Friedenspädagogik neu denken

Anna Pasichnyk/ Shutterstock
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Innovative Bildungsreform in der Ukraine

Jakob C. Fürst arbeitet seit 2018 an der Bildungsreform in der Ukraine mit. In einem Pilotprojekt wird hier Friedenspädagogik mit SEE Learning verbunden, einem Programm, das die Arbeit mit Emotionen integriert. Ein Interview über Friedenserziehung und wie sie helfen kann, Konflikte zu lösen.

 

Das Interview führte Michaela Doepke

 Frage: Der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan sagte einmal: „Bildung ist ganz einfach Friedensförderung unter einem anderen Namen. Es ist die effektivste Form der Verteidigungsausgaben, die es gibt.“ Stimmen Sie dieser Aussage zu?

Fürst: Ja, ich mag die Aussage und zitiere sie immer wieder. Man könnte vielleicht noch präzisieren, dass es insbesondere die Friedenserziehung ist, die diese Wirkung haben kann.

Was hat sie als Politikwissenschaftler motiviert, Friedenspädagogik in der Ukraine zu vermitteln?

Fürst: Ich habe schon während des Studiums begonnen, Politische Bildung zu unterrichten und das hat viel mit Friedenspädagogik zu tun.

Da ich mich schon vor der Großinvasion an der Friedensförderung mit Dialog- und Mediationsprojekten in der Ukraine engagiert hatte, habe ich mich 2018 auf eine Stelle beim Lehrkräfte-Netzwerk EdCamp Ukraine beworben. Wir wollten gemeinsam Friedenspädagogik in der Ukraine etablieren.

Wie kam es dazu, dass Sie SEE Learning (SEEL) als Fortbildungsmaßnahme für Schullehrer in der Ukraine eingeführt haben?

Fürst: Der Leiter von EdCamp Ukraine, Oleksandr Elkin, war von einem Buch des Dalai Lama tief beeindruckt und wollte ihn unbedingt kennenlernen. So reiste eine Gruppe ukrainischer Lehrkräfte 2019 nach Dharamsala. Der Dalai Lama hatte bei diesem Treffen SEEL erwähnt und empfohlen – ein Programm, das er mitinitiiert hat und das dann von der Emory University in Atlanta teilweise auf seinen Lehren aufbauend entwickelt wurde.

Andere Einflüsse bezieht SEEL aus der Bildungswissenschaft und der Psychologie. In der Ukraine lief seit 2016 die äußerst umfassende Schulreform „Neue Ukrainische Schule“ und die Lehrkräfte bei EdCamp haben sofort gesagt: „Das ist das Programm, mit dem wir die Vorstellungen dieser Reform optimal umsetzen können.“

Durch diese Begeisterung und die Unterstützung des Bildungsministeriums konnten wir sehr schnell einen landesweiten Schulversuch starten.

Wir können die Friedenspädagogik um emotionale Aspekte erweitern.

Inwiefern ist das Programm SEEL geeignet, Friedensbildung anzuregen? Was ist das Besondere an diesem Programm?

Fürst: Das Besondere an SEEL ist seine inhaltliche Breite und Tiefe. So ziemlich jede Innovation im Bildungswesen der letzten Jahrzehnte wird hier abgedeckt – besonders die sog. Soft Skills. Die Entwickler haben ein feines Gespür dafür bewiesen, wie Gruppen funktionieren, was Heranwachsende bewegt, mit welchen Herausforderungen Lehrkräfte zu kämpfen haben.

Für die Friedensbildung ist das ausgesprochen relevant. Oft wird Friedenserziehung sehr politisch betrieben: Was ist ein Konflikt? Was ist Gewalt? Wie funktioniert Demokratie? Wie Diplomatie? SEEL erweitert diese Fragen um die emotionale Komponente: Was ist eine Emotion? Warum bringen mich manche Emotionen in Schwierigkeiten? Was regt mich an, was regt mich auf, was macht mich traurig? Wie kann ich meine Emotionen steuern?

Wie wird im Rahmen von SEE Learning der Umgang mit Konflikten gelehrt?

Fürst: Wenn sie ihr Innenleben besser verstehen, können sich junge Menschen viel besser auf ihr Umfeld einlassen, mit ihm in Kontakt gehen, ruhig zuhören und auch einfordern, dass ihnen zugehört wird. Auf dieser Basis lassen sich Meinungsunterschiede oder sogar handfeste Konflikte bearbeiten.

Das zentrale Element und Ziel ist dabei Mitgefühl – mit sich selbst und mit anderen. Emotionen werden also nicht weggewischt, sondern bewusst in die Konfliktbearbeitung miteinbezogen, bevor sie eskalieren. Da lernen auch die meisten Lehrkräfte noch jede Menge dazu.

Wie waren die Erfahrungen? In welchen Regionen der Ukraine haben Sie unterrichtet?

Fürst: Wir haben in allen Regionen unterrichtet, die sich unter Kontrolle der ukrainischen Regierung befanden, also auch in Teilen der Oblasts in Luhansk und Donezk. Nicht nur dort wurde uns zunächst mit viel Skepsis begegnet: Wie kann ich Mitgefühl mit jemandem haben, der in mein Land einmarschiert? Wie mit jemandem, der mir Gewalt antut?

Das sind äußerst schwierige Fragen, und man braucht dafür viel Zeit. Am Ende wird man aber immer entdecken, dass sogar die Menschen, die man selbst als Verbrecher empfindet, Grundbedürfnisse und Werte haben, die man mit ihnen teilt.

Das heißt nicht, dass ich das, was sie mir angetan haben, verzeihen muss. Aber es öffnet die Perspektive auf ein gemeinsames Menschsein, das man unweigerlich teilt – und über das man sich einander im besten Fall wieder langsam annähern kann.

Friedenserziehung kann helfen, Konflikte erfolgreich zu lösen

Wie ist es, Friedenserziehung in einem Land einzuführen, das sich im Krieg befindet?

Fürst: Ich habe in der Ukraine einen viel größeren Wunsch nach Frieden erlebt als in meiner Heimat Österreich, wo „Frieden“ vor dem 24. Februar 2022 eher ein belächelter Slogan der Naiven war. Prinzipiell ist Friedenserziehung natürlich in erster Linie Prävention. Wir alle haben gelegentlich Konflikte, und Friedenserziehung kann dazu beitragen, dass wir diese Konflikte viel erfolgreicher lösen.

Welche Rolle spielt die Vermittlung von Ethik und ethischen Werten bei der Friedenspädagogik?

Fürst: Werte werden bei SEE Learning immer als menschliche Grundwerte verstanden, also Werte, die wir prinzipiell alle teilen. Das ist natürlich erst einmal eine Annahme. Zwei Menschen müssen im Dialog herausfinden, inwiefern ihre Werte kompatibel sind.

Aber eins teilen wir – dass wir alle Menschen sind und als solche miteinander reden und uns friedlich austauschen können. SEE Learning vermittelt, dass das umso besser gelingt, je mehr wir uns mit unserer eigenen emotionalen, sozialen und ethischen Situation vertraut gemacht haben.

In Europa und den USA waren wir lange Zeit nicht gewohnt, mit Kriegssituationen umzugehen. Was braucht es, um das globale Programm SEE Learning mehr in den Bildungssystemen zu verankern und ein Bewusstsein für den Wert Frieden anzustoßen?

Fürst: Manche europäischen Länder und die USA sind eigentlich ständig in Kriege involviert, nur dass deren Armeen diese Kriege eben bisher weit weg von Europa ausgetragen haben. Dass wir die Warnungen unserer osteuropäischen Freundinnen und Freunde, die das russische Regime sehr früh korrekt eingeschätzt haben, ignoriert haben, lässt uns nun besonders hart in der Wirklichkeit aufprallen.

Ich denke daher, dass das Wort „global“ hier wirklich wichtig ist. Wir müssen entschieden für globale Verständigung, für Wertschätzung aller Menschen einstehen – egal, wo sie leben und woher sie kommen. Dazu gehören auch Respekt und Gerechtigkeit, die in globalen Bildungsprogrammen wie SEE Learning abgebildet sind.

Ich bin überzeugt, dass die allermeisten Menschen das auch so sehen und sie das ihren Regierungen eigentlich nur mit Nachdruck vermitteln müssen. Da wird dann die Friedenserziehung plötzlich wieder sehr politisch.

Die Schulsysteme weltweit orientieren sich bisher überwiegend an materieller Entwicklung und Leistung. Was ist Ihre Zukunftsvision in Hinsicht auf Friedenspädagogik?

Fürst: Die heutigen Krisen – der Krieg, die Klimaerwärmung, die Pandemie, die krisenhafte Wirtschaft – werden zweifellos dazu führen, dass wir auch Bildung anders denken müssen. Diese Bewegung hat schon lange begonnen und wird sich irgendwann ganz sicher auch in der Regierungspolitik wie in der Ukraine seit 2016 widerspiegeln – wenn uns noch genug Zeit bleibt.

Mehr Infos über das Programm SEE Learning

Unterrichtsmaterialien gibt es hier: https://www.see-learning.ch/lehrmittel-1/

www.mindfulmara.at

 

Foto: Uliana Rudich, EdCamp Ukraine

Jakob C. Fürst ist Politikwissenschaftler und arbeitete als Friedensfachkraft des deutschen Programms „Ziviler Friedensdienst“ in der Ukraine. Im Rahmen von EdCamp Ukraine konzipierte und realisierte er friedenspädagogische Initiativen und Fortbildungen mit SEE Learning für Schulpädagogen. In den letzten zehn Jahren engagierte er sich für Politische Bildung und Gewaltprävention in und um Europa. Er lebt derzeit in Wien. Er war

 

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