Ein Gastbeitrag der Pädagogin Klaudia Klaffke

Die Würde junger Menschen zu achten, war das Anliegen Jesper Juuls, als er den Begriff „Gleichwürdigkeit“ schuf. Klaudia Klaffke erklärt, wie Gleichwürdigkeit in Schule und Familie gelingen kann. Dies schließt Verständnis für das Anderssein des Gegenübers ebenso ein wie die Achtung eigener Bedürfnisse und Werte.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Diesem Grundsatz wird wohl kaum jemand bewusst widersprechen. Und doch geschieht es tagtäglich,  dass in der Schule und in Familien diesem Grundsatz zuwider gehandelt wird. Wie oft verletzen wir unabsichtlich und unbedacht die Integrität von Kindern und Jugendlichen? Und wie können wir im pädagogischen Alltag die Würde und die Integrität der Kinder und Jugendlichen achten und schützen und gleichzeitig unsere eigenen Grenzen wahren und unsere persönlichen und professionellen Werte und Absichten umsetzen?

In diesem Kontext ist der Begriff der „Gleichwürdigkeit“, den der dänische Familientherapeut Jesper Juul prägte, hilfreich. Robin Menges beschreibt diese Beziehungsqualität in ihrem sehr lesenswerten Buch „Selbst.Wert.Gefühl“ so:

„Gleichwürdigkeit ist ein Begriff, den Jesper Juul erfunden hat. Es ist die Kombination von Gleichheit und Würde….Gleichwürdig handeln hat nichts mit Gleichbehandlung zu tun. Es hat auch nichts mit Gerechtigkeit zu tun. Es bedeutet, dass ich mein Gegenüber (Erwachsene und Kinder)genauso ernst nehme wie mich selbst. Dass ich seine innere Würde respektiere und die Tatsache, dass er oder sie eigene Träume, Wünsche, Bedürfnisse und Ambitionen hat. Und zwar eigene.

Gleichwürdigkeit erfordert einen starken Respekt vor Unterschiedlichkeit. Gleichwürdigkeit fordert in letzter Konsequenz auch einen Respekt vor den Werten anderer, die vielleicht meinen eigenen widersprechen. Respekt, Verständnis und Gleichwürdigkeit verlangen aber nicht notwendigerweise, dass ich den Wünschen und Bedürfnissen des anderen entspreche.“

Wenn es um die Beziehung zwischen Erwachsenen und Kindern geht, ist oft nicht recht klar, was Gleichwürdigkeit eigentlich bedeutet und vor allem: wie sich Gleichwürdigkeit in Beziehungen in konkrete Handlungen umsetzen lässt und wie sie für den Anderen spürbar wird. Dieser letzte Punkt ist wichtig. Denn oft wird Gleichwürdigkeit mit Gleichberechtigung verwechselt oder vermischt. Das führt zu Unsicherheit oder Unklarheit bei den Beteiligten.

Unterschiede anerkennen, eigene Bedürfnisse äußern

Ein Beispiel aus der Praxis: Eine junge Lehrerin, die erst seit kurzer Zeit an einer Freien Schule arbeitet, schildert in einem Workshop folgende Situation, die sich vor einigen Wochen ereignet hat:

Es ist Schulschluss, die Lehrerin hat im Anschluss einen Termin und will die Schule verlassen. Ein 8-jähriger Junge sitzt – ziemlich hoch – in einem Kletterbaum und will nicht herunterkommen. Sie fordert ihn auf, herunterzukommen. Er ist der Meinung, er müsse nicht auf sie hören, da die Schule aus ist. Die Lehrerin ist nun im Di- bzw. Trilemma – sie möchte nicht zu spät zu ihrem Termin kommen. Gleichzeitig will sie ihre Aufsichtspflicht nicht vernachlässigen und sie will aber auch das Bedürfnis des Jungen (im Baum zu sitzen) berücksichtigen. Sie ist auch der Meinung, sie dürfe ihr eigenes Bedürfnis nicht „über“ das Bedürfnis des Jungen stellen.

Im weiteren Gespräch werden ihre Unsicherheit in ihrer neuen Rolle als Lehrerin und ihre widersprüchlichen Haltungen erforscht:

„Ich habe die Verantwortung und die Aufsichtspflicht“ versus: „Eigentlich will ich dir zutrauen, dass du gut klettern kannst“/ „Eigentlich will ich nicht über dich bestimmen“/ „Was erwarten die neuen Kolleginnen und Kollegen von mir? Muss ich mich jetzt durchsetzen – oder soll ich respektvoll gegenüber dem Schüler sein?“

Diese widerstreitenden Gedanken und Gefühle führen dazu, dass ihre Botschaft an den Jungen undeutlich ist. Seine Weigerung, vom Baum herunterzukommen, ist kein sogenanntes „Austesten“, sondern kann als Frage/ Aufforderung an die Lehrerin verstanden werden: „Ich will gern wissen, wo du stehst – ich kann dich nicht spüren!“

Die Aufgabe für die Lehrerin ist also zuerst, sich selbst klar darüber zu werden, was sie eigentlich will. Dazu sind Achtsamkeitsübungen und kollegiale Reflexion hilfreich (mehr dazu im neu überarbeiteten Klassiker von H.Jensen und J.Juul : „Vom Gehorsam zur Verantwortung“).

Im nächsten Schritt geht es darum, die Empathie, die die Lehrerin für den Jungen hat, so auszudrücken, dass er sie wahrnehmen kann und mit ihren Grenzen so deutlich zu werden, dass der Junge sie sehen kann. Und das Ganze sollte dann auch noch kurz und klar ausgedrückt werden!

In echten Dialog gehen

Gleichwürdigkeit ist eine Qualität, die sich in erster Linie in dem Prozess zwischen den beiden Beteiligten zeigt. Spricht die Lehrerin von sich selbst und ihren Grenzen und Bedürfnissen, oder definiert sie den Jungen? Wenn die Lehrerin – wie es häufig geschieht – denkt, der Junge wolle sie „provozieren“ oder „austesten“ und entsprechend kommuniziert, wird sie sich vermutlich bald in einem Machtkampf wiederfinden, in dem beide nur verlieren können.

Gleichgültig, wer sich durchsetzt, die Beziehung leidet. Gelingt es ihr jedoch in der Situation, einen Dialog zu führen, bietet der Konflikt die Chance, dass beide sich besser kennenlernen. Zu einem konstruktiven Dialog gehört es, für sich selbst und seine Bedürfnisse Verantwortung zu übernehmen („Ich will jetzt gehen!“)und die Bedürfnisse des anderen ernst zu nehmen, ohne dass sie notwendigerweise erfüllt werden müssen.

Wenn Erwachsene mit ihrer Definitionsmacht das Bedürfnis des Kindes verurteilen, verletzen sie seine Integrität und schaden seinem Selbstgefühl. Das ist beispielsweise der Fall, wenn eine Lehrerin auf den Wunsch der Schüler nach früherem Schulschluss wegen besonders schönen Wetters so antworten würde: “Schönes Wetter, schönes Wetter – es geht nicht immer nur nach eurer Lust und Laune. Gerade eure Klasse muss noch viel lernen – hört jetzt auf zu nerven und arbeitet weiter!“

Eine konstruktivere Möglichkeit wäre, die eigenen Grenzen und Bedürfnisse klar auszusprechen und gleichzeitig den Wunsch der Kinder in die Entscheidung so gut wie möglich einzubeziehen – etwa so: Nein – ich will heute nicht früher Schluss machen – mir ist diese Stunde wichtig als Vorbereitung auf die Klassenarbeit. Doch ich verstehe, dass ihr euch nach drei Wochen Regen über die Sonne freut – deshalb biete ich Euch an, dass wir raus in den Schulhof gehen und dort weiterarbeiten.“

Natürlich werden Kinder auch wenn wir klar und freundlich Nein sagen, wahrscheinlich frustriert oder wütend sein sein und möglicherweise weinen. Und das ist in Ordnung und schadet weder ihnen noch der Beziehung, sofern wir ihre Enttäuschung anerkennen und ihnen den Raum und die Zeit geben, diese zu verarbeiten.

Wenn uns das schwer fällt und wir selbst in solchen Konfliktsituationen den Kontakt zu uns selbst verlieren und aggressiv oder defensiv werden, dann liegt es oft daran, dass wir an unserem Wert als Lehrerin und Lehrer zweifeln. Oder wir sind nicht darin geübt , mit gutem Gewissen und freundlich „Nein“ zu sagen.

Gleichwürdigkeit in der Familie

Dies lässt sich auch auf den Familienkontextübertragen . Eltern sind mit ähnlichen Situationen wie die junge Lehrerin in dem Beispiel konfrontiert. Oft gelingt es ihnen aus verschiedenen Gründen nicht gut, ihre eigenen Bedürfnisse und Standpunkte kraftvoll zu vertreten.

Wichtig ist, dass die Eltern mit dem, was sie wollen und brauchen, deutlich sichtbar werden und so die Führungsverantwortung in der Familie übernehmen. Denn sonst fehlt den Kindern die Orientierung. Dann geschieht es leicht, dass die Bedürfnisse der Kinder auf ungute Art die ganze Familie dominieren. Es kann eine Beziehungsdynamik entstehen, die so wirkt, als ob die viel zitierten „kleinen Tyrannen“ die Macht übernommen hätten.

Dabei sind Kinder ursprünglich nicht daran interessiert, die Macht zu ergreifen – ganz im Gegenteil: Kinder brauchen Erwachsene, die sich selbst und ihre eigenen Grenzen deutlich spüren und sie zeigen, ohne die Grenzen der Kinder dabei zu verletzen oder lächerlich zu machen. Wenn Erwachsene für Kinder „undeutlich“ sind, suchen diese manchmal fast verzweifelt nach den „Umrissen“ der Erwachsenen.

Ein Beispiel für meine eigene Unklarheit als junge Mutter: Als unsere Kinder noch im Kindergarten und Grundschulalter waren, bekamen sie gelegentlich von den Großeltern Geld zum Geburtstag. Wir gingen dann voller Vorfreude gemeinsam in den Spielzeugladen und die Kinder sollten sich ein Geschenk aussuchen. Sie (und ich auch) waren aber vollkommen überfordert von der großen Auswahl und konnten noch gar nicht einschätzen, welche Spielzeuge bezahlbar und einigermaßen sinnvoll (nach meinen Maßstäben) war.

Diese Ausflüge endeten regelmäßig damit, dass mindestens ein Kind verzweifelt oder wütend weinte, weil es nicht das bekam, was es ausgesucht hatte, und ich mindestens genauso verzweifelt und wütend damit drohte, dass wir nie wieder zusammen ins Spielzeuggeschäft gehen.

Als junge Mutter war mir überhaupt nicht klar, dass diese heftigen Konflikte mit meiner Unklarheit und „Führungsschwäche“ zusammenhingen und wie destruktiv mein Verhalten war, indem ich auch noch die Kinder dafür kritisierte , dass sie ihre Gefühle zeigten anstatt „vernünftig“ zu sein .

Heute würde ich meinem jüngeren Ich empfehlen, zuerst allein in den Spielzeugladen zu gehen, mir das Angebot anzuschauen und eine kleine Auswahl von zwei bis drei Spielzeugen zu treffen, die ich dann den Kindern vorschlagen könnte.

Falls es für meinen Sohn trotzdem zu schwierig sein sollte, sich zu entscheiden, würde ich ihm gern sagen: „ Das ist jetzt schwer für dich, dich zwischen den beiden schönen Legokästen zu entscheiden. Das kann ich gut verstehen – ich kann mich auch oft so schwer entscheiden. Wir gehen jetzt einfach nach Hause und du überlegst in Ruhe, was dein liebster Wunsch ist. Wenn du das weißt, kommen wir noch einmal her.“

Und wenn er dann trotzdem weint und wütend oder verzweifelt ist? Dann wäre es meine Aufgabe, ihn in diesem heftigen Gefühl verständnisvoll zu begleiten – ohne selbst zu verzweifeln/wütend zu werden oder von ihm zu erwarten, dass er anders ist als er nun mal ist.

Wenn die Eltern so ihre Verantwortung in der Familie übernehmen, können die Kinder sich entspannen.

Die Bedürfnisse anderer anerkennen, auch wenn sie nicht erfüllt werden können

Gleichermaßen gilt in der Schule: Je klarer (und freundlicher) Lehrerinnen und Lehrer ihre eigenen Grenzen und Anforderungen vermitteln, desto besser ist es für die Atmosphäre in der Klasse. Doch Achtung: Entscheidend ist dabei, dass die Grenzen der Schülerinnen und Schüler respektiert werden, dass niemand abwertend behandelt wird oder jemandem schlechte Absichten unterstellt werden.

Anstatt zu kritisieren oder Vorwürfe zu machen ist es immer wirkungsvoller, nachdrücklich und freundlich (das muss kein Gegensatz sein)das gewünschte Verhalten zu benennen:

Beispiel: „ Ich will, dass ihr jetzt alle anfangt zu arbeiten!“ Oder: „Sarah und Karla – ich sehe, dass ihr gerade viel zu besprechen habt: Gehört es zu unserem Thema – wollt ihr es für alle laut sagen? Wenn nicht, dann seid bitte ruhig und fangt an zu arbeiten!“ (klar, interessiert, freundlich) Statt: „Sarah und Karla, müsst ihr denn dauernd quatschen? Habt ihr wieder mal nicht mitgekriegt, dass ihr anfangen sollt zu arbeiten? Immer muss man euch extra ermahnen – das nervt!“(vorwurfsvoll, aggressiv oder klagend)

Gleichwürdigkeit bedeutet also: Ich als Erwachsener interessiere mich für die Bedürfnisse, Wünsche, Eigenarten und Standpunkte der Kinder und Jugendlichen. Ich achte und erkenne diese an. Gleichermaßen achte ich meine eigenen Bedürfnisse, Absichten, Werte und Standpunkte und treffe dann eine Entscheidung aufgrund der komplexen Situation und auf der Basis meiner professionellen und oder persönlichen Werte.

In manchen Situationen werde ich einen Kompromiss oder einen Konsens suchen und finden. In anderen Situationen werde ich die Bedürfnisse des anderen nicht erfüllen können oder wollen. Und dann kommt es darauf an, den anderen nicht für seine Enttäuschung, seinen Ärger, seine Traurigkeit zu kritisieren oder moralisch zu verurteilen, sondern seine jeweilige Reaktion anzuerkennen und möglichst zu akzeptieren.

Oder wie Jesper Juul es ausdrückt: „In einer gleichwürdigen Beziehung werden die Wünsche, Anschauungen und Bedürfnisse beider Partner gleich ernst genommen und nicht mit dem Hinweis auf Geschlecht, Alter oder Behinderung abgetan oder ignoriert. Gleichwürdigkeit wird damit dem fundamentalen Bedürfnis aller Menschen gerecht, gesehen, gehört und als Individuum ernst genommen zu werden.“ (3)

Quellenhinweise

(1)Menges, Robin (2019) Selbst.Wert.Gefühl. Ein Handbuch zur Stärkung von Kindern und Jugendlichen.Steyr: Ernsthaler Verlag

(2) Jensen,Helle/Juul,Jesper (2019)Vom Gehorsam zur Verantwortung. Wie Gleichwürdigkeit in der Schule gelingt. Weinheim und Basel: Beltz

(3) Jesper Juul: Was Familien trägt, Kösel-Verlag 2006

 

Klaudia Klaffke, verheiratet, 3 Kinder, 1 Enkelkind, ist Erziehungswissenschaftlerin M.A.; Weiterbildungen in klientenzentrierter Gesprächstherapie GwG; Montessoripädagogik; Family Councelling (bei Jesper Juul, Helle Jensen u.a.); systemischer Pädagogik; Training Empathy.

Pädagogische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen von 1 bis 15 Jahren in unterschiedlichen Kontexten, Dozentin an einer Erzieherfachschule, Gründung und Leitung einer Freien Aktiven Montessorischule (2004-2012). Freiberuflich tätig als Familienberaterin,Eltern- und  LehrerInnenfortbildnerin und Autorin der Rubrik „BeziehungsWeise“ in der Fachzeitschrift „Klasse Leiten“ des Friedrich Verlags. www.beziehungskompetenz-klaffke.de