Ryan Rodrick Beiler/ shutterstock.com
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„Wir brauchen einen Bewusstseinswandel“

Interview mit Natalie Knapp, 2. Teil

Krisen ereignen sich nicht nur im menschlichen Leben, sondern auch global. Das sehen wir an Klimawandel, Hunger und Gewalt. Sie zu lösen erfordert ein neues Bewusstsein, so die Philosophin Natalie Knapp. Schaffen wir den Übergang vom Ich- zum Wir-Bewusstsein?

Birgit Stratmann sprach mit der Philosophin Dr. Natalie Knapp über Themen ihres neuen Buches: „Der unendliche Augenblick. Warum Zeiten der Unsicherheit so wertvoll sind“, Reinbeck 2015. Lesen Sie hier den 2. Teil des Gesprächs.

Frage: Im 2. Teil des Buches geht es um gesellschaftliche Veränderungen. Sie sprechen über Jean Gebsers Ansatz. Demnach befinden wir uns jetzt am Ende einer Epoche – dem wissenschaftlich-rationalen Zeitalter – und im Übergang zu einem „integralen Bewusstsein“. Wie eigentlich geschehen solche tiefgreifenden, epochalen Veränderungen?

Natalie Knapp: Diese Frage ist schwer zu beantworten, weil wir das nur im Rückblick sehen können und nur Indizien haben. Es lässt sich nicht vorhersagen, wann eine andere Epoche beginnt. Auch gibt es unterschiedliche Theorien über solche großen Entwicklungen.

Die meisten stimmen im Nachhinein darin überein, dass es zu bestimmten Zeiten epochale Veränderungen gab, etwa zur Achsenzeit, 500 vor Christus. Es war der Anfang der modernen westlichen Philosophie, gleichzeitig gab es auch in Indien zurzeit des Buddha und China zurzeit von Konfuzius einen Aufbruch vom Mythologischen ins Rationale. Wie es dazu gekommen ist, das erklären die Gelehrten unterschiedlich.

Der Kulturforscher Jean Gebser war der Auffassung, dass es im Bewusstsein der Menschheit Sprünge gibt – ähnlich den Mutationen in der Evolution, die dazu führen, dass sich eine Art verändert und an ihre Umgebung anpasst. Genau so gebe es im Bewusstsein der Menschheit Mutationen – und zwar dann, wenn das Bewusstsein mit den Problemen, die es vorfindet, nicht mehr fertig wird.

Der nächste Schritt in der Entwicklung muss getan werden. Etwa der Sprung vom Jäger- und Sammlerbewusstsein zum Ackerbau. Wer Ackerbau betreiben will, braucht ein viel umfassenderes Verständnis der Zeitabläufe in der Natur. Das bekommt man aber nur, wenn man die Natur mit etwas Abstand betrachtet. Man ist mit seinem Bewusstsein nicht mehr so nahtlos eingebunden in ihr Gesamtgefüge, wenn man etwas verändern und die Umstände für sich nutzen will.

Für Gebser sind diese Bewusstseinsveränderungen deshalb auch nicht Verbesserungen, sondern einfach nur Veränderungen. In jeder Epoche entdecken und verstehen die Menschen einen anderen Aspekt der Welt. In diesem Ansatz steckt auch eine Wertschätzung für die Werte der Kulturen und Epochen. Es ist nicht diese Überheblichkeit, die in unserer Kultur so verbreitet ist, dass wir uns als die Fortschrittlichsten sehen.

Sie verstehen das nicht als Weiterentwicklung, sondern neutral als eine Entwicklung?

Natalie Knapp: Als Entwicklung im Sinne von Entfaltung, so dass immer wieder ein neuer Aspekt des Lebens sichtbar wird. Ich möchte das nicht bewerten als „oben“ und „unten“. Ich sehe zum Beispiel auch den Wert eines mythologischen Bewusstseins, das zentrale Erkenntnisse hatte, wie die, dass die Zeit nicht nur eine Quantität, also eine Ansammlung von Stunden und Minuten ist, sondern immer eine Qualität hat, die über die Bedeutung der Stunden und Tage entscheidet. Diese Erkenntnis haben wir heute vergessen. Wir glauben, es käme darauf an, wie viele Minuten einem für etwas zur Verfügung stehen und wundern uns darüber, dass unsere Zeit nie ausreicht. Dafür haben wir andere Einsichten, die den Menschen damals nicht zugänglich waren.

Wir können Probleme nicht mit den Mitteln der Vergangenheit lösen

Sie schreiben auch, dass beim Übergang von einer Epoche zur nächsten die zerstörerischen Kräfte besonders stark sind – bevor es dann zu einer Umkehr kommt. Wir sehen das heute an den großen Krisen wie Armut, Hunger, Gewalt, Klimaerwärmung.

Natalie Knapp: Das ist tatsächlich ein starkes Indiz dafür, dass wir uns am Ende einer Epoche befinden. Übergänge lassen sich häufig daran erkennen, dass sich die großen Errungenschaften der Zeit in ihr Gegenteil verkehren.

In der rationalen Epoche, also unserer Zeit, haben wir sämtliche Räume des Universums erobert: die Erde, indem wir sie mit Schiffen und Flugzeugen bereisen, ja sogar den Weltraum. Durch die digitale Vernetzung haben wir den Raum fast überwunden. Die Faszination für den Raum hat sich allerdings ins Extrem entwickelt. Wir wollen den Raum nicht mehr nur erkunden, verstehen und durchqueren, sondern besitzen. Inzwischen ist er in Besitztümer aufgeteilt, so dass Nahrung und Wasser nicht mehr für alle Menschen zugänglich sind. Mit diesen Folgen haben wir zu kämpfen. Aus dem ursprünglichen Entdeckergeist, der große Erkenntnisse für die Menschheit hervorgebracht hat, ist eine Gier geworden, die die Menschen und die Erde bedroht.

Dr. Natalie KnappWir wissen nicht mehr, wie wir die Errungenschaften unserer Epoche bewahren können, ohne mehr und mehr zu zerstören. In solchen Situationen ist es notwendig, dass sich ein neuer Bezug zur Welt entfaltet, der die Ausgangssituation verändert. Dazu brauchen wir neue Fähigkeiten; wir können die Probleme mit dem alten Bewusstsein nicht lösen. Gebser spricht daher von Mutationen im Bewusstein, die uns in die Lage versetzen, die nächsten Schritte als Gemeinschaft der Menschen zu gehen. Wie genau das geschieht, ist unklar.

Heißt das, wir schauen uns das alles an und warten auf die Mutation?

Natalie Knapp: Nein, so ist es nicht gemeint. Mutation ereignet sich, darauf muss man nicht warten. Anfang des 20. Jahrhunderts hat sich auf wichtigen Ebenen viel verändert: in der Physik, Stichwort Quantenphysik, Relativitätstheorie, auch in Kunst und Musik haben sich ganz neue Formen und Erkenntnisse gebildet. Wir sind aber immer noch nicht in der Lage, das vollständig aufzunehmen, zu integrieren und die Konsequenzen daraus zu ziehen.

Wir denken in sehr kleinen Zeiträumen, meist begrenzt auf unsere kleine Lebensspanne. So funktioniert es aber nicht. Menschheitsgeschichtliche Veränderungen vollziehen sich in riesigen Zeiträumen. Wir können nicht in ein paar Jahren das Bewusstsein der Menschheit verändern, das ist unmöglich. Das anzuerkennen, dass es über unsere Lebensspanne hinausgeht finde ich sehr entlastend. Das heißt nicht, dass ich nicht den Teil dazu beitrage, der mir jetzt mit meinen Gegebenheiten möglich ist.

Das Ich-Bewusstsein zu stark betont

Das wollte ich gerade fragen. Nehmen wir die Klimaerwärmung – das ist ein gravierendes Problem, es ist existenziell, auch für nachfolgende Generationen. Es hängt sehr stark von uns selbst ab, von unserem Konsum, unserem Lebensstil. Das heißt, wir müssten eigentlich aktiv werden – und zwar schnell, jeder Einzelne.

Natalie Knapp: Absolut! Jean Gebser war ein visionärer Denker. Er sagte schon in den 1940er Jahren: Entweder schaffen die nächsten Generationen diesen Sprung hin zu einem neuen Bewusstsein oder es kann noch mal 2000 Jahre dauern. Genauso lange dauerte es von der Achsenzeit bis sich das rationale Bewusstsein in der Renaissance und Aufklärung entfaltete.

Es gibt heute eine kollektive Verblendung und Apathie. Die meisten Menschen leben, als würden sie diese bedrohlichen Entwicklungen gar nicht betreffen. Wie erklären Sie sich das?

Natalie Knapp: Ja, dieses Phänomen zieht sich durch die Geschichte. Ein Buch von Jared Diamond („Kollaps“, Frankfrurt 2005), der die großen Krisen der Menschheit untersuchte, stellt fest, dass die meisten sich so verhalten haben wie die Mehrheit heute: Man macht mehr von dem, was zur Krise geführt hat und geht am Ende unter. Es gab nur wenige Kulturen, die anders gehandelt haben.

Heute erkläre ich es mir das damit, dass wir in den letzten 500 Jahren im Westen sehr stark das Bewusstsein des Individuums in den Mittelpunkt gestellt haben. Jeder denkt nur noch in einer Lebensspanne. Ich überschaue 70 bis 80 Jahre, was danach ist, ist quasi nicht mehr existent, weil es mich dann nicht mehr gibt. Es herrscht ein Ich-Bewusstsein vor.

In anderen Gesellschaften, die Gemeinschaft betonten, betrachteten die Menschen ihre Enkelkinder wie sich selbst, als Teil von sich. Es gab eine große Bereitschaft und Fähigkeit, das Individuum zu relativieren und in großen Zeiträumen zu denken. Etwa bei den Irokesen, die jede große Entscheidung daraufhin überprüft haben, wie sie sich für die folgenden sieben Generationen auswirkt. Hier war das Wir-Bewusstsein vorherrschend.

Natürlich haben beide Formen Vor- und Nachteile. Das Ich-Bewusstsein brachte eine starke Wertschätzung für den Einzelnen mit sich, was in den Wir-Kulturen nicht verbreitet war. Wir haben also etwas Wesentliches dazu gewonnen. Aber wir haben auch etwas verloren: die Fähigkeit, Verantwortung für etwas zu übernehmen, das wir selbst nicht mehr erleben werden. Diese Haltung ist nur möglich, wenn sich der Mensch als Teil von etwas Größeren erlebt: etwas, das räumlich und zeitlich über ihn hinausreicht. Wenn wir das nicht schaffen, werden sich die Probleme noch verschärfen.

Die eigene beschränkte Kultur erweitern

Es geht auch darum, dass wir in den reichen Ländern Privilegien abbauen. Die einen bekommen weniger, damit die anderen mehr erhalten können. Am Flüchtlingsproblem kristallisiert sich diese Frage: Sind wir bereit, aus einem Wir-Bewusstsein heraus zu teilen oder machen wir die Schotten dicht und halten am Alten fest?

Natalie Knapp: Das sehe ich ganz klar so. Wir sind nicht mehr nur zwei Milliarden Menschen auf dieser Erde, sondern sieben Milliarden. Das erfordert Einschränkungen, gerade von Bewohnern in den reichen Ländern.

Ich sehe das aber auch als eine große Chance, die eigene beschränkte Kultur zu erweitern. Dass sich so viele Menschen einmischen und einbringen, birgt die Chance für echte Veränderungen, für ein neues Bewusstsein. Wenn sie die Bilder von den Flüchtlingen sehen oder direkt mit ihnen in Kontakt kommen, spüren die Menschen, was es bedeutet, großes Leid zu erfahren. Sie merken, dass sie viel haben und andere nichts. Sie bekommen mit, dass Gemeinschaft und Teilen Lösungen sein können.

Man muss aber realistisch bleiben. Es ist nicht sicher, dass die Emotionen, die jetzt wach werden, anhalten. Die Stimmung kann schnell kippen. Es ist einer von den Krisenmomenten, und wir werden erst später sehen, ob wir den Moment für echte Veränderungen genutzt haben, d.h. ob wir uns von den neuen Erfahrungen berühren und verwandeln lassen oder ob es in zwei Monaten schon wieder vorbei ist. Die Frage ist letztlich: Entscheiden wir uns für oder gegen die Menschlichkeit?

Und wir sollten unsere Prioritäten neu setzen: Was sind die echten Errungenschaften unserer Epoche? Das wir hinfliegen können, wohin wir wollen? Dass wir ohne Ende konsumieren können? Nein! Es sind die Menschenrechte, die auf der Entdeckung des Werts des Individuums beruhen. Was wollen wir mitnehmen in die nächste Epoche: die Autos oder die Menschenrechte? Das sollten wir uns fragen.

In Ihrem Buch vermitteln Sie Hoffnung. Woraus schöpfen Sie diese Zuversicht?

Natalie Knapp: Hoffnung ist für mich nicht eine Haltung des Abwartens, nach dem Motto: „Es wird schon werden.“ Hoffnung ist eine zentrale Lebenskraft, nämlich die Fähigkeit des Menschen, immer wieder ein Fenster in die Zukunft zu öffnen, also sich eine wünschenswerte Zukunft vorzustellen und den nächsten Schritt in diese Richtung zu gehen. Das ist für mich eine aktive Sache.

Ich schöpfe meine Hoffnung aus der Fähigkeit des Menschen zu handeln. Hannah Arendt hat diese Erkenntnis ausgearbeitet, indem sie sagte: Die Tatsache, dass der Mensch zum Handeln begabt ist, ermöglicht uns, Hoffnung zu haben. Denn was macht uns unberechenbar? Dass wir jeden Morgen aufwachen können und sagen: „Heute mache ich es anders.“ Und dies dann auch tun. Das ist ein Moment innerer Freiheit. Und diese Freiheit gehört zur Grundkonstitution des Menschen. Darin liegt meine Hoffnung begründet. Und das ermöglicht mir trotz des Sehens der Katastrophen immer wieder ein Fenster in die Zukunft zu öffnen.

Dr. Natalie Knapp ist Philosophin und Autorin. Schwerpunkt ihrer Publikations-, Vortrags- und Seminartätigkeit ist das Thema Bewusstseinswandel im 21. Jahrhundert. Zuletzt erschien ihr Buch „Der unendliche Augenblick. Warum Zeiten der Unsicherheit so wertvoll sind“, Reinbeck 2015. Weitere Bücher: „Kompass Neues Denken,” Reinbek 2013 und „Der Quantensprung des Denkens – was wir von der modernen Physik lernen können“, Reinbeck 2011. http://anders-denken-lernen.de/

Natalie Knapp ist auch Referentin im Weisheitstrainings das das Netzwerk Ethik heute anbietet. Das 1. Modul startet erneut am 23./24. Januar 2016.

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