Schoky/Photocase
Schoky/Photocase

Die Lebensumstände wertschätzen

Teil 2: Korrektes Denken hilft gegen diffuse Unzufriedenheit

Unsere Unzufriedenheit rührt oftmals aus einer mangelnden Fähigkeit her, die eigenen Lebensumstände wertzuschätzen, sagte Tsoknyi Rinpoche. Er empfiehlt, den Verstand zu gebrauchen, um unsere Grundeinstellung zu den Dingen zu verändern.

In der westlichen Welt herrscht die Einstellung vor, dass es selbstverständlich ist, die eigenen Ansprüche zu erfüllen und dass es für jedes Problem eine Lösung gibt. Solche überzogenen Ansprüche für sich zu erheben ist in Kulturen wie der tibetischen oder nepalischen, aus der ich komme, nicht üblich. Als Begleiterscheinung in modernen hochentwickelten Gesellschaften zeigt sich diese Haltung aber häufig. Es scheint ein Gewohnheitsmuster zu sein, das mit der Sozialstruktur zusammenhängt. Ich führe es auf Ihre anspruchsvolle Grundeinstellung zurück.

Viele Menschen aus den Entwicklungsländern können nicht nachvollziehen, dass Europäer oder Amerikaner bei ihrem hohen Lebensstandard unzufrieden und frustriert sein können. Aber natürlich leiden Sie! Auch wenn Ihr Leiden eine andere Qualität hat und Sie auf hohem Niveau leiden. Warum ist das so?

Was ich gerne sehen würde, ist, dass wir unsere Grundstimmung ändern. Wir brauchen eine neue Ausrichtung, die sich an tatsächlichen Gegebenheiten orientiert. Und dafür müssen wir unsere gewohnheitsmäßige Grundunzufriedenheit in Frage stellen. Wir sollten anerkennen, was ist, und die von tatsächlichen Gegebenheiten wertschätzen.

Dazu führen wir uns die grundlegende Tatsache vor Augen, dass wir eine großartige menschliche Situation haben. Alle diese Lebensumstände und Bedingungen haben sich in unserem Fall tatsächlich eingestellt. Daran können wir uns erfreuen. Wir können so intensiv darüber reflektieren, dass Wertschätzung zu einer Gewissheit wird. Das ist das Fundament der tibetisch-buddhistischen Lebensanschauung.

Unrealistische Erwartungen

Wenn wir beginnen, Wertschätzung üben, so entsteht dadurch nicht sofort Freude. Das gewohnte Denksystem, „ich habe nicht alles vollständig, ich hätte gerne noch dies und jenes“, gilt es erst einmal herunterzufahren. Diese Art von Grundunzufriedenheit basiert nicht auf Fakten.

Obwohl wir schon viele Jahre in dieser negativen Geisteshaltung verbracht haben, geht es uns trotzdem nicht besser. Wenn du arm bist, hast du viel Zeit, aber nicht viel Geld. Wenn du reich bist, hast du zwar Geld, aber keine Zeit. Als du noch Junggeselle warst, warst du völlig frei, aber dir hat jemand gefehlt. Jetzt hast du endlich jemand, der dich liebt und jetzt fühlst du dich wie ein Gefangener.

Eigentlich wünschst du dir, von jemandem bedingungslos geliebt zu werden, gleichzeitig völlig frei zu sein zu machen, was du willst. „Bis ich das erlangt habe, bin ich nicht zufrieden“. Diese Erwartungshaltung ist problematisch und hat mit der Lebenswirklichkeit nichts zu tun. Es ist die Haltung eines Herrschers, der denkt, dass dies alles sein Geburtsrecht ist.

Und wenn man alles bekommen hat, was man sich wünscht, klingt die Begeisterung nach einer Weile ab, ohne dass man in der Lage war, die Dinge realistisch einzuschätzen und das, was man tatsächlich erreicht hat, anzuerkennen. Die Begeisterung verliert sich irgendwann. Obwohl wir vielleicht ideale Umstände haben, können wir das nicht mehr als ein Hoch empfinden. Es wurde zum Alltag für uns. Wir wollen dann etwas anderes als unsere tägliche Normalität. Dieser Trieb weist möglicherweise darauf hin, dass man nicht sein Leben gar lebt, sondern seinen Erwartungen nachjagt.

Hier, mitten in Europa leben wir auf einem gehobenen Existenzniveau. Wir drehen am Wasserhahn, platsch kommt heißes Wasser raus. In vielen Ländern dieser Welt ist das ein Wunder. Es gibt nicht genügend Wasser, geschweige denn heißes Wasser. Allein Trinkwasser ist mancherorts ein Problem. In unserer Gesellschaft ist das alles keine Frage. Verzögert sich das Wasser mal einige Sekunden, ruft man gleich den Hausmeister.

Veränderungen auf der kognitiven Ebene

Wenn wir uns nur im Bann der Reize befinden, ist ihnen kein Ende gesetzt. Eine Gemütserregung lebt von der Dualität aus Herbeiwünschen und der Angst vor der Erwartungsenttäuschung. Dies finden wir auch in Partnerschaften. Normalerweise hält die Beziehung lange, wenn ein ausbalanciertes Erwartungsspannungsfeld erzeugt wird, das die Leidenschaft antreibt und verhindert, dass die Beziehung fade wird. Ich spreche hier von der körperlichen Ebene.

Der Verstand wiederum mag denken: „mein Partner ist ein wertvoller Mensch. Er ist mir treu. Ich bin wirklich vom Glück begünstigt“. Das ist etwas anderes. Doch viele Menschen sehen die Dinge nicht so. Wenn Sie einen großartigen Ehemann haben, aber sich körperlich nicht mehr von Ihm angezogen fühlen, weil Sie ihn bereits besitzen, wird er Ihnen vielleicht einerlei und Sie fangen an, sich anderweitig zu orientieren.

Die richtige physische Stimmungssituation herbeizuwünschen, wenn keine anregenden Gefühle mehr vorhanden sind, ist wenig sinnvoll. Obwohl eigentlich alles sonst in unserem Leben stimmt, wir aber einen solchen Impuls auf der Empfindungsebene vermissen – und Empfindungen basieren nun mal auf dem Körper – übertragen wir das häufig auf unsere gesamte Lebenssituation. Wir brauchen daher die kognitive Wertschätzung in unserem Leben.

In gewissen Situationen sollten wir uns auf unsere Ratio stützen und einfach umschalten: „Eigentlich geht es mir doch gut!“ Vergegenwärtigen Sie sich all die guten Qualitäten Ihres Partners, die in den Hintergrund getreten sind. Am Anfang der Beziehung war man noch davon beeindruckt, doch weil sie selbstverständlich geworden sind, erzeugen sie keinen Anreiz.

Halten Sie sich an Ihr Herz!

Meistens liegt das Problem dabei nicht an einem Mangel an intellektueller Auffassungsgabe. Das Problem ist eher, wie wir unser Herz dem Problem öffnen. Wenn sich also die weinerliche Gefühlsebene in uns beklagt: „Mir geht’s so gar nicht gut“, lassen wir den frisch-forschen Verstand fragen: „Was ist los mit dir? Warum geht es dir nicht gut?“ – “Ich weiß es auch nicht…“.

Wenn man es dabei belässt, wird es zu einem emotionalen Verhaltensmuster, das in die unterbewusste Ebene rutscht. Das war die schlechte Nachricht. Die gute ist, so etwas lässt sich ändern. Um die Dauerunzufriedenheit aufzulösen, brauchen wir den Faktor der Wertschätzung in unserem Leben. Um Wertschätzung zu kultivieren müssen wir den Denkapparat unseres Geistes benutzen.

Wenn sich dadurch Ihre grundlegende Unzufriedenheit nicht auflöst, halten Sie sich an Ihr Herz. Fühlen Sie die emotionale Taubheit dort darin. Erspüren Sie die Unzufriedenheit. Schauen Sie, wie sich das anfühlt. Und seien Sie freundlich zu diesem Empfinden. Versuchen Sie behutsam damit zu kommunizieren und helfen Sie, dass sich Ihr Herz öffnet.

Unser Gewohnheitsmuster kann uns vorspiegeln, das Gefühl der Unzufriedenheit sei aufrichtiger, während unsere verstandesmäßigen Änderungsbestrebungen uns völlig gekünstelt erscheinen. Man ist dann vielleicht versucht, die Transformation an der eigenen Wahrnehmung aufzugeben. Oder vielleicht eine Änderung zu erzwingen.

Dabei läuft man Gefahr, dass sich alles nur noch mehr verkrampft. Dann sollte man einsehen, dass die Vorgehensweise zu diesem Zeitpunkt noch nicht funktioniert. Nehmen Sie dann die Widerstandsempfindungen wahr und verabschieden sich von Ihren Bemühungen: „Genug für heute“. Lassen Sie diesem System Zeit, bis Sie auch auf der Gefühlsebene bereit sind, Ihre unzufriedene Grundhaltung aufzulösen.

Die grundlegende Unzufriedenheit ist eine Verdrehtheit, die uns daran hindert, Tatsachen als solche zu erkennen. Aber das ist kein Grund für eine Dauerunzufriedenheit, die durch unsere Blutbahnen läuft und die Daseinsfreude auffrisst.

Aufgrund der vergänglichen Natur alles Bestehenden ist zwar immer ein Element der Unzufriedenheit oder Leidhaftigkeit vorhanden. Trotzdem kann Wertschätzung im Leben ihren Platz haben. Eine wertschätzende Lebenseinstellung schließt ein, dass man Leidensfaktoren anerkennt.

Die Wertschätzung von Tatsachen und Fakten unseres Lebens ist Medizin für die immerwährende, permanente Unzufriedenheit, wie sie im 21. Jahrhundert weit verbreitet ist.

Auszug aus einem Vortrag von Tsoknyi Rinpoche, ausgewählt und bearbeitet von Ayshen Delemen; mündliche Übersetzung von Andreas Kretschmar. Lesen Sie auch den 1. Teil
Foto: Hans-Georg Meschede

Foto: Hans-Georg Meschede

Drubwang Tsoknyi Rinpoche ist ein Meditationsmeister des tibetischen Buddhismus. Er ist Oberhaupt mehrerer Klöster und Klausur-Einrichtungen in Tibet und Nepal sowie Autor mehrerer Bücher. Seine Lehrmethode zeichnet sich aus durch eine moderne, auf die westliche Psyche zugeschnittene Art.

Mehr über den Autor

Beitrag teilen:Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Email this to someone

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.