von Matthieu Ricard

Wir können im Äußeren noch so aktiv sein, am Ende entscheidet immer die geistige Verfassung darüber, wie wir die Welt erleben, ist der buddhstische Mönch Matthieu Ricard überzeugt. Schon eine kurze Meditation am Morgen gebe dem Tag eine andere Qualität. Dies sei ein Weg, von innen heraus glücklich zu sein und positiv in der Welt zu wirken.

In unserer modernen Welt werden wir von morgens bis abends durch endlose Aktivitäten in Anspruch genommen. Dadurch bleibt uns nicht mehr viel Zeit oder Energie, um uns mit den grundlegenden Ursachen für unser Glück oder Leiden zu befassen. Wenn wir uns selbst ehrlich betrachten, können wir leicht erkennen, dass wir eine Mischung aus Licht und Schatten sowie guten und schlechten Eigenschaften sind.

Meditation zielt darauf ab, das Bewusstsein umzuformen und steht nicht in Verbindung mit einer bestimmten Religion. Jeder von uns besitzt Bewusstsein, und an diesen kann man arbeiten. Dieses Bewusstsein oder der Geist kann unser bester Freund oder unser schlimmster Feind sein.

Wir betreiben enormen Aufwand, um die äußeren Bedingungen unseres Lebens zu verbessern, aber am Ende entscheidet immer das Bewusstsein, darüber, wie wir die Welt erleben. Das Bewusstsein übersetzt die Erfahrungen entweder in Wohlbefinden oder Leiden. Wenn wir die Art, wie wir Dinge wahrnehmen, ändern, verändern wir unsere Lebensqualität.

Was wäre, wenn wir den Geist dahingehend schulen könnten, ein besserer, glücklicherer und mitfühlenderer Mensch zu werden? Solch eine Transformation wird durch die Schulung des Bewusstsein bewirkt, die unter dem Begriff Meditation bekannt ist.

Meditation ist eine Methode, mit der wir grundlegende positive menschliche Qualitäten kultivieren und entwickelen können. Das ist vergleichbar mit anderen Arten der Ausbildung, etwa dem Erlernen eines Musikinstruments oder einer anderen Fähigkeit.

Dem Tag eine neue Qualität geben

Es wäre schade, wenn wir die Fähigkeit unterschätzten, unseren Geist zu verändern. Jeder von uns besitzt das Potenzial, jene Einstellungen abzulegen, durch die unser eigenes Leiden und das anderer fortbesteht. Jeder hat das Potenzial, inneren Frieden für sich selbst zu finden und zum Glück aller Wesen beizutragen.

Deshalb ist es wichtig, Meditation zu praktizieren, auch wenn es nur 30 Minuten am Tag sind. Wenn Sie morgens meditieren, kann dies Ihrem Tag einen ganz neue Qualität verleihen. Auf subtile, aber tiefgreifende Weise kann sich dies auf Ihre Ansichten, Ihrem Handeln und auf Ihre Beziehung zu den Menschen um Sie herum auswirken.

Im Laufe des Tages können Sie aus Ihrer Erfahrung während der formalen Meditationssitzung Kraft schöpfen. Dann sind Sie in der Lage, sich innerlich auf diese Erfahrung zu beziehen, weil sie in Ihrem Geist fortbesteht. Wenn Sie dann während der täglichen Aktivitäten innehalten, wird es für Sie leicht sein, auf die Meditationserfahrung zurückzugreifen, da sie jetzt ja schon vertraut ist. Sie können weiterhin ihre wohltuende Wirkung erfahren.

So kann man durch die Schulung des Geistes nach und nach seine gewohnte Lebensweise ändern. Sie können ein besseres Verständnis der Wirklichkeit und der Gesetze von Ursache und Wirkung entwickeln. Sie werden von Rückschlägen, die im Leben eben einfach vorkommen, weniger beeinträchtigt und lassen sich von oberflächlichen Erfolgen weniger beeindrucken.

Dies sind dann Zeichen einer echten persönlichen Transformation. Diese ermöglicht Ihnen, in der Welt, in der Sie leben, wirksamer zu handeln und zum Aufbau einer weiseren, selbstloseren und freundlicheren Gesellschaft beizutragen.

Auf Wunsch mehrerer Freunde haben einige meiner Kollegen und ich gemeinsam die App „Imagine Clarity“ entwickelt, die einen Überblick über verschiedene Arten von Meditationspraktiken bietet und auf den Lehren unserer erwachten Lehrerinnen und Lehrer basiert. Wir hoffen, dass dieser bescheidene Versuch für alle, die so wie wir mit Meditation beginnen, von Nutzen sein wird.

Matthieu Ricard, aus dem Englischen übersetzt von Bettina Balbach

Mehr über die Meditations-App von Matthieu Ricard, “Imaging Clarity”

 

Angeles Nassar

Dr. Matthieu Ricard, 1946 in Frankreich geboren, ist promovierter Molekularbiologe. 1979 wurde er als buddhistischer Mönch ordiniert und lebt heute im Kloster Shechen in Nepal. Er ist Übersetzer des Dalai Lama und Autor zahlreicher Bücher. Er engagiert sich für Meditationsforschung in den Neurowissenschaftenen sowie den Dialog von kontemplativen Traditionen und modernen Wissenschaften.