Hat der Pazifismus ausgedient?

Der Philosoph Wilfried Hinsch legt nach

Der Philosoph Wilfried Hinsch plädiert in seinem neuen Buch „Die Moral des Krieges“ für einen „aufgeklärten Pazifismus“ und leistet einen Beitrag zu einer wichtigen Diskussion. Birgit Stratmann fragt dennoch: Was geschieht, wenn sich die Prioritäten verschieben und der Gewalt die Tür geöffnet wird?

 

Den IS-Milizen könne man sich nicht mit Yogamatten entgegenstellen, hatte Grünen-Chef Cem Özdemir im September 2014 bekundet und Waffenlieferungen in den Nordirak unterstützt. Damit stellte er sich nicht nur gegen die Mehrheit seiner Parteifreunde, sondern rüttelte auch an dem linken Ideal des Pazifismus: dass Gewaltanwendung unter keinen Umständen erlaubt sei.

Der Philosoph Wilfried Hinsch hat ein neues Buch zu dieser Thematik veröffentlicht. In „Die Moral des Krieges“ plädiert er „Für einen aufgeklärten Pazifismus“. Seine Forderung: Fundamentale Menschenrechte sollten notfalls mit Gewalt verteidigt werden. Der Autor hatte sich bereits vor einigen Jahren mit seinem Werk „Menschenrechte militärisch schützen“ massive Kritik eingehandelt, wurde gar als „Bellizist“ bezeichnet.

Doch sein Anliegen ist vielmehr, Klarheit in die manchmal naiv geführte Diskussion zu bringen. Er zeigt, dass nicht nur der Krieg unmoralisch ist, sondern auch der radikale Pazifismus, wenn er Gewalt nicht unterbindet und Menschen nicht schützt.

Dem Kölner Moralphilosophen geht es nicht um Fragen der praktischen Politik und Fallbeispiele, dafür sei die Philosophie nicht zuständig. Hinsch stellt generelle Überlegungen an und will eine „grundsätzliche moralphilosophische Orientierung“ geben. Er leistet also einen Beitrag zur Diskussion, die auch in Deutschland in den letzten Jahren wieder aufgeflammt ist, und ergreift selbst Partei.

Im Kern entwickelt der Autor fünf Grundsätze für eine „Moral des Krieges“, die eingehalten werden müssten, wenn kriegerische Mittel zum Zwecke der Sicherung von Frieden und Menschenrechten moralisch gerechtfertigt sei sollen: allen voran der „gerechte Grund“, wie er es nennt, also „nur schwere Verletzungen grundlegender menschlicher Rechte“ erlaubten Gewaltanwendung.

Er befasst sich auch mit den Problemen einer militärischen Intervention, z. B. der Komplexität einer Situation, die es nicht erlaubt abzuschätzen, ob danach ein gerechter Friede möglich ist. Oder die unscharfe Trennlinie zwischen Gegnern und Verbündeten, etwa in Syrien, wo über 100 verschiedene Gruppierungen kämpfen.

Der Gewalt die Türen öffnen?

An manchen Stellen möchte man dem Autor zustimmen: dass der Staat die Sicherheit seiner Bürger gewährleisten muss, gerade auch in Zeiten, in denen der Rechtsradikalismus erstarkt, dass Menschen vor Gewaltverbrechern geschützt werden müssen und dass wir auch durch unterlassene Hilfeleistung Mitverantwortung tragen. Soweit die Theorie.

Doch in einer konkreten politischen Situation spielen noch viele andere Faktoren hinein, die der Philosoph nicht einkalkuliert: zum Beispiel wirtschaftspolitische Interessen, der Einfluss der Rüstungsindustrie und des Lobbyismus, Machtkämpfe zwischen den Verantwortlichen, die über Krieg und Frieden entscheiden, Geltungssucht und Rivalitäten sowie unklare, schwammige Motivation für das Handeln.

Schauen wir uns die vielen aktuellen Konflikte und die politischen Akteure an, so ist nicht davon auszugehen, dass Staatslenker nach der reinen Lehre des „aufgeklärten Pazifismus“ verfahren. Daher muss sich, wer den radikalen Pazifismus ablehnt, fragen lassen, wohin es führt, wenn der Gewaltanwendung die Tür geöffnet wird. Spielt die Argumentation nicht denjenigen in die Hände, die über Machtinstrumente verfügen und schnell unter dem Vorwand der „ulitma ratio“ zu den Waffen greifen?

Auch wäre zu diskutieren, warum eine Position, die Gewalt als letztes Mittel anerkennt, eigentlich Pazifismus genannt wird? Die Kraft des Pazifismus steckt gerade in der Motivation und inneren Haltung, die Gewaltlosigkeit und das Nicht-Verletzen zum Maßstab des Handelns macht.

Wenn es keine innere Schranke für das Töten gibt – und sei es in „Ausnahmefällen“ – so ist zu befürchten, dass sich die Prioritäten verschieben. Mit der Folge, dass am Ende nicht die Gewaltlosigkeit den Vorrang hat, sondern das Nachdenken über militärische Interventionen. Es ist wert, darüber intensiv nachzudenken und zu diskutieren.

Birgit Stratmann

Wilfried Hinsch: „Die Moral des Krieges. Für einen aufgeklärten Pazifismus“. Piper Verlag 2017, 272 Seiten, 22 Euro.

 

 

 

 

Beitrag teilen:Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Email this to someone

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.