„Ich möchte so viel in der Welt bewegen“

Reportage über project peace

project peace ist ein Jahresprojekt für junge Erwachsene, die sich unter professioneller Anleitung für eine lebensfreundliche Gesellschaft einsetzen wollen. Es integriert Persönlichkeitsentwicklung, UnterwegsZeit im Ausland und gesellschaftliches Engagement. So ist es gleichsam eine Initiation ins Erwachsensein. Ethik heute sprach mit dem Teilnehmer Julian, 20.

 

»Wenn es für die, die nach uns kommen, eine Welt geben wird, in der sie leben können, dann nur deshalb, weil wir es verstanden haben, den Wandel von der industriellen Wachstumsgesellschaft zu einer langfristig lebenserhaltenden Gesellschaft zu vollziehen.«
(Willkommensgruß bei project peace von Joanna Macy)

Julian von Weyhe, 20, lebt seit Ende August auf dem Klostergut Schlehdorf am Kochelsee in Bayern. Hier, beim project peace, absolviert er gerade ein Jahr für die Welt: Es ist ein Projekt für junge Erwachsende zwischen 18 und 25 Jahren, das zu einer ganzheitlichen Entwicklung beitragen will. Gefördert wird nach dem Vorbild der amerikanischen Tiefenökologin Joanna Macy nicht nur das Engagement für die Welt. Leiterin Tlach-Eickhoff: „Es ist uns genauso wichtig, die innere Entwicklung und die Bewusstheit der jungen Menschen zu stärken.“

Das Erlebnisjahr gliedert sich in drei Phasen: Vorbereitungszeit, Unterwegszeit und Reintegration. Die jungen Menschen leben zunächst rund drei Monate in einer Wohngemeinschaft zusammen, bevor sie dann jeder für sich eine halbjährige UnterwegsZeit in alle Welt ausströmen und sich in innovativen Projekten des weltweiten Netzwerks engagieren.

Danach lebt die Gruppe, in der Regel 10-15 Teilnehmer, wieder rund zwei Monate zusammen und spricht über die Erfahrungen. Gemeinsam wird reflektiert, wie jeder Einzelne seine Gestaltungsfreude künftig für eine lebensfreundliche Gesellschaft einsetzen will.

Julian von Weyhe, 20, Teilnehmer bei project peace.

Julian von Weyhe, 20, Teilnehmer bei project peace.

Ich sitze mit Julian auf einer Bank in der Sonne auf dem Hof des Klostergutes. Julian ist gerade in der ersten Phase des Projekts, hat sich gut eingelebt und viele enge Kontakte geknüpft. Unter Leitung der Pädagogin Adelheid Tlach-Eickhoff und der Soziologin und Gestalttherapeutin Corinna Fuchs hat die Gruppe im ersten Modul bereits viele innovative Projekte und Initiativen im Bereich Friedensarbeit, Ökologie, Ökonomie, Achtsamkeitspraxis, Permakultur Gemeinschaftsbildung und Kulturwandel kennengelernt. 

Die Fortbildungsangebote sind vielseitig: Bekannte Referenten wie der Journalist und Tiefenökologe Geseko von Lüpke, der auch Pate des Projektes ist, sind hier häufig zu Gast. Die Meditationslehrerin Anna Gamma bietet regelmäßig Retreats an. Zweimal pro Woche können die Teilnehmer freiwillig auf dem Meditationskissen praktizieren oder Quigong üben.

Projekt Forumtheater: An den Wachstumsgrenzen?

Seit Montag probt Julian im ehemaligen Hühnerhaus mit einigen aus der Gruppe unter Anleitung von Theaterpädagoge Dominik Werner für eine Theateraufführung. Fünf Akteure stopfen sich Semmeln als Brüste unter die Pullover und posen in Anlehnung an „Germanys Next Topmodel“.

Anhand von Improvisationen wird die Frage erforscht, was das Thema Postwachstumsgesellschaft konkret mit dem alltäglichen Erleben der Teilnehmer zu tun hat. Daraus wurde ein kleines Formtheaterstück entwickelt.

Das Forumtheater zeigt keine Lösungen, sondern stellt dem Publikum Fragen. Dieses kann seinerseits Veränderungsmöglichkeiten vorschlagen, aktiv in die Handlung eingreifen und so Einfluss auf das Stück nehmen. So entsteht spontan ein interaktiver, kreativer Dialog über Konflikte,  Widersprüche und mögliche Problemlösungen.

Durch die gekrümmte Körperhaltung, mit der die Akteurinnen am Ende demonstrierten, wie es ihnen innerlich wirklich beim Posen geht, wurden blitzartig die wahren Gefühle der konkurrierenden Models sichtbar. Julians Kommentar: „Die Models tun mir eigentlich leid. Sie fühlen sich im Innersten klein. Da ist doch was falsch gelaufen.“

„Ich will keinen Leistungsdruck mehr“

Julian erzählt von seinem Leben vor der Ankunft im Klostergut. Nach dem Abitur vor zwei Jahren in Bremen sei er für ein halbes Jahr nach Neuseeland, später Shanghai geflogen. „Ich habe vieles hinterfragt, meine Ernährung komplett umgestellt, mir Gedanken über mein Leben gemacht und beschlossen, dass ich aus ökologischen Gründen nicht mehr fliegen möchte. Von Shanghai aus bin ich dann mit Zug und Bus nach Deutschland zurückgereist.“

Mit der Transsibirischen Eisenbahn fuhr er sechs Tage durch China, die Mongolei und Russland. Die Landschaft der Taiga fand er sehr beeindruckend. Er verarbeitet heute noch die vielen Eindrücke, die er auf seiner Zugreise erlebt hat. „In Peking habe ich aufgrund der dreckigen Luft keine Sonne gesehen.“

Letzten Sommer kam er zurück und studierte ein Semester Wirtschaftsethik in Bremen. „Das war mir zu viel Wirtschaft und zu wenig Ethik“, so Julians Kommentar. Zunächst hat er sich treiben lassen und ist dann auf einem Visionssuche-Seminar auf Daniel getroffen. Der hat ihm von project peace erzählt, und das war die Motivation zur Veränderung.

project peace

Natur und Gemeinschaft erleben im project peace

Bis dato hatte er sich immer wenig mit sich selber beschäftigt, wollte eigentlich Fußballprofi werden. Am Ende beschloss er: „Ich will zu mir finden und über meine Gefühle reden. Ich will keinen Leistungsdruck mehr, und ich will weg von zu Hause.“

Wie geht es ihm, seit er bei project peace mit einer Gruppe von Gleichgesinnten lebt? Julian: „Ich habe hier so viele Eindrücke und so tiefe Verbindungen, die ich zu Hause nie hatte.“ Trotz einer festen Beziehung möchte er weiterhin Selbstverantwortung für seine Ziele und Bedürfnisse übernehmen. Die Gemeinschaft unterstütze ihn dabei, aus eigenen Stücken Entscheidungen für sich treffen.

Seit er auf dem Hof des KlosterGutes lebt, hat sich auch seine Beziehung zur Umwelt verändert. Hier in Bayern gebe es Berge, Natur, heile Welt eben. Amr aus Palästina, der auch hier lebt, zeige dagegen allen immer wieder auf, was in der Welt da draußen so abgeht, nämlich Leid, Schmerz, Krieg. „Der holt uns runter auf den Boden der Tatsachen und weckt uns auf.“

Medienkritik: Keine Angst vor Terroristen

Ob er sich schon für ein Auslandsprojekt in der UnterwegsZeit entschlossen habe, will ich wissen. „Ich möchte nach Kenia, aber ohne Flugzeug“, sagt Julian entschieden. Über den Landweg wolle er reisen, über die Türkei, Zypern, Ägypten, durch den Süden über Äthiopien. „Für mich ist der Weg das Ziel.“ Phillip Munyasia, der Gründer des ökologischen Projekts OTEPIC mit Permakultur in Kenia, war letzte Woche hier und hatte Julian zu seiner Entscheidung motiviert.

Julian kommt in Redefluss. Letzte Woche sei Heimfahrwochenende gewesen. Zu Hause hätten so viele Angst vor Terroristen geäußert. Er dagegen hätte keine Angst, sondern Vertrauen. Er meide zwar Kriegsgebiete. „Ich möchte jedoch zeigen, dass diese Länder, die vielfach als gefährliche Orte präsentiert werden, weit mehr sind, als uns in den Medien gezeigt wird.“ Sein Ziel sei es, den Menschen diese Angst zu nehmen. Wir seien doch alle eins. Sein Lieblingslied sei von Volkan „Wir sind Kinder dieser Erde.“

UnterwegsZeit als Initiation

Ich frage ihn, ob er Hoffnung habe, etwas in der Welt verändern zu können. Für ihn sei die UnterwegsZeit seine Initiation, so Julian. „Ich möchte so viel bewegen: Klimawandel, Meeresverseuchung, Plastikmüll, Tierleid.“ Alle diese Auswüchse hätten eine Wurzel. Die möchte er verstehen. „Deswegen möchte ich in die Welt.“ Ach, die Reiselust, die hätte er von seinem Großvater geerbt, setzt er hinzu.

project peace

project peace

Und nach der Reise? „Ich glaube, ich werde studieren wollen, vielleicht Ökologie oder so.“ Hier auf dem Klostergut sei ihm klargeworden, dass wir viel in uns verändern müssten, sonst sei der Umweltschutz nicht nachhaltig. Seine Meditation ist Sport, Laufen am See. Und für die Arbeit an sich selbst gibt es im project peace Gesprächskreise, damit die jungen Menschen sich im Dialog miteinander bewusst machen können, was in ihnen vorgeht.

Im Workshop zu Gewaltfreier Kommunikation ist ihm z. B. klargeworden: „Wir hören uns in dieser Welt gar nicht zu. Ich habe erkannt, dass die Wahrheit in mir selber steckt. Diese will ich entdecken. Auf lange Sicht ist das Bewusstsein wichtig, dass die Kinder unsere Zukunft sind.“

Michaela Doepke

project peace ist ein politisch und religiös unabhängiges Programm in Kooperation mit dem Katharinawerk Basel. Nach wechseinhalb Jahren wird project peace Ende November 2017 vom KlosterGut Schlehdorf in die Gemeinschaft Sulzbrunn im Allgäu umziehen. Dort wird es über das ganze Jahr ein „Friedenshaus“ für junge Menschen geben. Gegründet hat das Projekt Adelheid Tlach-Eickhoff, Montessori-Pädagogin. Sie hat sich u. a. in interreligiöser Friedensarbeit engagiert und internationale Peacecamps mitgeleitet. www.projectpeace.de

Ein Audio-Interview mit der Gründerin Adelheid Tlach Eickhoff über Project Peace steht im Premium-Bereich von ethik-heute zur Verfügung. Sie haben Zugang, wenn Sie Mitglied im Freundeskreis ethik-heute werden.

 

 

 

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