Über die Ursprünge der Tierethik

Die Vorstellung, dass Tiere seelenlose Sachen wären, ist auch heute noch weit verbreitet, denkt man an Massentierhaltung und Industriefischerei. Die Philosophin Carmen Krämer skizziert Entwicklungen in der Tierethik, ausgehend von Peter Singer. Sie fordert eine Diskussion über die Rechte der Tiere.

Als seelenlose Automaten beschrieb der französische Philosoph René Descartes (1596-1650) nichtmenschliche Lebewesen und behauptete, Tiere besäßen keinerlei Schmerzempfinden. Betrachtet man den heutigen Umgang mit Tieren, die beispielsweise auf chinesischen Märkten verkauft werden, oder schaut man vor der eigenen Haustür auf die hiesige Fleischproduktion, so sollte man meinen, dass sich die Einstellung gegenüber Tieren nicht sehr weit über Descartes’ Ansicht hinaus entwickelt hat.

Um den Preis des Fleisches niedrig halten zu können, wird offensichtlich nicht nur mit der Natur – man denke an die Abholzung der Regenwälder zur Futtermittelherstellung – und den Tieren – Stichwort Massentierhaltung –, sondern auch mit den Menschen oftmals auf erniedrigende Weise umgegangen. Die Berichte über diese Zustände sollten nicht nur dazu führen, den Umgang der Schlachthofbetreiber mit ihren Angestellten, sondern auch den Umgang mit nicht-menschlichen Lebewesen kritisch zu hinterfragen. Dies hat sich die noch recht junge philosophische Disziplin der Tierethik zur Aufgabe gemacht.

Der Mensch als Herrscher über die Welt

Unsere Beziehung zu nichtmenschlichen Lebewesen könnte widersprüchlicher wohl kaum sein: Während Katzen und Hunde oftmals als Familienmitglieder angesehen werden und Geschenke zum Geburtstag oder Weihnachten erhalten, werden nicht weniger intelligente und ebenso empfindungsfähige Tiere wie Schweine in engen Mastanlagen auf ungeeigneten Böden zum Verzehr gezüchtet und nach einem kurzen qualvollen Leben getötet. Jungtiere wie Küken gelten im Tierpark als Attraktion und zugleich werden abertausende von ihnen in der Eierproduktion geschreddert.

Affen, Ratten, Mäuse und Kaninchen, die sonst ebenfalls im Tierpark bewundert werden, aber auch Katzen und Hunde werden in Versuchslaboren zu Experimenten eingesetzt. Während Jagen und Angeln als „Sport“ bezeichnet werden und Industrietrawler mit riesigen Netzen die Meere leerfischen, worunter Delfine, Meeresschildkröten und Wale leiden, gelten Aquarien im Wohnzimmer als beruhigend. Und Schwimmen mit Delfinen sowie die Haltung von Walen in Aquaparks werden in einigen Regionen als besonderes Ereignis für Touristen verkauft. In der Regel sieht sich der Mensch also als Wesen, das über alle anderen nichtmenschlichen Lebewesen verfügen kann – und dies macht er, wie diese Beispiele zeigen, in äußerst ambivalenter Weise.

Klassiker der Literatur prägen bestimmte Vorstellungen von Tieren – so stehen die Schlange und der Wolf oftmals für das Böse und in Kinderbüchern wird der Bauernhof als idyllisches Haus mit frei lebenden Tieren dargestellt. Aber auch Filme wie „Der Weiße Hai“ oder TV-Serien wie „Lessie“ oder „Flipper“ sowie Kinderlieder beeinflussen das Bild der Tiere bereits ab der frühesten Kindheit. Und auch die Sprache nimmt Einfluss auf unsere Beziehung zu Tieren: Begriffe wie „Fleisch“, „Schnitzel“, „Schinken“ oder „Wurst“ lassen nicht einmal mehr erahnen, dass es sich dabei um Teile von Lebewesen, die Schmerz und Leid empfunden haben könnten, handelt.

Umfassende Veränderungen herbeizuführen gestaltet sich jedoch als schwierig, weil mit der Tierindustrie in der Regel viel Geld verdient wird. Zudem existieren zum Teil kulturell geprägte Gewohnheiten, wie der Braten am Sonntag, der Truthahn zum Thanksgiving, das Lamm zu Ostern oder religiös bedingte Traditionen wie das Schächten von Schafen, die lange Zeit unhinterfragt von einer Generation an die nächste weitergegeben worden sind bzw. werden.

Umdenken in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft

Wurde diese teils widersprüchliche Beziehung zwischen Mensch und Tier bis vor einigen Jahren noch kaum hinterfragt, werden heute nicht nur die Verwendung von Tieren für die Nahrungsmittelherstellung, für die Bekleidungsindustrie oder zu Versuchszwecken, sondern auch Traditionen wie Stierkämpfe, Reitwettbewerbe, Zirkusauftritte und vieles mehr immer häufiger infrage gestellt.

„Dürfen wir Tiere in Labors halten, Medikamente an ihnen testen und sie möglicherweise Qualen aussetzen, um Menschenleben zu retten oder Medikamente zu entwickeln?“ „Dürfen wir Tiere töten, um sie zu essen, obwohl es außer dem kurzzeitigen Genuss ausschließlich Nachteile für die Umwelt, das Klima und die Gesundheit mit sich bringt?“ Mit diesen Fragen beschäftigt sich seit einigen Jahren nicht nur die Wissenschaft, sondern auch in Politik und Gesellschaft ist die Thematik angekommen: So wird über Tierschutz und Rechte für Tiere nachgedacht. Und in etlichen Staaten gelten Gesetze, die beispielsweise die Verwendung von Tieren zu Versuchszwecken einschränken oder für den Schutz ihres Lebensraumes sorgen sollen.

Auch die Arbeit von Tierschützerinnen und Tierschützern wird deutlich seltener belächelt und nicht mehr nur als „Luxusproblem“ abgetan, wie dies vor einigen Jahrzehnten noch der Fall war. Im Gegenteil, Tierschutzorganisationen und Tierrechtsvertreter sind nicht nur akzeptiert und respektiert, sondern erhalten auch immer mehr Unterstützung. Zwar ist hinsichtlich des Tierschutzes immer noch ein großer Bedarf an weiteren Maßnahmen zu konstatieren, doch hat ein Umdenken zumindest begonnen.

Leidensfähigkeit und die Ursprünge der Tierethik

Auch wenn in der Praxis noch an vielen Stellen Handlungsbedarf besteht, wie auch die in der Corona-Krise aufgedeckten Skandale zeigen, so scheint die Vorstellung Descartes’ von Tieren als seelenlose Automaten also grundsätzlich überholt. Tieren wird neben Empfindungsfähigkeit und Bewusstsein auch in einigen Fällen Selbstbewusstsein zugeschrieben.

Mittlerweile hat sich zudem die Beziehung zwischen Menschen und nicht-menschlichen Lebewesen zu einem heterogenen und gegenwärtig vieldiskutierten Thema mit hoher gesellschaftlicher Relevanz entwickelt. Diese Entwicklung ist nicht zuletzt auf den australischen Philosophen Peter Singer zurückzuführen. Er regte mit seinem Werk Animal Liberation (dt. „Die Befreiung der Tiere“) 1975 zum Nachdenken über die Beziehung zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Lebewesen an und rief zu einem radikal tierfreundlicheren Verhalten auf.

Singer stützt sich in seiner Argumentation vornehmlich auf das bekannte Zitat des englischen Philosophen Jeremy Bentham, der bereits 1789 festhielt: „Der Tag wird kommen, an dem auch den übrigen lebenden Geschöpfen die Rechte gewährt werden, die man ihnen nur durch Tyrannei vorenthalten konnte. Die Franzosen haben bereits erkannt, daß die Schwärze der Haut kein Grund ist, einen Menschen schutzlos den Launen eines Peinigers auszuliefern. Eines Tages wird man erkennen, daß die Zahl der Beine, die Behaarung der Haut […] sämtlich unzureichende Gründe sind, ein empfindendes Lebewesen dem gleichen Schicksal zu überlassen. Die Frage ist nicht: Können sie denken? oder: Können sie sprechen?, sondern: Können sie leiden?“.

Singers Auffassung nach ist es falsch, die Grenze moralischer Berücksichtigung entlang der Zugehörigkeit zur Spezies Mensch zu ziehen. Vielmehr ist es aus seiner Perspektive geboten, grundsätzlich Leid zu minimieren, ganz gleich, welcher Spezies ein Lebewesen angehört.

So sehr Singer mit dieser Überlegung, nichtmenschliche Lebewesen mit Menschen zu vergleichen, zunächst für Empörung und Unverständnis gesorgt hat – sein Denken hatte großen Einfluss auf die Gesellschaft: Es folgten rasch Gründungen neuer Tierschutz- und Tierrechtsorganisationen sowie weitere philosophische Überlegungen zum menschlichen Umgang mit nichtmenschlichen Lebewesen.

Nur kurze Zeit nach Animal Liberation und Singers zweitem Buch Praktische Ethik (1979), in dem er seine Idee – teilweise umstritten – weiter entwickelt, erschien mit The Case for Animal Rights (1983) des amerikanischen Philosophen Tom Regan ein weiterer „Klassiker“ der Tierethik, der sich zum ersten Mal an die Vorstellung von Rechten für nichtmenschliche Lebewesen heranwagte.

Umdenken ist nicht ausreichend

Auch wenn vielleicht in einigen Teilen der Welt schon Fortschritte hin zu einem moralischeren Umgang mit Tieren erreicht und umgesetzt wurden, sind die Mensch-Tier-Beziehungen in vielerlei Hinsichten immer noch zahlreichen ethischen Bedenken ausgesetzt. Gerade die aktuellen Berichte zeigen, dass insbesondere in der Massentierhaltung weiterhin katastrophale Zustände herrschen und die Empfindungsfähigkeit nicht nur der Tiere, sondern auch vieler der dort arbeitenden Menschen aufgrund finanzieller Vorteile für einige wenige missachtet wird.

Klärungsbedarf besteht hinsichtlich der Frage, ob und wie sehr der Mensch über das Leben nichtmenschlicher Tiere bestimmen darf sowie mit Blick auf die Ausgestaltung und Begründung von Tierrechten. Da nicht alle Tiere dieselben Eigenschaften und folglich unterschiedliche Bedürfnisse haben, ist schließlich unter Umständen eine Ausdifferenzierung der Rechte und ihrer Begründung notwendig.

Zu klären ist zudem nicht nur, welche Tiere aus welchen Gründen auf welche Weise zu schützen sind, sondern auch, wie dieser Schutz umgesetzt werden kann, ohne die Menschen zu sehr zu belasten. Auch wenn noch zahlreiche Fragen hinsichtlich der Mensch-Tier-Beziehung zu klären sind, kann sicherlich, auch ohne sie letztgültig beantwortet zu haben, festgehalten werden: Der respektlose Umgang mit nichtmenschlichen Lebewesen ist in vielerlei Hinsicht nicht zu rechtfertigen. Es reicht jedoch nicht aus, lediglich die grausamen Bilder anzuschauen, und doch fortzufahren wie bisher. Jede und jeder Einzelne hat es, insbesondere mit Blick auf den eigenen Konsum mit in der Hand, ob und wie sehr sie oder er das Leid der Tiere mit befördert. Wir müssen unser Verhältnis zu nichtmenschlichen Lebewesen also nicht nur überdenken, sondern auch unser Verhalten ändern.

Foto privat

Dr. Carmen Krämer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Wissenschaftstheorie und Technikphilosophie an der RWTH Aachen. In ihrer Dissertation „Menschenwürde und Reality TV. Ein Widerspruch?“, die im Nomos-Verlag erscheint, entwickelt sie eine Theorie der Menschenwürde und wendet sie auf das aktuelle gesellschaftliche Phänomen des TV-Genres an.

Neben ihrem medienethischen Forschungsschwerpunkt zählen weitere Themenfelder der angewandten Ethik, wie Roboter-, Klima-, Umwelt- und Technikethik und insbesondere die Tierethik zu ihren Hauptinteressen. 2017 gründete sie gemeinsam mit Prof. Dr. Simone Paganini (Theologie) und Prof. Dr. Wulf Kellerwessel (Philosophie) das Center for Human-Animal Studies Aachen (CHASA).

Zum Weiterlesen:

Tom Regan: The Case for Animal Rights.

Peter Singer: Animal Liberation.

Peter Singer: Praktische Ethik.