Orientierung finden mit Achtsamkeit und Dialog

Im Zuge der Diskussion um den Umgang mit der Corona-Krise erreichen Ideen einer geheimen Verschwörung zunehmend auch die Mitte unserer Gesellschaft. Wie finden wir Orientierung im Dschungel „alternativer Nachrichten“? Dialogbegleiter Mike Kauschke erklärt, wie wir Klarheit finden und unsere Bereitschaft zum Dialog erhalten.

 

Gesellschaftliche Krisen und die damit verbundenen Ströme an Informationen, Meinungen, echten und nicht ganz so echten News sind eine Herausforderung und eine Realitätsprüfung für uns alle. In der Corona-Krise erlebe ich es so, dass Verhaltensmuster in mir selbst, die Dynamiken in Beziehungen und auch gesellschaftliche Spannungen klarer hervortreten. Das ist manchmal schmerzhaft und irritierend. Gerade für Menschen, die sich um ein achtsames, bewusstes, nachhaltiges Leben bemühen, ist deshalb eine Realitätsprüfung wichtig – und zwar in drei Aspekten: Achtsamkeit, Resonanz und Dialog.

Achtsamkeit im meditativen Sinne bedeutet unter anderem ein Gewahrsein, in dem wir die auftauchenden Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen wahrnehmen, ohne auf sie zu reagieren, ihnen zu folgen. Daraus eröffnet sich oft eine innere Freiheit und Klarheit des Geistes. Aus dieser Freiheit erwächst auch eine heilsame Kraft. Eine scherzhafte Formulierung einer solchen Freiheit ist, dass sie darin besteht, nicht allem glauben zu müssen, was wir denken.

Die Achtsamkeitsprüfung

Die gegenwärtige Zeit empfinde ich auch als eine „Achtsamkeitsprüfung“: Bin ich in der Lage, die Vielzahl der Informationen, die oft auch in einer großen Erregtheit oder mit aufklärerischem Gestus daherkommen, wahrzunehmen, ohne sofort darauf zu reagieren? Finde ich in mir den freien Raum, verschiedene Nachrichten auf mich wirken zu lassen? Um dann deren Inhalt und die Absicht, mit der sie verfasst, veröffentlicht und versandt wurden, achtsam wahrzunehmen und zu prüfen?

Hier sind Tugenden notwendig, die momentan sehr selten sind: Gelassenheit und Besonnenheit. Dazu gehört die Fähigkeit, innerlich so offen zu sein, dass wir verschiedene, sich auch widersprechende Ansichten hören und in uns halten können, um daraus zu unserem eigenen Urteil zu kommen. In dem Wissen, dass es immer nur vorübergehend sein kann bzw. immer wieder überprüft werden muss.

Dabei beunruhigt mich, wie oft dieser innere, achtsame Freiraum kollabiert. Das erlebe ich in mir, wenn mich die Ansichten anderer so verstören, dass ich sie nicht mehr hören will und nicht mehr den Menschen dahinter sehen oder spüren kann. Und ich erlebe es auch bei Freunden und Bekannten und natürlich in den sozialen Medien, die gerade eher asozial zu wirken scheinen. Konträre Meinungen prallen aufeinander und machen eine Resonanz unmöglich.

Resonanz und die Bereitschaft zu verstehen

Resonanz ist ein schönes Wort, welches der Soziologe Hartmut Rosa populär gemacht hat. Es beschreibt eine Qualität von Beziehung, in der wir uns wirklich berühren und bewegen lassen, in der wir verwandelt werden. Solche Resonanzbeziehungen sind in einer krisenhaften Zeit in Gefahr. Oft scheint es eher, dass Dissonanz das kulturelle Klima bestimmt.

In der im Zuge der Corona-Krise verordneten Entschleunigung eröffnen sich jedoch auch neue Räume der Resonanz. Ich erlebe zum Beispiel die Verbundenheit mit der Natur intensiver. Und auch in Beziehungen oder Dialogräumen, zum Teil auch über Videokonferenz scheint ein Resonanzgefühl verstärkt spürbar zu werden. So kann ein achtsamer Reflexionsraum eröffnet werden, um individuell und gesellschaftlich unser Leben und unsere Zukunft mit mehr Freiheit und Weitsicht zu überdenken.

Auch Dialog ist ein Resonanzphänomen. Der Dichter David Whyte sagt: „Niemand überlebt ein echtes Gespräch.“ Ich will den anderen spürend verstehen, will ihn erreichen und erreicht werden und gehe verwandelt aus einem Dialog hervor.

In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift von Evolve (1) beschreibt der Kommunikationswissenschaftler Bernhard Pörksen drei Dimensionen der Kommunikation: Verstehen, Verständnis, Einverständnis. Verstehen und Verständnis bedeuten nicht, dass ich mit allem, was der andere sagt, einverstanden bin, aber die Resonanzbeziehung des Verstehenwollens und des Verständnisses für die Beweggründe des anderen kann trotzdem lebendig bleiben.

Pörksen erklärt auch, dass Kommunikation und Dialog dann misslingen, wenn ich den anderen herabsetze, wenn ich ihn gar nicht hören will, ihn übertöne, überzeugen will. Dabei möchte ich nicht sagen, dass Dialog eine Art Allheilmittel ist. Manchmal gelingt ein Gespräch nicht, weil nicht die Bereitschaft besteht, sich an verbindliche Werte wie die Wahrung der Würde jedes Menschen zu halten.

In diesem Sinne erklärt Pörksen, dass es auch rote Linien brauche, die nicht überschritten werden dürfen. Dabei plädiert er für eine „Gleichzeitigkeit des Verschiedenen, dazu gehört das Gespräch, die respektvolle Konfrontation und manchmal eben auch die Intoleranz gegenüber der Intoleranz.“

Orientierung im Dschungel „alternativer“ Nachrichten

Achtsamkeit, Resonanzfähigkeit und Dialogoffenheit erlauben mir, mich mit Informationen und Meinungen auseinanderzusetzen. So gewinne ich auch einen klareren Blick auf die „alternativen Stimmen“ von KenFM, Rubikon oder Ruediger Dahlke, um nur einige zu nennen. Darin sehe ich oft eine Erregtheit, Aggression und Herabsetzung anderer, die mich misstrauisch macht. Die Intention besteht häufig eben nicht in einem Gesprächsangebot oder der Wahrheitssuche, sondern in Meinungsmache und Manipulation.

Nun positionieren sich Vertreter „alternativer Medien“ oder „alternativer Meinungen“ häufig als Verfechter der Freiheit und der Wahrheit. Dabei beanspruchen einige die für mich absurde Verbindung zur Bürgerbewegung in der ehemaligen DDR. Als jemand, der selbst in der DDR aufgewachsen ist, würde ich sagen, dass sie nicht erfahren (oder vergessen) haben, wie es ist, wirklich in einer Diktatur zu leben.

Mich besorgt es, wenn jetzt das Bild einer Corona-Diktatur an die Wand gemalt wird, in einem Ton, der mich deutlich eher an die Propaganda meiner Jugend erinnert, als das, was ich in den angeblich so gleichgeschalteten offiziellen Medien lese. Weil diese Propaganda das Vertrauen in unsere Demokratie unterminiert, findet sie auch Unterstützung von rechtspopulistischen Kräften.

So entsteht ein merkwürdiger und zunehmend beängstigender Zusammenschluss von Menschen, die berechtigte Fragen zum Umgang mit der Corona-Krise haben, mit rechtspopulistischen, esoterischen oder verschwörungstheoretischen Bestrebungen, wie aktuell in der Partei „Widerstand2020“ von Bodo Schiffmann oder bei den sogenannten „Hygiene-Demos“.

Wenn ich solche kritischen Überlegungen anstelle, möchte ich nicht aus einer ähnlichen Haltung der Abwertung sprechen, und das erfordert Achtsamkeit. Achtsamkeit bedeutet aber nicht, ruhig und gelassen über allem zu schweben. Es ist ein Zeichen der Anteilnahme, wenn uns etwas aufregt und empört – das ist besser als passiver Verdruss.

Und ich verstehe die vielen Äußerungen von Frustration: Sorgen über die Lockdown-Maßnahmen oder einen möglichen Impfpass, Verzweiflung an anderen brennenden Krisen oder die Frage, ob die Freiheitseinschränkungen überzogen sind. Und ich glaube auch, dass unsere Systeme der Politik und Wirtschaft einer grundlegenden Transformation bedürfen.

Aber wir sind ein Teil dieser Systeme, auch wenn wir uns als ihr alternativer Rand empfinden. Politkern, Wissenschaftlern oder geheimen Mächten die Schuld zu geben, fördert die Spaltung in das „Wir gegen die Anderen“. Einen Weg durch oder aus der Krise, der demokratisch gelingen kann, finden wir aber nur zusammen.

Dialogoffensive starten

Viele „alternative Stimmen“ fühlen sich als Bewahrer von Wahrheit und Freiheit und beziehen diese Werte vor allem auf sich: „Meine Wahrheit“ und „meine Freiheit“. Aber Demokratie ist ein achtsames, resonantes, dialogisches Geschehen, in dem ich meine Freiheit oder Wahrheit immer in Beziehung, in Resonanz zur Freiheit und Wahrheit anderer verstehen muss.

Es führt nirgendwo hin, die Freiheit oder gar die Leben z. B. der älteren Risikogruppen gegen die der jüngeren Menschen zu stellen. Eine demokratische Gesellschaft will allen Menschen ein gutes Leben ermöglichen. Eine Pandemie bringt Leid mit sich, und wir brauchen einen Diskurs darüber, wie wir Leiden mindern. Genauso wichtig ist das Mitgefühl. Diese Krise ruft für mich auch nach einer gesellschaftlichen Revolution des Mitgefühls für alle, die durch diese Krise körperliches, psychisches Leid erfahren oder deren Existenzgrundlage wegbricht.

Und eigentlich ist der wichtigere Dialog die Frage nach einem guten Leben: Welche Werte wollen wir als Gesellschaft zum Ausdruck bringen? Wie gehen wir mit Kranken und Sterbenden um? Wie können wir die Erfahrung der Entschleunigung und des wirksamen Reagierens auf eine Gefahr für Herausforderungen wie den Klimawandel, das Artensterben, die globale Ungerechtigkeit, die Flüchtlingskrise oder Sinnkrise nutzen? In welcher Welt wollen wir leben?

Das sind Fragen, die wir gemeinsam bewegen müssen. Die Polarisierung, die wir jetzt erleben, ist möglicherweise auch die Folge einer systemischen Nachlässigkeit in der Entwicklung unserer politischen Kultur: dass wir als Bürgerinnen und Bürger nicht ausreichend einbezogen werden, dass die politische Entscheidungsfindung zu sehr auf einer häufig durch wirtschaftliche Interessen geleiteten Parteipolitik basiert und zu wenig auf einem zivilgesellschaftlichen Diskurs, dessen Zerrbild wir gerade in den sozialen Medien erleben.

In diesem Sinne bräuchte es vielleicht eine Dialogoffensive in der Post-Corona-Zeit: Bundesweite Bürgerräte, in denen wir uns als dialogbereite Menschen begegnen können, ohne die „Masken“ von WhatsApp, Facebook oder YouTube, jenseits der „physischen Distanz“ von Meinungsblasen und Echokammern.

Dann können wir von Angesicht zu Angesicht auch unsere Ängste, Hoffnungen und Visionen eines guten Lebens für uns, für unsere Gesellschaft und den Planeten teilen. Dabei wird es auch nötig sein, uns neu der gemeinsamen Grundlage eines demokratischen Diskurses zu vergewissern und klare Grenzen zu Falschbehauptungen und Verschwörungsfantasien zu ziehen.

(1) Aktuelle Ausgabe der Zeitschrift evolve

Interview mit dem Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen zu den Protesten gegen die Corona-Regeln am 12. Mai 2020 im Deutschlandfunk

Mike Kauschke ist Autor, Übersetzer, Dialogbegleiter und Redaktionsleiter des Magazins evolve. www.mike-kauschke.de