Warum nutzen wir unsere Macht nicht?

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Ein Essay von Christoph Quarch

Als Bürgerinnen und Bürger einer Demokratie haben wir Macht. Warum aber nutzen wir sie nicht und überlassen den politischen Eliten das Feld? Der Philosoph Christoph Quarch antwortet mit Hannah Arendt: Macht entsteht, wenn Menschen gemeinsam politisch handeln. Das geschieht aber in Zeiten von Konsum und Internet kaum noch.

Das politische System, auf das wir stolz sind, trägt den Namen Demokratie. Das Wort stammt bekanntlich aus dem Altgriechischen und setzt sich zusammen aus démos (Bürgerschaft) und kratía (Herrschaft): Herrschaft der Bürger, Herrschaft des Volkes.

Die Idee, die diese politische Formation vor mehr als 2500 Jahren im alten Athen hervorbrachte, fiel nicht vom Himmel. Ihre Pioniere oder Wegbereiter, Männer wie Kleisthenes und Solon, bewegten die Frage, wie man ein Gemeinwesen so organisieren könne, dass es nicht nur unbeschadet durch die Zeit kommt, sondern vor allem denen, die ihm angehören, einen Raum für Frieden, Harmonie, Gerechtigkeit und gutes Leben bietet.

Zu diesem Zweck erschien es wichtig, sorgsam mit dem umzugehen, was den Zusammenhalt eines gerechten, harmonischen und lebendigen Gemeinwesens zu gewährleisten vermag: jene sonderbare Energie, die wir Macht nennen.

Dieses Wort weckt in den Köpfen vieler Menschen unterschiedlichste Assoziationen, weshalb es ratsam ist, etwas Aufmerksamkeit darauf zu verwenden, was es eigentlich bedeutet. Dabei sind wir in der glücklichen Lage, auf eine elaborierte Philosophie der Macht zugreifen zu können, die wir der Philosophin Hannah Arendt verdanken.

In ihrem Essay „Macht und Gewalt“ von 1970 notiert sie: „Macht entsteht, wann immer Menschen sich zusammentun und gemeinsam handeln, ihre Legitimität beruht nicht auf den Zielen und Zwecken, die eine Gruppe sich jeweils setzt; sie stammt aus dem Machtursprung, der mit der Gründung der Gruppe zusammenfällt.“

Zu wenig gemeinschaftliches Handeln im öffentlichen Raum

Was heißt das? Es heißt, dass Macht nur da entsteht, wo Menschen miteinander kommunizieren. Anders als Gewalt, die – wie Arendt überzeugend gezeigt hat – immer auf Gewaltmitteln (Waffen, Geheimpolizei, Institutionen, Medienkontrolle etc.) basiert, über die im Extremfall auch ein einzelner verfügen kann, ist Macht dasjenige, was dabei herauskommt, wenn viele, sehr viele Menschen in ihren Meinungen, Zielen und Taten übereinstimmen.

Macht ist eine Energie, die im gemeinschaftlichen Feld von Individuen entsteht, die miteinander in Resonanz sind – in einem politischen Raum der Verständigung und des Diskurses. Ohne solche Räume gibt es keine Macht. Ohne eine politische Kultur des gemeinsamen, kollektiven Gesprächs bleibt als Herrschaftsmedium nur Gewalt. „Macht“, sagt Hannah Arendt, „gehört in der Tat zum Wesen aller staatlichen Gemeinwesen, ja aller irgendwie organisierten Gruppen, Gewalt jedoch nie“.

Nun ist eine Demokratie – so wie sie im alten Athen ersonnen wurde –bei näherer Betrachtung nichts anderes als ein System der kollektiven, diskursiven Machterzeugung. Es stellt sicher, dass die Herrschenden durch die Übereinstimmung des Volkes mandatiert und mithin mit dem Medium der Macht versehen werden – und nicht etwa unter Einsatz von Gewaltmitteln regieren, die stets da zum Einsatz kommen, wo Menschen nicht durch Macht legitimiert sind.

„Gewalt tritt auf den Plan, wo Macht in Gefahr ist; überlässt man sie den ihr selbst innewohnenden Gesetzen, so ist […] ihr Ziel und Ende das Verschwinden von Macht.“ Da gibt sich Hannah Arendt keinen Illusionen hin.

Vor diesem Hintergrund ist es bedenklich, dass in den Bürgern unseres Landes mehr und mehr der Eindruck vorherrscht, ohnmächtig und machtlos dem Handeln einer politischen Elite ausgeliefert zu sein; was dadurch verschärft wird, dass die politische Elite eben nicht mehr durch die Macht der Bürgerschaft legitimiert und mandatiert ist, sondern durch ein technisches Verfahren namens Wahlen. Diese bilden zwar Mehrheitsverhältnisse ab, tragen aber nicht dazu bei, dass die Staatsgewalt in unserem Land tatsächlich vom Volke ausgeht – wie das Grundgesetz es vorsieht.

Damit ist nicht gesagt, dass die Herrschaft in der Bundesrepublik Deutschland bereits gewaltförmig geworden ist; aber doch, dass wir auf dem Wege dorthin sind, weil ein Machtvakuum sich ausbreitet: weil der Raum für das politische Gespräch, den Diskurs und die Debatte kleiner geworden ist; weil die Menschen weniger miteinander reden und stattdessen immer lauter ihre Empörung in die Welt hinausschreien; weil sie zwar anonym die Kommentarleisten im Internet füllen, aber nicht im öffentlichen Raum Farbe bekennen und Verantwortung zeigen.

Merkel: Politik als Handlungsverweigerung

Es ist merkwürdig genug: Nie zuvor verfügte die Menschheit über so viele Kommunikationskanäle – und nie zuvor blieben so viele Kommunikationsmöglichkeiten für den politischen Diskurs, der das Herzstück einer Demokratie bildet, ungenutzt.

Dieser Umstand erklärt, warum seit Jahren kaum etwas geschieht – warum das Land stagniert zu sein scheint, visionsarm und lethargisch. Ganz gewiss ist das zu einem guten Teil der bleiernen Zeit von drei Legislaturperioden unter Angela Merkel geschuldet.

Wenn eine Kanzlerin Politik auf Handlungsverweigerung reduziert oder nur dann aktiv wird, wenn sie Situationen scheinbarer Alternativlosigkeit erzeugt hat; wenn sie den parlamentarischen Diskurs aushebelt und jeden innerparteilichen Konflikt im Keime ausmerzt – dann muss man sich nicht wundern, dass auch die außerparlamentarische politische Kultur im Argen liegt. Merkelei ist Gift für die Kultur unserer Demokratie.

Doch das allein erklärt nicht die bedrohliche Verflüchtigung des Politischen und damit auch der Macht. Es wird ja viel geredet und gechattet. Aber völlig unverbindlich, ohne dass man für das einstünde, was man so absondert. Die von Stéphane Hessel gepredigte Empörung wabert ständig durch die Medien, mal von rechts nach links und dann von links nach rechts. Und zu Zeiten steigert sie sich gar zu kollektiver Hysterie.

Doch von Streitkultur fehlt jede Spur. Es gibt Internet-Plattformen wie Avaaz und Campact, die politische Inhalte transportieren, es gibt Petitionen und Bürgerbegehren, aber hinter ihnen steht nicht wirklich eine Macht – weshalb auch sie auch kaum etwas erreichen. Nur einmal haben diese Plattformen ein großes Thema mit Erfolg zum Ziel gebracht: TTIP gibt es nicht – aber nicht wegen den Millionen Internet-Petitions-Zeichnern, sondern weil Herr Trump dagegen war. Irgendetwas verhindert, dass aus den Befindlichkeiten, Worten, Meinungen und Ideen der Bürger Taten oder gar Gesetze werden. Aber was?

Macht ist virtuell nicht herstellbar

Hannah Arend weist den Weg zu einer Antwort: Es fehlt die Macht, weil das Miteinander fehlt – die Verbindlichkeit gemeinsamer Aktion. Macht ist virtuell nicht herstellbar. Denn Macht entsteht nicht nur aus der geteilten Meinung; nein, sie entsteht erst, wo Menschen bereit sind, für ihre Meinung einzustehen, Verantwortung zu übernehmen, ggf. zur Rechenschaft gezogen zu werden.

Selbst wenn alle Bürgen sagen, sie wollen kein Glyphosat in ihren Lebensmitteln, werden sie das nicht verhindern, so lange nur jeder einzelne mal so seine Meinung kundgibt, auf „Enter“ drückt und sich dem nächsten Thema zuwendet, das ihn ein bisschen aufregt oder unterhält.

Das Fatale ist, dass wir zu einer Gesellschaft von Konsumenten geworden sind, die Politik letztlich nur als konsumierbare Ware kennt, die man sich anschaut, etwa in Talkshows, von der man sich empören oder amüsieren lässt, die einem die Chance gibt, gelegentlich mal seine Sprüche anzubringen – die einen aber in der Tiefe nichts angeht.

Es fehlt bei allem die Verbindlichkeit – und dieser Mangel kommt daher, dass wir verlernt haben, uns zu verbinden. Die Konsumgesellschaft – zumal wenn sie immer mehr Zeit im virtuellen Raum verbringt – erzeugt ein Volk von politischen Autisten, die nicht mehr imstande sind, auf einander zuzugehen, sich die Hand zu reichen und aus geteilter Leidenschaft die Macht des Volkes zu erzeugen, ohne die Demokratie nicht zu einer leeren Formel wird.

Warum aber fehlt uns die Verbindlichkeit? Wenn wir Hannah Arendt fragen, erhalten wir eine erstaunliche Antwort: Weil wir nicht bereit sind, uns aufs Spiel zu setzen und etwas zu opfern: Zeit, Geld, Energie – ja, zuletzt uns selbst.

Macht, das ist die eigentliche Pointe ihres Ansatzes, entsteht nur vor dem Hintergrund der menschlichen Verletzlichkeit und Sterblichkeit. Nur wo wir leibhaftig auf die Straße gehen und uns selbst mit Leib und Seele mit den anderen verbinden, wird die Übereinstimmung der vielen zu einer unwiderstehlichen Macht.

Revolutionen werden nie im digitalen Raum geschehen, sondern nur, wo Menschen sich zu opfern wagen. Bezeichnend ist, dass alleine das Wort Opfer heute Widerstand und Schrecken auslöst. Doch das sollte uns nicht daran hindern, jenes eigentliche Geheimnis von Macht und Machtverlust zu reflektieren: Menschen leben nicht nur, sondern sie leiben. Nur wo sie gemeinsam leiben, kann Demokratie gedeihen.

Christoph Quarch

Buchtipp: Srdja Popovic, Protest. Wie man die Mächtigen das Fürchten lehrt. Frankfurt am Main 2015
 

Oliver Hallmeier

Oliver Hallmeier

 Dr. phil. Christoph Quarch ist freischaffender Philosoph und Autor. Er lehrt an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen, u.a. mit ZEIT-Reisen. www.christophquarch.de

 

 

 

 

 

 

 

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Ein Gedanke zu „Warum nutzen wir unsere Macht nicht?

  1. ein unverständliches Phänomen, dass die Manipulationstechniken, die
    die Massen in die Abhängigkeiten leiten konnten nicht für die Umkehr
    des unkritischen zerstörerischen Weltbildes, Wachstum-/Konsumwahn,
    Entfremdung zu sich und des Gemeinwohls aus wissenschaftlicher Initiative
    genutzt wird, sondern dem Finanzpolitkomplott überlässt ?

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