Kamelia Ilieva/ shutterstock.com
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„Was mich berührt, hat mit mir zu tun“

Ein Interview Sylvia Wetzel

Sylvia Wetzel, eine bekannte buddhistische Meditationslehrerin, spricht im Interview über Mitgefühl. Sich vom Leiden berühren lassen, statt es zu leugnen und zu verdrängen, könne Kräfte freisetzen. Sie gibt Tipps für eine ausgewogene innere Entwicklung.

 

 

Das Gespräch führte Christa Spannbauer

Wie würden Sie Mitgefühl definieren und was zeichnet es aus?

Wetzel: Mitgefühl kann man für sich selbst und andere entwickeln. Es besteht in dem Wunsch, dass sich Leiden verringern möge gepaart mit der tiefen Zuversicht, dass das auch möglich ist. Das wird oft nicht mitgedacht. Doch ohne diese Zuversicht können wir sentimentales Mitleid oder Empörung über das Leid der Welt leicht mit Mitgefühl verwechseln.

Zu Mitgefühl gehört auch die Einsicht, dass die Dinge, mit denen wir es tagtäglich zu tun haben, leidvoll, unbeständig und unkontrollierbar sind. Es gibt natürliches Leiden, das zum Leben gehört. Wir schaffen zusätzliches Leiden, wenn wir das leugnen oder ablehnen.

Warum gibt es natürliches Leiden? Alles verändert sich immer wieder, und wir bekommen das Leben nie völlig in den Griff, denn dafür ist es einfach zu komplex. Diese Komplexität kann Ohnmacht bewirken, wenn wir glauben, wir müssten alles in den Griff bekommen. Sie kann aber ebenso auch Zuversicht fördern, wenn wir die große Wirkung der kleinen Schritte sehen können. Und wenn wir die Täuschungen hinter unseren Enttäuschungen erkennen können.

Dann erwarten wir von einer Situation nicht mehr als möglich ist. Und wenn wir dann noch dazu in der Lage sind, unseren eigenen Beitrag zu erkennen, verändert sich unser Blick, und wir eröffnen uns damit vielleicht neue Optionen im Handeln. Genau das reduziert das zusätzliche Leiden, das durch Abwehr und Leugnung von natürlichem Leiden, d.h. durch reaktive Emotionen entsteht.

Neigung zum Aktionismus lockern

Sie bezeichnen sich selbst als Buddhistin mit katholischen Wurzeln. Worin sehen Sie die Stärken des Christentums im Hinblick auf die Entwicklung von Mitgefühl und auf das, was im Christentum „Barmherzigkeit“ genannt wird?

Sylvia Wetzel, Migefühl

Wetzel bezeichnet sich als „Buddhistin mit katholischen Wurzeln“

Wetzel: Im Christentum wird tätige Nächstenliebe und aktives Mitgefühl mit anderen sehr betont. Das hat vermutlich mit seiner Geschichte als Minderheitenreligion der Armen und Unterdrückten und mit der großen Bedeutung der Laien-Christen zu tun. Auch wenn die christlichen Klöster ab dem 3. Jahrhundert eine wichtige Rolle spielten, so lag ihre Bedeutung eher im kulturellen Bereich und weniger in der Anleitung zu meditativen Übungen.

Der Dalai Lama betont stets , dass Buddhisten von Christen im Bereich tätigen Mitgefühls viel lernen können. Allerdings weist er auch darauf hin, dass es um Mitgefühl mit allen Wesen, d.h. auch mit sich selbst geht, und nicht nur um Mitgefühl für andere. Das war für mich eine wichtige Einsicht auf dem Weg, die mir half, meine Neigung zum Aktionismus zu erkennen und zu lockern.

Im Buddhismus, der von Anfang an ein Weg der Meditation war und in mancher Hinsicht auch eine Kloster-Religion, liegt die Betonung mehr auf der Einsicht in die eigenen Motive und Absichten, aus denen heraus wir handeln. Möglicherweise spielt auch die Gesellschaftsstruktur in Indien und China und all den Ländern, in die der Buddhismus gelangte, eine zentrale Rolle bei dieser Gewichtung. In Indien kümmerten sich Kaste und Sippe um die sozialen Belange. In China und den von ihm geprägten Kulturen übernahm der Konfuzianismus diese Aufgabe.

In vormodernen Stammeskulturen und Großreichen sorgte sich die Großfamilie um soziale Belange, und so entfaltete sich der Buddhismus, etwas überspitzt gesagt, vor allem als Weg für religiöse Leistungssportler, für spirituelle Aussteiger. Buddhistischen Laien wird die Übung der ethischen Regeln, d.h. vor allem nicht verletzen sowie der vier heilsamen Haltungen empfohlen, die unsere Beziehungen sehr zum Positiven verändern können.

Einseitige innere Entwicklung vermeiden

Was sind diese vier Haltungen, und wie stärken wir Mitgefühl?

Wetzel: Im Buddhsmus werden Vier „unermessliche Haltungen“ genannt, die es zu kultvieren gilt: Neben dem Mitgefühl sind es Freundlichkeit, Freude und Gleichmut bzw. heitere Gelassenheit. Sie öffnen das Herz und sind kraftvolle Heilmittel gegen negative Geisteskräfte wie Gier und Hass, die immer wieder unseren Alltag belasten.

Bei jeder dieser vier Haltungen geht es darum, die anderen drei im Hintergrund mitschwingen zu lassen. Das heißt, wenn wir Liebe und Mitgefühl entwickeln, lassen wir den Gleichmut mitlaufen, also eine gewisse Unvoreingenommenheit gegenüber den Menschen, die uns begegnen. Denn sonst könnte unsere Freundlichkeit zu Anhaftung führen, und diese wiederum schlägt schnell um in Ablehnung, Wut und Hass.

Statt Freude und Mitfreude über das Wohlergehen der anderen zu empfinden, sind wir aufgedreht oder heucheln diese Haltungen und verfallen schnell in Neid und Eifersucht. Und statt Gleichmut im Auf und Ab des Lebens zu empfinden, verschanzen wir uns hinter einer Mauer von Gleichgültigkeit und verfallen in Unruhe und Sorgen, wenn diese Risse bekommt. Dies sind Gefahren, wenn wir zu einseitig üben.

Auch meine zweite Faustregel ist denkbar einfach: Wenn es gut läuft in unserem Leben, sollten wir uns vor allem in Freundlichkeit, Freude und Mitfreude üben, und wenn es schlecht läuft, in Mitgefühl mit uns und anderen sowie in Gleichmut.

„Wenn Du glücklich sein möchtest, übe Dich in Mitgefühl“, sagt der Dalai Lama. Wie können wir diese Aussage verstehen? Und was hat denn mein Glück mit dem Mitgefühl für andere zu tun?

Wetzel: Alle Menschen oder gar alle Wesen zu mögen, ist nicht einfach. Ich halte es sogar für unmöglich. Es wird leichter, wenn wir das Leid der anderen bemerken. Wenn wir Schwierigkeiten mit anderen haben, unter ihnen leiden oder sie wegen eines bestimmten Verhaltens ablehnen, können wir versuchen, die Situation aus ihrer Perspektive zu sehen.

Wenn ich erkenne oder auch nur ein bisschen ahne, dass hinter einer arroganten Haltung Unsicherheit und Minderwertigkeitsgefühle stecken, verringert sich mein Ärger. Wenn ich hinter Wut, Vorwürfen oder Schuldzuweisungen Ohnmacht und Hilflosigkeit entdecken kann, dann spüre ich bereits ein wenig Mitgefühl und dies ist ein sehr viel angenehmeres Gefühl als Abwehr und Ärger. Außerdem fühle ich mich mit Menschen, deren Leid ich spüre, mehr verbunden, und auch das fühlt sich besser an als Getrenntheit und Distanz.

Emotionale Gynmastik

Können Sie eine alltagstaugliche Meditation mit auf den Weg geben?

Wetzel: Eine meiner Lieblingsübungen ist aus dem tibetischen Buddhismus und heißt „Tonglen“, das Nehmen und Geben. Wir nehmen anderen in unserer Vorstellung ihr Leiden ab und schenken ihnen Glück. Dabei geht es allerdings nicht darum, dass wir Krankheit und Leid „wegzaubern“, sondern uns mit der eigenen Angst vor Leiden konfrontieren und diese abbauen.

Die Übung will dazu inspirieren, nicht in einer bestimmten Haltung stecken zu bleiben, sondern ständig die Perspektive zu wechseln. Das ist eine kraftvolle emotionale Gymnastik, wenn es denn klappt. Es gelingt vermutlich eher bei Menschen, die man mag.

Wenn uns diese Übung anfangs zu schwierig scheint, können wir sie erst einmal mit dem, was uns an anderen nervt, üben. Wenn dich also jemand irritiert, nimm dieser Person mit dem Einatmen ihr unangemessenes Verhalten ab und schenke ihr mit dem Ausatmen das von dir bevorzugte Verhalten.

Wenn ich diese Übung drei, vier Minuten ganz naiv mache, geht mir meist ein Licht auf, und ich erkenne meine Anteile an der Verstrickung, z.B. meine eigene Überheblichkeit. Danach kann ich leicht zur klassischen Tonglen-Übung übergehen. Meine dritte Faustregel lautet daher: Was mich berührt, hat mit mir zu tun.

Hier drei Vorschläge für die eigene Übung. Beginnen Sie mit der Variante, die Sie am meisten inspiriert:

Mit dem Einatmen nehme ich dir deine Arroganz ab. Mit dem Ausatmen schenke ich dir Demut und Bescheidenheit.

Mit dem Einatmen nehme ich dir dein Jammern und Klagen ab. Mit dem Ausatmen schenke ich dir Selbstvertrauen und Zuversicht.

Mit dem Einatmen nehme ich dir Druck und Unruhe ab. Mit dem Ausatmen schenke ich dir Entspannung und innere Ruhe.

Sylvia Wetzel (geb.1949) ist Publizistin, buddhistische Meditationslehrerin, Gründungsmitglied der Internationalen Organisation buddhistischer Frauen Sakyadhita und der Buddhistischen Akademie Berlin-Brandenburg. Infos: www.sylvia-wetzel.de

Hören Sie den Vortrag von Sylvia Wetzel „Leichter leben“: zum kostenlosen Download

 

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