Moneky Business Images/ shutterstock.com
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„Menschen wollen gehört werden“

Interview mit dem Kommunikationstrainer Hinrichsen

Christian Hinrichsen setzt bei Streitgesprächen auf wertschätzende Kommunikation. Der Kommunikationstrainer führt seine Klienten vom Konflikt zum Miteinander.  Er äußert sich auch zu der Frage, warum Jugendliche sich Terroristen anschließen.

 

Das Interview führte Michaela Doepke

Frage: Herr Hinrichsen, was hat Sie motiviert, Trainer für Gewaltfreie Kommunikation (GfK) nach Marshall Rosenberg zu werden?

Hinrichsen: Das war schlicht und einfach eine Krise, – ein Zustand, der oft Menschen dazu bringt, sich zu ändern. Ich wollte meine zweite Ehe retten. Ich wollte alles dazu tun, dass diese Ehe nicht den Bach hinuntergeht und ich noch einmal meine Kinder von der Ferne aufwachsen sehe.

Dann saß ich in diesem GfK-Seminar und hatte einen Aha-Effekt nach dem anderen. Ich erinnerte mich an Werte, an Lebensweisen, die mich als friedensbewegter Jugendlicher schon umgetrieben haben. Es waren Fragen wie: Wie können wir mehr Frieden, mehr Liebe, mehr Miteinander in die Welt bringen? Mitder Gewaltfreien Kommunikation hatte ich plötzlich ein praktikables Werkzeug, Schritt für Schritt meine eigenen Werte in einer gewissen Stimmigkeit zu leben.

Können Sie Ihre eigenen Werte etwas näher konkretisieren?

Hinrichsen: Meine Werte wurzeln in der Kindheit. Schon als kleiner Knopf habe ich nicht verstanden, warum Kinder in der Welt verhungern, warum ich hier geboren bin und andere Kinder in Afrika. Das hat mich beschäftigt. Und so war es schon vorgezeichnet, dass ich mich für mehr Gerechtigkeit und Frieden in der Welt eingesetzt habe.

Später habe ich mich im sozialen Bereich engagiert, eine eigene Jugendgruppe in der Kirche geleitet, einen Dritte-Welt-Laden geführt. Ich habe mich gefragt, wie schaut die Welt aus der Ernährungssituation aus, was müsste man ändern, was gibt es da für wirtschaftliche Zusammenhänge. Auch aus solchen Gründen heraus habe ich Betriebswirtschaft studiert. Ich wollte verstehen, wie Wirtschaft funktioniert, ob es nicht auch anders gehen kann. Ja, das sind so meine Hauptwerte: Gerechtigkeit, Frieden, Miteinander.

Im Netzwerk Gewaltfreie Kommunikation München, in dem Sie gemeinsam mit anderen Trainern aktiv sind, wird die Gewaltfreie Kommunikation meist „Wertschätzende Kommunikation“ genannt. Gibt es einen Grund für diese Umbenennung?

christian-hinrichsen-trainer-fuer-mehr-transparenzHinrichsen: Zunächst gilt es zu klären, woher die Benennung „Gewaltfreie Kommunikation“ kommt. Der Begründer, Marshall Rosenberg, war begeistert von diesen großen sozialen Bewegungen des gewaltfreien Widerstands von Mahatma Gandhi und Martin Luther King. Daher stammt seine Ableitung „Non violent-communication“.

Rosenberg wollte diesen Bewegungen eine Sprache geben, die diese Werte kraftvoll transportiert. In der Wertschätzenden Kommunikation verstehen wir Gewalt jedoch ethisch viel tiefer. Das hat etwas mit der Haltung zu tun: Bin ich mit den Menschen auf Augenhöhe, bin ich in einer Gleichwertigkeit, in einer Gleichwürdigkeit? Dabei geht es sehr stark um unsere Werte.

Was sind die Grundpfeiler der Wertschätzenden Kommunikation?

Hinrichsen: Vereinfacht gesagt, sehe ich die Wertschätzende Kommunikation als ein Drei-Säulen-Modell. Die erste Säule ist: Wie teile ich jemandem etwas mit, ohne ihn anzugreifen oder ihn bloßzustellen? Wie kann ich etwas vermitteln von dem, was mich stört, ohne den anderen anzugreifen, dabei gleichzeitig in Eigenverantwortung sein und die Schuld nicht draußen suchen.

Die zweite Säule ist: Wie höre ich mir und anderen zu? Und die dritte Säule ist die innere Haltung: Was ist das Menschenbild dahinter? Und da kann ich jetzt kurz und knapp sagen, es ist ein humanistisches Weltbild.

Arbeit an der inneren Haltung

Eine Frage an Sie als Streitschlichter. Wir haben das Problem, dass Jugendliche oft in ihren Bedürfnissen nicht wahrgenommen werden, ihnen nicht zugehört wird und sie sich isoliert fühlen. Manche schließen sich sogar terroristischen Gruppen an und suchen dort Halt. Liegen Wurzeln des Terrorismus möglicherweise in einer mangelnden Kommunikationsbereitschaft der Menschen? Und wie könnte man so einer Eskalation der Gewalt im Umgang mit unseren Jugendlichen begegnen?

Hinrichsen: Sie sprechen da die Kommunikationsbereitschaft an. Ich würde besser sagen, Kooperationsbereitschaft. Als Kommunikationstrainer sage ich, dass ich in erster Linie gar nicht an der Kommunikation arbeite, das ist ein kleiner Anteil meiner Arbeit, sondern vor allem an der inneren Haltung. Ich behaupte, dass Menschen grundsätzlich erst einmal kooperationsbereit sind.

Aber Jugendliche, die sich zum Terrorismus hingezogen fühlen, haben vielleicht in ihrem Leben mehrmals die Erfahrung gemacht, dass ihnen gar nicht zugehört wird. Und dann entsteht schnell Frustration. Das ist jetzt keine Entschuldigung für irgendwelche Gewalttaten. Trotzdem hat jede einzelne Person ihre ganz eigene persönliche Geschichte, ob sie nun aus einem rechtsradikalen, linksradikalen oder islamistischen Kontext stammt.

Das einzige Gemeinsame ist ihre Überzeugung und tendenziöse Haltung: Es hat immer etwas mit Gerechtigkeit zu tun. Es hat mit dem Empfinden zu tun, da würde etwas nicht gerecht sein. Und der Eindruck, sie müssten gegen eine Wand kämpfen, die starr und tot ist.

Da ist nicht mehr dieses Erleben da, dass sich da wirklich zwei Menschen gegenüber stehen. Da ist die Idee vorrangig, man müsste jetzt Gewalt anwenden, um der Gerechtigkeit willen, um diese wiederherzustellen oder sie überhaupt erst wieder zu ermöglichen. Und insofern hat das natürlich auch etwas mit Kommunikation zu tun.

Da fehlt ja von beiden Seiten auch oft das Einfühlungsvermögen, die Empathie.

Hinrichsen: Das Einfühlungsvermögen oder überhaupt nur die Bereitschaft und der Wille, den anderen in seinem Anliegen verstehen zu wollen. Daher ist für mich der Unterschied wichtig zwischen jemanden verstehen wollen und mit seinen Handlungen einverstanden zu sein.

Verstehen wollen heißt, die Bedürfnislage des anderen zu verstehen. Aha, ihm geht es um Gerechtigkeit. Das ist für ihn frustrierend, denn er mag gerne, dass es auf der Welt gerecht und fair zugeht. Verstehen wollen, nicht einverstanden sein, wäre das beste Mittel, das ganze Konfliktpotenzial ohne Gewalt zu lösen.

Ein Audio-Interview von Michaela Doepke mit Christian Hinrichsen (23 Min.) hören Sie in der Audiothek. Diese gehört zum Premium-Bereich dieser Website. Wenn Sie Mitglied im Freundeskreis Ethik heute werden (für 60 Euro im Jahr) erhalten Sie Zugang. Sie unterstützen damit auch diese Website, die jede Woche neu, kostenlos, ohne Werbung Beiträge zum Inspirieren und Nachdenken liefert.

Im Audio äußert Hinrichsen sich u. a. zum Lösen von Konflikten in Unternehmen, zum wertschätzenden Umgang mit Kindern, und er gibt Tipps für gelingende Kommunikation.

Christian Hinrichsen, Kommunikationstrainer und ehemaliger Unternehmensberater, Mitglied im Netzwerk Gewaltfreie Kommunikation München, Vater von sechs Kindern.
Mehr: www.gewaltfrei-fuenf-seen-land.de

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