Ein Standpunkt von Birgit Stratmann

Wir verlieren leicht den Durchblick – so viele Informationen und Meinungen prasseln in Corona-Zeiten auf uns nieder. Da ist zu einem großen Teil wenig Sachlichkeit, sondern Wunschdenken und Ideologie, moniert Birgit Stratmann. Sie ruft dazu auf, Quellen zu überprüfen und die Motive und Absichten der Sprechenden zu erforschen, um sich vor Manipulation zu schützen.

Es ist in diesen Zeiten schwer, den Überblick zu behalten: Informationen und Zahlen prasseln auf uns nieder, Meinungen und Standpunkte verbreiten sich in Windeseile: von Virologen und selbst ernannten Experten, von Ethikern und Liberalen, von Demokratiebeschützern und -verächtern, Impfgegnern, Journalisten-Kritikern und Verschwörungstheoretikern.

Wer all das einordnen und dabei einigermaßen vernünftig bleiben will, muss die Quellen der Aussagen hinterfragen und vor allem die Motive der Sprecherinnen und Sprecher erforschen, wenn diese sie selbst nicht preisgeben oder sich dessen nicht bewusst sind. Dabei stellt man häufig fest, dass nicht Sachlichkeit das Bild prägt, sondern Ideologien, Wunschdenken, Verzerrungen der Wirklichkeit, heftige Emotionen oder sogar Neurosen. Schauen wir uns einige Standpunkte beispielhaft an, die zurzeit kursieren – ohne Anspruch auf Vollständigkeit, täglich kommen neue hinzu:

Wer sagt was, aus welchem Motiv heraus?

Individualisten und Freiheitsliebende: Sie stürzen sich auf Schweden, wo das offene Leben trotz Covid-19 weitergeführt wird und es wenige Einschränkungen gibt. So könnten wir es auch machen: Eigenverantwortung statt staatlicher Gängelung. Das „Aussetzen der Grundrechte“, wie sie es pauschal nennen, prangern sie an.

Dabei blenden sie aus, wie viel Unsicherheit in der Corona-Krise im Spiel ist. Der Philosoph Jürgen Habermas sprach davon, dass es selten so viel „Wissen über das Nicht-Wissen“ gab. (1)  Niemand weiß, ob Schwedens Sonderweg das Virus eindämmt oder mitten in den exponentiellen Verlauf hineinführt, wie es etwa in Großbritannien der Fall war. Aber das stört die Individualisten nicht. Sie wollen einfach nur frei sein, ob mit oder ohne Corona.

Die kleinen Napoleons: Wer immer schon gern Ansagen gemacht und mit der Faust auf den Tisch gehauen hat, kommt in diesen Zeiten auf seine Kosten. Ministerpräsidenten können, das Infektionsschutzgesetz im Rücken, strikte Maßnahmen und Verbote erlassen. Örtliche Behörden und Polizisten setzen sie um und schießen dabei manchmal über das Ziel hinaus.

So war es etwa in München nicht erlaubt, Bücher auf Parkbänken zu lesen; Hamburger durften nicht mit dem Rad die „Grenze“ nach Schleswig-Holstein übertreten usw. Dann ruft die Krise Blockwarte auf den Plan, die überall aufpassen, nach dem Rechten schauen und vielleicht sogar die Polizei rufen, wenn sie ein fremdes Autokennzeichen gesichtet haben.

Unternehmer und Wirtschaftsliberale: Sie sprachen schon von Lockerungen, als andere noch brav zu Hause saßen. Sie taten dies aber nicht, weil die Corona-Lage weniger gefährlich wäre, sondern weil sie eine große Rezession mit schlimmen Folgen fürchten. Das ist alles nur zu verständlich. Nur sollten sie offenlegen, dass ihre Priorität jetzt die Wirtschaft ist und erst an zweiter Stelle die Gesundheit.

Wirtschaftsexperte Michael Hüther beispielsweise behauptete in der Talkshow Anne Will (2) sogar, der R-Faktor, der anzeigt, wie viele Menschen ein Covid-19-Infizierter durchschnittlich ansteckt, sei eine nebulöse Sache und müsse nicht weiter beachtet werden. Es ist nicht anzunehmen, dass Hüther selbst nicht um die Bedeutung des R-Faktors wüsste, denn dieser zeigt an, ob es ein exponentielles Wachstum der Infektionen gibt, aber dies passt nicht in sein Konzept: Die Wirtschaft darf nicht in den Abgrund stürzen. Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Intellektuelle und Freigeister, die sich zur kritischen Masse zählen: Sie sind gegen alles, was von oben verordnet wird und nehmen für sich in Anspruch, gegen den Strom zu schwimmen. Wen wundert, dass manche von ihnen Covid-19 für eine normale Grippe halten und nicht müde werden zu betonen, dass nicht mehr Menschen sterben als in einer normalen Grippe-Saison. Ein Haken dabei: Influenza breitet sich vor allem in den Wintermonaten aus. Covid 19 hält sich nicht an die Saison und geht weiter. Ob sie magische Kräfte haben und in die Zukunft blicken können?

Schwarzseher und Journalisten-Kritiker

Ängstliche und Schwarzseher: Sie gehen nicht mehr aus dem Haus. Sie haben Angst zu erkranken, Verwandte anzustecken. Kerngesunde, junge Menschen zucken zusammen, wenn jemand hustet. Oft liegen andere Ängste dahinter, die alle Menschen kennen: Existenzangst, Angst vor Verarmung, vor Einsamkeit, vor dem Tod, vor den ganz großen Katastrophen. Manche hätten am liebsten eine Ausgangssperre für alle wie in Frankreich. Ihr Motiv ist nicht der Schutz der Bevölkerung, sondern ihre eigene Panik. Denn schützen könnten wir uns vielleicht auch auf anderem Wege, zum Beispiel mit strengen Abstandsregeln, mit Hilfe einer App oder eines Mundschutzes.

Wissenschaftler abseits vom Mainstream: Das sind Forscher, die der herrschenden Lehrmeinung von Wieler und Drosten Kontra bieten. Und das ist gut so, denn wenn die Wissenschaft für weitreichende Entscheidungen herangezogen wird, ist ein sachlich geführter Disput heilsam. Der Virologe Hendrik Streek zum Beispiel war der erste, der die Wirkungen von Corona in Heinsberg direkt erforscht hat. Zwar hat er seine Ergebnisse mit PR-Tamtam in die Welt gebracht, aber sie werden dadurch nicht weniger wahr.

Die Frage ist nur: Kann man Heinsberg auf Deutschland übertragen? Auf Großstädte wie Berlin und Hamburg? Schweigen. Stattdessen spricht Streek, wie die Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim in einem Video (3) erklärte, in der Talkrunde bei Markus Lanz (4) plötzlich als Bürger: „Ich als Bürger würde Lockerungen gut finden.“ Und was sagt der Wissenschaftler Streek zu dieser Frage? Werden die Zuschauer das auseinanderhalten können: Einmal verkündet Streek als Wissenschaftler Ergebnisse seiner Studien, dann fordert er als Bürger Lockerungen. Das ist nur ein Beispiel, man müsste noch mehr Aussagen von kritischen Wissenschaftlern unter die Lupe nehmen.

Die Impfgegner: Eine bunte Gruppe aus besorgten Bürgern, Naturheilkundlern und Laien-Homöopathen waren schon immer für unkonventionelle Wege. Sie misstrauen der Schulmedizin und oft auch der Politik. Jetzt bringen sie sich in Stellung und verschicken schon mal Petitionen gegen eine Corona-Impfpflicht – und das, obwohl es noch gar keine Impfung, geschweige denn eine Impfpflicht gibt.

Während Wissenschaftler fieberhaft an einer Impfung arbeiten, die uns schützt, und weite Teile der Bevölkerung, Politik und Virologen einen Impfstoff herbeisehnen, halten die Gegner unverdrossen an ihrer Meinung fest, die sie schon vor Corona hatten. Man könnte meinen – aber das ist eine Unterstellung -, es sei ihnen nicht so wichtig, dass Kitas und Schulen wieder normal öffnen können, die Krankenhäuser entlastet werden und die Wirtschaft wieder arbeiten kann. Hauptsache, niemand wird zur Impfung gezwungen.

Journalisten-Kritiker: Menschen, die sich als Querdenker sehen und selbst publizieren, beklagen den Mainstream in den Medien, sprechen von „Hofberichterstattung“, ja von „Gleichschaltung“, einem Begriff aus dem Nationalsozialismus. Der Grund: Medien lassen häufig Virologen zu Wort kommen, veröffentlichen täglich Infektionszahlen und haben lange über die Maßnahmen der Regierung berichtet, als seien diese Einschränkungen das Normalste von der Welt.

Fatal ist, wenn Querdenker keine stichhaltigen Argumente dafür bringen, dass der so verhasste Mainstream falsch liegt. Sie finden es einfach nicht gut, dass es wenig Gegenmeinungen gibt und sehen es, ihrem Image als Kritiker entsprechend, als ihre Aufgabe an, den Laden aufzumischen. Es ist ihnen egal oder sie nehmen in Kauf, wie viel Zweifel, Unsicherheit und Verwirrung sie säen, wenn sie sich nicht die Mühe machen, inhaltlich zu argumentieren.

Kritischer Geist und Offenheit

Was machen wir nun? Als Sprecher, Autorinnen, Publizisten und Social Media-Nutzerinnen haben wir eine große Verantwortung. Wir dürfen in diesen Krisenzeiten nicht zu Verwirrung und Verunsicherung beitragen, vor allem dann nicht, wenn wir es nicht wirklich besser wissen und die Lage nicht überblicken. Es ist unsere Pflicht, Quellen zu überprüfen und gegenzuchecken und uns mit Gegenargumenten zu unserer eigenen Position intensiv auseinanderzusetzen.

Vor allem sollten wir unsere eigene Motivation erforschen: Was treibt mich an, diese Position oder Meinung zu vertreten? Was liegt hinter meiner Angst, meinem Freiheitsdrang, meinem Autoritätsgehabe, meiner Besserwisserei? Es ist okay, ängstlich oder freiheitsliebend zu sein, aber wir sollten uns dessen bewusst sein, gerade wenn wir etwas veröffentlichen. Denn unsere Emotionen und Absichten prägen die Art, wie wir Fakten einordnen und auch, welche Fakten wir womöglich weglassen, weil sie nicht in unser Bild passen.

Wenn möglich, sollten diejenigen, die etwas in die Welt hinaussenden, ihre Absichten offenlegen. Damit geben sie anderen die Chance, ihre Aussagen umfassend zu überprüfen, die Begrenztheit des Standpunkts zu erfassen und weitere Perspektiven hinzuzufügen.

Als Empfänger, Nutzer, Leser müssen wir Aussagen von anderen hinterfragen und überprüfen, um in diesen Zeiten nicht selbst ernannten „Experten“ und Aposteln aufzusitzen und um uns vor Manipulation zu schützen.

Gerade wenn Meinungen mit Feuereifer und starkem Sendungsbewusstsein vorgetragen werden, sollte man stutzig werden und hinterfragen: Wer schreibt das, wie ist sein Motiv, sein Werdegang? Auf welche Informationen stützt sich die Person? Sind die Argumente wirklich stichhaltig oder werden nur Ideologien bedient, die ich vielleicht auch teile, vorgefertigte Meinungen und womöglich tiefer sitzende Muster?

Neben dem kritischen Geist brauchen wir eine große Offenheit für das, was ist und sich entwickelt, und die Fähigkeit, mit Unsicherheit, Ambivalenz und Nicht-Wissen umzugehen. Das ist schwierig für uns, die wir in Kategorien von Schwarz oder Weiß Schutz suchen und mit Ungewissheit nicht leben können. Es ist aber wichtig, sich für das Unbekannte zu öffnen – auch dem, was nicht sein darf, was wir nicht für möglich hielten, was wir heftig zurückweisen. Und immer im Hinterkopf behalten: Wir könnten uns irren.

Birgit Stratmann

Zitierte Quellen:

(1) Jürgen Habermas: So viel Wissen über unser Nicht-Wissen gab es noch nie. Frankfurter Rundschau, 10.4. 2020

(2) Talk bei Anne Will am 19.4.2020

(3) Virologen im Vergleich, Mailab, 19.4. 2020

(4) Talk bei Lanz am 1.4.2020