Sabine Fries, Achtsamkeit, Unternehmesberaterin

„Ich habe aus Krisen gelernt“

Interview mit Unternehmensberaterin Sabine Fries

Unternehmensberaterin Sabine Fries hat aus Krisen Kraft geschöpft. Sie erzählt im Interview, wie die Achtsamkeit ihr half, mit Leistungsdruck und Scheitern umzugehen. Als Achtsamkeitstrainerin gibt sie ihre Erfahrungen heute im Businessbereich weiter.

 

Das Interview führte Michaela Doepke

Frage: Sie waren viele Jahre Führungskraft in unterschiedlichen Branchen, bevor Sie als Achtsamkeitscoach tätig wurden. Mit welchen Anforderungen sehen sich Arbeitnehmer und Führungskräfte heute konfrontiert?

Sabine Fries: Meiner Ansicht nach sind das globale Vernetztsein, die permanente Erreichbarkeit und das hohe Arbeitstempo derzeit die größten Herausforderungen in der Arbeitswelt.

Bei Führungstrainings zeige ich gerne den zweiminütigen Trailer „Speed. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Dort wird veranschaulicht, wie es ist, wenn wir rund um die Uhr online und erreichbar sind, dass wir im digitalen Zeitalter so viele Möglichkeiten haben, dadurch immer mehr Entscheidungen fällen müssen, Daten schneller liefern müssen als andere.

Führungskräfte und Manager kommunizieren heute weltweit mit ihren Teams, da nicht alle Mitarbeiter an einem Standort sitzen. Sie führen nachts Meetings und sollen permanent erreichbar sein. Die Zeitunterschiede machen es natürlich schwierig, weil sie über die Kontinente hinweg vernetzt sind. Oft fehlt die menschliche Ebene: die persönliche Zusammenarbeit und der direkte Kontakt.

Ich habe vor kurzem den Film „From Business to Being“ gesehen, wo es um Leistungsdruck, Funktionieren und Werte geht. Dort werden Aussteiger gezeigt, die an Burnout erkrankt sind und sich neu orientieren mussten. Götz Werner, der Gründer der Drogeriemarktkette dm, sagt in diesem Film so so treffend: „Die Aufgabe unseres Zeitabschnitts, in dem wir leben, ist es, Bewusstheit zu trainieren und die Liebe zu entwickeln.“   

Funktionieren: Von der Nachkriegsgeneration vorgelebt

Leistungsdruck und Dauererreichbarkeit wirken sich auch auf Familien und Kinder aus. Ist das wirtschaftliche Wachstumsdenken überhaupt noch mit ethischen Werten wie Humanität zu vereinbaren?

Viele Eltern leben den Kindern vor, dass sie gestresst und überfordert sind. Sie geben ihnen lieber kurz ein Tablet in die Hand und stellen sie ruhig, damit sie Zeit haben, um ihre Aufgaben zu erledigen. Das ist ein Kreislauf. Und trotzdem können wir da ausbrechen. Es gibt immer mehr Bewegungen, dass Kinder in Schulen Achtsamkeit lernen und von klein auf eine andere Haltung vermittelt bekommen, weg von diesem Vorbild, unter Leistungsdruck zu stehen und immer nur funktionieren zu müssen.

Das wurde uns von der Nachkriegsgeneration vorgelebt. Heute geht es eher darum, Bewusstheit wiederzugewinnen und weg von diesen Prägungen, dass wir alle so und so sein müssen und bestimmte Werte vorgelebt bekommen, die nicht wirklich sinnvoll sind.

Ich finde, Wirtschaft und Humanität, das schließt sich nicht aus. Wir können wirtschaftlich erfolgreich sein und Ethik und Humanität leben. Da gibt es wunderbare Beispiele dafür, auch z. B. Bodo Janssen1, den ich für mein Buch „Achtsamkeit im Job“ interviewt habe.

Er hat mit seinem Beispiel gezeigt, dass er sein Unternehmen, die Hotelkette Upstalsboom, komplett verändert hat, nachdem er es fast an die Wand gefahren hatte. Heute lebt er als höchsten Wert Achtsamkeit und hat seine ganzen Mitarbeiter und Führungskräfte darin geschult. Die Folge war, dass die Kundenzufriedenheit und die Mitarbeiterzufriedenheit gestiegen sind und das Unternehmen wächst.  

Ich war ein Workaholic

Ihr Erfahrungsschatz im Stressbewältigungsbereich beruht auf einem Burnout vor zehn Jahren. Wie haben Sie das Scheitern im Beruf persönlich erlebt?

Es ist ja selten immer nur ein Scheitern im Beruf, der zu einem Burnout führt, sondern meistens kommen viele Faktoren zusammen. Ich war damals ein Workaholic.

Ich hatte während meines Jurastudiums schon ein Reisebüro mit 15 Mitarbeitern geleitet, dann noch ein Call-Center aufgebaut. Später war ich Führungskraft mit 50 Mitarbeitern und habe immer viel, viel gearbeitet. Irgendwann war ich auch in der Spirale zu beklagen, dass ich zu wenig Freizeit habe, es mir an Ruhe fehlt.

Ich habe meinen damaligen Mann kennen gelernt und bin mit ihm nach ein paar Jahren in eine sehr schwierige persönliche Situation geraten, weil er seine Firma verloren hat. Wir haben alles verloren: Jobs, Eigentumswohnung, Autos, Lebensversicherung, alles. Und das war eine große Krise.

Ich war Mitte 30 und habe damals nicht wirklich einen Sinn in dieser Art Leben gesehen. Ich war ausgebrannt und habe mir irgendwann einmal gesagt: Es gab doch auch mal etwas ganz anderes in meinem Leben, was ich wollte.

Die Kraft der Stille hat geholfen

Was hat Ihnen geholfen, aus der Stressspirale wieder herauszukommen?

Was mich gerettet hat, war die Stille und die Meditation. Ich bin in der Kur in Heiligenfeld damit in Berührung gekommen. Nach Heiligenfeld bin ich häufig im Benediktushof gewesen und war eine Weile auch Schülerin des Zen-Lehrers Willigis Jäger, habe viele Retreats gemacht und die Kraft der Stille entdeckt. Das war natürlich anfangs unheimlich schmerzhaft.

Gleichzeitig habe ich gemerkt, welche Heilung darin liegt. Ich bin dort auch MBSR (Mindful Based Stress Reduction nach Jon Kabat-Zinn) begegnet, was ich auch heute immer noch gerne lehre. Und ich wusste sofort, das ist mein Weg. Das ist es bis heute, weil es einfach die Basis ist für alles andere.

Was hat Sie so resilient gemacht, dass Sie einen Neubeginn wagen konnten?

Achtsamkeit ist für mich ein Schlüssel zur Resilienz. Meditation und Stille tun mir einfach gut. Manchmal brauche ich auch eine bewegte Meditation bzw. Meditation in verschiedenen Varianten. Also eigentlich kann man alles im Leben meditativ machen: Ob ich die Zähne putze, ob ich esse, alles kann Meditation sein.

Ich glaube, ich bin von Natur aus resilient, es ist in meinen Genen, aber man kann es auch im Leben lernen. Ich habe mehrere große Krisen durchgemacht und gelernt, daraus gestärkt hervorzugehen. Heute bin ich so dankbar für diese Erfahrung, weil ich sonst nicht die wäre, die ich bin, und mein Wissen und meine Erfahrung auch nicht weitergeben könnte.

Für mich war es so wohltuend, mit Achtsamkeit einfach zu lernen, dass auch die dunkle Seite zum Leben gehört. Der Schmerz gehört genauso dazu wie die Freude, wie Hell und Dunkel, wie Süß und Sauer. Es sind immer zwei Seiten von einer Medaille.

Und je mehr ich anfange, das zu akzeptieren, dass alles dazu gehört, desto mehr lerne ich, wie Jon Kabat-Zinn so schön sagt, mit den Wellen des Lebens zu surfen. Ich bin auf diesem Weg der Achtsamkeit bei mir selbst angekommen und stärker geworden und heute einfach unendlich dankbar dafür.

Anmerkungen:
1 www.spiegel.de/karriere/bodo-janssen-ich-war-ein-flop-manager-a-1088055.html

Hinweis: Das vollständige Audiointerview mit Sabine Fries können Sie in der Audiothek des Netzwerks Ethik heute anhören, wenn Sie Mitglied im Netzwerk Ethik heute werden: www.ethik-heute.org/freundeskreis/

Darin spricht Fries über ihr inhaltliches Firmencoaching und von ihrer Zukunftsvision, Werte wie Bewusstheit und Achtsamkeit in Unternehmen zu fördern. Sie möchte gleich Größen wie Jon Kabat-Zinn oder Führungskräften wie Helmut Lind einen nachhaltigen Kulturwandel einleiten.

Buchtipp:
Gerlinde Albrecht, Sabine Fries: Achtsamkeit im Job, Herder Verlag.

Sabine Fries, selbständige Unternehmensberaterin, Achtsamkeitstrainerin, Coach, Buchautorin, Inhaberin des Kölner Instituts für Achtsamkeit und Mit-Gesellschafterin des Unternehmens Achtsamkeit.

Mehr:  www.mbsr-koeln-sabinefries.de;  www.sabinefries-beratung.de;
 www.achtsamkeit-at-work.com;  www.koelner-institut-fuer-achtsamkeit.de

 

 

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