Cover Buch Harald Welzer

Sind wir bereit, Privilegien abzubauen?

Ein Buch zur Transformation der Gesellschaft

Betrachtet man den Zustand der Welt, kann es ein „weiter so“ nicht geben. Welzer und Sommer erkunden in ihrem Buch Möglichkeiten für eine bewusste Neugestaltung der Gesellschaft und nehmen jeden Einzelnen in die Pflicht.

Der Titel „Transformationsdesign“ ist sperrig, aber die Themen des Buches gehen uns alle an: Wie kann es gelingen, unsere Gesellschaft, die auf Raubbau und Zerstörung der Umwelt aufbaut, so umzuwandeln, dass die natürlichen Lebensgrundlagen erhalten bleiben und allen Menschen – auch den nachfolgenden Generationen – ein würdevolles Leben auf der Erde möglich ist?

Die Frage ist nicht banal. Das belegen die Autoren im ersten Teil, in dem sie die Ausgangslage skizzieren: steigender Konsum, Ausbeutung fossiler Brennstoffe aufgrund von Energiehunger, Klimawandel, Artensterben, Armut und soziale Ungleichheit in vielen Teilen der Erde.

In ihrem Buch – dem ersten in einer geplanten Reihe – suchen sie Lösungsmöglichkeiten. „Transformationsdesign“ ist die bewusste Neu-Gestaltung der Gesellschaft, des Wirtschaftens und Konsumierens. Denn wir müssen uns entscheiden: Entweder wir machen „weiter so“ und rasen mit Volldampf in die Katastrophe. Oder wir entscheiden uns für eine bewusste Transformation „by design“. Tiefgreifende Veränderungen wird es geben, so oder so. Die Frage ist,wie sie sich voll ziehen.

Nachhaltigkeit und Wachstum schließen sich aus

Wenn von Transformation die Rede ist, geht es den Autoren nicht um eine Rolle rückwärts in eine vormoderne Zeit, sondern darum, Errungenschaften wie Demokratie und Freiheit zu bewahren und nur das zu transformieren, was sich offensichtlich fehlentwickelt hat. Doch sie machen auch klar: Es geht nicht um kosmetische Veränderungen und Geschwätz von Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit, sondern ihre These ist: „Nachhaltigkeit und Wachstum schließen sich aus.“

Wie nun sieht der Weg in eine „reduktive Moderne“ aus? Erst einmal kritisieren Sommer und Welzer gegenwärtige Zukunftsentwürfe der Ökologiebewegung, der Forschungsinstitute und Nichtregierungsorganisationen. Sie seien zu zaghaft, zu angepasst, klebten zu sehr am Wachstumsideal und hätten eben keine transformative Kraft.

Der Zukunftsentwurf der Autoren besteht im Kern aus der „Bereitschaft, sich zu deprivilegieren“. Jeder Einzelne muss seinen Verbrauch von Ressourcen radikal zurückschrauben, seine materiellen Ansprüche herunterfahren. Dies wird Veränderungen in wichtigen Lebensbereichen wie Arbeit, Mobilität, Ernährung, Freizeit, Wohnen mit sich bringen.

Das Weglassen einüben

Treibende Kräfte für Veränderungen sind für die Autoren nicht Politik und Wirtschaft – sie setzen auf den Einzelnen. Welzer spricht vom „Einüben des Weglassens“. Dabei geht es nicht darum, das Auto durch ein Elektrofahrzeug zu ersetzen, andere Produkte zu kaufen, woanders hinzufahren, sondern weniger zu konsumieren und öfter mal zu Hause zu bleiben. Mit anderen Worten: anders zu leben.

Im 2. Teil des Buches werden konkrete Möglichkeiten für Veränderungen vorgestellt, die teilweise verblüffend simpel sind, aber große Wirkungen haben, sei es in Kunst, Architektur, Stadtplanung, beim Recycling und Upcycling und der Nutzung alternativer Materialien wie Seetang usw. Einige Protagonisten kommen zu Wort und erklären ihr Verständnis von Transformationsdesign.

In all diesen Ansätzen ist nicht Wachstum das Thema, sondern Lebensqualität, Perspektivwechsel, Fantasie und Veränderung zum Wohle des großen Ganzen. Wie man mit Konflikten umgeht, die mit solchen Prozessen einhergehen werden, ist im letzten Teil des Buches zu lesen. Denn alle alternativen Entwürfe – ob Gemeinwohlökonomie, das bedingungslose Grundeinkommen oder die Postwachstumsökonomie – basieren auf der Schaffung ganz neuer Sozialstrukturen.

Was das Buch so wertvoll macht, ist die ehrliche Haltung, die ihm zugrunde liegt. Es wird nichts versprochen, nichts beschönigt, nichts weichgespült. Die Autoren schreiben mit kühlem Kopf, was nötig ist, damit menschliches Leben auf der Erde eine Zukunft hat.

Naturgemäß ist es nicht der große Wurf geworden, denn Veränderungen werden nicht linear verlaufen und auch keinem Generalplan folgen, den irgendjemand schmiedet und dann umsetzt. Wandel geschieht, wenn es genügend Menschen gibt, die vorangehen und von der Zukunft her denken und handeln. Und dazu macht dieses Buch Mut, auch wenn es ein „Unvollendetes“ ist.

Birgit Stratmann

Bernd Sommer, Harald Welzer: Transformationsdesign. Wege in eine zukunftsfähige Moderne. oekom verlag, München 2014. 240 S., 19,95 €

Siehe auch:

FUTURZWEI, Stiftung von Harald Welzer

Harald Welzer: Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand. Frankfurt 2013

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