Ökodorf Sieben Linden
Ökodorf Sieben Linden

Eine Zelle im Netz des Lebens

Gemeinschaftliches Leben im Ökodorf

Mit Sieben Linden in Sachsen-Anhalt ist ein Dorf entstanden, das ein Modell für eine andere Welt sein kann: Der ökologische Fußabdruck ist geringer und es gibt eine lebendige Gemeinschaft. Toleranz und Pluralismus werden groß geschrieben.

 

Die Kooperation von Mensch und Natur ist ein wesentliches Anliegen des Ökodorfes Sieben Linden in der Altmark im Norden von Sachsen-Anhalt. Hier haben Menschen aller Generationen und unterschiedlicher Herkunft eine sozial und ökologisch ausgerichtete Siedlung aufgebaut. Im Mittelpunkt des Tuns und Denkens steht die Verantwortung für die Erde.

1997 waren es einige wenige, die das damals 22 Hektar große Gelände als Genossenschaft kauften. Ihre Vision war es, eine ganzheitliche Lebensform zu entwickeln: auf der grünen Wiese ein neues Dorf mit bis zu 300 Bewohner entstehen zu lassen.

Heute leben etwa 140 Menschen hier auf mittlerweile 86 Hektar Land. Die gemeinsamen Ausrichtung lässt sich in dem Begriff „Einheit in der Vielfalt“ zusammenfassen. Das bedeutet, Verschiedenheit anzuerkennen, Respekt vor dem Anderssein des anderen zu haben und sich doch als Einheit zu verstehen. In Sieben Linden gibt es keine für alle verbindliche Weltanschauung, geistige Führung oder spirituelle Ausrichtung. Toleranz und Pluralismus werden groß geschrieben.

Äußere und innere Ökologie

Entscheidende Triebkraft für den Aufbau von Sieben Linden war die Suche nach einer Lebensweise, die nachhaltig und zukunftsfähig ist, die unseren Kindern und Kindeskindern eine vielfältige, lebenswerte und gesunde Welt hinterlässt.

Nachhaltigkeit ist in Sieben Linden nicht nur ein Wort, sondern ein Lebensinhalt. Dadurch ist es gelungen, den ökologischen Fußabdruck, also die Belastung der Umwelt durch den Menschen, um einiges zu verringern.

Nachhaltigkeit bezieht sich auf drei Hauptbereiche: Bauen, Ernährung und das soziale Miteinander. Von Anfang an bauten die Bewohner mit Strohballen, Lehm und Holz, also Materialien, die in der Region verfügbar sind.

Im Jahr 2002 gündete man den Fachverband Strohballenbau Deutschland, der bis 2008 seinen Vereinssitz im Ökodorf hatte. Bald wurde der Strohballenbau in Deutschland genehmigungsfähig. Denn Stroh ist ein nachwachsender Rohstoff, regional verfügbar, ökologisch, gesund, voll kompostierbar und außerdem noch ein guter Dämmstoff. Das Bauholz wird zum Teil dem nahe gelegenen Wald entnommen, der Lehm zum Teil aus der Lehmgrube auf dem Gelände.

Die Energie kommt zu rund 70 Prozent aus Erneuerbaren, besonders Photovoltaik und Solarstrom. Geheizt wird zusätzlich mit Holz aus den Wäldern vor Ort.

Das zweite Standbein in puncto Nachhaltigkeit sind die Lebensmittel. Die Bewohnerinnen und Bewohner bewirtschaften große Gärten und versorgen sich und ihre Gäste übers Jahr gesehen zu rund zwei Dritteln selbst. Alles, was dazugekauft wird, bezieht man vom Biogroßhandel. All diese Maßnahmen bewirken, dass der Lebensstil umwelt- und klimaschonend ist. Doch trotz dieser Bemühungen lebt auch Sieben Linden immer noch auf Kosten zukünftiger Generationen.

Der Begriff Nachhaltigkeit wird auch auf die „innere Ökologie“ angewendet: das soziale Miteinander. Natürlich gibt es Meinungsverschiedenheiten und Konflikte. Gleichzeitig haben die Bewohner über die Jahre Methoden entwickelt, damit konstruktiv umzugehen: z.B. Gespräche zu zweit, zu dritt mit einem Mediator, in einer Kleingruppe oder im Beisein der ganzen Gemeinschaft.

Alle, die hier leben, eint die Bereitschaft, das soziale Miteinander zu gestalten und nicht nur nebeneinander herzuleben. Es gibt eine Offenheit für Kontakte und Nähe – und zwar nicht nur zu den wenigen Menschen, die man als seine Freund bezeichnet.

Sonntagscafé zum Kennenlernen

Ein Baustein des Zusammenlebens sind die gemeinsamen Momente der Stille. Die spirituelle Ausrichtung der Menschen ist mannigfaltig. Die einen beten, die anderen sprechen Mantras, andere meditieren. Immer wieder gibt es Zeiten des gemeinsamen Innehaltens , z.B. beim Händekreis vor dem Essen oder der Arbeit, bei Versammlungen oder gemeinsamen Intensivzeiten. Seit 2013 wird ein Meditationshaus gebaut, ein Raum der Stille und Kontemplation.

Sieben Linden als Insel der Seligen in einer bösen Welt? Abschottung ist nicht das Ziel dieser Lebensform. Die Bewohner sehen ihr Dorf als eine Zelle im Netz des Lebens. Aus diesem Grund gibt es regen Austausch mit anderen.

Das Dorf hat ein vielseitiges Angebot für alle Menschen, das Leben dort kennenzulernen: auf Seminaren, etwa zu Tiefenökologie oder Gewaltfreier Kommunikation, oder in Mitarbeitswochen, wo die Gäste durch Mitarbeit Einblick in die Gemeinschaft bekommen..

Das „Sonntagscafé“ zieht Monat für Monat viele Menschen ins Ökodorf. Bei selbst gebackenem Kuchen und Kaffee, einer Führung durchs Dorf und einem Vortrag können die Besucher mit den Bewohnern_ in Kontakt kommen und ein Stückchen Gemeinschaft erleben.

Die Mitarbeit im Gemeinderat trägt zur Verständigung mit den umliegenden Gemeinden bei. Auch gibt es einen regen Austausch mit anderen Gemeinschaften in Deutschland und weltweit. Die globale Vernetzung wird genutzt, um Wissen auszutauschen und gemeinsame Handlungsweisen zu erarbeiten und zu verbreiten.

In Zeiten der Krise wird deutlich, dass alte Denk- und Handlungsmuster die Probleme nicht lösen können. Sieben Linden ist ein Versuch, den Wandel zu einer lebenserhaltenden Gesellschaftsform mitzugestalten. Für diesen Wandel ist gemeinschaftliches Leben enorm wichtig oder zumindest eine gemeinschaftliche Haltung, die überall gelebt werden kann: ein Denken und Handeln in größeren Zusammenhängen.

Birgit Stratmann

Mehr Infos: www.siebenlinden.org

Lesen Sie auch das Interview mit Gabi Bott, die in Sieben Linden lebt und Tiefenökologie unterrichtet: „Wir wollen nicht auf Kosten anderer leben“

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