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Neue Freiräume im Alltag entdecken

Ein Buch über Muße durch Meditation

Müssen wir erst krank werden, um den Wert der Muße als heilsame Kraft zu erkennen? In ihrem Buch beschreibt die Meditationslehrerin Nicole Stern ihre spannende Lebensreise in die Welt der Muße und Meditation. Ihr Anliegen ist es, Menschen zu ermutigen, Freiräume in Alltag und Beruf wieder neu zu entdecken.

Das altmodische Wort Muße ist derzeit in aller Munde: Für Medien und Forschung ist es ein neues Trendthema. Wie das? Eine gehetzte und gestresste Gesellschaft sehnt sich zunehmend nach Freiräumen, Auszeiten, Momenten des Innehaltens und des Nichtstuns. Doch wie können wir diese nährenden Lebensqualitäten umsetzen? Muße assoziierten wir doch bisher noch mit der Antike oder einem auf Spazierwegen flanierendem Dichter wie Goethe. Jetzt – in permanente Zeitnot geraten – erinnern wir uns wieder daran.

Auf beeindruckende Weise gelingt der Autorin Nicole Stern die Wiederentdeckung der Muße als heilsame Kraft für eine erschöpfte Gesellschaft. Nicole Stern weist eine ungewöhnliche Biographie auf, einen Lebensweg, den sie in ihrem Buch ehrlich und authentisch beschreibt: Sie meditierte viele Jahre im Zen-Kloster, ist ausgebildete buddhistische Lehrerin, und arbeitet heute im Krisenmanagement und als Coach im Management. Als Trainerin leitet sie Achtsamkeitstrainings in führenden Unternehmen Deutschlands.

Anhand ihrer persönlichen Lebensgeschichte zeigt sie in ihrem Erstlingswerk bewegend auf, wie Muße für sie zum sicheren Kompass und Lebensbegleiter durch Krisenzeiten wurde. Krisen bergen oft ein heilsames Potenzial. Das Alte wird aufgebrochen und es entsteht Platz für Neues. Der größte Motor für Veränderungen ist jedoch selten Einsicht oder Weisheitswissen, sondern meist ein Schicksalsschlag und persönliches Leid.

Als solchen Weckruf und Erwachen erlebt Nicole Stern im Alter von siebzehn Jahren die Brustkrebsdiagnose ihrer Mutter. Im Buch beschreibt sie packend, wie sich das Familienleben schlagartig ändert: die Mutter lässt von ihrem bisherigen Aktionismus los und erfüllt sich ihre Herzenswünsche.

Plötzlich ist Zeit für das Wesentliche da, die Familie kreiert neue Rituale und meditiert abends gemeinsam. Prioritäten werden plötzlich neu gesetzt und eine bis dahin nicht gekannte Verbundenheit untereinander erlebt. Das Leben der jungen Nicole ändert sich durch das Erleben von Krankheit und Tod der Mutter schlagartig. Sie sucht sehr ernsthaft nach dem wahren Sinn des Daseins und beginnt, unverplante Muße-Zeiten in ihr Leben zu integrieren. Sie ist auf der Suche nach dem, „dem, was trägt“, – ihre Lieblingsbezeichnung für Dharma – und folgt lange Jahre der buddhistischen Weisheitslehre.

Anschaulich schildert sie die bewusste Auszeit in Indien, den Wechsel zwischen Kloster und beruflicher Welt, und die tiefgründigen schicksalhaften Begegnungen mit bekannten spirituellen Lehrern wie Baker Roshi und dem Vipassana-Lehrer Christopher Titmus. Sie beschreibt die Zeit mit ihrem späteren Ehemann, mit dem sie als Paar im Kloster von Baker Roshi praktiziert, die schmerzhafte Trennung und die Überwindung der Krise dank der rettenden Kraft von Meditation und Muße.

Doch während sie mit dem Zen-Lehrer eine klare Lehrer-Schüler Beziehung nach strengen hierarchischen Regeln hat, verbindet sie mit Christopher Titmus eher eine spirituelle Freundschaft. Er wird ihr Mentor und Förderer, ermuntert sie zu mehr Leichtigkeit und meint, sie solle nicht so „serious“ sein. Zwei Jahre reist sie mit Titmus um die Welt, assistiert ihm bei Retreats und wird von ihm zur Dharma-Meditationslehrerin autorisiert. Leichtigkeit und Sanftheit, die sie bei ihm gelernt hat sowie die Unabhängigkeit von religiösen Bezügen bestimmen seither ihre eher unkonventionellen Retreats. Bei diesen können die Teilnehmer auch im Liegen meditieren und sich während festgelegten Muße-Zeiten im Nichtstun üben.

Hirnforscher haben festgestellt, dass unser Gehirn immer wieder Phasen des Nichtstuns braucht und ein gewisser Leerlauf im Kopf für unsere geistige Stabilität unabdingbar ist. Wenn wir untätig sind und das Gehirn keine Aufgaben bewältigen muss, kann es sich neu ordnen und regenerieren. Ja, und unser Problem ist es heute nicht, Höchstleistungen zu erbringen, sondern abschalten zu können, aus dem Hamsterrad auszusteigen und einmal pro Tag für zehn Minuten nichts zu tun, wozu uns die Autorin immer wieder ermutigt. In vielen Info-Kästen bietet sie dazu Anregungen, Übungen und Reflexionen.

Muße definiert Stern sowohl als „einfaches Sein“ als auch als „erfülltes Tun in Gelassenheit und Freiheit“. Bei letzterem Begriff lehnt sie sich an die Muße-Definition des Neurowissenschaftlers Stefan Schmidt an (siehe Interview mit Stefan Schmidt auf Ethik heute hier). Dieser arbeitet im Sonderforschungsbereich „Muße“ und lehrt an der Universität Freiburg. Muße ist, wenn wir ganz präsent sind und aufgehen bei dem, was wir tun, wenn wir der Herrschaft der Zeit enthoben sind. Muße ist also kein Wellness, kein Dösen, keine reine Entspannung, sondern eher entspannte Wachheit.

Leider ist der vom Verlag gewählte Titel „Das Muße-Prinzip“ leicht irreführend. Er klingt für den lebendigen Inhalt fast zu nüchtern. Der Schreibstil ist besonders, denn die sehr persönliche Perspektive zieht in den Bann und berührt. Gleichzeitig ist das Buch ein empfehlenswerter Ratgeber- und Lebensbegleiter. Es vermittelt Hintergrundwissen und lädt mit vielen kleinen Übungen und Reflexionen ein, mehr Gelassenheit und inneren Freiraum ins eigene Leben zu bringen.

Nicole Sterns Buch richtet sich an alle Menschen, die sich mehr Gelassenheit, mehr inneren Freiraum in ihrem Leben wünschen. Als kompetente Meditationslehrerin inspiriert sie auf dem Weg zu mehr Achtsamkeit, Meditation und Kontemplation. Auch Menschen mit viel Meditationserfahrung können hier interessante Übungsanleitungen und frische und unkonventionelle Perspektiven finden.

Prädikat für das Buch: Sehr empfehlenswert!

Michaela Doepke

nicolestern

Nicole Stern, Das Muße-Prinzip. Wie wir wirklich im Jetzt ankommen. Arkana Verlag, München 2016, 208 Seiten.
Weitere Infos: www.nicolestern.de

 

Nicole Stern unterrichtet im 3. Modul des Weisheitstrainings, das am 25./26. Februar startet. Der Wochenend-Workshop mit ihr zum Thema „Innere Balance“ am 1./2. April in Hamburg kann einzeln gebucht werden. Bei Interesse schicken Sie bitte ein E-Mail an: birgit.stratmann@ethik-heute.org

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