Christof Spitz
Christof Spitz

Inneren Raum schaffen

Warum Achtsamkeit hilfreich ist

Achtsamkeit ist in aller Munde, doch warum ist sie hilfreich? Dr. Martina Aßmann erklärt, wie Achtsamkeit eine Lücke zwischen Erfahrung und Gedanken entstehen lässt. So eröffnet sich ein Freiraum, in dem die Erkenntnis gedeiht, dass Gedanken nicht die Realität sind.

Heute scheinen alle alles achtsam zu machen. Jon Kabat-Zinn, der Begründer des populären Programms „Stressbewältigung durch Achtsamkeit“ (MBSR), sagte kürzlich in einem Interview mit der Zeitschrift Flow, dass die Welt im Moment beim Thema Achtsamkeit regelrecht „durchdreht“. Er, der einen so großen Beitrag zur Achtsamkeitsbewegung geleistet hat, verbringe jetzt viel Zeit damit klarzustellen, was mit Achtsamkeit eigentlich gemeint ist.

Die Definition von Kabat-Zinn lautet: „bewusste, gelenkte und nicht wertende Aufmerksamkeit von Moment zu Moment“. Was genau bedeutet das? Praktizierende üben sich darin, im gegenwärtigen Augenblick zu verweilen. Sie richten ihre Aufmerksamkeit immer und immer wieder auf das Meditationsobjekt, zum Beispiel den Atem. Sie wenden sich ganz bewusst dem zu, was gerade stattfindet.

Sie erfahren, dass sich das Leben in dieser Spanne zwischen der Zukunft und der Vergangenheit ereignet: im gegenwärtigen Augenblick. Sie lernen, das, was ihnen begegnet, im Gewahrsein zu halten. Sie lernen die körperlichen und mentalen Gegebenheiten des Augenblicks genauer kennen.

Ihnen begegnen körperliche Erfahrung, Gedanken, Gefühle, Verhaltensimpluse. Meditierende üben sich darin, das große Scheunentor der Zukunft und das große Scheunentor der Vergangenheit geschlossen zu halten und durch das schmale Gatter der Gegenwart zu gehen und sich darauf einzulassen (Akincano Weber).

Achtsamkeits-Praktizierende erfahren auch, wie sehr ihre Wahrnehmung von Gefühls-Tönungen beeinflusst wird. In jedem Kontakt des Bewusstseins mit irgendetwas, mit einem Geräusch, einer Körperempfindung, einem Gedanken entstehen Gefühle, also angenehme, unangenehme oder neutrale (weder angenehme noch unangenehme) Empfindungen.

Ein Beispiel: Wir genießen ein besonders gutes Weihnachtsessen im Kreise vertrauter Menschen und erfahren das als sehr angenehm: Auf einer Skala von 0-10, würden wir es mit 10 bewerten, den letzten Bissen vielleicht mit 8. Wenn wir am nächsten Tag das gleiche Gericht in der gleichen Umgebung serviert bekommen, empfinden wir es nicht mehr ganz so großartig, vielleicht 5 oder 6 auf der Skala, gegen Ende hin nur noch 2 bis3. Durch die Gewöhnung ebbt die Begeisterung ab.

Mit Achtsamkeit erkennen wir: Wir wollen angenehme Erfahrungen haben, vermehren oder wiederholen. Unangenehme Erfahrungen lehnen wir ab und wollen sie vermeiden, manchmal auf Biegen und Brechen, so sehr bekämpfen wir sie. Ein Beispiel dafür sind Schmerzen, etwa in der Meditation.

Meditierende lernen sich selbst kennen

In diesem Spannungsfeld lernen sich Meditierende selbst kennen. Sie erfahren direkt, wie sehr ihr Bewusstsein danach strebt, angenehme Erfahrungen zu sammeln und unangenehme zu vermeiden. Sie erleben, wie sehr ihre alltäglichen Gedanken und Verhaltensweisen durch diese tiefe Gewohnheit bestimmt sind, ja wie sehr ihr Verhalten im Alltag davon bestimmt ist, dass gerade jetzt im Moment etwas anders ist als sein sollte. Auf diese Weise entstehen Stress oder Leiden. (Eckhart Tolle)

Die Achtsamkeits-basierte Depressionsbehandlung (MBCT) nutzt das Bild von den zwei Pfeilen, die den Menschen treffen: Der erste Pfeil ist die direkte, unmittelbare Erfahrung: ein körperlicher oder seelischer Schmerz. Der 2. Pfeil besteht aus den unmittelbar folgenden inneren Kommentaren, also den Bewertungen. Damit gehen meist negative Gedanken, Selbstvorwürfe oder Vorwürfe, Jammern, Klagen, Selbstbeschuldigungen einher. Sie bewirken, dass aus dem Schmerz Leiden wird. Das Leiden ergibt sich aus der Identifikation mit den Gedanken.

Achtsamkeit hilft zu sehen, dass auch negative Gedanken nichts anderes sind als vorüberziehende mentale Ereignisse. Ereignisse, die kommen, eine unbestimmte Zeit verweilen und dann wieder vergehen. Wir machen die Erfahrung , dass unsere Alltags-Gedanken eben nur Gedanken sind und nicht die Wirklichkeit. „Ich bin nicht meine Gedanken!“ kann eine erlösende Einsicht sein, um das Gedankenkarussel, also das unbeabsichtigte, zwanghafte Denken, anzuhalten.

Während des Praktizierens wird deutlich, wie sehr die einzelnen mentalen und körperlichen Ereignisse einander bedingen und wie sie sich gegenseitig beeinflussen: Ein Kontakt mit einem Objekt bringt einen Gedanken hervor; mit diesem wiederum geht eine Gefühlstönung einher, die dann einen weiteren Gedanken oder auch eine Gedankenkette auslösen kann.

Dies sehend gewöhnen sich Achtsamkeits-Übende nicht nur daran, dass mentale Ereignisse – ihre Gedanken, Gefühle, Verhaltensimpulse – wie die Atemzüge kommen, einen unbestimmten Moment lang verweilen und dann wieder vergehen. Sie erfahren auf eine sehr persönliche Weise die flüchtige Natur der Wirklichkeit.

Zwanghaften Gedanken die Deutungshoheit nehmen

Die Erfahrung, dass Gedanken nicht die Realitiät sind, hat eine starke Kraft. Es ist befreiend, insbesondere zwanghafte Gedanken aus einer dezentralen Perspektive zu erleben, und ihnen damit die Deutungshoheit über die Wirklichkeit zu nehmen. Die Achtsamkeit schafft diese Lücke zwischen der unmittelbaren Erfahrung auf der einen Seite und der mentalen Kommentierung und entsprechenden Reaktion auf der anderen Seite.

Achtsamkeitsmeditation befähigt, die Lücke zu finden und aus dem Getriebensein von Gewohnheiten auszusteigen. So können sich erfahrene Praktizierende auch entscheiden, nicht unter den Auswirkungen der Kommentierungen zu leiden. Meditierende üben, konstant diese „Lücken“ zu suchen und können dann erkennen, wie Stimmungen, Gefühle, Gedanken in diesem Zwischenraum entstehen.

Sie lernen ihre eigenen inneren Bedingungen, unter denen sie leben, besser kennen. Sie sehen nicht nur „ich bin so und so konditioniert“, sondern auch „ich bin so konditioniert, weil……“. Es wird sichtbar, wie sehr die Erfahrungen von unseren Vorannahmen und Erwartungen abhängig sind und damit unsere Wahrnehmung der Welt beeinflussen. Wir können sehen, auf welche Weise wir die „Realität“ wahrnehmen und damit auch gestalten und beeinflussen.

Je mehr das Aufsuchen der Lücken zur Gewohnheit wird, desto mehr Ausstiegsmöglichkeiten aus leidvollen Zwängen werden sichtbar. Wenn die Achtsamkeit abhanden kommt, dann ist da keine Lücke, kein Handlungsspielraum mehr: Wir reagieren ohne Distanz, getrieben, verstrickt und merken das noch nicht mal.

Eine Haltung der Achtsamkeit ermöglicht auch eine andere Perspektive auf unsere Wirklichkeit. Wir können der Realität unvoreingenommen begegnen und sie in einer offenen Haltung des Nicht- Wissens untersuchen.

 

Foto: Julia Knop

Foto: Julia Knop

Dr. Martina Aßmann ist Ärztin für Arbeitsmedizin und Psychotherapie sowie MBSR/MBCT Anleiterin. Sie arbeitet in ihrer eigenen Praxis in Hamburg. Sie unterrichtet auch im Weisheitstraining des Netzwerks Ethik heute.

Am 14. Januar hält sie einen Vortrag zum Thema „Arbeit und Emotionen“. Mehr Infos

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