iurii/ shutterstock.com
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Ich bin doch keine Maschine!

Gastbeitrag über das ethische Dilemma der Digitalen Revolution

Roboter und Künstliche Intelligenz verändern die Arbeitswelt grundlegend und machen viele Jobs überflüssig. Doch wo bleibt die ethische Diskussion, fragt Evi Hartmann. Da die Digitale Revolution nicht aufzuhalten ist, sollten wir Kompetenzen erlernen, um damit umzugehen, so ihre Position.

 

 

„Ich bin doch keine Maschine!“, singt Tim Bendzko und landet einen Hit. Das liegt nicht nur an der schwungvollen Melodie und dem sympathischen Verve seiner Stimme. Es liegt auch daran, dass er damit den Nerv der Zeit trifft.

Es ist das tragikomische Charakteristikum dieser Zeit, dass Technikbegeisterte einerseits enthusiastisch über die „Digitale Revolution“ sprechen, die mit ihren Algorithmen, Robotern und vernetzten Supply Chains die Jobs von Millionen Menschen in Frage stellt, und andererseits nicht verstehen, dass sich diese Millionen davon bedroht fühlen. Eine Studie von Porsche Consulting (2016) spiegelt diese Spaltung im Meinungsbild unserer Gesellschaft wider.

Die Revolution ist längst da

Die Porsche-Leute fragten: Beurteilen Sie es positiv, dass Ihre Arbeitswelt durch die Digitalisierung beeinflusst wird? Keine Überraschung: Die junge Generation und mehrheitlich Männer stehen dem digitalen Wandel eher aufgeschlossen gegenüber. Ältere und Frauen würden es dagegen tendenziell bevorzugen, wenn ihre Arbeitswelt nicht digitalisiert würde.

Einmal abgesehen von diesem Meinungsbild ist der Wunsch ein frommer: Wir können die Digitale Revolution nicht mehr abwählen. Sie ist längst da. Wir begegnen ihr täglich in Form von autonomen und halb-autonomen Maschinen, Geräten und Anlagen, die miteinander vernetzt sind und viele Steuerungs- und Kontrollaufgaben übernehmen, die früher Menschen erledigt haben.

Dass Tim Bendzko und mit ihm viele andere die Folgen der Digitalisierung fürchten, ist menschlich und verständlich. Was die reine, unverfälschte Zukunftsskepsis jedoch vernachlässigt, sind die anderen, die übersehenen, die nützlichen Folgen der Digitalisierung.

Schneller, einfacher, flexibler

Erstens: Die Digitalisierung macht unsere Arbeit schneller. Zum Beispiel ganz pragmatisch: Wo wir früher minutenlang in Akten, Dokumenten und Papieren wühlten, genügt heute ein Klick oder ein Suchbegriff. Dasselbe gilt in Unternehmen: Ein Klick und der Computer sagt mir, wo der Lagerplatz für Artikel 348 ist, wie viel Stück noch am Lager sind, wie alt sie sind und wo der kritische Bestand liegt. Noch nicht einmal langwierig ordern und bestellen muss ich: Das macht auch oft schon „das System“.

Zweitens: Die Digitalisierung macht die Arbeit einfacher. Die älteren unter uns erinnern sich noch, was es damals für ein Aufwand war, zum Beispiel einen Kostenplan von Hand aufzustellen. Von überall her musste man sich die Zahlen zusammenklauben und sich die Finger auf dem Taschenrechner wundtippen. Heute ist das viel einfacher. Auf Knopfdruck wirft der digitale Kalkulationsassistent jede Musterkalkulation aus, die ich mir wünsche.

Die digitale Datentransparenz macht’s möglich. Einfacher wird meine Arbeit auch dadurch, dass Maschinen mitdenken: Sie zeigen automatisch die Ausschussrate an oder wann eine außerplanmäßige Wartung anfällt.

Drittens: Die Digitalisierung macht unsere Arbeit flexibler. Das wissen wir alle: Seit der Erfindung des Smartphones und der PDAs müssen wir nicht mehr zur Arbeit, um arbeiten zu gehen. Wir können von zu Hause aus oder von jedem Ort der Welt jede Menge Arbeit digital erledigen.

Das ist vor allem dann schön, wenn man Kinder hat, auf die grad niemand anderer aufpasst: Die Kinder spielen schön nebenan, ich sehe sie durch die offene Tür und arbeite am Notebook meine Korrespondenz ab oder tippe den Beitrag, den Sie gerade lesen. Die Digitalisierung macht Arbeit ortsunabhängig und zeitlich flexibler – was dann schon nahtlos in den Nachteil übergeht.

Wir müssen dafür die Szene von eben lediglich drei Stunden nach hinten verlegen: Wir haben zusammen Abendbrot gegessen, jetzt kann ich auch endlich mit den Kindern spielen, da bimmelt die E-Mail: Super dringend! Und weil auf dem Notebook so gut wie alles drauf ist, was ich zur Arbeit brauche, arbeite ich dann eben – während meine vier Kinder das mit großen, vorwurfsvollen Augen kommentieren. Auf das Argument, dass das Notebook meine Arbeit flexibler gestalte, haben sie lediglich Hohngelächter übrig.

Das ist die Digital Downside, der Makel der Maschinen. Ab einer gewissen Erreichbarkeit wird aus der totalen Flexibilität übergangslos die totale Unfreiheit. Dabei muss ich noch froh sein. Ich habe wenigstens noch einen Beruf, nachdem die Digitale Revolution übers Land gezogen ist. Andere nicht.

Wo bleibt die ethische Diskussion?

Was bleibt noch übrig, wenn die Digitalisierung mit uns fertig ist? Algorithmen und die Künstliche Intelligenz hören sich technologisch beeindruckend an. Doch beide werten Berufe, die bislang von Menschen ausgeübt wurden, stark ab.

Schon jetzt texten Social Bots in Redaktionen und beraten Kunden in Call Centern, wo früher Redakteure texteten und Call Center Agents berieten. Es gibt Schätzungen, die davon ausgehen, dass 70 Prozent der Berufe in der industriellen Produktion von Robotern und Künstlicher Intelligenz ersetzt werden könnten: Fertigungsmitarbeiter, Produktionshelfer, Lageristen; Roboter statt CNC-Dreher.

Dieser zutiefst ethische Aspekt der Digitalisierung wird bislang so gut wie nicht diskutiert. Dabei könnte er spätestens dann unsere Gesellschaft zerreißen, wenn Millionen Menschen auf die Straße gehen, die ihre Jobs an Roboter verloren haben. Andererseits gibt es Berufe, die absehbar nicht maschinell ersetzt werden können: die sozialen und kulturellen Berufe, Erzieher, Pfleger … In diesen Bereichen liegt das Potenzial der Digitalisierung lediglich bei geschätzten zehn Prozent.

Gleichzeitig steigt der Bedarf an Programmierern, Datenmanagern, IT- und Netzwerkspezialisten, Social Media Managern, Sicherheitsexperten. Das löst das ethische Dilemma der Digitalisierung nicht, weil es dem ungelernten Lagerarbeiter nicht hilft, den die Digitalisierung arbeitslos macht? Genau das ist der springende Punkt.

Ausweg: Digitalkompetenz erlernen

Tatsächlich wird in vielen Unternehmen gerade das Lager (noch stärker) automatisiert und digitalisiert. Ein mittelständischer Maschinenbauer in Süddeutschland zum Beispiel braucht deshalb weniger Menschen, die durchs Lager laufen und die Lagerartikel „picken“ (so der Fachbegriff).

Die Firma kündigt den fünf Lagerarbeitern nicht, die sie nicht mehr braucht. Sie bietet ihnen an: „Macht den Staplerschein, lasst euch für die Systempflege schulen oder besucht unsere Weiterbildung zu Logistikhelfern.“ Das ist der Schlüssel zur ethisch verträglichen Bewältigung der Digitalisierung: Qualifikation, Bildung, Kompetenzentwicklung.

Die ethische Option ist also nicht, die Digitalisierung abzusagen, zu verbieten oder gesetzlich zu reglementieren, sondern Menschen dazu zu befähigen, den veränderten Anforderungen der Digitalisierung gerecht zu werden. Als sich vor 30 Jahren die Computer in der Arbeitswelt durchsetzten, hatten die meisten von uns noch nie ein Keyboard bedient. Wir haben es uns beigebracht. Je früher, desto besser. Am besten schon in der Schule. Und hier beginnt das Ethikproblem der Digitalisierung.

Jede(r) Zwölfjährige kann whatsappen wie ein Weltmeister. Aber setzt die Kids mal vor eine Excel-Tabelle … Und trotzdem wird immer noch heftig diskutiert, ob man Schulkindern ein Tablet in die Hand drücken soll. Soziologen fürchten die Reizüberflutung, Psychologen das Suchtpotenzial. Manager fürchten, dass künftig kein Kind mehr einen Job bekommt, das kein Tablet bedienen kann. Also wäre ein sinnvoller Kompromiss: Reizoptimierter Digitalunterricht mit Training der Offline-Disziplin. Nötig wäre es allemal. Dringend.

Denn seit der Digitalisierung nehmen die stressbedingten Erkrankungen zu. Wer unter dem inneren oder äußeren Zwang steht, 24 Stunden pro Tag, sieben Tage die Woche erreichbar sein zu wollen oder zu müssen, steht unter suchtartigem, ruinösem Dauerstress. Der ständige soziale Vergleich auf den sogenannten sozialen Medien macht unglücklich, ganz zu schweigen von den schweren seelischen und gesundheitlichen Schäden durch Cyber Mobbing.

Wer Offline-Hygiene, ein autonomes Selbstwertgefühl und den Umgang mit Trollen nicht an der Schule lernt, sollte diese Bildungs- und Entwicklungslücken nach dem Schulabschluss so schnell wie möglich schließen. Dass Unternehmen diesen Stressfaktor unter anderem mit definierten Offline-Zeiten eliminieren wollen, ist nicht sehr hilfreich: Dem einen ist der Feierabend versaut, wenn er abends um acht noch eine dringende Anfrage eines A-Kunden beantworten muss. Der andere ist froh über diese Möglichkeit, da er sich dann das zu erwartende Donnerwetter des Kunden am andern Morgen erspart: Wie wir mit den vielen befreienden und den vielen bedrohlichen Potenzialen der Digitalisierung umgehen, sollten wir schon selber, individuell regeln.

Wir sind, was wir können

Ethik ist umgangssprachlich gesagt die Arbeit an einer gerechteren, besseren, menschenfreundlicheren Welt. Manchmal braucht es dafür bessere Regeln und Gesetze, die für mehr Fairness und Gerechtigkeit sorgen. Das Problem daran ist, dass wir dann immer auf den Gesetzgeber warten müssen und vom Schiedsrichter abhängig sind, der diese Regeln kontrolliert und durchsetzt.

Deshalb ist es ein großer Trost und eine befreiende Chance für jeden und jede von uns, dass es neben Regeln und Gesetzen, Aufsicht und Kontrolle noch eine weitere ethische Option gibt: Weiterbildung, Kompetenzerwerb.

Gewiss: Mir für eine sorgenfreie berufliche Zukunft die nötige Digitalkompetenz anzueignen kostet Zeit, Aufwand, Geld und Energie. Dafür habe ich dann meine Zukunft, mein Schicksal selber in der Hand. Wie die alten Römer schon vor über 2.000 Jahren sagten: Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied. Das gilt immer noch. Auch und gerade in der Digitalisierung.

Evi Hartmann

frhartmann_007_passbildProf. Dr.-Ing. Evi Hartmann ist Inhaberin des Lehrstuhls für Supply Chain Management an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Sie ist Autorin des Bestsellers „Wie viele Sklaven halten Sie?“. Hier geht es zur Buchrezension

 

 

 

 

 

 

 

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