„Konkurrenzdenken schadet dem Erfolg“

Holger Wolff, Arbeit, Ethik in Unternehmen

Interview mit dem Unternehmer Holger Wolff

„Wir verfolgen keine kurzfristige Gewinnmaximierung“, sagt Holger Wolff im Interview. Das Unternehmen MaibornWolff hat diverse Auszeichnungen als bester IT-Arbeitgeber erhalten. Firmenchef Wolff spricht im Interview über ethische Leitlinien, die große Bedeutung einer Kultur des Miteinander in der Wirtschaft und wie man Arbeitsleben neu denken kann.

Das Interview führte Michaela Doepke

Frage: Sie gehen anders an das Thema Arbeit heran als gewöhnliche Unternehmer. Was machen Sie anders?

Wolff: Volker Maiborn und ich haben das Unternehmen gegründet, weil wir einfach keine Firma gefunden haben, für die wir gerne gearbeitet hätten. Die Unternehmenskultur, die wir Ende der 80er vorgefunden haben, war für uns eher abschreckend. Wir legten Wert auf einen unterstützenden und wertschätzenden Umgang miteinander und im Umgang mit Mitarbeitern.

Wir wollten mit unserer Firma einen Raum schaffen, in dem sich Menschen in der Arbeitswelt angstfrei, ohne Repressionen oder negative Begleiterscheinungen einer straffen Unternehmenshierarchie entwickeln können. Das hat uns bis heute geprägt.

Führungsleitlinien für ethisches Verhalten

Sie haben für Ihr IT-Unternehmen eine Unternehmensethik entwickelt. Können Sie die Wertekultur kurz skizzieren?

Wolff: Wir haben Führungsleitlinien, und wir haben unverhandelbare Grundsätze, also eine Art Verfassung, auf die sich jeder Mitarbeiter berufen kann. Darüber hinaus haben wir noch sechs Prinzipien, wie wir miteinander umgehen, die in einem Youtube-Video1 zusammengefasst sind.

Holger Wolff, Ethik in Unternehmen

Holger Wolff hat das Unternehmen mitgegründet.

Der Kern dieser Wertesysteme ist zum einen, dass ich als Führungskraft ein Vorbild bin. Mein ethisches Verhalten, meine Umgangsformen, meine Unterstützung, meine Wertschätzung, meine humanistischen Prinzipien werden nachgeahmt. Daher hat eine Führungskraft eine ganz besondere Verantwortung.

Es ist zum anderen die humanistische Ethik, die Menschenwürde zu achten. Ich habe den Begriff von Pater Rupert Lay übernommen, der ihn als Biophilie (Lay, Ethik für Manager)2 bezeichnet. Danach gilt es, das menschliche Leben zu mehren, nicht nur das biologische, sondern auch das soziale Leben, das Miteinander und die Verbindungen zwischen Menschen. Das ist Teil unserer Unternehmensethik. Und dann natürlich unsere soziale Verantwortung, an dieser Gesellschaft mitzuwirken oder in Notlagen zu helfen.

Digital-Detox-Tage zur Regeneration

Wir sitzen hier in Ihrem Münchner Firmensitz gerade in einem sog. Kinderzimmer, wo die Mitarbeiter in Notsituationen ihre Kinder mitnehmen und arbeiten können. Sie versuchen, die Mitarbeiter in erster Linie als Mensch und nicht als Ressource zu sehen. Sie motivieren sie auch zu Digital-Detox-Tagen. Warum tun Sie das alles?

Wolff: Hier vermischen sich Ethik und Effizienz natürlich. Als Unternehmer fühle ich mich in der Verantwortung, dass die Mitarbeiter nicht ausbrennen oder sich überfordern.

Die Empfehlung zu netzfreien Tagen hat aber natürlich auch eine wirtschaftliche Komponente. Ich möchte die Mitarbeiter nicht im Sinne eines Drehzahlmessers im roten Bereich überbeanspruchen, sondern sie motivieren, in einem für sie gesunden und Ressourcen schonenden Umfeld zu arbeiten.

Wir haben einfach die Erfahrung gemacht, dass es sich sehr positiv auswirkt, wenn wir hin und wieder 24 Stunden disconnected sind und einen Waldspaziergang, ein Retreat oder Sport machen. Wir ermutigen auch die Führungskräfte dazu, alle paar Wochen einen Digital-Detox Tag einzulegen.

Bei Ihrer Unternehmenspolitik setzen Sie nicht auf kurzfristige Gewinnmaximierung oder Konkurrenzdenken. Funktioniert das in der Praxis?

Wolff: Wir streben natürlich nach Gewinn. Das ist nötig, damit wir die Gehälter zahlen können und dem Versorgungsanspruch, den die Mitarbeiter in materieller Hinsicht haben, gerecht werden. Auch für ein weiteres Wachstum setzen wir wie jedes andere Unternehmen auf Profitabilität.

Keine kurzfristige Gewinnmaximierung

Kurzfristige Gewinnmaximierung verfolgen wir nicht, sondern wir haben ein langfristiges Interesse. Wir lassen beispielsweise auch einmal ein Projekt sausen, mit dem wir einen großen Gewinn hätten machen können, wenn wir das Gefühl haben, dass es für unsere Mitarbeiter langweilig, belastend oder nicht zumutbar ist.

Konkurrenzdenken ist meiner Ansicht nach eine Denkwelt der 80-er und 90-er Jahre. Wir leben in einer vernetzten Ökonomie, versinnbildlicht im Begriff „Ecosystems“ als funktionierendes Zusammenspiel zwischen mehreren Partnern im Markt.3 Konkurrenzdenken ist meiner Ansicht nach schädlich für den unternehmerischen Erfolg. Wir denken eher in Form von Marktbegleitern und versuchen, mit vielen anderen Partnerschaften einzugehen und uns gegenseitig zu unterstützen.

Außerdem ist uns als Teil unserer Ethik wichtig, uns nicht über die Abwertung anderer zu definieren. Wir haben ein gesundes Selbstvertrauen als Unternehmen und als Individuum. Wir glauben, dass wir eine tolle Leistung am Markt anbieten, dass wir herausragende Mitarbeiter haben und gut positioniert sind. Das heißt aber nicht, dass andere schlechter sind. Wir freuen uns, wenn es Firmen gibt, die wie wir die gleichen Ansprüche an Arbeit haben.

„Die Mitarbeiter sollen nicht ausbrennen“

Auch Transparenz ist für Sie ein wichtiges Thema.

Wolff: Im Internetzeitalter können wir das Innenleben dieser Firma nicht vor der Außenwelt geheim halten, und wir wollen es auch nicht. Viele Mitarbeiter äußern sich heute in sozialen Netzwerken dezidiert über die Erfahrungen beim Arbeitgeber. Bewertungen sind in Portalen wie Kununu oder Glassdoor heute extrem wichtig, Bewerber orientieren sich daran.

Bei MaibornWolff können Mitarbeiter kranke Kinder mit zur Arbeit nehmen.

Bei MaibornWolff können Mitarbeiter kranke Kinder mit zur Arbeit nehmen.

Ich versuche den Begriff „Reputationsmanagement“ zu vermeiden, weil er unterstellt, dass das eine manipulierbare Größe ist und man Marketing irgendwie gestalten könne. Wir setzen wir auf Authentizität und bekennen uns offen zu Fehlern oder Dingen, die nicht funktionieren. Wir sehen das, was in diesen Netzwerken geteilt wird, als Reflexion eines inneren Zustandes an, nicht als etwas, das wir managen und gestalten müssen.

Deswegen kann ich allen Marketingleitern nur den Rat geben, das Image nicht zu manipulieren und als bloße Fassade aufzubauen, weil das langfristig nicht funktionieren wird. Wichtig ist es dagegen, das Unternehmen für die Mitarbeiter zu einem angenehmen und positiven Ort zu machen, so dass sich das in den Bewertungen des Unternehmens widerspiegelt.

Transparenz und Vernetzung in Zeiten von Big Data

Was ist Ihre Zukunftsvision? Sollten wir Wirtschaft und Ethik neu denken?

Wolff: Ich glaube, dass die Faktoren, die ich genannt habe, dazu führen, dass sich mächtige gesellschaftliche Veränderungen anbahnen, die zu einem besseren Miteinander führen und eine hohe Transparenz mit sich bringen. Ich muss davon ausgehen, dass unsere Unternehmensrealität heute öffentlich ist.

Ich weiß auch, dass sich neue Mitarbeiter genau anschauen werden, ob diese Unternehmensrealität dem entspricht, was sie für sich persönlich wollen. Und daraus alleine wird sich ein großer Veränderungsdruck auf Unternehmen entfalten, zu einem achtsamen, wertschätzenden, liebevollen Miteinander zu finden. Wir müssten sonst auf junge Führungskräfte verzichten, denn die suchen sich lieber Arbeitsbedingungen, die ihnen zusagen.

Um Ihre Frage zu beantworten: Ja, das werden wir neu denken müssen. Ich bin auch überzeugt, dass die technologischen Neuerungen, die derzeit auf uns zurollen, Stichwort Big Data, Künstliche Intelligenz, maschinelles Lernen usw. so groß sind, dass einzelne Unternehmen sie nicht bewältigen können. Ein Automobilhersteller, so groß und berühmt er auch sein mag, kann heute das Thema vernetzte Mobilität nicht alleine bearbeiten, weil für intermodale Mobilität andere Verkehrsträger und alle möglichen anderen Dinge erforderlich sind.

Transparenz ist der eine Faktor, Vernetzung ist der zweite. Vernetzung ist wichtig, weil Problemstellungen so komplex geworden sind, dass sie kein Einzelner mehr lösen kann. Diese Fakten erfordern natürlich ein hohes Maß an Kooperationsfähigkeit auf intraorganisationaler Ebene, also zwischen Organisationen. Dafür sind natürlich die Qualitäten, die wir gerade diskutiert haben, Fähigkeiten im Umgang miteinander, Achtsamkeit usw. genauso wichtig nach innen, wie nach außen.

Das Audio-Interview (28 Min.) mit Holger Wolff können Sie in der Audiothek des Netzwerks Ethik nachhören. Diese gehört zum Premium-Bereich dieser Website. Wenn Sie Mitglied im Freundeskreis Ethik heute werden (für 60 Euro im Jahr) erhalten Sie Zugang.

Darin spricht Holger Wolff über die Bedeutung der guten Mitarbeiterbeziehung in Zeiten des Fachkräftemangels, über die Inspiration, die er aus dem Buddhismus schöpft; er warnt davor, Meditation zur Leistungssteigerung im Unternehmen zu missbrauchen.

Holger Wolff ist Mitgründer und geschäftsführender Gesellschafter des IT Beratungsunternehmens MaibornWolff mit knapp 300 Mitarbeitern in München, Frankfurt und Berlin. Er ist Diplom-Kaufmann und hat ein Studium des tibetischen Buddhismus bei Lama Sumati Marut und Geshe Michael Roach absolviert.

Das Unternehmen MaibornWolff wurde 2017 zum fünften Mal in Folge zum besten IT-Arbeitgeber Deutschlands gewählt und erhielt ebenfalls 2016 den HumanCapital Award. Die Arbeitsplatzkultur und das Klima werden von Mitarbeitern positiv bewertet und regelmäßig mit Auszeichnungen als Bester Arbeitgeber im Wettbewerb „Great Place to Work“ belohnt. Weitere Infos: www.maibornwolff.de

Quellenverweise:

  1. Auf https://www.youtube.com/watch?v=WvhlWvduYGc finden Sie einen Vortrag über IT & Ethik

  2. Die jesuanische Lehre lässt sich Lay zufolge im Prinzip der Biophilie (wörtlich: Liebe zum Leben) zusammenfassen, das auch den Kern von Lays Ethik ausmacht:„Handele so, dass du das personale (soziale, emotionale, musische, sittliche, religiöse) Leben in dir und anderen eher mehrst und entfaltest denn minderst und verkürzt.“ Aus: Lay, Rupert: Ethik für Manager, Econ Verlag 1989, 21.

  3. Planungskonzept eines Business-Ökosystems, das heute in der High-Tech-Community weit verbreitet ist. Die Grunddefinition stammt aus James F. Moores Buch, Das Ende des Wettbewerbs, Führung und Strategie im Zeitalter der Ökosysteme .

 

 

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