Ein Buch des Medizinethikers Maio

Sensibilität, Zuwendung und Fürsorge gehören zu den Grundwerten von Menschen in Heilberufen. Doch nach der betriebswirtschaftlichen Logik in der Medzin gibt es dafür keinen Platz mehr. Medizinethiker Giovanni Maio fordert in seinem Beruf eine Rückbesinnung auf das, was den Heilberuf ausmacht.

Die Heilberufe sind seit den 1990er Jahren unter Druck geraten: Unter dem Einfluss neoliberalen Gedankengutes hat sich die Politik vom Gedanken der Daseinsvorsorge verabschiedet und auf den freien Markt gesetzt. Nach dem Selbstverständnis von Ärztinnen und Ärzten, von Schwestern und Pflegern steht eigentlich der Kranke Mensch im Mittelpunkt. Ihr Berufsalltag wird aber durch wirtschaftliche Zwänge gestaltet. In den Augen der Krankenhausträger und Geschäftsführer zählt meist mehr, was der Patient bringt und weniger, was er braucht.

Giovanni Maio, Philosoph, Arzt und Inhaber des Lehrstuhls für Medizinethik der Freiburger Albert-Ludwigs-Universität, sieht mit Beunruhigung, wie diese Entwicklung die Identität der Heilberufe korrumpiert. Wer abends todmüde ins Bett sinkt, hat keine Zeit mehr, nachzudenken. In seinem 2018 erschienenen Buch „Werte für die Medizin. Warum die Heilberufe ihre eigene Identität verteidigen müssen“ umrundet und durchdringt er das Thema und stellt seine vielen Facetten dar. Er lädt zum Mitdenken, zum Nachdenken ein. Nur wer versteht, was mit ihm geschieht, kann auch handeln.

Betriebswirtschaftliche Logik gibt Werte vor

Im ersten Teil des Buches über die Lage der Heilberufe beschäftigt sich der Autor mit der Umwertung der Werte in der Medizin. Mit viel Gespür für die Erlebenswirklichkeit einer Ärztin, eines Pflegers und mit großer Detailgenauigkeit zeigt er auf, wie und wo Ökonomie, Bürokratie und Technik mit den ihnen eigenen Wertesystemen das Ethos der Heilberufe unterwandert haben. Wenn in einem anhaltenden Verdrängungswettbewerb die Erlöse über den Personalschlüssel und über das Schicksal einer Abteilung entscheiden, sehen sich die Heilberufe ständig der Gefahr des Abbaus ihrer Arbeitsplätze gegenüber.

In der aus der Industrie übernommenen Qualitätssicherung zählen Fakten und reibungslose Abläufe. Nicht messbare Qualitäten werden in diesem System nicht abgebildet. „Aus der Erkenntnis, dass die Dokumentation des Messbaren etwas Sinnvolles ist, wird kurzerhand geschlossen, dass alles Sinnvolle auch dokumentierbar sein müsse“, sagt Maio. „Ein folgenschwerer Gedankenfehler.“„In der modernen Medizin ist eine betriebswirtschaftliche Formallogik etabliert worden, die nicht nur Abläufe, sondern auch Werte vorgibt.“ Auf zwei wesentliche Gedanken des Buches möchte ich eingehen. Autor geht.

Zeit – Verschwendung oder zentrales Element der Behandlung?

Das Modell der industriellen Produktion bewirkte in der Medizin vor allem die Umdeutung der Zeit. „Der Ruf nach Effizienzsteigerung ist im Grunde nichts anderes als eine Legitimation der Verknappung von Zeit.“ sagt Maio. „Derjenige, der sich Zeit nimmt und somit Ressourcen verbraucht, gerät automatisch in den Verdacht der Verschwendung.“

Zuwendung, Sorgfalt, Sich Kümmern, also Werte, die zur Grundausstattung der Heilberufe gehören, sind in durchgetakteten Arbeitsalltag Luxus. Der Pfleger, die Ärztin werden nicht abgemahnt, weil sie sich zu wenig um eine Patientin gekümmert haben, sondern weil sie mit der Dokumentation und Verschlüsselung hinterher hinken.Die Missachtung der Zeit als zentralem Element der Behandlung zeigt sich knallhart darin, dass von 1995 bis 2005 fünfzigtausend Stellen in der Pflege gestrichen wurden.

Der Patient muss sich den Abläufen unterordnen

Das Ziel im Medizinbetrieb ist die reibungslose Sicherung von Abläufen, Maio schreibt dazu: „Den Heilberufen wird suggeriert, dass sie um so qualitätsvoller arbeiten, je mehr sie sich an die vorgegebenen Abläufe halten….Das streng planmäßige Vorgehen wird zum alles beherrschenden Ideal.“ Das bedeutet, dass der Patient diesem Plan untergeordnet wird, statt die Abläufe an die Bedürfnisse der Kranken auszurichten.

Im Weiteren beschäftigt sich Maio mit den Folgen, wenn systembedingt das Tun in der Medizin belohnt und das Abwarten bestraft wird. Er beleuchtet die Risiken des neuen Konzepts Pay for Performance (P4P) : etwas, das eigentlich der intrinsischen Motivation der Ärzte entspringt, nämlich den Patienten gut zu behandeln, wird in diesem System durch äußere Anreize belohnt.

Und der Autor geht den Auswirkungen eines durch das Paradigma der Technik geprägten Weltverständnisses für die Identität der Heilberufe nach. Vor allem die Pflege leidet in ihrem Selbstverständnis, dem kranken Menschen nahe sein zu wollen: Diese Grundqualität der Pflege wird in der ökonomisierten und technisierten Medizin nicht in ihrer Bedeutung gesehen und wertgeschätzt.

Die Werte der Heilberufe wiederentdecken

Im zweiten Teil plädiert der Autor dafür, die Werte der Heilberufe wiederzuentdecken: Sorgfalt und Geduld, Offenheit und Feinsinn, Takt und Begegnungsbereitschaft, Behutsamkeit und Demut, Erfahrenheit und Reflektiertheit, Unbeirrbarkeit und Treue zum sozialen Auftrag.

Nur wenn sich die Heilberufe der Gefährdung ihrer ureigenen Werte bewusst werden und aktiv gegensteuern, können diese Werte bewahrt und entwickelt werden. Nur so lasse sich die als diffuses Unbehagen gespürte moralische Dissonanz auflösen, erklärt Maio. Wenn diejenigen, die in Heilberufen arbeiten, dies nicht im Einklang mit ihren Werten tun, verlieren sie die Motivation, mit der sie sich gerade für diesen Beruf entschlossen haben, und wir verlieren den Respekt vor sich selbst.

„Werte für die Medizin“ ist für alle, die in Heilberufen arbeiten, ein wichtiges Buch. Es ist kein Buch, das sich eben mal so auf die Schnelle liest. Man braucht Muße, den Sätzen nachzuspüren, sie mit den eigenen Erfahrungen abzugleichen, auch, sich der Komplexität der Sachverhalte und Sichtweisen auszusetzen. Ich kenne aber zur Zeit kein anderes Buch, das sich mit ähnlicher Gründlichkeit und Differenziertheit diesem wichtigen Thema widmet.

Barbara Jahn

Giovanni Maio. Werte für die Medizin: Warum die Heilberufe ihre eigene Identität verteidigen müssen. Kösel Verlag 2018

Die Rezensentin Dr. Barbara Jahn ist Gynälologin. Lesen Sie auch ihren Beitrag “Für eine menschliche Geburtshilfe”