Dirk Erken/ Shutterstock
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Entscheidungen treffen

Krieg und Frieden und die Last der Verantwortung

Politische Entscheidungen betreffen viele Menschen. Beispiel Ukraine. Sven Precht fragt, was es heißt, über Krieg und Frieden entscheiden zu müssen.

Verantwortung hat etwas mit Entscheidungen zu tun. Ich muss eine Entscheidung treffen. Nicht irgendeine Entscheidung, eine wichtige mit Folgen für das Wohlergehen, für Leben oder Tod. In einer solchen Entscheidung trage ich die ganze Last der Verantwortung. Was bedeutet in diesem Zusammenhang das Wort „Last der Verantwortung“?

Beispiel: Mein Kind ist krank, und die Ärzte raten mir, es einer langen und schwierigen Behandlung, vielleicht sogar einer Operation zu unterziehen. Ich fühle mich unwohl dabei, weil ich von der Behandlungsform nicht überzeugt bin. Und weil ich das Gefühl habe, dass auch eine Operation kein Garant für Heilung ist.

Ich trage schwer an dieser Entscheidung, suche verzweifelt nach Alternativen, die sich mir aber nicht anbieten. Vielleicht weiß ich zu wenig über Medizin und medizinische Alternativen. Nach einer schlaflosen Nacht fühle ich mich hundeelend – fühlen sich Hunde eigentlich elend? – und beratschlage mich noch einmal mit der Mutter meines Kindes. Ihr geht es ähnlich, und beide ringen wir uns zu einem Entschluss durch, ohne ein besonders gutes Gefühl dabei zu haben.

Nicht einmal erleichtert sind wir, dass wir eine Entscheidung getroffen haben. Im Gegenteil. Jetzt spüren wir die Last der Verantwortung – die Last eben der Folgen dieser Entscheidung. Wir kennen die Folgen nicht. Es ist ein Schritt ins Ungewisse, und wir wissen auch nicht, ob unser Kind uns deswegen einmal Vorwürfe machen wird. So kann eine Entscheidung im persönlichen Bereich aussehen …

Ukraine: Keiner will Krieg, jeder fühlt sich im Recht

Noch viel schwieriger sind politische Entscheidungen. Wir verfolgen gerade die Meldungen über den Konflikt in der Ukraine. Obwohl ich täglich viele Meldungen darüber lese und mir schon ein objektives, gerechtes Bild zu machen suche – ich versuche auch, die Gegenseite zu verstehen, – muss ich zugeben, dass ich eigentlich nicht viel verstehe.

Warum? Nun, da sind diese pro-russischen Separatisten – so werden sie in der westlichen Presse genannt. Diese sogenannten Separatisten scheinen auf keine Einwände mehr hören zu wollen und sogar einen Krieg in Kauf zu nehmen. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass diese Leute wirklich Krieg wollen, oder besser: Ich habe das Gefühl, dass mir wichtige Informationen fehlen.

Ebenso geht es mir mit der Übergangsregierung in der Ukraine. Der Westen hat sich mehr oder minder vorbehaltlos hinter diese Regierung gestellt, obwohl sie nicht ganz rechtmäßig im Amt ist, sondern sich dorthin geputscht hat. Der Osten – das ist in diesem Fall hauptsächlich Russland unter Präsident Wladimir Putin – scheint erhebliche Probleme mit dieser Übergangsregierung und mit der gesamten Situation in der Ukraine zu haben. So viel kann ich sogar der westlichen Berichterstattung entnehmen.

Aber trotz der vielen hundert Artikel, die ich bisher darüber gelesen habe: Ich traue mir kein Urteil zu. Ich kann nicht einmal die Frage beantworten, ob ein Krieg dort unvermeidlich ist. Warum?

Nun, ein Krieg sollte sich um jeden Preis vermeiden lassen. Ein Krieg richtet so viele Schäden – physische, mentale und kulturelle Schäden an, dass es meiner Ansicht nach schlechterdings nichts auf dieser Welt gibt, das eine kriegerische Auseinandersetzung irgendwie rechtfertigen würde. Und dennoch gibt es Kriege, es gab sie immer schon. Unsere Geschichte besteht zum überwiegenden Teil aus Kriegen und Besetzungen und Vertreibungen – es ist zum Heulen.

In der Ukraine scheint sich genau das zu wiederholen, wovon wir doch alle „die Nase voll“ haben. Keiner möchte Krieg. Jeder fühlt sich irgendwie im Recht. Die umstehenden Nationen versuchen zu vermitteln. Doch in ihren Vermittlungsversuchen setzen sie unterschiedlich an. Widersprechen einander. Und scheinen die Lage sogar noch zu verschlimmern. Wenn irgendjemand einen drohenden Krieg ernsthaft verhindern wollte, wo könnte dieser Mensch vernünftigerweise ansetzen?

Verantwortung und Schuld

Die Frage nach Krieg und Frieden birgt ein unermesslichen Potential an Tragik und Leiden in sich. Auch in der Geschichte haben die wenigsten Menschen einen Krieg wirklich gewollt. Allenfalls in Momenten der kollektiven Verblendung – „Wollt ihr den totalen Krieg?“ – haben die Massen zugestimmt, aber diese Zustimmung teuer bezahlt und umfassend bereut. Unsagbar auch die Last der Schuld, mit der jeder Einzelne sich beladen zu haben glaubt, weil er irgendwann versäumt hat, gegen diesen Wahnsinn aufzustehen. Und die Frage, wann er oder sie, der oder die Einzelne, hätte sinnvoll dagegen aufstehen können – diese Frage lässt sich eigentlich nicht klar beantworten.

Kurzum: Die Last der Verantwortung angesichts einer politischen Entscheidung diesen Ausmaßes lässt sich gar nicht in Worte fassen. Wir hoffen alle, dass wir trotz aller Unkenrufe doch einen gewissen zivilisatorischen Fortschritt gemacht haben und das Eintreten eines Krieges zumindest hinaus zögern, bis auch diese Option obsolet geworden ist.

Das ist zumindest meine Hoffnung. Und ich hoffe auch, dass meine noch fehlenden Informationen bezüglich der Ukraine diese Hoffnung bekräftigen mögen. Mögen die Beteiligten miteinander reden, statt auf einander schießen. Sie würden das zumindest nicht bereuen und sich über die Folgen einer Entscheidung vielleicht auch mal freuen können.

Ich möchte die Verantwortung über aktuelle Vorgänge in der Ukraine nicht tragen müssen. Wirklich nicht. Ich möchte nicht in der Haut eines Arseni Jazenjuk stecken und weitere Entscheidungen treffen müssen. Zu groß die Last.

Sven Precht

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Sven Precht war viele Jahre als Kulturjournalist tätig und arbeitet heute in der IT-Branche. Er unterrichtet auch an der Volkshochschule zu philosophischen Themen.

 

 

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