Jens Nagels
Jens Nagels

„Die Religion ist Privatsache“

Der Dalai Lama über unsere Verantwortung für den Frieden

Im Namen der Religion werden Konflikte geschürt. Für den Dalai Lama ist Ethik wichtiger als Religion. Er ruft religiöse Menschen dazu auf, für Harmonie zu sorgen. An die Muslime gerichtet, fragt er: Wenn Schiiten und Sunniten um den Segen Allahs bitten: Für wen sollte Allah sich entscheiden?

Angesichts der vielen Probleme und Herausforderungen auf der Welt brauchen wir eine menschliche, säkulare Ethik, eine Ethik unabhängig von Religion. Denn die Probleme sind von Menschen gemacht, und sie setzen sich bis in die Religionen hinein fort. Sogar im Namen der Religion gibt es Konflikte, Menschen töten in ihrem Namen, was dem Sinn der Religion völlig widerspricht.

In Ladakh habe ich mich mit Muslimen getroffen und meine Betroffenheit zum Ausdruck gebracht, über das, was es an religiösen Konflikten gibt, speziell auch unter den Muslimen. Im Irak und in Syrien beispielsweise kämpfen Sunniten gegen Schiiten. Sie sind Menschen, die im Grunde der gleichen Religion angehören, die zu Allah beten, sich auf den Koran berufen und die gleichen Riten ausüben. Ähnliche Zwistigkeiten beobachten wir in Burma zwischen Buddhisten und Muslimen oder in Sri Lanka zwischen Buddhisten und Hinduisten.

Solche Konflikte sind natürlich nicht im Sinne der Religion, denn hier geht es um das genaue Gegenteil: Harmonie und Frieden. Wir sehen tagtäglich in den Medien, wie die Gewalt eskaliert und können nicht einfach untätig dasitzen und zuschauen.

Wir alle haben eine Verantwortung, innerhalb unserer Religionsgemeinschaft und zwischen unseren Religionsgemeinschaften für Harmonie zu sorgen. Wir sollten uns bewusst machen, dass wir alle Brüder und Schwestern sind. Wir haben nur eine einzige Erde. Wir sind aufeinander angewiesen und unsere Zukunft ist von anderen Menschen und Ländern der Welt abhängig.

Dieser Realität gilt es Rechnung zu tragen und uns als eine Welt zu begreifen. Wir können die Vergangenheit Vergangenheit sein lassen. Betrachten wir Europa: Dort, wo Deutschland Kriege mit den Nachbarn geführt hat, hat sich die wunderbare Idee der europäischen Union entwickelt.

„Frieden fällt nicht vom Himmel….“

Das größte Hemmnis für den Frieden ist der Gedanke, dass Konflikte oder Meinungsverschiedenheiten durch Stärke gelöst werden müssten, manchmal sogar militärische Gewalt. Das ist der Grundfehler. Meinungsverschiedenheiten sind normal. Worauf es ankommt, ist, einen Weg zu Lösungen zu suchen, der auf Dialog aufbaut und nicht auf Stärke.

Wir haben ein Jahrhundert des Blutvergießens und der Kriege erlebt, weil wir den Dialog vernachlässigt und auf Gewalt gesetzt haben. Wenn wir uns von den alten Konzepten der Lösung von Konflikten durch Gewalt und Stärke abwenden und uns mehr der Kraft der Wahrheit und der Erkenntnis der Wirklichkeit zuwenden, können wir unsere Haltung verändern.

Wir alle möchten Frieden. Aber Frieden fällt nicht vom Himmel, er muss von uns selbst geschaffen werden. Deshalb brauchen wir ein Jahrhundert des Dialogs. Frieden kommt nicht von Allah oder von Buddha, sondern wir haben dafür selbst die Verantwortung. Denn wir sind es ja auch, die die Konflikte kreiert haben. Folglich müssen es auch wir selbst sein, die die Konflikte wieder überwinden.

Frieden entsteht nicht durch Beten. Überlegen Sie einmal: Wenn zwei religiöse Gruppen wie die Schiiten und Sunniten denselben Gott anbeten und um seinen Segen bitten: Welcher der beiden Parteien soll Gott sich zuwenden? Er wird nicht für eine dieser Gruppen Partei ergreifen können.

Es ist auch nicht möglich, dass wir unsere konfliktträchtigen Gedanken und Emotionen herausoperieren lassen, indem wir unser Gehirn entfernen und zu Robotern werden. Wir müssen vielmehr auf unsere menschliche Vernunft setzen. Zunächst müssen wir anerkennen, dass es wird immer wieder Meinungsverschiedenheiten und damit Quellen von Konflikten geben wird. Doch diese können im Geist des Dialogs überwunden werden. Dialog ist aber nur möglich, wenn wir die Idee aufgeben, wir könnten gewinnen und die andere Seite besiegen.

Respekt gegenüber dem Islam entwickeln

Unsere Welt ist heute so vernetzt, dass wir auf den gegenseitigen Nutzen bedacht sein müssen. Und dafür brauchen wir den Dialog. Er gründet auf dem Bewusstsein, dass mein persönliches Wohlergehen von der Beschaffenheit der Gesellschaft abhängt, von der ich ein Teil bin. In diesem Geist können wir uns als Brüder und Schwestern erkennen.

Ganz gleich, auf welchem Gebiet, auch im Fall religiöser Konflikte, müssen wir den gesunden Menschenverstand und unsere moralischen Grundwerte zur Anwendung bringen, die uns als Menschen verbinden. Dann, so bin ich überzeugt, können wir ein friedvolles Jahrhundert und ein Jahrhundert des Dialogs schaffen. Doch die Initiative müssen wir selbst ergreifen.

Ich bin jetzt 80 Jahre alt, und es ist fraglich, ob ich eine so tiefgreifende Veränderung auf dieser Welt noch erleben werde. Vielleicht dauert es noch 30 oder 40 Jahre. Es kann geschehen, wenn diese inneren menschlichen Werte in der Erziehung und Ausbildung junger Menschen jetzt stärker berücksichtigt werden. Dann ist es möglich, dass sich unser Zusammenleben langfristig positiv verändert. Das Ziel ist eine Welt, in der die Menschen weiser, friedvoller und auch auch mitfühlender miteinander umgehen. Und dabei kommt der Erziehung eine Schlüsselrolle zu.

Aber auch die Religionen haben eine Schlüsselrolle. Ich bin überhaupt nicht von der Idee des „Kampfes der Zivilisationen überzeugt“, die davon ausgeht, dass Kulturen wie der Islam und die westliche Welt aufeinanderprallen müssen. Vielmehr glaube ich, dass wir einen solchen Kampf durch mehr Aufklärung vermeiden können, indem wir uns als eine Welt und als Brüder und Schwestern verstehen.

Meinen muslimischen Freunden sage ich, dass sie in ihrer eigenen Religionsgemeinschaft eine Verantwortung tragen, darauf hinzuwirken. Mir sagten muslimische Freunde, dass sich jemand, der im Namen Allahs Blut vergießt, unmöglich als Muslim verstehen kann. Der eigentliche Dschihad finde auf dem Feld der eigenen negativen Emotionen statt.

Es ist wichtig, dass wir Respekt gegenüber dem Islam entwickeln und den eigentlichen Wert dieser Religion erkennen. Aus dem islamischen Glauben heraus betrachtet ist die ganze Welt Allahs Schöpfung. Somit ist es dann auch wichtig für den einzelnen Muslim, diese Wahrnehmung auf die gesamte Schöpfung und damit alle Menschen auszudehnen, see es innerhalb der eigenen Religionsgemeinschaft, sei es gegenüber den Menschen, die nicht zum Islam gehören.

Sich auf die eigentlichen Werte der Religionen besinnen

In allen großen Weltreligionen sind die positiven menschlichen Werte des Zusammenhalts und der Brüderlichkeit verankert, zum Beispiel in der Idee der Nächstenliebe im Christentum. Auf diese Quellen in unseren Religionen besinnen wir uns in konkreten Lebenssituation, wenn wir mit Schwierigkeiten konfrontiert sind, die negative Emotionen und Verhaltensweisen auslösen. Es geht darum, positive Mittel dagegen setzen zu können. So brauchen wir Toleranz und die Fähigkeit der Vergebung.

Auch Selbstdisziplin und Mitgefühl mit anderen sind wichtig. Denn wir wissen alle, dass etwa Habgier und die Gier nach Macht starke Emotionen und negatives Denken und Handeln auslösen. Dabei brauchen wir auch Demut in Bezug auf die Grenzen der Habgier und Zufriedenheit. Dabei können verschiedene Religionen sich trotz der unterschiedlichen Glaubensansätze gegenseitig nicht nur tolerieren, sondern stärken

Ich war vor kurzem auf einer Veranstaltung in Holland. Es ging darum, dass die verschiedenen Religionen sich in Glaubensfragen unterscheiden: Die gründen auf dem Glauben an einen Schöpfergott, die anderen nicht. Bei den Fragen aus dem Publikum brachte eine Teilnehmerin ihre Besorgnis zum Ausdruck, dass bei einer Religion ohne Schöpfergott die Grundfesten der Religion erschüttert würden.

Ich entgegnete, dass der Glaube eine private Angelegenheit ist: „Sie glauben an einen Schöpfergott, das ist sicher ein wichtiges Element Ihrer Religion. Ich glaube als Buddhist nicht an einen Schöpfergott, und wir können miteinander zufrieden zusammen leben. Es geht nicht darum, dass einer von uns beiden die Sicht des anderen übernehmen muss.“

Die gleiche Überzeugung äußere ich, wenn ich in Indien bin und mit Hinduisten spreche. Für die hinduistischen Traditionen ist der Glaube an den atman, die ewige Seele zentral. Der Buddhismus negiert eine ewige, unveränderliche Seele; und ich sage dann: Das ist unsere Privatangelegenheit. Es muss kein Problem zwischen uns geben aufgrund dieser unterschiedlichen Glaubensansätze.

Mit freundlicher Genehmigung des The Tibet Bureau, Geneva, mündlich übersetzt und bearbeitet von Christof Spitz.

 

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