Interview zur Idee des Vermögenspools

Wer ein gemeinschaftliches Projekt finanzieren will, stößt bei Banken häufig an Grenzen. Markus Distelberger hat einen Vermögenspool gebildet, in den private Geldgeber einzahlen, ohne Rendite zu bekommen. Er erklärt im Interview, wie das funktioniert und warum es wichtig ist, dass Geld Sinn stiftet und Gemeinschaft fördert.

Der Vermögenspool, den Markus Distelberger hier vorstellt, ist eine alternative Möglichkeit, gemeinschaftliche Projekte finanziell auf den Weg zu bringen. Andere Modelle, mit denen z.B. freie Schulen finanziert werden können, sind Schenkgemeinschaften oder Bürgschaftsdarlehen, wie sie z.B. die GLS-Bank anbietet. Vor allem für Projekte, die am Gemeinwohl und nicht am Profit orientiert sind, eröffnen sich dadurch Chancen.

Das Gespräch führte Mike Kauschke

Frage: Was ist der Vermögenspool?

Distelberger: Der Vermögenspool ist ein Finanzierungsinstrument, also ein Vertragssystem, über das sich Privatpersonen an einem Projekt beteiligen können. Es ist dadurch gekennzeichnet, dass es einen Kapitalkreislauf schafft, im Gegensatz zu einem üblichen Darlehen, das ich von einer Bank erhalte.

Der Vermögenspool schafft die Möglichkeit einer Finanzierung, ohne dass damit, wie bei klassischen Wertpapieren, eine Geldrendite erzielt wird. Beim Vermögenspool bleibt der Wert zwar erhalten, aber ich erhalte keine Rendite. Ich gebe Geld in diesen Pool hinein und wenn ich es wieder herausnehmen will, erhalte ich den gleichen Wert inflationsangepasst zurück.

Welche Vorteile hat dieses System?

Distelberger: Der erste Vorteil ist Sinn, denn ich gebe mein Geld in eine Sache hinein, die ich kenne und die für mich Sinn stiftet. Der zweite Punkt ist die Sicherheit, zum Beispiel Immobilien. Unser Vermögenspool finanziert vor allem Immobilien, und hier hat man den Wert als Sicherheit.

Den dritten Aspekt haben wir schon angesprochen, der Wert wird erhalten und inflationsangepasst wieder ausgezahlt. Der vierte Vorteil ist die Flexibilität, denn ich kann das Geld auch kurzfristig wieder entnehmen und bin nicht an lange Laufzeiten gebunden. Der Vermögenspool ist mit dreimonatiger Kündigungsfrist kündbar.

Es gibt aber, wie bei jeder Geldanlage, Risiken, z.B. wenn die Immobilie an Wert verliert. Muss man darüber nicht aufklären?

Distelberger: Ja, die einzelne Immobilie, je nachdem wo sie liegt, könnte an Wert verlieren. Es ist Sache der Anleger darauf zu achten, wie sie das Risiko einschätzen. Sie sind im Übrigen durch eine Grundschuld im Grundbuch abgesichert.

Die Betreiber eines Vermögenspools sind verpflichtet, jährlich den Wert der Immobilie darzulegen. Wenn der Immobilienwert unter die Gesamtsumme des Pools fallen sollte, dürfen keine weiteren Anlegermittel hereingenommen werden.

Der Poolbetreiber muss dafür sorgen, dass durch Verwendung von Eigenmitteln für Rückzahlungen das Volumen des Pools gesenkt wird. Wenn das nicht gelingt und offene Einlagen endgültig fällig sind, ist das Objekt zu verkaufen und der Erlös auf die Anleger aufzuteilen.

Wie sind Sie auf die Idee des Vermögenspools gekommen?

Distelberger: Ich war Rechtsanwalt und habe Wohnbaugruppen beraten, also Menschen, die gemeinschaftlichen bauen. Für ein eigenes Wohnprojekt habe ich nach einer Finanzierungsmöglichkeit gesucht und mir dieses System des Vermögenspools überlegt.

Daraufhin gab es auch Interesse von anderen Wohnbauprojekten und Initiativen. Gegenwärtig sind in Österreich ca. 10 Millionen Euro in Vermögenspools angelegt. Es sind vor allem Wohnbauprojekte, die zwischen einer und fünf Millionen Euro aufgebracht haben.

Daneben gab es auch Kleinunternehmer, z. B. ein Ehepaar, das Energieanlagen baut, hat einen Pool angelegt. Oder eine Initiative, die ein Gasthaus revitalisiert. Bei unternehmerischen Projekten geht es häufig auch um die Anschaffung lang andauernder Werte wie Immobilien.

„Menschen, die Geld übrig haben, sind froh, es sinnvoll anlegen zu können.“

Wie verändert diese Art der Geldanlage den Umgang mit Geld?

Distelberger: Einen Vermögenspool zu betreiben, verlangt nach einem Paradigmenwechsel im Umgang mit Geld. Der Pool entsteht dadurch, dass Menschen ihre eigenen Kreise und Netzwerke ansprechen. Man muss also andere um Geld bitten, und es ist ja immer noch weit verbreitet, dass man über Geld nicht spricht.

Die zweite Idee, die man aufgeben muss, ist die, dass Geld knapp ist. Das stimmt nicht. Auch stimmt es nicht, dass Menschen, die Geld haben, nur schwer davon zu überzeugen sind, es anzulegen. Viele sind froh, wenn sie ihr Geld sinnvoll und sicher anlegen können.

Auf der Anwenderseite ist ein Umdenken erforderlich. Wir empfinden es als unangenehm, Schulden zu haben. Hier braucht es auch eine veränderte Haltung zum Thema Schulden. Der Vermögenspool muss immer voll bleiben. Und das bedeutet, dass man immer Schulden hat.

Impuls für ein Geldsystem, das Lebensqualtät fördert. Foto: Distelberger

„Das Kapital wird über ein Treuhänderkonto verwaltet“.

Können Sie uns die Funktion des Vermögenspools an einem Beispiel erläutern?

Distelberger: Nehmen wir an, Sie wollen ein Wohnprojekt mit 20 Wohneinheiten und insgesamt ca. 2000 Quadratmeter Wohnfläche bauen. Das kosten pro Quadratmeter ca. 2500 Euro. Insgesamt werden 5 Millionen Euro gebraucht, die Sie von Anlegern einsammeln; durch den Geldfluss wird der Pool gefüllt.

Von dem Geld bauen Sie die Wohnanlage. Die fünf Millionen Euro bleiben immer im Pool, abzüglich des Wertverlustes im Laufe der Jahre. Der Pool repräsentiert den Realwert der Immobilie, muss also im Laufe der Zeit dementsprechend verkleinert werden.

In Österreich beträgt diese Abschreibung etwa 1,5 Prozent pro Jahr. Dieser Wertverlust muss vom Nutzer, also dem Bewohner des Wohnraums, als Miete aufgebracht werden. In der Praxis ist es aber so, dass ich nach 25 Jahren wahrscheinlich Sanierungen durchführe. Dafür sammle ich Geld und damit steigt der Pool wieder an.

Als Betreiber des Wohnprojektes muss ich also nichts zurückzahlen und habe dementsprechend keinen Druck. Wenn aber jemand sein Geld zurück haben will, wird es ausgezahlt. Der Pool braucht dann neuen Zufluss von anderen Anlegern.

Als Betreiber eines Vermögenspools muss ich also immer wieder neue Menschen ansprechen, ihr Geld anzulegen. Dieser Zu- und Abfluss von Kapital wird über ein Treuhandkonto geregelt, das den Ab- und Zufluss auffängt. Darauf sollten etwa 10 Prozent des Wertes vorhanden sein, um auch kurzfristig Geld auszahlen zu können.

Sie haben selbst ein Projekt mit dem Vermögenspool finanziert.

Distelberger: Ja, das ist der Garten der Generationen, ein Wohnprojekt mit Kinder- und Altenbetreuung, Büro- und Praxisräumen, Gartenbau, einer Koch- und Essgemeinschaft, gemeinschaftlichem Leben mit ca. 100 Menschen.

„Der Vermögenspool ist ein neues Geldsystem, das auf Gemeinschaftlichkeit basiert.“

Welche Möglichkeiten im Umgang mit Geld und Gemeinschaft eröffnet der Vermögenspool?

Distelberger: Der Vermögenspool ermöglicht solch ein Projekt für Menschen, die von sich aus nicht genügend Eigenkapital haben und die von Banken nicht das nötige Darlehen erhalten würden.

Es ist auch eine Möglichkeit, Menschen mit ganz unterschiedlichem Vermögen in einem Projekt zu integrieren. Jemand, der die Mindestrente erhält, kann genauso dabei sein wie ein Gutverdienender. Die Miete ist nur so hoch, dass sie die Abschreibungen deckt. Wenn also der Bau ca. 2500 pro Quadratmeter kostet, dann beträgt die Netto-Monatsmiete ca. 4 Euro pro Quadratmeter; das wären ca. 200 € bei 50 Quadratmetern.

Mit dem Vermögenspool fordern wir die Wohnungswirtschaft mit den immer weiter steigenden Mieten heraus. Damit ist es auch eine Alternative zum kapitalistischen Wirtschaften.

Der Fokus des kapitalistischen Wirtschaftens auf die höchsten Renditen schadet dem Menschen und der Natur. Es führt global gesehen zu der Situation, dass einige Menschen immer mehr Bedürfnisse haben und erfüllt bekommen und ein großer Teil der Menschen nicht einmal die Grundbedürfnisse wie Wasser, Nahrung und Gesundheit erfüllen kann.

Wenn aber Menschen daraus aussteigen und eine Alternative leben, wie es der Vermögenspool aufzeigt, dann ist das auch ein Impuls zu einem Geld- und Wirtschaftssystem, das auf Lebensqualität und Gemeinschaftlichkeit basiert.

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Foto: privat

Dr. Markus Distelberger ist Rechtsanwalt und Mediator. Er berät Baugruppen und anderen Gemeinschafts- und Alternativprojekte und hat einige Projekte selbst initiiert, z.B. den „Garten der Generationen“ in Herzogenburg. Infos zu dem von ihm initiierten Vermögenspool