„Wir wollen nicht auf Kosten anderer leben“

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Interview mit der Tiefenökologin Gabi Bott

Gabi Bott lebt seit 15 Jahren im Ökodorf Sieben Linden. Tiefe Fragen an das Leben zu stellen ist ihr Anliegen. Bott spricht im Interview über die Gemeinschaft als Lernfeld, andere Menschen als Spiegel zu sehen, aber auch über herausfordernde Gruppenprozesse und die Bereitschaft, Neues auszuprobieren.

 

Gabi Bott suchte einen Ort, an dem sie die Tiefenökologie, in der sie sich weitergebildet hatte, leben konnte. Das ist ihre Herzensarbeit, ihre Berufung, die sie nach dem Studium der Landschaftökologie entdeckte. Das große Thema der Tiefenökologie ist der Bewusstseinswandel: wieder zu fühlen, dass alles mit allem verbunden ist.

Die Frage die sie begleitet, seit sie denken kann: Wie verbinde ich Politik und Spiritualität? Wie kann ich dazu beitragen, dass wir nicht bloß Umweltschutzauflagen erfüllen, sondern aus einem inneren Bedürfnis heraus so handeln, dass die Schönheit und Vielfalt der Natur bewahrt bleiben, auch für unsere Kinder und Kindeskinder.

1997 hörte Bott von der Tiefenökologie, deren (Mit-) Begründerin Joanna Macy weltweit Workshops gab. Diese ganzheitliche Ökologie trennte nicht politisches Engagement und Meditation, wie es so verbreitet war. Menschen, die sich politisch engagierten, waren überzeugt, dass es nichts bringt, auf dem Kissen zu sitzen; sie dachten, dass man gesellschaftliche Strukturen verändern und dafür kämpfen müsse. Und diejenigen, die meditierten und Yoga machten, lebten oft zurückgezogen und glaubten: Man muss erst bei sich selbst anfangen, bevor man die Gesellschaft verändert.

Das Ökodorf Sieben Linden in Sachen-Anhalt bot die Chance, beides zu verbinden die „äußere und innere Ökologie“. Bott beendete 1999 das zweijährige holon-training, ein ganzheitliches Training in Tiefenökologie, ging für ein Jahr nach Amerika, um mit ihrer Lehrerin Joanna Macy zu arbeiten. Danach zog sie nach Sieben Linden, wo sie jetzt seit 15 Jahren lebt. Lesen Sie auch den Artikel über Sieben Linden.

Das Gespräch führte Birgit Stratmann

„Andere Menschen spiegeln mir Möglichkeiten des Seins“

Frage: Sieben Linden hat als Motto „Einheit in der Vielfalt“. Was bedeutet das?

Bott: Die Gemeinschaft bestimmt die Richtung. Wir haben keinen Chef, keine Chefin, kein Gremium, das sagt, wo es lang geht. Wir haben gemeinsam eine Vision entwickelt, aber diese ist weit gefasst. Mein Bild ist: Wir bewegen uns in die gleiche Richtung, aber auf einem breiten Weg.

Kann hier jeder einen unterschiedlichen Schwerpunkte setzen? Die einen wollen beispielsweise Selbstversorger sein, die anderen mehr meditieren, die einen leben in der Familie, andere in Wohngemeinschaften?

Bott: Ja, es gibt hier individuelle Ansätze. Was uns verbindet, haben wir in unserem Grundsatzpapier festgelegt. Das ist die Basis, dazu sagen alle Ja, die hier leben möchten. Das Wichtigste: Wir wollen nicht auf Kosten anderer leben: Menschen, Tiere, Pflanzen, der Erde als Ganzes und zukünftiger Generationen! Und das üben wir im Alltag und in unseren Handlungen.

Wie viel Spielraum gibt es für den Einzelnen?

Bott: Es gibt viel Spielraum, z.B. beim Thema Essen: Einige ernähren sich vegan, andere essen Fleisch – dies ist zwar nicht in der Gemeinschaftsküche erlaubt, aber in kleineren Wohneinheiten. Es gibt auch thematisch unterschiedliche Wohngruppen oder Nachbarschaften: z.B. zum Thema Heilung oder Mehrgenerationen oder „Leben ohne Strom“. Hier sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Und so finden sich oft InteressentInnen für die Idee, die man ausprobieren möchte.

Leben einige dort wirklich ohne Strom?

Bott: Das war ein Projekt, einige haben das ein paar Jahre ausprobiert. Sieben Linden bietet viele Möglichkeiten zu experimentieren. Es ist nicht starr, nicht dogmatisch. Es gibt immer wieder die Bereitschaft, Altes in Frage zu stellen, sich zu wandeln, Neues auszuprobieren.

Als Individuen sind wir begrenzt – in unserem Denken, unseren Sichtweisen. Die Gemeinschaft erlaubt uns, den eigenen Horizont zu erweitern und Andersartiges zu schätzen und zu integrieren. Ich bin nicht im Besitz der Wahrheit. Andere spiegeln mir weitere Möglichkeiten des Seins.

Es ist das Würdigen von Anderssein und die Bereitschaft, daran zu wachsen – selbst wenn einige Menschen andere Standpunkte haben, die ich vielleicht im ersten Moment (oder überhaupt) nicht nachvollziehen kann. Diese Haltung ist nicht nur wichtig in kleinen Gemeinschaften, sondern weltweit. Betrachten wir ganz aktuell die Herausforderung mit den Geflüchteten, die zu uns kommen, so können wir auch hier eine andere Perspektive einnehmen: Was können wir von Menschen lernen, die in anderen Kulturen aufgewachsen sind, andere Werte haben, Dinge anders sehen…?

Gemeinschaft zu leben ist für mich vor allem eine innere Haltung: Es bedeutet, mich mit mir selbst, meinen eigenen Anteilen zu verbinden – sie auch erst mal wahrnehmen, dann weiter mit meinen Nachbarn, der Verkäuferin, dem Postboten und all den Menschen, denen ich täglich begegne und mit denen ich verbunden bin, auch wenn mir das oft nicht bewusst ist.

Neugier statt Abgrenzung

In unserer Gesellschaft ist das Bedürfnis nach Freiheit und Individualität sehr groß. Denken Sie, dass sich das mit dem Leben in einer Gemeinschaft verbinden lässt? Oder müssen wir Individualität aufgeben, um in Gemeinschaft leben zu können?

Bott: Je mehr ich meine Individualität lebe, um so stärker wird die Gemeinschaft – das klingt zunächst paradox. Wenn ich mir meiner Werte, Fähigkeiten, inneren Anteile, auch den Schattenseiten, bewusst bin und die Bereitschaft habe zu lernen, dann kann ich mich auch mit anderen verbinden und das annehmen und würdigen, was sie verkörpern. Das ist auf einer tieferen Ebene mit „Einheit in der Vielfalt“ gemeint.

Wir haben allerdings gewöhnlich ein anderes Verständnis von Individualismus….

Bott: Ja, in unserer Gesellschaft führt Individualismus oft zum Egoismus und zur Konkurrenz, also dass man sich von anderen abschottet, stur seinen eigenen Weg geht, auf Kosten anderer lebt, ohne nach rechts und links schaut. Dieser Tunnelblick kostet Kraft, weil man sich als vom Leben getrennt erfährt. Das weiß ich auch aus eigenen Erfahrung.

Mittlerweile habe ich ein anderes Verständnis von Individualismus. Es bedeutet für mich zu erkennen, dass das „Selbst“ Teil des großen Ganzen ist, und danach zu handeln. Wenn wir dazu in der Lage sind, können wir die anderen als Spiegel sehen, die uns etwas zeigen, das wir vielleicht auch haben. Wenn uns ein anderer begegnet, können wir uns ihm z.B. mit einer Haltung zuwenden: „Ach, diese Seite kenne ich noch gar nicht.“ Solch eine Haltung weckt Interesse und Neugier, statt Abgrenzung und Widerstand.

In der Tiefenökologie sprechen wir von dem ökologischen Selbst, das sich verbunden fühlt mit allem, was ist. Ich bin von allen abhängig und trotzdem frei. Meine Impulse im Denken und Handeln gehen ins Lebensnetz ein und ich kreiere Leben mit. Gleichzeitig nehme ich auf, was mir entgegen gebracht wird: Ich wachse durch andere, lerne und erweitere mein Bewusstsein und mein Mitgefühl.

Schmerz zulassen gibt Kraft für Veränderung

Die meisten Menschen leben in Städten. Denken Sie, dass sich diese Ideale auch hierhin übertragen lassen?

Bott: Gemeinschaft ist eine Sache der Haltung. Ich und Natur sind nicht getrennt – wenn ich mit diesem Bewusstsein lebe, übe ich mich darin, so wenig wie möglich dem Leben zu schaden, egal wo ich mich gerade befinde. Ist diese Einsicht, das Erkennen der Einheit da, kann ich beispielsweise nicht ins Reisebüro gehen und einen Flug buchen, nur um eine Woche in der Sonne zu liegen und mich zu regenerieren. Das geht für mich nicht.

Warum nicht?

Bott: Einfach weil es nicht lebensförderlich ist! Dieser Lebensstil beeinträchtigt andere Wesen, etwa durch die Emission von Treibhausgasen und den Verbrauch von Ressourcen, die dann für andere nicht mehr zur Verfügung stehen. Bei mir ist es so, dass ich diesen Entschluss, nicht zu fliegen, mir nicht verbieten muss, also quasi nicht bewusst fassen muss, sondern mein ganzes Wesen, mein Körper, meine Seele verspürt gar kein Bedürfnis dafür und entscheiden so.

Wie kommt man dahin, so zu fühlen? Das kann man ja nicht einfach beschließen.

Bott: Nein, sondern ich muss erfahren, dass mich das Leiden der anderen etwas angeht. Wenn in einem anderen Teil der Welt etwas Schlimmes passiert, kann ich mich berühren lassen. Ich empfinde dann Schmerz, Ohnmacht, Trauer, Ärger, Leid – ich fühle mit. Das ist eine gesunde Reaktion. Denn wenn ich den Schmerz zulasse und spüre entsteht in mir das Bedürfnis und auch die Kraft etwas zu tun – mit den Möglichkeiten, die ich habe.

Ist das auch der Schlüssel, um etwas gegen die Apathie und Ohnmachtsgefühle zu unternehmen?

Bott: Für mich schon. Oft verschließen sich Menschen dem Leid, sie finden vieles ganz schlimm und wollen aus diesem Grund auch keine Nachrichten mehr schauen. Da sie den Schmerz nicht an sich heranlassen, wird ihr Gefühl von Ohnmacht immer größer. Denn durch Verdrängung verschwindet der Schmerz ja nicht. Oft delegieren Menschen an „die da oben“, die an der Macht sind. Das ist ein Aufgeben der eigenen Macht.

Jeder Mensch hat Macht, Kraft, Fähigkeiten. Weder bin ich ohnmächtig noch allmächtig. Ich kann als Einzelne/r nicht die Welt retten, aber ich kann etwas tun. Für mich geht es darum, nach innen zu schauen und die eigenen Potenziale wahrzunehmen und dann zum Wohle des Ganzen einzusetzen. Was kann ich der Welt geben? Wie kann ich meine Mitwelt mitkreieren? Ich kann mich zum Beispiel einer Bürgerinitiative anschließen, Geld oder Zeit spenden, Projekte unterstützen, mit anderen in Dialog gehen, ein Projekt gründen – das ist individuell verschieden.

„Wir haben nicht immer Lust, uns zu verändern“

Sieben Linden klingt manchmal wie in einem Traum. Gibt es auch Dinge, die Ihnen dort nicht so gut gefallen? Was ist die größte Herausforderung für Sie?

Bott: Es gibt immer wieder Situationen, die mich herausfordern und an meine Grenzen bringen, wo ich denke „Jetzt reicht´s, jetzt habe ich keine Lust mehr“.

Bezieht sich das auf die gruppendynamischen Prozesse?

Bott: Es sind die Prozesse, die Konflikte, das Beharren auf Standpunkten, die Muster, die wir alle haben und die manchmal aufeinander prallen. Wir haben nicht immer Lust, uns zu verändern, wir haben alle unsere Widerstände und das braucht Zeit und Energie. Bei jedem laufen eigene Prozesse, jeder hat Hindernisse und Themen, die bei ihm oder ihr wunde Punkte berühren. Und trotzdem wollen wir gemeinsam leben und lernen!

Wir beschäftigen uns mit einer großen Bandbreite von Fragen, z.B., wie wir unseren Lebensunterhalt bestreiten. Wir leben hier in der Altmark in Sachsen-Anhalt in einer strukturarmen Gegend, wo es mit dem Geldverdienen nicht so einfach ist. Oder auf welche Schule wir die Kinder schicken, denn die Auswahl ist hier nicht so groß.

Dann möchten die einen Tiere halten, um Milch, Butter und Käse selbst zu machen; die anderen wollen nicht an einem Ort leben, wo Tiere genutzt oder auch geschlachtet werden. Das sind alles große Themen, die auch gesamtgesellschaftlich diskutiert werden. In unserer Gemeinschaft kommen sie wie in einem Drucktopf zusammen. Das ist viel und kann zu Überforderungen führen.

Welches ist Ihre wichtigste Einsicht oder Erfahrung, die Sie gern an andere weitergeben würden?

Bott: Ganz wichtig für mich ist der Finger, der zu mir selbst zeigt, das heißt, dass ich alles als Lernfeld nehme. Immer wieder die Bereitschaft habe zu forschen und zu hinterfragen. Woher kommt zum Beispiel jetzt der Ärger? Aus einer Enge, aus Projektionen heraus…?

Tiefenökologie heißt, tiefe Fragen an das Leben zu stellen, die Ursachen zu ergründen. Warum handle ich so, warum denke ich so? Mich selbst zu fragen und diese Fragen in die Politik und die Gesellschaft zu tragen, die zu den Ursachen vordringen, darum geht es. Dann kann ich Veränderungen anstoßen und betreibe keine Symptombekämpfung. Ich möchte Menschen dazu inspirieren und ermutigen, tiefere Fragen zu stellen. Denn wenn wir forschen und uns trauen, können wir die notwendigen Veränderungen Schritt für Schritt umsetzen. All das fängt bei mir selbst an. Es ist der Weg, meine Selbsttäuschung zu entdecken, mich nicht selbst zu belügen.

Gabi Bott studierte Landschaftsökologie, Aus- und Fortbildung bei der Gesellschaft für angewandte Tiefenökologie e.V. in Deutschland und in den USA bei Joanna Macy. Als Geschäftsführerin bei Bündnis 90/Die Grünen in Freiburg gearbeitet; Yogalehrerin; langjährige buddhistische Meditationserfahrung. Seminarleiterin seit 1996, freiberuflich im Bildungsbereich tätig, u.a. Trainerin für Tiefenökologie. www.tiefenoekologie.de

Sieben Linden ist ein Ökodorf im Norden von Deutschland. Zurzeit leben dort 100 Erwachsene und 40 Kinder. Gelebte Nachhaltigkeit in Bezug auf Lebensmittel, Baustoffe sowie im sozialen Miteinander sind zentrale Werte. www.siebenlinden.org

 

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