Foto: Peter Mimietz

Mit Achtsamkeit gegen Uni-Stress

Was Studierende berichten

Der Stress an den Hochschulen steigt, Studierende leiden noch stärker als andere Bevölkerungsgruppen. Jetzt haben einige die Achtsamkeit für sich entdeckt. Christa Spannbauer hat mit Studierenden gesprochen, denen Achtsamkeit hilft, besser zu leben und zu lernen.

 

 

Die Studienreform im Zuge des Bologna-Prozesses führte zu einer rasanten Beschleunigung des Studiums. Immer mehr Informationen müssen in immer kürzerer Zeit verarbeitet werden. Eine vom Lehrstuhl für Marketing der Universität Potsdam und Hohenheim durchgeführte repräsentative Online-Befragung von mehr als 18.000 Studierenden kam zu dem Ergebnis, dass sich jede/r zweite unter Dauerdruck fühlt und mit Schlafstörungen, Konzentrationsschwäche bis hin zu Depressionen und Burn-out-Symptomen darauf reagiert.

„Es ist vor allem der Stress, der durch Zeit- und Leistungsdruck sowie die Angst vor Überforderung entsteht, was Studierenden das Leben schwer macht. 53 Prozent geben einen hohen Stresslevel an, damit rangieren sie sogar vor anderen Bevölkerungsgruppen“, so die Studienleiterin Prof. Dr. Uta Herbst von der Universität Potsdam.

Mit dem Pilotprojekt Gesundes Lehren und Lernen reagierte die Jenaer Ernst-Abbe-Hochschule bereits 2015 auf diese alarmierende Entwicklung. Unter der Leitung von Professor Mike Sandbothe werden in dem Forschungsprojekt gesundheitsstärkende Lehr- und Lernmethoden entwickelt sowie die Förderung von Kompetenzen zur Stressbewältigung erprobt.

Mit Yogamatte und Meditationskissen in den Seminarraum

„Es ist ein gutes Gefühl festzustellen, dass die Hochschule auf diese Entwicklung reagiert und ohne Leistungsdruck auf die Bedürfnisse und Ängste der Studierenden eingeht. Das spürt man sonst eher selten im Hochschulalltag“, sagt Saskia Jäger, die derzeit an der EAH Jena ihre Masterarbeit zum Thema „Achtsame Erlebnispädagogik“ schreibt.

Gemeinsam mit 24 weiteren Studierenden nahm sie an dem 12-wöchigen Trainingsprogramm Mindfulness Based Student Training (MBST) teil, das im Sommersemester 2018 erstmals in Jena angeboten wurde. In diesem Trainingsprogramm wurde das von Jon Kabat-Zinn im klinischen Kontext entwickelte 8-wöchige MBSR-Programm an die akademischen Seminarstrukturen angepasst und um Aspekte wie achtsame Prüfungsvorbereitung, achtsames Lesen, Schreiben, Forschen und Diskutieren sowie achtsames Studienmanagement erweitert.

Jeden Mittwoch trafen sich die Studierenden aus den Fachbereichen Betriebswirtschaft, Sozialwesen und Wirtschaftsingenieurwesen im Medienstudio der Hochschule. Entwickelt und geleitet wurde dieses Achtsamkeitsprogramm von PH Dr. Reyk Albrecht von der FSU Jena und dem MBSR-Lehrer Dr. Bernd Langohr. Als Arbeitsmaterial lagen Yogamatte, ein Meditationskissen und eine Decke bereit. Buddhistische Zimbeln und Meditationen führten sie in die Stille.

„Wir haben Übungen wie den Body-Scan, Sitz- und Gehmeditationen, achtsames Innehalten, achtsames Yoga und verschiedene angeleitete Meditationen wie die Metta- oder die Bergmeditation gelernt“, erzählt Saskia Jäger. Dass diese Methoden einen achtsamen Umgang mit Stress verbessern und zugleich die physische und psychische Widerstandsfähigkeit steigern, belegen mittlerweile zahlreiche medizinische Forschungsergebnisse.

Achtsamkeitspausen an der Hochschule

Seit zwei Jahren gibt es auch jeden Mittwoch die Achtsame Mittagspause an der Ernst-Abbe-Hochschule, sie ist offen für die Studierenden aller Fakultäten. Angeboten wird ein Programm, bei dem sich Sitz- und Gehmeditationen, Qi Gong und Yoga, Klangmeditation und Zen-Meditation abwechseln.

Angeleitet wird die Mittagspause von achtsamkeitspraktizierenden Studierenden oder Hochschullehrenden. Diese 30-minütigen Zeiten der Stille und Entspannung werden im hektischen Hochschulalltag gerne genutzt. Einige Hochschullehrende, unter ihnen der Projektleiter Mike Sandbothe, wenden mittlerweile auch in ihren Seminaren und Vorlesungen kurze Achtsamkeitspausen in Form von Body-Scans oder Atemmeditationen an.

„Ich nutze diese Übungen besonders während des Schreibens von Hausarbeiten oder Erstellen von Referaten, indem ich mir mehrere Pausen dazwischen nehme und kurze Übungen wie achtsames Innehalten oder kurze Meditationen integriere“, berichtet Nathalie Holle, die an der EAH Soziale Arbeit studiert. „Auch eine kleine Yoga- Einheit finde ich sehr gut, um während des vielen Sitzens den Körper in Bewegung zu bringen.“

Auch für Saskia Jäger ist Achtsamkeit zu einem festen Bestandteil ihres Studiums geworden sei. Gerade beim Schreiben ihrer Masterarbeit profitiert sie davon. „Ich bemerke viel früher meine Grenzen, setze Pausen gezielter ein, bin kreativer im Schreibprozess, konzentrierter während der Literaturrecherche und generell nicht mehr so streng mit mir selbst.“ Sie bestätigt damit, was wissenschaftliche Studien über die MBSR-Praxis aufzeigen: eine deutliche Stärkung von Konzentration und Kreativität sowie die Förderung von Schlüsselkompetenzen wie Respekt, Toleranz, Mitgefühl, Selbstbewusstsein und Selbstbestimmung.

Positive Veränderungen im Studium und im Lebensalltag

Gemeinsam mit Annika Glöckner, Susanne Schedel und Franziska Kriegsheim, drei Kommilitoninnen aus dem Masterstudiengang Soziale Arbeit, untersuchte Nathalie Holle in dem Forschungsprojekt „MBST an der EAH Jena“, ob und wie sich dieses auf die Studienpraxis der Beteiligten auswirkte. Ihre Befragungen zeigten, dass der Kurs bei allen Befragten zu positiven Veränderungen im Studium ebenso wie im Privatbereich geführt hatte.

Das Fazit der studentischen Forschungsgruppe: Alle Studentinnen und Studenten, bei denen Stress eine große Rolle spielte, berichteten von einem besseren Stressmanagement nach dem Kurs. Sie würden nun viel eher bemerken, wann sie eine kleine achtsame Pause bräuchten, würden nicht mehr so lange am Stück arbeiten und nach einem Body-Scan am Abend besser abschalten und einschlafen können.

Ihre Wirkung entfaltet die Achtsamkeit gerade durch die Regelmäßigkeit der Anwendung und die Integration in den Alltag. Die 23-jährige Studentin Alexandra Gesler, die an dem MBST-Projekt teilgenommen hatte, berichtet : „Ich gehe nun mit geöffneten Augen durch die Welt und nehme kleine und vermeintlich unbedeutende Dinge in ihrer Schönheit wahr. Das kann eine Blume am Straßenrand sein, ein Geräusch oder die Ausstrahlung eines Menschen. Und das Schönste ist, dass ich mich an diesen Kleinigkeiten erfreue. Ich bin dankbarer geworden und nehme das Leben nicht mehr als selbstverständlich hin.“

Auch Natalie Holle spürt die positiven Auswirkungen des Achtsamkeit in ihrem täglichen Leben: „Für mich persönlich ist der Body- Scan sehr hilfreich, um mich abends zu entspannen und etwas runter zu kommen nach einem stressigen Tag. Morgens nutze ich angeleitete Sitzmeditationen, um gut in den Tag zu starten. Besonders die Metta- Meditation ruft in mir sehr schöne Gefühle hervor, und ich nutze sie regelmäßig. Ich finde es hierbei wunderbar, an meine geliebten Menschen zu denken und allen nur das Beste zu wünschen. Die Meditation hilft mir auch dabei, wieder positive Gefühle für Menschen empfinden zu können, über die ich mich geärgert habe.“

Die Erfahrungen der Studierenden machen deutlich, dass die Achtsamkeitspraxis das Potenzial hat, zur Grundlage eines erfolgreichen und zugleich gesundheitsförderlichen Bildungssystems des 21. Jahrhunderts zu werden. Denn Achtsamkeit fördert nicht nur die Konzentrations- und Lernfähigkeit, sie kann – wenn sie in den Alltag integriert wird – auch zu einem zentralen Baustein der Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen werden.

Christa Spannbauer

Informationen zum Pilotprojekt an der EAH

Zur Studie der Universitäten Potsdam und Hohenheim

Forschen in eigener Sache – Achtsamkeit an Hochschulen

 

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