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Liebe kultivieren und verschenken

Ein Gastbeitrag von Wilfried Reuter

Der buddhistische Meditationslehrer Wilfried Reuter erklärt die Meditation der liebenden Güte. Wer sie regelmäßig übt und schrittweise von sich selbst auf andere ausdehnt, könne sich vor Angst und Einsamkeit schützen, innerlich öffnen und mehr mit anderen Lebewesen verbinden, so seine Erfahrung.

 

„Mitten im tiefen Winter wurde mir endlich bewusst, dass ich einen unbesiegbaren Sommer in mir trug“, erklärt uns Albert Camus.

Eine der „Hauptsünden gegen die Liebe“ besteht nach dem Sufi-Meister Inayat Khan darin, „vor den Sorgen, Schmerzen, Schwierigkeiten und Hindernissen zurückzuweichen, die uns auf dem Pfad der Liebe begegnen“. Wenn also keine liebende Güte in uns spürbar ist, stattdessen kleinliche Gedanken und schwierige innere Zustände dominieren, können wir uns das eingestehen. Bereits dadurch geschieht eine Öffnung.

Ich selbst habe viel gelernt in der Begleitung meines Vaters durch die Stadien seiner Demenz. Gelernt habe ich, wie unsinnig es ist, sich an der oberflächlichen Form aufzuhalten und an Rollen zu kleben. Wir alle sind so viel mehr, so viel größer als unsere Rollen und Funktionen.

Für meinen Vater und mich war es möglich, die Verbindung bis zum Schluss zu halten. Auf dem Weg galt es, die Rollen als Vater und Sohn mehr und mehr hinter uns zu lassen und uns auf einer Herzensebene zu verbinden, die nur noch eine geringe persönliche Färbung trug.

Die öffnende Kraft der Dankbarkeit

In dieser Begleitung habe ich ebenfalls die verändernde und öffnende Kraft der Dankbarkeit erlebt. Sich auf das Gute ausrichten, sei es auf gesunde Funktionen des Körpers, sei es auf liebe Menschen oder günstige Umstände im Leben – all das beruhigt den Geist, weitet die Perspektive und öffnet das Herz. Auch hier braucht man Geduld. Dankbarkeit entfaltet sich nicht auf Knopfdruck.

Dankbarkeit in seiner beschützenden, stabilisierenden und verbindenden Funktion ist eine Qualität der Liebe. Cicero sagte, Dankbarkeit sei nicht nur „die größte aller Tugenden, sondern auch die Mutter von allen“.

Die Psychotherapeutin Ursula Nuber beschreibt „Dankbarkeit als eine Ressource“, die einem das Leben unendlich erleichtern kann. Dieses Gefühl, tief empfunden, schützt vor Enttäuschungen, Verbitterungen und nimmt den unvermeidlichen Nackenschlägen des Schicksals viel von ihrer Kraft (Psy. Heute 32/S. 43).

Für die liebende Güte gibt es im Buddhismus das Wort „Metta“. Man kann es auch mit Wohlwollen, Liebe oder liebender Güte wiedergeben, und diese richten sich auf alle Wesen, die uns begegnen. Diese Eigenschaft kann durch Bewusstheit gestärkt werden.

Auf dem Weg zur Entwicklung von liebender Güte werden wir allerdings auch mit unserer Enge, Ängstlichkeit und Kleinlichkeit, mit unseren Verletzlichkeiten konfrontiert. Aber genau diese Erfahrung brauchen wir, um sie zu heilen. Solange diese Kräfte im Halbbewussten schlummern, glauben wir leicht, wir hätten bestimmte Dinge in uns schon geläutert oder überwunden, doch damit täuschen wir uns selbst.

Zuerst: In größere Nähe zu uns selbst kommen

Ein wichtiger, geradezu essenzieller Schritt auf dem Weg zu der uns innewohnenden Liebe geht über die Wahrnehmung unseres Körpers. Indem wir uns in unseren Körper einfühlen, am besten in Bereiche, in denen wir uns angenehm fühlen, kommen wir in eine größere Nähe zu uns selbst, verringern die Macht verstörender Gedanken und bedrückender und beängstigender Geisteszustände.

Solange Ärger oder Unsicherheit, Wut oder Angst uns dominieren, können wir keine Liebe empfinden. Aus größerer Nähe zu uns selbst öffnen sich uns jedoch Möglichkeiten. Die Einfühlung in den Körper, z. B. in bestimmte Stellen am Bauch bietet einen goldenen Schlüssel.

Nach einer Phase des Erspürens, Entspannens und Einfühlens in den Körper und auch nach der Entfaltung von Dankbarkeit können wir uns bestimmte Wünsche schenken, die uns für das Erleben der dieser Quellen in uns öffnen. Die Metta-Meditation besteht darin, dass wir diese Wünsche entwickeln und innerlich wiederholen. Wir können uns selbst wie eine liebevolle Mutter oder eine beste Freundin begegnen und uns wünschen:

Möge ich beschützt und sicher sein.

Möge ich in Einklang kommen und frei sein von geistigen Leiden.

Möge ich gesund sein/werden und frei von körperlichen Leiden.

Möge ich in Glückseligkeit getragen sein.

Herzensqualitäten ausdehnen

Wir schenken uns zwei, drei oder alle vier Wünsche und stellen uns jeweils vor, sie gehen in Erfüllung, d. h. wir sind beschützt, unbeschwert und glücklich. So zu tun, als sei unser Herzenswunsch erfüllt oder werde gerade erfüllt, gilt als starke Kraft, innere Ressourcen und Potentiale zu wecken.

Natürlich können wir die Sätze auch individueller auf unsere Situation bezogen formulieren: Wenn wir traurig sind, wünschen wir uns Glück, wenn wir Fehler gemacht haben, wünschen wir uns Akzeptanz, wenn wir unsicher sind, wünschen wir uns Schutz.

So erschaffen wir mit dem Wunsch einen Raum, in dem die gewünschten Qualitäten sich entfalten können. Wir achten dabei immer auf die fühlende Verbindung zu unserem körperlichen Wohlfühlort. Solange wir verbunden sind mit unserem Körpersein, können wir uns die Offenheit erlauben, die eine Basis für liebende Güte ist. Solange wir nicht in uns selbst fühlend gegründet sind, werden wir uns immer wieder schnell bedroht fühlen und unsere Offenheit nicht halten können. Dann geht unser Herz wieder zu und der Zugang zu Metta verschließt sich.

Nachdem wir Metta für uns selbst entfaltet haben, dehnen wir diese Herzensqualität auf andere Menschen aus. Hier richten wir uns zunächst auf liebe, uns nahestehende Menschen aus. Wir schenken ihnen die gleichenWünsche und stellen uns vor, sie gehen in Erfüllung. Dann schließen wir Menschen in unsere Praxis ein, die uns nicht viel bedeuten, weiten allmählich unser Herz auch für Menschen, die unangenehm oder schwierig für uns sind.

Schließlich beziehen wir alle lebenden Wesen in allen Himmelsrichtungen mit ein. Traditionell nennt man das im Buddhismus „Brechen der Grenzen“ (von angenehm – neutral – unangenehm). Die liebende Güte ist nicht abhängig von den Merkmalen angenehm, unangenehm usw.; sie wird durch diese Übung immer weiter veredelt.

Unterstützend dabei können Visualisierungen sein, aber wir bleiben stets in gefühlter Nähe zu uns selbst. Hilfreich, um die Kraft, den Trost und die Geborgenheit von Metta auch in schwierigen Situationen zu erleben, sind Entschlossenheit und tägliches Üben.

Solange wir diese Meditation nur praktizieren, wenn wir in einer entsprechenden Stimmung sind, wird sich ihre Kraft nicht erschließen. Geborgenheit, Trost und Kraft auf dem Weg zur liebenden Güte finden wir nur, wenn wir uns entschließen und lernen, uns immer wieder aus Verschlossenheit und Verkrampfung zu lösen und uns im Körper tiefer zu verankern. Dann können wir uns öffnen und auch nach außen verbinden – wieder und wieder.

Erleben wir die Verbindung zu uns und anderen, zu unserem Leben, befreit uns dies von Einsamkeit, Bedürftigkeit und Angst. Natürlich erleben wir uns und andere weiter in verschiedenen Körpern, mit unterschiedlichen Biografien, verschiedenen Veranlagungen und Bedürfnissen. Doch hinter dieser persönlichen Ebene erleben wir eine feinere Dimension des Seins, auf der sich unsere liebevolle Verbundenheit von Wesen zu Wesen mühelos erschließen wird.

In solchen Momenten muss nichts und niemand liebenswert sein, damit wir Liebe und Trost und Geborgenheit empfinden können. Wir werden Liebe erleben, weil sie in uns ist. Und wenn sie für uns spürbar wird, haben wir keinen anderen Wunsch mehr, als sie auszustrahlen und zu verschenken. Das wird uns sehr helfen und für alle eine Unterstützung sein, die uns begegnen.

 

Wilfried ReuterDr. Wilfried Reuter ist buddhistischer Lehrer und spiritueller Leiter des „Lotos-Vihara Zentrums in Berlin. Seine wichtigste Lehrmeisterin war die deutsche buddhistische Nonne Ayya Khema. Weitere Lehrer waren der indische Heilige Ramana Maharshi und der tibetische Meister Tarab Tulku. Besonders wichtig ist Wilfried Reuter eine traditionsübergreifende Vermittlung der Buddha-Lehre. Zudem bringt er seine mehr als 35-jährige Erfahrung als Frauenarzt, Geburtshelfer, Sterbebegleiter und Notarzt in seine Lehrtätigkeit ein. www.lotos-vihara.de

 

 

Eine Audio-Anleitung „Meditation der liebenden Güte“ von Michaela Doepke finden Sie in unserer Audiothek. Sie gehört zum Premium-Bereich dieser Website. Wenn Sie Mitglied im Freundeskreis Ethik heute werden (für 60 Euro im Jahr) erhalten Sie Zugang. Sie unterstützen damit auch diese Website, die jede Woche neu, kostenlos, ohne Werbung gute Nachrichtet liefert.

 

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