Art von Heizung. Sie benützen Wolldecken oder ihre Kleidung. Die Umgebung erlaubt nicht viel Optionen für Hygiene, da es nur wenige Toiletten gibt und immer lange Schlangen davor. Ebenfalls muss man auf bestimmte Tage warten, um eine Dusche zu benützen. Auch warmes Wasser gibt es nicht.

„Ein Recht auf ein stabiles Zuhause“

Dinge wie sportliche Aktivitäten oder schulische Aktivitäten werden nicht angeboten wegen der Covid-Beschränkungen. Alle Aktivitäten wurden eingeschränkt. Nach der zweiten Welle, die in Griechenland Ende Januar eingesetzt hat und immer noch andauert, wurde alles gestoppt, was natürlich auch aus Sicherheitsgründen geschah. Sie haben keinerlei Möglichkeiten, aktiv oder beweglich zu sein.

Welche Möglichkeiten sehen Sie, die Missstände auf Lesbos zu beenden und den Kindern zu helfen?

Psachoulia: Ich glaube, darauf gibt es nur eine Antwort: Die Kinder sollten sofort aus diesem Camp herausgeholt werden. Ich sehe ansonsten nichts, was ihnen wirklich helfen könnte, egal, was wir versuchen oder wie sehr wir uns bemühen. Mein Fazit: Sie sollten endlich in einer sicheren Umgebung untergebracht werden.

Die Umgebung, in der sie jetzt leben müssen, ist das völlige Gegenteil davon. Hier haben die Kinder keine Möglichkeit zur Weiterbildung, zu spielen oder positive Momente mit ihren Familien zu teilen. Den Familien sollte ermöglicht werden, das Camp zu verlassen. Sie haben ein Recht auf ein stabiles Zuhause, so dass die Kinder wirklich ein neues Leben beginnen können, ein Leben, dessen man sie so lange beraubt hat.

 

© MSF

Konstantina Psachoulia aus Athen ist klinische Psychologin und Verhaltenstherapeutin (Kognitive Verhaltenstherapie) in Ausbildung. Sie arbeitet seit 11 Monaten mit Ärzte ohne Grenzen auf Lesbos und betreut Kinder und Jugendliche in der psychischen Gesundheitsfürsorge.

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