michaeljung/ shutterstock.com
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Muslime, Deutsche und die Etikette

Ethische Alltagsfragen

Jeder kennt das: Es gibt tagtäglich ethische Fragen, die wir nicht leicht beantworten können. In dieser Rubrik gibt der amerikanische Philosoph Jay Garfield eine Antwort. Heute geht um die Frage: Was macht eine Frau, wenn ihr ein muslimischer Mann zur Begrüßung nicht die Hand geben will?

 

Die Frage: Eine deutsche Frau ist mit einem Kollegen unterwegs, und sie treffen einen streng religiösen muslimischen Mann aus dem Iran. Dieser gibt der Frau nicht die Hand, wohl aber dem männlichen Kollegen. Was soll sie tun?

Jay Garfield: Ich denke, sie sollte das respektieren. Sich zur Begrüßung die Hand zu geben, ist eine höfliche Geste. Wenn das Gegenüber dies aber gar nicht höflich findet, sondern Probleme damit hat, wäre es von seiten der Frau nicht höflich, darauf zu bestehen. Wenn man das sehr eng sieht, verfehlt man gerade die Bedeutung des Händeschüttelns, nämlich höflich sein zu wollen.

Hier ein Vergleich: Manche Menschen begrüßen sich, indem sie sich umarmen; andere finden dies zu intim und fühlen sich damit unwohl. Es wäre grob unhöflich, jemanden dazu zu zwingen, einen anderen zur Begrüßung zu umarmen. Genau so wäre es, wenn man darauf besteht, dass einem jemand unbedingt die Hand gibt.

Bei dieser Frage geht es nicht um Gleichheit, etwa von Mann und Frau, sondern um Etikette. Stellen Sie sich vor, Sie und Ihr Kollege träfen eine muslimische Frau. Diese würde Ihnen die Hand geben, aber nicht Ihrem Begleiter.

Hier geht es nicht um Überlegenheit oder Unterlegenheit, sondern darum, ob die Handlung gegenüber dem gleichen oder einem anderen Geschlecht ausgeführt wird. Das Thema ist hier, was ein angemessenes Verhalten ist, und dies variiert in den verschiedenen Kulturen. Es geht nicht um Ethik, sondern um Etikette.

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Haben auch Sie eine Frage? Mailen Sie an: info@ethik-heute.org  Wir legen Jay Garfield Fragen unserer Leserinnen und Leser vor.

 

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3 Gedanken zu „Muslime, Deutsche und die Etikette

  1. Kommt es nicht auf den Einzelfall an? Ich kann mir vorstellen, dass Frau sich nicht verletzt fühlt, wenn die Begrüßung freundlich ist und die Körpersprache des fundamentalistischen Muslims Empathie und Respekt zeigt. Anders ist es, bei einer eindeutig unfreundlichen und frauenfeindlichen Attitüde. Da mag es für Frau angeraten sein, den Raum zu verlassen und an einem vereinbarten Ort auf den Kollegen zu warten.

    1. Ich hatte mich das auch gefragt. Jay Garfield sagte, bei der Frage ginge es nicht um Ethik, also nicht z.B. um den Wert der Gleichstellung von Mann und Frau, sondern um Etikette, d.h. Höflichkeit. Aber wo fängt Diskriminiertung an? Ich vermute auch, dass es vom Kontext abhängt, in dem die Handlung gemacht wird.

  2. Ich meine Jay Garfields Verweis auf Etikette ist ein Ausweichen vor einer ethischen Frage. Es geht ja gerade darum wie ein muslimischer Mann (allgemein) sich gegenüber einer Frau (allgemein) verhält, bzw. sich verhalten sollte. Auch auf den Kontext zu verweisen oder dass dies eine Einzelfallentscheidung sie ist eine Flucht davod, sich der allgemeinen Ethischen Frage zu stellen. Es hängt ja z.B. nicht vom Ort ab, wo der Handschlag stattfindet bzw. nicht stattfindet – das wäre tatsächlich eher ein kulturelles Problem und kulturellen Eigenheiten (Etiketten) zuzuschreiben. Aber hier gehts um die allgemeine Frage, ob die ideologische Haltung des muslimischen Mannes ethisch zu rechtfertigen ist – ich meine nein, es sei denn er entschuldigt sich, denn das würde voraussetzten, dass er das moralische Dilemma, indem er sich befindet, durchschaut. Das Verhalten des Mannes wird aber von einer schon in sich unethischen Norm bestimmt – die eindeutige Diskriminierung der Frau im Islam, welche durch die vorenthaltene Geste des Händedrucks zum Ausdruck kommt. Eine Umarmung finde ich übringens einen schlechten Vergleich, denn es kostet weniger Überwindung sich eine Hand zu reichen, als die deutliche körperliche Nähe einer Umarmung zuzulassen.

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