Olga Shparaga über ihre zwei Wochen im Gefängnis in Belarus

Die Philosophin Olga Shparaga aus Belarus hat sich an Demonstrationen gegen Lukaschenko beteiligt und wurde zwei Wochen inhaftiert. Im Interview spricht sie über schlechte Haft-Bedingungen und wie ihr der Zusammenhalt der Frauen und die Philosphohie geholfen haben.

Olga Shparaga hat sich an Demonstrationen für die Demokratie in Belarus beteiligt. Sie war Mitglied des neuen „Stabs des Koordinationsrates“ für die Proteste und Hochschullehrerin am European College der Freien Künste in Minsk. Das Gespräch mit ihr, das wir in zwei Teilen veröffentlichen, erschien zuerst in russischer Sprache auf Lady.TUT.BY. Wir veröffentlichen es mit freundlicher Genehmgung von Olga Shparaga. Aus dem Russischen übersetzt von Antje Boijens.

Das erste Mal hat man Olga Shparaga auf einer Sonntagsdemonstration am 4. Oktober 2020 festgenommen. Sie war knapp 24 Stunden zusammen mit ihrem Mann in Zhodino eingesperrt. Von dort hat man sie freigelassen, damit sie am 14. Oktober 2020 in Smolevic vor Gericht erscheint. Doch dorthin konnte Olga nicht fahren, weil man sie am 9. Oktober ins Polizeipräsidium (RUVD) zitiert hat.

Olga Shparaga: Ich entschied mit dem Anwalt, dass das nicht schlimm ist, dass sie mich wohl kaum bis zum Gerichtstermin festhalten würden. In der Tat kam es anders: Im Polizeipräsidium brachten sie mich gleich in ein kleines „Zimmer“, wohl so ca. 1 x 2,5 Meter, und ließen mich dort ausharren. In dieser Zelle war es kalt, es gab keine Stühle, nur einen Betonabsatz, auf dem man sitzen konnte.

Es gab viele Mitarbeiter und viel Getue. Ich wurde in regelmäßigen Abständen aus der Zelle geholt und verhört: „Sie wissen wohl, warum wir Sie festhalten?“ Ich antwortete: Nein, dass ich es nicht verstehe und verlangte, dass ein Rechtsanwalt anwesend sein muss.

Dann brachten sie mich wieder in die Zelle zurück und dann wieder zum Verhör, so ging das einige Male. Schließlich zeigten sie mir nicht einmal das Protokoll. Zwischenzeitlich sagten sie dann mal, dass es um administrative Dinge gehe und man mich ins Okrestina-Gefängnis in Minsk überführen würde.

Wir hatten weder Matratzen noch Kissen, nur eine Decke für uns zwei. Und in der Zelle war es bitterkalt

Um Mitternacht führten sie mich in den Versammlungsraum des Polizeipräsidiums zum Gespräch mit zwei Leitern der „Informationsabteilung“. Ohne dass ich es recht verstand, aus welchen Strukturen sie kamen, stellten sie mir Fragen zum Koordinationsrat (KS) [der die Proteste in Belarus organisiert, Anm. der Übersetzerin] und zur FEM-Gruppe [Feministische Organisation der Frauen, Anm. der Übersetzerin] . Sie wollten wissen, warum ich da Mitglied geworden sei und sprachen über die schädliche Rolle der Informationstechnologien. Ich habe mich geweigert, ohne Anwalt zu sprechen. Danach brachte man mich um Mitternacht ins Okrestina-Gefängnis

Zeichnung: Olga Shparaga

Die erste Nacht verbrachte ich allein. Am folgenden Tag kam ich in eine Zelle mit der Aktivistin und Journalistin Evgenija Dolgaja. Wir hatten weder Matratzen noch Kissen, nur eine Decke für uns zwei. Und in der Zelle war es bitterkalt. Zwei Nächte haben wir so unter einer Decke zugebracht: Wir schliefen umarmt, und unter den Kopf hatten wir uns Plastikflaschen mit warmem Wasser gelegt.

Von dem harten Bett bekam ich blaue Flecken. Am Samstag führten sie uns beide gleichzeitig zum Verhör. Der Abteilungsleiter, wie er sich nannte, wollte mich zu einer Straftat befragen. Und ich fragte: „Ja, wie denn? Es sollte doch nur um Administratives gehen?“ Dann begannen die Drohungen.

Er stellte Fragen wie: „Was geht im Land vor?“ Und ich sagte: „Soziale Transformationen.“ „Welche soziale Transformationen?“ wollte er wissen. Und ich antwortete: „Das habe ich noch nicht zu Ende gedacht.“ Er fragte: „Was sind Sie denn für eine Philosophin?“ Und ich sagte: „Phänomenologin“. Dann fragte er, was das bedeutet und so ging es weiter.

Ihn interessierte natürlich auch, warum ich auf die Demonstrationen gehe. Ich sagte ihm, dass ich nicht auf Demonstrationen gehe, sondern, dass ich spazieren gehe, dass es mir Freude bereitet zu Fuß durch verschiedene Städte zu wandern und dass das mein gesetzliches Recht ist. Er wollte gerne wissen, welche belarusischen Städte mir gefallen. Ich sagte: „Grodno, weil es die am meisten europäische Stadt ist.“ Und gleich stürzte er sich darauf: „Was bedeutet das: „die am meisten europäische Stadt“?“ (Olga lacht an dieser Stelle).

Schlussendlich sagte der Vertreter der Staatsanwaltschaft, dass ich wohl nicht mit ihm reden möchte (im Polizeipräsidium bekam ich eine ebensolche Bemerkung am Ende des Gesprächs). Und ich antwortete ihm, dass ich ihm einfach alles gesagt habe, sowohl über die Städte als auch über die Gleichheit und die Phänomenologie. Wir haben uns eine geschlagene Stunde unterhalten (Olga lächelt), aber was soll ich ihm über die Tätigkeit des Koordinationsrates schon sagen, was er nicht auch auf deren Webseite findet? Da könne er alle Information genauestens nachlesen und so hab ich ihn weiterverwiesen.

Im Gefängnis weinte ich ab und zu in Anerkennung der Tatsache, dass hier Menschen gequält werden.

Bei der Gerichtsverhandlung von Olga trat ein Polizist auf, der sagte, man habe sie auf dem Videomaterial von zwei Sonntagsdemonstrationen gefunden. Dar auf habe sie auch laut Parolen mit den anderen skandiert und es hätten sich in ihren Händen „Symbole“ befunden [gemeint sind wahrscheinlich die weißen Blumen, Anm. der Übersetzerin]. Dieses Videomaterial wurde jedoch nie als Beweis vorgelegt.

Shparaga: Als Beweis dienten schließlich zwei Fotos von einem fremden Facebook-Account, auf denen sich Olga wegen der Masken und der dunklen Augen der Frau nicht wiedererkennen konnte. Außerdem zeigte das Foto weder eine Demonstration noch Symbole. Nach dem Gerichtsurteil brachte man Olga in eine andere Zelle, wo sie neue Frauen kennenlernte.

Zeichnung: Olga Shparaga

Im Okrestina-Gefängnis in Minsk hatte ich zuerst gemischte Gefühle: Einerseits war ich begeistert von der Schwesterlichkeit und der Unterstützung der Mitgefangenen. Denn wir Frauen teilten, was auch immer man teilen konnte. Wir sprachen und kümmerten uns umeinander. Andererseits war mir nach Weinen zumute und so weinte ich ab und zu (was sehr half) in Anerkennung der Tatsache, dass hier Menschen gequält wurden und weiterhin gequält werden.

Um mit der Situation fertig zu werden und mit den Gefühlen, begann ich zu meditieren, was half, das Unvermeidliche anzunehmen. Ich verstand, dass die Aufseher mich auf keinen Fall fertig machen könnten und dass es notwendig ist, Kraft bei Anderen zu suchen, bei den Menschen, die mich umgaben. Und ebenso durch positive Gefühle und durch Wissen die eigenen Kräfte mit ihnen zu teilen. Und das funktionierte! Letzten Endes ist es auch so, dass Philosophinnen und Philosophen daran gewöhnt sind, im Knast zu sitzen, angefangen mit Sokrates. Auch dieser Gedanke hat mich wirklich unterstützt.

Wir hielten im Gefängnis Vorlesungen über Philosophie, Workshops und Diskussionen.

Nach der Überführung nach Zhodino wies man Olga in eine Zelle mit Julia Mitzkiewicz und Svetlana Gatal’skaja, Kolleginnen der FEM-gruppe des Koordinationsrates. Gemeinsam entschieden diese Frauen dann, Vorlesungen und eine Masterclass für die Mitgefangenen durchzuführen.

Shparaga: Bis zum Mittagessen gab ich Philosophie-Vorlesungen, nach dem Mittagessen leitete Julia Diskussionen und Workshops über feministische und andere Themen. Ich begann mit einer Einheit über die menschliche Würde. Die zweite Lektion ging über die drei „Meister des Verdachts“, also Marx, Nietzsche und Freud, dann über die Mikrophysik der Macht von Michel Foucault.

Foucault ist sehr wichtig für das Verständnis davon, wie die Praktiken der Macht funktionieren, darunter auch die Festsetzung in Gefängnissen – und wie man ihnen widersteht. Dann führte ich sie noch durch eine Vorlesung über den Existenzialismus und erzählte, womit ich mich auf dem Gebiet der informellen Erziehung beschäftige. Am Ende dieser Vorlesung entstanden neue Themen.

Den Zuhörerinnen der Kurse stellten wir selbstgemachte Zertifikate aus und sangen „Rasbury turmy mury“ [ein belarusisches Befreiungslied, Anm. der Übersetzerin]. In der Zelle fanden sich plötzlich bunte Stifte und Papier dazu. Und schon begann ich Zeichnungen vom Alltag in der Haft anzufertigen, wie ich es schon früher in Mal-Kursen gelernt hatte.

Auf eine der Zeichnungen kann man sehen, dass es in der Zelle kalt ist, die Frauen sitzen unter einer Decke, obwohl das tagsüber verboten war! Aber dann, an irgendeinem dieser Tage schalteten sie die Heizung wieder ein. Dann war es so warm, dass die Jeans am Körper klebten und einige von der Hitze Kopfschmerzen bekamen.

Die humanistische Kultur ist sehr wichtig in schwierigen Lebenssituationen

Die Philosophie war sehr wichtig in dieser Zeit. Sie zeigt die Bedeutung der humanistischen Kultur in schwierigen Lebenssituationen. Das hilft, mit dem Druck und mit dem Stress einer bevorstehenden Bestrafung umzugehen. Das erste Mal weggeschlossen und unter schwierigen Bedingungen, ohne zu wissen, wie lange das dauern wird (weil man gerade das verheimlicht) und ohne Handy – da kann die Stimmung schnell kippen.

Die Frauen schafften es zum Beispiel, tagsüber in der Zelle zu gehen oder sich irgendwie zu bewegen. Dabei wurden sie sehr traurig, weil sie wie die echten Verbrecher im Kreis gingen. Ich sagte ihnen, dass diese Bewegung im Kreis wie der Tanz von Matisse ist! Und die Gitter an der Wand ein direkter Bezug auf Rosalind Krauss, wie ein Bild des Übergangs von der modernen zur zeitgenössischen Kunst.

Genau so hat auch der belarusische Künstler Sergej Kirjuschtschenko sein Gitter auf die Oktoberstraße gemalt. Sofort hat sich die Stimmung verbessert! Das heißt, dank einer humanistischen Haltung kann man anders auf alles schauen, die eigene Perspektive verändern und über der Situation stehen. Und das ändert nichts an der Tatsache, dass es sich hier um Erniedrigung handelt, um Folter und Ungerechtigkeit.

Zur Zeit sorgt sich Olga sehr um die Belastung der Gefängnisse mit dem Corona-Virus und um die medizinische Hilfe dort. Die Frauen hatten Masken, aber es gab zu wenig Geschirr und die Frauen mussten sich oft zu zweit eine Tasse teilen.

Shparaga: Oft benutzten wir die Masken zum Schlafen, weil die Beleuchtung nachts nicht ausgeschaltet wird und es sehr schwer ist, überhaupt zu schlafen. Nachts werden auch oft neue Gefangene in die Zellen geführt. Oder du hörst, wie jemand auf den Gang geführt wird und schreit. In der Zelle trugen wir die Masken nicht, es hat auch keinen Sinn gemacht, wenn man das Wasser vom Wasserhahn aus nur einer Flasche trinken muss.

Nachdem ich aus dem Gefängnis kam, habe ich einen COVID-19 Test gemacht, der positiv war. Auch Mitgefangene zeigten Symptome der Erkrankung. Danach bestätigten Tests, dass bei uns jede zweite Mitgefangene COVID-19 hatte. Wir haben auch gehört, dass ein Mann erkrankte. Er wurde in eine Einzelzelle neben uns gebracht. Nur ließ man ihm nicht die notwendige medizinische Behandlung zukommen. Die Gefängnisangestellten kamen zu uns, den Frauen und fragten nach Arzneimitteln, weil sie selber nichts hatten.

Während ihres Aufenthalts im Gefängnis fand ihre zweite Gerichtsverhandlung in statt.

Shparaga: Nach Smolevitsch fuhr dann mein Mann und bekam eine Strafe. Man sagte ihm, dass die Strafe auch für mich sei. Aber als ich aus dem Gefängnis kam, erwartete mich schon der nächste Richterspruch, dass man mich nochmal zu 12 Tagen verurteilt hatte. Danach entschieden wir, von Minsk nach Vilnius auszureisen, weil ich nicht bereit war, noch einmal genauso lange einzusitzen, vor allem, weil mir mit einer Anklage wegen einer kriminellen Tat gedroht wurde.

In Vilnius, so habe ich beschlossen, möchte ich ein Buch über die belarusische Revolution für einen großen deutschen Verlag schreiben (angekündigt für April 2021 bei Suhrkamp: Olga Shparaga, Die Revolution hat ein weibliches Gesicht, Übers. von Volker Weichsel). Ich werde an Konferenzen teilnehmen und mich bemühen, den Frauen zu helfen, die in einer so schwierigen Situation in Belarus sind; ich führe auch meine Arbeit für den Koordinationsrat KS weiter mit dem Ziel der Erneuerung in Belarus.

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