Angeles Nassar
Angeles Nassar

Effektiver Altruismus

Matthieu Ricard über ein Gespräch mit Peter Singer

Der Philosoph Peter Singer plädiert für „Effektiven Altruismus“, also Hilfe für andere davon abhängig zu machen, was sie bringt. Matthieu Ricard berichtet über sein Gespräch mit Singer und stimmt zu: Man dürfe sich nicht von Gefühlen leiten lassen, sondern solle beim Helfen die Vernunft einschalten.

 

Im letzten Jahr hatte ich die Ehre, an der Princeton University an einer öffentlichen Diskussion mit dem Philosophen Peter Singer, Professor für Ethik und Verfasser des Werks Effektiver Altruismus. Eine Anleitung zum ethischen Leben (Suhrkamp Verlag, Berlin 2016), teilzunehmen.

„Effektiver Altruismus“, so schreibt Singer, „beruht auf einem ganz einfachen Gedanken: Man sollte so viel Gutes tun wie man kann. […] Ein Leben zu führen, das in einem Mindestmaß ethisch akzeptabel ist, beinhaltet, dass man einen erheblichen Teil seiner verfügbaren Ressourcen dafür aufwendet, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Ein vollkommen ethisches Leben zu führen bedeutet, dass man das Maximum an Gutem tut, dessen man fähig ist.“

Er weist zu Recht darauf hin, dass Philanthropie ein sehr großer Industriezweig ist, der allein in den USA jährlich insgesamt an die 300 Milliarden Dollar einnimmt, wobei aber der größte Teil dieser immensen Summe aufgrund emotionaler Reaktionen auf Bilder von Menschen, Tieren oder Wäldern, denen diese Hilfe zugute kommen soll, gespendet wird.

Singer behauptet: „Effektiver Altruismus will dies ändern, indem er darauf hinwirkt, dass die karitativen Gaben ihre Wirksamkeit deutlich zeigen.“

Es besteht kein grundsätzlicher Unterschied zwischen den in meinem kürzlich erschienenen Buch umrissenen Arten, Altruismus zu üben, und denen, die Peter Singer anführt. Ich möchte hier ein paar Überlegungen zu einigen der von uns diskutierten Themen anstellen.

Gutes tun und dabei klug vorgehen

Altruismus ist der Wunsch, Anderen zu nützen. Will man also Gutes tun, so muss man es auf die klügste Weise und mit der größtmöglichen Wirkung tun. Das erfordert sorgfältige Vorbereitung und ein feines Gespür.

Wenn das Leiden Anderer uns emotional berührt und wir helfen wollen, dann ist es wichtig, dass wir uns nicht von starken Gefühlsregungen überwältigen lassen. Natürlich kann eine emotional mitfühlende Reaktion einen dazu bewegen, in einer bestimmten Art einzugreifen, doch wenn man alle Möglichkeiten sorgfältig prüft, kann die Hilfe so maximiert werden, dass sie sich in vielfältiger Weise auswirkt.

Bei Singer heißt es: „Effektive Altruisten werden, wie jeder Andere auch, vom Gefühl her dazu neigen, die Wünsche kranker Kinder zu erfüllen, aber ihnen wird auch bewusst sein, dass mit derselben Summe Geldes die Leben mehrerer Kinder, die an Malaria oder aus irgendeinem anderen vermeidbaren Grund sterben würden, gerettet werden könnten. Sie werden sich also fragen, ob es im Hinblick auf die Kraft, die Zeit und die Mittel, die ihnen zur Verfügung stehen, wirklich das Beste ist, einem sterbenden Kind den letzten Wunsch zu erfüllen.“

Wenn man einem ganz bestimmten Kind hilft, weil man an seiner Geschichte persönlich Anteil nimmt, während zehn andere Kinder deutlich mehr von der Hilfe profitieren würden, dann handelt es sich um eine einseitige Form von Altruismus, geprägt durch Voreingenommenheit und persönliche Gefühle.

Wenn jemand Sie auf der Straße um Geld anbettelt, fragen Sie dann danach, was mit der Spende geschieht? Die meisten von uns können es sich sicher leisten, jedem Bettler, den sie am Tag sehen, ein Geldstück zu geben. Wenn man aber nur gibt, weil der Anblick dieser Person einem ein unbestimmtes Gefühl von Unbehagen oder Schuld verursacht, dann ist es nicht wirklich altruistisch. Dann versucht man nur, sein schlechtes Gewissen zu erleichtern.

Wenn man sich anschickt, eine große Summe Geldes zu spenden oder sich mit großem Zeitaufwand für eine Sache einzusetzen, dann muss man hinterfragen, was bei diesen Bemühungen herauskommen wird. Wenn Sie beispielsweise beschließen: „Ich nehme diese obdachlose Person in mein Haus auf und sorge für sie“, dann können Sie das tun, aber Sie müssen sich auch klarmachen, was diese Entscheidung bedeutet.

Um diese Person ein Jahr lang zu beherbergen, müssten Sie erhebliche Mittel aufwenden. Dann finden Sie möglicherweise heraus, dass Sie mit demselben Aufwand an Zeit und Geld das Leben von 200 Kindern in Afrika retten könnten. Für einen ergebnisorientierten Altruisten versteht sich diese Wahl von selbst.

Was ist unser Motiv, anderen zu helfen?

Peter Singer erzählte eine Anekdote über effektiven Altruismus: „Wenn man Menschen um eine Spende bittet, durch die 80 Prozent von 100 Kindern gerettet werden, dann werden sie sofort dazu bereit sein. Sie fühlen sich in hohem Maße motiviert, diesen 80 von 100 Kindern zu helfen.

Sagt man ihnen aber: Hier ist eine Spende – es geht um dieselbe Summe –, mit denen sie 200 von 10 000 Kindern helfen können, dann fühlen sie sich weit weniger motiviert, weil sie denken: ‚Das ist ja gar nichts’.“ Ein solches Denken ist dumm, denn es ist immer besser, das Leben von 200 Kindern zu retten oder zu verbessern als das von 80.

Wirkt sich effektiver Altruismus auf unsere Fähigkeit aus, spontan altruistisch oder mitfühlend zu sein? Keineswegs! Wir sollten immer bereit sein, jederzeit und unter allen Umständen unser Bestmögliches zu tun, um Leiden zu lindern. Aber wenn es darum geht, dass größere Mittel und mehr Zeit eingesetzt werden müssen, dann sollten wir sorgfältig überlegen:

„Tue ich das, um in erster Linie meine selbstsüchtigen Interessen zu befriedigen, oder tue ich es für das Wohl Anderer? Wenn es für Andere ist, geht es dann um wenige oder um eine große Anzahl? Auf kurze oder auf lange Sicht?“ Natürlich möchte man der größtmöglichen Anzahl von Menschen Gutes tun für ihr langfristiges Wohl.

Sorgsam ‚geplanter’ Altruismus ist wertvoll, denn in ihm kommen Vernunft, Verstand und Urteilskraft zum Tragen. Das buddhistische Konzept des aufgeklärten Mitgefühls bedeutet, dass Mitgefühl ohne Weisheit – so gut es auch gemeint sein mag – blind ist, und dass Weisheit ohne Mitgefühl steril ist. Wenn man hilft, dann tue man das klug, mit bedingungsloser Liebe und Mitgefühl.

Matthieu Ricard, aus dem Englischen übersetzt von Bernd Bentlin

Mehr Infos zu Thema

Video des Gesprächs von Peter Singer und Matthieu Ricard

Buchtipp: Matthieu Ricard, Allumfassende Nächstenliebe. Altruismus – die Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit. Edition Blumenau 2016, 914 Seiten

Buchrezension: William MacAskill: Gutes Besser Tun. Wie wir mit effektivem Altruismus die Welt verändern können. Übersetzung aus dem Englischen Ullstein, Berlin 2016, 238 Seiten

Sendung „Scobel“ über Altruismus am 15.12.2016, abrufbar in der Mediathek von 3sat

Beitrag teilen:Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Email this to someone

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.