Staunen mit Tieren

Foto: Felsentor
Foto: Felsentor

Berührende Begegnungen von Mensch und Tier

In seinem Meditationskurs „Staunen mit Tieren“ ermöglicht Martin Kalff die achtsame Begegnung mit Schweinen, Schafen und Hühnern. Die Teilnehmer lernen, Tiere als Lebewesen wahrzunehmen und ihnen ihre Würde zurückzugeben.

Ein Spätsommertag hoch oben in den Schweizer Bergen über dem Vierwaldstättersee. Martin Kalff sitzt im Stall auf dem Boden in stiller Meditation. Schaf Momo, das ein verletztes Bein hat, läuft neugierig umher, beschnuppert ihn. Die ruhige, wohlwollende Atmosphäre scheint dem Tier zu gefallen. Es legt seinen Kopf an Martins Wange.

Staunen mit Tieren – das ist ein Meditationskurs, den der Therapeut und buddhistische Meditationslehrer Kalff aus der Schweiz vor ein paar Jahren entwickelt  hat. Während in der industriellen Tierhaltung die Tiere zu bloßen Objekten degradiert werden – mit all den katastrophalen Folgen –, geht es hier um die direkte Begegnung von Mensch und Tier. Die Praxis von Achtsamkeit und Mitgefühl schafft die Möglichkeit, innerlich in Resonanz zu gehen und die Begegnung mit Schafen, Schweinen oder Hühnern intensiv wahrzunehmen.

“Dieses Wesen lebt“

Als Ort für den Kurs wählte Kalff das Meditationshaus „Felsentor“ nahe Luzern, dem eine Tierschutzstelle, eine Art Gnadenhof angeschlossen ist. Unterstützt wird er dabei vom Zenpriester Vanja Palmers und Schwester Theresia an, die die Tiere betreut.

Hier finden Nutztiere Zuflucht, die der Massentierhaltung entkommen sind: das Schwein Anton beispielsweise, das Schaf Momo und zahlreiche Hühner. Ein ganzes „Hühner-Altenheim“ ist hier mittlerweile entstanden. Nach 18 qualvollen Monaten in einer Hühnerbatterie haben Käthi und ihre Artgenossen hier endlich Auslauf, Tageslicht und ein angstfreies Leben.

felsentor Schwester

Schwester Theresia betreut den Gnadenhof, wo die Meditationskurse stattfinden.

 

An einem anderen Tag begeben sich Kalff und die Kursteilnehmer zu den Hühnern. Nach einigen Minuten des Sitzens in Stille legt Schwester Theresia einem Teilnehmer ein Huhn in den Schoß. Es hat keine Federn mehr und die Spuren der Massentierhaltung sind sichtbar. „Ich spürte seinen Herzschlag, die Bewegungen seines Körpers“, durchfuhr es den Teilnehmer. „Dieses Wesen lebt.“

Die wortlosen Begegnungen in meditativer Atmosphäre hinterlassen tiefe Eindrücke bei den Menschen. Die Tiere leben ganz in der Gegenwart, verstellen sich nicht hinter Worten und äußerer Aufmachung, sind unmittelbar da. So können jene, die offen sind, ihnen direkt begegnen – von Subjekt zu Subjekt.

 

 

Massentierhaltung: Ohne Skrupel, ohne Zweifel

Dazu in krassem Gegensatz steht die heute gängige Tierhaltung. Millionen von Nutztieren werden von Menschen für die Ernährung, Tierversuche, Sport und Freizeit beansprucht – ohne Skrupel, ohne Zweifel. „Es ist eine extreme Selbstzentriertheit“, findet Martin Kalff. „Alles, was uns über den Weg läuft, wird irgendwie nutzbar gemacht. Der Profit bestimmt alles, das Mitgefühl hat keine Chance.“

Den Tieren wird ein eigenes Bedürfnis auf ein würdiges, artgerechtes Leben abgesprochen. Genau hier setzt der Kurs „Staunen mit Tieren an“. Die Teilnehmer können erleben, dass Tiere Gefühle haben, Bedürfnisse, ja auch ihre eigene Schönheit. Sie drücken Trauer und Angst ebenso aus wie Lebensfreude und Vertrauen.

In Geschichten werden sie auch vertraut gemacht mit Verhaltensweisen und der Instinktwelt ausgewählter Tiere. Eine Geschichte, die Kalff besonders gern erzählt, ist die der Aale, die aus dem Saragossa-Meer im Atlantik, wo sie geboren werden, 5000 Kilometer in hiesige Gewässer wandern. Manche Strecken legen sie sogar über Land zurück und atmen dann durch den Körper. Die Wanderung kann drei Jahre in Anspruch nehmen. Kurz vor ihrem Tod treten die Aale die Reise erneut an. Im Saragossa-Meer angekommen, legen sie ihre Eier ab und sterben.

 „Wir sind Tiere“

„Ich lasse die Teilnehmer diese Reise des Aals quasi durchleben“, erklärt Kalff. Sie bekommen dadurch einen emotionalen Zugang zu den Tieren. Und nicht nur das. Kalff, der als Berater in der Tradition von C.G. Jung arbeitet, verfolgt ein weiteres Ziel: den Zugang zu den eigenen „inneren Tieren“ finden. Darunter versteht er evolutionsbedingte Tieranteile im Menschen, deren wir uns normalerweise nicht bewusst sind.

Evolutionär betrachtet gibt es den Menschen nicht in „Reinform“, sondern der menschliche Körper ist im Laufe der Evolution entstanden und hat verschiedene Stadien durchlaufen. Das Gehirn ist kein Neubau, sondern hat sich ebenfalls graduell vom Tier zum Menschen entwickelt. Und viele unserer Reaktionsweisen ähneln denen der Tiere: etwa Angst sowie Reaktionen von Flucht, Verteidigung und Erstarrung.

Martin Kalff möchte mit seinem Kurs ein Bewusstsein für Tiere schaffen.

„Wir sind Tiere, wollen es aber nicht wahrhaben,“ so Kalff. „Das führt dazu, dass wir diese Anteile und Gefühle abspalten. Nur so ist zu erklären, dass Praktiken wie die industrielle Tierhaltung überhaupt möglich sind und dass wir als Konsumenten im Discounter abgepacktes Fleisch kaufen und das Leiden der Kreaturen total ausblenden.“ Wer sich aber mit den inneren Tieren verbinde und für sie sorge, so die Idee, der sehe, dass Tiere Würde haben und Schutz brauchen. So könne er auch im Außen Verantwortung übernehmen.

Solche Meditationen gehen ans Eingemachte, denn es geht darum, unbewusste Kräfte ans Tageslicht zu bringen. In der Meditation werden die Teilnehmer zum Beispiel gebeten, sich ein Tier vorzustellen. Was da im Bewusstsein aufscheint, ist bei jedem unterschiedlich: Mal sind es verwunderte, blutende Tiere, mal aggressive oder eingesperrte. „Was braucht dieses Tier“, lautet dann die Frage für die weitere Erforschung. So werde ein innerer Heilungsprozess angestoßen.

Darüber hinaus vermittelt Kalff die Meditation von liebender Güte und Mitgefühl, die dann auf das innere Tier angewendet wird. „In uns leben Hunderte Wesen und Teilpersönlichkeiten, die bestimmte Gefühle oder Stimmungen verkörpern. Was sie vor allem brauchen ist Zuwendung und Güte“, so der Therapeut. Wir sagen dann zum inneren Affen „Mögest du glücklich sein, ruhig und friedvoll“ oder zu dem Hund „Mögest du in Sicherheit leben“. So werden verdrängte Anteile integriert, innen und außen werden zusammengebracht.

Jeder muss selbst entscheiden, ob er Fleisch essen möchte

Aus Sicht von Kalff ist die industrielle Tierhaltung „Ausdruck eines gewaltigen Schattens“. Das zeige sich auch daran, dass das Thema mit starken Emotionen besetzt sei. Da gibt es viele Anschuldigungen und Aggressionen – von Vertretern der Industrie ebenso wie von Tierschützern, die sich gegenseitig heftig attackieren.

Kalff sieht seine Aufgabe vorrangig darin, für das Thema zu sensibilisieren und Bewusstsein zu verändern. Er ernährt sich mittlerweile selbst vegetarisch, manchmal auch vegan, fordert aber von keinem,  auf Fleisch zu verzichten: „Ich möchte niemanden bevormunden, jeder ist für sein Leben selbst verantwortlich. Wichtig ist, sich der Situation der Tiere bewusst zu sein, um auf dieser Basis zu entscheiden, wie man selbst einen Beitrag zu ihrem Wohl leisten kann“, so der Therapeut. Manche sehen sich nach der Begegnung mit den Tieren nicht mehr in der Lage, Fleisch zu essen, anderen drosseln ihren Konsum oder steigen auf Bio-Ware um.

Nur eines geschieht nicht: dass die Begegnung mit Tieren in meditativer Stille jemanden kalt lässt. Wieder ist Martin Kalff mit einer Gruppe im Stall. Die Meditierenden sitzen 45 Minuten im Kreis auf dem Boden.

Zwei Schafe sind interessiert, was hier vor sich geht. Das eine bewegt sich auf einen Teilnehmer an einer Seite des Kreises zu, das andere kommt von der anderen Seite des Kreises. Die Schafe legen ihren Kopf auf den Schoß und gehen weiter zum nächsten. Sie haben keinen Teilnehmer ausgelassen. Bewegtes Schweigen.

Birgit Stratmann

Dr. Martin Kalff ist als psychologischer Berater mit Sandspiel tätig. Er praktiziert seit 1969 buddhistische Meditation und wirkt auch als Meditationslehrer. Die Verbindung von psychologischen und kontemplativen Erkenntnissen ist ihm ein wichtiges Anliegen. Kalff unterrichtet auch im Weisheitstraining des Netzwerks Ethik heute.

 

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