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„Wir brauchen liebende Zuwendung zur Erde“

Joshua Earle/ Unsplash
Joshua Earle/ Unsplash

Interview mit Claus Eurich

Die Welt zu einem Ort gelingenden Lebens machen, das ist die Aufgabe, die vor uns liegt, sagt Prof. Claus Eurich. Doch die Kräfte der Destruktion sind stark, es herrsche eine brutale Realpolitik vor. Wir sollten Grenzen setzen, wo Leben geschädigt wird und Liebe und Wertschätzung für das Leben kultivieren.

 

Das Gespräch führte Geseko von Lüpke
Frage: Wir müssen ein destruktives System transformieren. Und dazu brauchen wir auch eine andere persönliche Ausrichtung und neue ethische Maximen. Welche spirituelle Grundausrichtung ist unverzichtbar?
Eurich: Albert Schweitzer sagt sinngemäß: ‚Gut ist, was dem Leben dient und es bewahrt. Ungut ist, was Leben willentlich und wissentlich schädigt, vernichtet, unterdrückt, diskriminiert.‘ Das ist für mich ein Grundgesetz.

Wo Leben willentlich und wissentlich geschädigt wird, müssen wir Grenzen setzen. Ob das auf der Ebene von Waffen, Waffenlieferungen und Kriegen ist, ob es die Versiegelung der Böden, der übermäßige Ressourcen-Verbrauch und die Vernutzung von Tierleben ist.

Hier brauchen wir vollkommen neue Maßstäbe, die nichts weiter sind als die Maßstäbe des Lebens. Ich kann auch keine Gesetze und kein Wirtschaftssystem akzeptieren, die Leben vernichten. Das Wachstum, das nur auf Vernichtung und Verbrauch aus ist, kann nicht die Lösung für die Zukunft sein. Auch das „grüne Wachstum“ ist nur eine Fortsetzung der Destruktion mit einem neuen Etikett.

Was sollten wir dem entgegensetzen?

Eurich: Wir brauchen eine grundlegende Umorientierung der Werte, die sich an den Fundamenten orientieren, wie wir sie auch in den alten Religionen finden. Wir sollten die Wurzel-Kräfte von Liebe freilegen, die wir haben und die jeder und jede in sich trägt.

Diese Antworten sind nicht neu, sie sind uralt. Ich bin fassungslos, wenn Politiker sich hinstellen und sagen: “Wir können mit der Bergpredigt keine Politik machen. Wir können mit friedlichen Mitteln keine Kriege beenden. Wir können diese Erde nicht mit Liebe verändern.”

Wir haben nicht verstanden, dass diese Brutalität des Denkens mittlerweile fast den gesamten Planeten in der Art und Weise, wie wir wirtschaften, beherrscht. Ein Denken, das sagt: „Du musst töten, wenn du leben und überleben willst. Du musst die Tiere einfach verbrauchen. Du musst die Erde ausbeuten, damit es uns gut geht“, müssen wir überwinden.

Wir müssen wieder in die direkte Beziehung zur Natur gehen.

Der Transformations-Philosoph Charles Eisenstein hat dieses positive Zukunfts- und Menschheitsbild mal ‘Die schönere Welt, die in unseren Herzen schon längst wohnt’ genannt. Verlieren wir den Kontakt zu diesem Herzen? Was braucht es beim Individuum, um diesen Kontakt so zu stärken, das er praktisch als ein ständiger Lebens- und Motivations-Strom unser Handeln prägt?

Eurich: Es gilt neu zu lernen, diese Verbundenheit im Herzen zu spüren, wirklich zu spüren, körperlich und seelisch zu spüren. Und das geht nur durch Begegnung. Wenn ich einem Menschen gegenüberstehe, wenn ich ihn vielleicht berühre, wenn wir miteinander sprechen, wenn wir uns umarmen – dann lösen sich Ressentiments auf.

So ist es auch in unserer Beziehung zur Natur. Es ist so wichtig, in die direkte Begegnung zu gehen. Und auch zu sehen, dass in dem Stück Fleisch auf dem Tisch Begegnung liegt und was dieser Begegnung vorangegangen ist.

Das zweite ist, dass wir nicht von heute auf morgen gleichsam in diese Phase der Zuwendung und der Liebe gelangen können. Sondern es gilt, unsere Situation zunächst über das Denken zu erkennen. Denknotwendig muss uns klar sein, dass an dieser Ethik der Wertschätzung für das Leben kein Weg vorbei führt.

Wenn wir das erkannt haben, fällt es uns auch leichter, die Gefühle zu akzeptieren und in die Verbundenheit zu gehen. Wir ziehen dann mit dem langsameren Körper, den Gewohnheiten und Bedürfnissen nach, was wir geistig erkannt haben.

Wenn man sich öffnet, kann Neues entstehen.

Gibt es auch eine spirituelle Dimension?

Eurich: Ja. die dritte Ebene wäre das Geistige, was mehr als Denken ist. Es ist der Weg der Kontemplation, der Stille – verstanden auch als ein Prozess der inneren Reinigung. Die Übung besteht darin, das, was uns konditioniert, loszulassen. Dass wir lernen, uns vollkommen hinzugeben, auch an das Numinose, an das Geheimnisvolle, an das Göttliche. Aber auch an die Energien, die auf diesem Planeten sind. Es geht um Öffnung.

In diesem tiefen Spüren, durch vollkommenes Loslassen dessen, was uns einengt und gedanklich und körperlich zwingt – in dieser Hingabe an diese Räume – kann das Neue entstehen.

Die Kultur des Neuen wird eine Mischung sein aus neuer sozialer Orientierung, neuer kommunikativer Orientierung, liebender und dienender Zuwendung zu der Erde mit all ihren Geschöpfen, zu denen ich selber gehöre. Dann verstehe ich, dass alles, was ich der Erde Gutes tue, auch mir zuteil wird.

So öffne ich das geistige Universum, das in mir ist und in mir lebt. Das ist meine eigentliche Heimat. Hier bin ich unverwundbar, hier hole ich mir die Kraft und Energie, mich dem Außen, dem Leben in der angemessenen Form zuzuwenden.

Die Kräfte der Beharrung sind stark.

Wo stehen wir heute? Welche Kräfte halten Sie da für im Moment prägend und langfristig wirkend als Hoffnung oder als Angst?

Eurich: Das Ernüchternde ist ja, dass das Alte noch funktioniert. Und dass diese Kräfte der Beharrung und Destruktion in unverhältnismäßiger Größenordnung stärker und mächtiger sind als wir. Und wir haben auch keine Chance, in dem wir dagegen anzurennen versuchen.

Das ist die eine Seite. Hier gilt das Gesetz der Resonanz: Je mehr Probleme wir – wie im Moment – versuchen gewalthaft auf der Erde zu lösen, desto mehr Gewalt wird entstehen. Das kann so weitergehen, bis ein Großteil der Erde in der Gewalt versinkt, weil keine anderen Antworten versucht werden. Diese Resonanz-Felder des Destruktiven sind das Eine.

Doch darin liegt zugleich die Hoffnung: Wenn ich nämlich in diesem Moment beginne, Liebe zu leben, auf andere Menschen zuzugehen, auf die Natur zuzugehen, entsteht ein neues Feld und ein neuer Ausgangspunkt für konstruktive Resonanz. Dann braucht es nur den richtigen historischen Moment, das richtige ‘Kairos’-haltige Feld und die richtige ‘Kairos’-haltige Ergebnis-Formation, damit dieses Feld des Lebens einen Aufschwung nimmt.

Die Erde zu einem Ort gelingenden Lebens machen.

Dieses Grundvertrauen, dieses Urvertrauen habe ich. Denn ich glaube nicht, dass wir als Gattung Zufall sind. Ich vermute, wir haben in unserer Größe und Schönheit, über die wir ja auch verfügen, eine Aufgabe:

Diese lautet, im Einklang mit diesem Planeten die Welt zu einem Ort gelingenden Lebens zu machen und zu gelingender Schönheit, deren Teil wir selber sind und die wir als Kreatürlichkeit entsprechend weiterentwickeln können.

Beides läuft also parallel: einerseits der Abstieg, das Desaster. Und gleichzeitig das Gehen in Zuversicht und in tätiger Hoffnung auf das Neue zu, ohne zu wissen, wohin der Weg uns genau führt. Aus dieser Spannung, aus dieser Polarität kann uns niemand befreien. Und ich glaube, dort liegt im Moment die Herausforderung schlechthin, mit beidem klarzukommen.

Wir müssen es schaffen, das Verheerende auf diesem Planeten zu sehen und zu ertragen, ohne dass es uns niederschmettert und zur Handlungsunfähigkeit mindert. Das erfordert, immer die positiven Energien zu bewahren und den Weg des Neuen mit anderen zu gehen, wenn wir uns nicht in irgendeinem spießbürgerlichen Biotop zuwachsen lassen wollen. Denn das wäre allenfalls uns selbst und sonst nichts und niemandem auf der Erde dienlich.

privat

Prof. Dr. Claus Eurich ist Philosoph, Kontemplationslehrer und Autor zahlreicher Bücher. Er war bis 2017 Hochschullehrer für Kommunikation und Ethik am Institut für Journalistik der TU Dortmund. Kontakt: clauseurich@web.de, Claus Eurich betreibt einen Blog

Lesen Sie auch den 1. Teil des Interviews: „Wir sind als Zivilisation gescheitert“

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Mit Referenten aus verschiedenen Disziplinen.

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