Ethische Alltagsfragen

Jeder kennt das: Es gibt tagtäglich ethische Fragen, die wir nicht leicht beantworten können. In dieser Rubrik gibt der amerikanische Philosoph Jay Garfield eine Antwort. Heute geht um die Frage: Was macht eine Frau, wenn ihr ein muslimischer Mann zur Begrüßung nicht die Hand geben will?

 

Die Frage: Eine deutsche Frau ist mit einem Kollegen unterwegs, und sie treffen einen streng religiösen muslimischen Mann aus dem Iran. Dieser gibt der Frau nicht die Hand, wohl aber dem männlichen Kollegen. Was soll sie tun?

Jay Garfield: Ich denke, sie sollte das respektieren. Sich zur Begrüßung die Hand zu geben, ist eine höfliche Geste. Wenn das Gegenüber dies aber gar nicht höflich findet, sondern Probleme damit hat, wäre es von seiten der Frau nicht höflich, darauf zu bestehen. Wenn man das sehr eng sieht, verfehlt man gerade die Bedeutung des Händeschüttelns, nämlich höflich sein zu wollen.

Hier ein Vergleich: Manche Menschen begrüßen sich, indem sie sich umarmen; andere finden dies zu intim und fühlen sich damit unwohl. Es wäre grob unhöflich, jemanden dazu zu zwingen, einen anderen zur Begrüßung zu umarmen. Genau so wäre es, wenn man darauf besteht, dass einem jemand unbedingt die Hand gibt.

Bei dieser Frage geht es nicht um Gleichheit, etwa von Mann und Frau, sondern um Etikette. Stellen Sie sich vor, Sie und Ihr Kollege träfen eine muslimische Frau. Diese würde Ihnen die Hand geben, aber nicht Ihrem Begleiter.

Hier geht es nicht um Überlegenheit oder Unterlegenheit, sondern darum, ob die Handlung gegenüber dem gleichen oder einem anderen Geschlecht ausgeführt wird. Das Thema ist hier, was ein angemessenes Verhalten ist, und dies variiert in den verschiedenen Kulturen. Es geht nicht um Ethik, sondern um Etikette.

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