Ulrich Ott: Selbstversuch mit EEG-Headset bei der Meditation
Ulrich Ott: Selbstversuch mit EEG-Headset bei der Meditation

Mit Biofeedback via App die Meditation unterstützen

Interview mit Meditationsforscher Ulrich Ott

Neue Smartphone-Apps in Kombination mit leicht zu bedienenden Geräten, die man ans Handy anschließen kann, machen es möglich: körperliche Reaktionen auf die Meditation zu messen und via Biofeedback die Übungen zu vertiefen. Cornelia Eybisch-Klimpel hat bei Dr. Ott nachgefragt.

 

 

Müssen wir uns zukünftig verkabeln und vernetzen, damit wir effizienter meditieren?

Ott: Das Wörtchen „müssen“ verwende ich im Zusammenhang mit Meditation eigentlich nie. Wo es um Selbsterkenntnis und die Befreiung von Konditionierungen geht, haben für mich Zwänge und starre Vorschriften keinen Platz. Also ein klares Nein: Niemand muss sich verkabeln, um zu meditieren. Und auch die Zielsetzung, dies besonders „effizient“ tun zu wollen, klingt nach einem Leistungsdenken, das dem Fortschritt in der Meditation eher abträglich ist.

Was bringt Biofeedback für die Meditation? Was wird da gemessen und zurück gemeldet?

Ott: Zur ersten Frage gibt es erstaunlicherweise nur sehr wenig wissenschaftliche Forschung. Gerade bei der klinischen Anwendung von Meditation könnte man fragen, ob sich die gesundheitlichen Wirkungen oder der Lernprozess durch Biofeedback positiv beeinflussen lassen. Das ist aber meines Wissens noch nicht untersucht worden.

Es gibt eine ganze Reihe von physiologischen Maßen, die sich für ein Feedback eignen würden, etwa die Hautleitfähigkeit, die Muskelspannung, die Herzratenvariabilität oder die elektrische Hirnaktivität (EEG). Die Hautleitfähigkeit liefert ein Maß für die vegetative Erregung und nimmt bei Entspannung ab, ebenso wie die elektrische Aktivität der Muskeln, zum Beispiel im Nacken.

Die Herzrate wird durch die Atmung beeinflusst – das Phänomen wird als „respiratorische Sinusarrhythmie“ bezeichnet. Beim Einatem schlägt das Herz schneller, beim Ausatmen langsamer. Durch eine vertiefte Atmung während der Meditation nimmt die Variabilität normalerweise deutlich zu, was als Zeichen für eine intakte, gesunde Regulation angesehen wird.

In den Frequenzen des EEG schließlich spiegelt sich der geistige Aktivierungsgrad wider. Hier könnte man zurückmelden, ob die aktuelle Hirnaktivität sich eher in Richtung Einschlafen bewegt oder sich der Signatur tiefer Meditationszustände annähert. Letzteres wurde vor kurzem in einem Artikel als vorderste Forschungsfront bezeichnet (1).

Beruhigung des vegetativen Nervensystems durch Meditation

Und warum kann das für die Meditation hilfreich sein?

Ott: Den größten Nutzen sehe ich darin, dass ich Effekte der Meditation unmittelbar sichtbar machen kann. Es ist beeindruckend zu sehen, wie die Hautleitfähigkeit etwa einerseits bei Stress durch das unmerkliche Schwitzen der Hände sofort rasant ansteigt und andererseits in der Meditation absinkt, wenn es einem gelingt, sich von der Alltagshektik zu lösen.

So eine objektive Messung kann als Bestätigung und Motivation fungieren. Es gibt ja auch viele Läufer, die Messgeräte verwenden, um anhand der Herzrate ihr Training zu optimieren und die Fortschritte ihrer Fitness zu dokumentieren. Wenn ich anhand meiner Messdaten sehen kann, wie ich mit zunehmender Übung in der Meditation mein vegetatives Nervensystem immer besser regulieren kann, dann kann mich das darin bestärken, dabei zu bleiben.

Für einen Meditationsforscher ist das ja alles nichts Neues – die Gehirnwellen und die Hautleitfähigkeit bei der Meditation zu messen. Was ist nun das Besondere an den Apps und an den neuen mobilen Geräten, die man ans Handy anschließen kann?

Das Neue und der entscheidende Punkt ist die einfache Zugänglichkeit. Ich brauche heute kein Labor mehr aufzusuchen, um meine Hautleitfähigkeit zu messen. Dafür reicht ein spezielles Kabel, das auf der einen Seite in den Headset-Eingang eingesteckt wird; an der anderen Seite hat es zwei Elektroden, die mittels Klettband an den Fingern befestigt werden. Dann lade ich noch die zugehörige kostenlose App für Android oder iOS herunter und schon kann ich meine Hautleitfähigkeit auf dem eigenen Smartphone anzeigen lassen (2).

Geräte zur Messung und drahtlosen Übertragung der Herzrate via Bluetooth auf das Smartphone gibt es inzwischen schon recht günstig (3). Und in den Web-Stores findet man Apps nicht nur für Läufer, sondern auch für ein Biofeedback der Herzrate oder der Herzratenvariabilität (4). Im Bereich EEG gibt es schon seit Längerem ein preiswertes Headset, das mittels Ohrclip und Sensor auf der Stirn das EEG erfasst und jede Sekunde die Stärke der unterschiedlichen Frequenzbänder berechnet. Die Übertragung auf das Smartphone erfolgt ebenfalls mittels Bluetooth, so dass ich meine Hirnaktivität verfolgen und gezielt bestimmte Muster trainieren kann (5).

Laufen wir Meditierer demnächst alle ganz entspannt im Hier und Jetzt mit Handyapp und bademützenartigen EEG-Mützen durch die Gegend?

Ott: Die neuen Headsets, die derzeit schon angeboten werden oder in Kürze auf den Markt kommen, sehen in der Regel nicht mehr wie Badekappen aus, sondern sehr schick, modern, teilweise auch etwas futuristisch. Das neue Emotiv Insight, das im Frühjahr 2015 auf den Markt kommen wird, verfügt beispielsweise über fünf Elektroden, die an sehr eleganten Bügeln befestigt sind (6).

Biofeedback ist eine Hilfe zur Selbstregulation

Könnte man diese Technik auch nutzen, um in stressigen Alltagssituationen, z.B. einem nervigen Arbeitsmeeting, auf „ruhig und gelassen“ umzuschalten?

Ott: Das ginge zwar, aber ich könnte mir vorstellen, dass die Kollegen doch etwas irritiert sind, wenn man sich im Meeting mal eben ein paar Elektroden an den Händen, der Brust oder dem Kopf befestigt. Das Entscheidende ist eher der Lernprozess beim Üben zu Hause. Beim Biofeedback gilt allgemein, dass sich die Technik selbst überflüssig machen soll. Das heißt, wenn ich die Selbstregulation erlernt habe, brauche ich keine Rückmeldung mehr, um den Effekt hervorzurufen. Das Biofeedback dient dem Lernprozess. Bei der Anwendung im Alltag bin ich dann nicht auf die Technik angewiesen.

Können diese technischen Hilfsmittel Meditationslehrer und -gruppen ersetzen?

Ott: Nein. Ich sehe die Apps und Biofeedback-Geräte als Ergänzung. Bis Apps auf dem Smartphone so weit entwickelt sind, dass sie auch nur ansatzweise die Menschenkenntnis, das Feingefühl und die Erfahrungstiefe eines erfahrenen Lehrers erreichen könnten, wird noch viel Wasser den Rhein hinunter fließen.

Ich sehe das Potenzial von Smartphones eher darin, als Medium für Lehrer oder Gruppen zu fungieren. Es gibt ja heute schon eine erfolgreiche App, bei der die Anleitungen von einem ehemaligen Mönch gegeben werden (7). Andere Apps ermöglichen, dass man auf einer Karte sehen kann, wo gegenwärtig überall Menschen aus der eigenen Gruppe meditieren (8). Das kann auch eine Motivation sein und das Gruppengefühl fördern, wenn man sich nicht so leicht persönlich zusammenfinden kann.

Sind diese Meditations-Apps neugierig? Besteht da nicht die Gefahr, dass intimste Daten abgegriffen werden?

Ott: Oh ja, oft wird man schon beim Starten aufgefordert sich zu registrieren, bevor man eine App überhaupt richtig testen kann. Oder bei manchen Apps sind die Daten, die man selbst erhebt, nur über die Website des Anbieters zugänglich. Das finde ich höchst problematisch und sehr ärgerlich. Ich gehe aber davon aus, dass sich hier nicht-kommerzielle Plattformen etablieren werden, die von der Open-Source-Idee getragen werden und die Privatsphäre der Nutzer respektieren.

Was sollte man als User von Biofeedback-Apps dringend beachten?

Ott: Momentan ist der Markt noch ein ziemlicher Dschungel. In den Web-Stores kann man sich an den Zahlen der Nutzer und den Bewertungen orientieren. Oft besteht auch die Möglichkeit, zunächst die Funktionalität eines Programms in einer kostenfreien Variante zu testen und sich dann erst für die kostenpflichtige Version zu entscheiden.

Wichtige Kriterien sind die Benutzerfreundlichkeit und die Anschaulichkeit des Feedback in Form von Kurven, Balken oder Animationen. Außerdem sollte man kritisch prüfen, ob die Daten und dazu gegebenen Erklärungen plausibel sind. Wenn ich völlig entspannt bin und ein „StressCheck“ mittels Smartphone-Kamera zwei Minuten meinen Puls misst und dann behauptet, ich hätte einen Stresslevel im roten Bereich, dann vertraue ich lieber meiner Selbstwahrnehmung. Und wie eingangs gesagt, man kann auch ohne Smartphone ganz wunderbar meditieren und feststellen, wie gut es einem tut.

Das Gespräch führte Cornelia Eybisch-Klimpel

Ulrich-Ott_Photo-web2Ulrich Ott ist Psychologe und Meditationsforscher. Er arbeitet am Bender Institute of Neuroimaging. Er ist Autor einiger Bücher, zuletzt erschienen: Yoga für Skeptiker. Ein Neurowissenschaftler erklärt die uralte Weisheitslehre. O.W. Barth Verlag 2013

 

Lesen Sie auch den Beitrag: „Meditations-Apps für unterwegs“

 

(1) Brandmeyer, T. & Delorme, A. (2013). Meditation and Neurofeedback. Frontiers in Psychology, 4, Article 688. http://journal.frontiersin.org/Journal/10.3389/fpsyg.2013.00688/full.

(2) eSense Skin Resonse: http://www.mindfield.de/de/produkte/eSense/eSense-Skin-Response.html.

(3) Zum Beispiel: Brustgurt Polar H6 für 40 – 50 Euro.

(4) http://www.marcoaltini.com/apps.html

(5) Firma NeuroSky: MindWave Mobile, Brainwave Starter Kit für 112 Euro

(6) https://emotiv.com/insight.php [Anderes Beispiel: http://www.quasarusa.com/products_dsi.htm]

(7) Get some Headspace: https://www.headspace.com/

(8) https://insighttimer.com/

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