„Wir leben in einer Ära des Verlustes“

Loss Abhishek Singh/ Unsplash
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Interview: Mit neuer Sprache für den Schutz der Umwelt

Angesichts der Umweltzerstörung brauchen wir eine neue Sprache, um Gefühle auszudrücken, ist Prof. Glenn Albrecht überzeugt. Er spricht im Interview über neue Wortschöpfungen wie Sostalgie und Symbiokratie, wie wir über das Ausrücken der Gefühle ins Handeln kommen und warum wir eine Politik brauchen, die alles Leben auf der Erde einbezieht.

Das Gespräch führte Geseko von Lüpke

Frage: Herr Professor Albrecht, was ist Solastalgie? Wie kommen Sie zu diesem Begriff?

Albrecht: Wie bei der ‘Nostalgie’ steht die Silbe ‘algie’ für Schmerz, Kummer oder Bedrängnis und das ‘solas’ für Trost und Trostlosigkeit. Es ist ein Neologismus, den ich kreiert habe, um die gelebte Erfahrung negativer Umweltveränderungen zu beschreiben.

Und es ist eine verzweifelte, existenzielle Erfahrung. Die Kurzdefinition ist „das Heimweh, das man hat, wenn man noch zu Hause ist und die Heimat einen verlässt und man Gefühle der Verzweiflung und des Mangels an Trost verspürt“. Es ist ein Wort für etwas, was im Begriff ist zu verschwinden.

Was ist der Unterschied zwischen Solastalgie und Öko-Angst?

Albrecht: Öko-Angst ist etwas, das man erlebt, bevor es passiert. Trauer ist etwas, das man erlebt, nachdem es passiert ist. ‘Solastalgie’ ist tatsächlich etwas, das sich in diesem Moment vor Ihren Augen abspielt: der Wald, der dem Braunkohle-Tagebau zum Opfer fällt, der Waldbrand, der die vertraute Landschaft vernichtet.

Gibt es also eine Korrespondenz zwischen Ökosystem-Stress und einer Zunahme von Stress im Menschen ?

Albrecht: Ich sehe beide als logisch und emotional eng miteinander verbunden. Gregory Bateson hat darauf aufmerksam gemacht: In seinem Buch “Ökologie des Geistes“ fragte er schon vor knapp 40 Jahren sinngemäß: „Kann der Wahnsinn, einen See voller Trinkwasser zu verschmutzen, irgendwie mit Ihrer eigenen Vernunft oder Ihrem eigenen Wahnsinn zusammenhängen?“

Damals wurde mir klar, dass wir die Beziehung zwischen dem Zustand der Welt und unserem eigenen Geisteszustand untersuchen müssen. Mittlerweile sind wir in dieser Lage, die Notlage der Erde zu sehen.

Wir leben in einer Ära des Verlustes. Wir stehen vor der Situation, nicht nur die Umwelt, in der wir leben, aktiv zu reparieren, sondern auch uns selbst heilen zu müssen. Um das möglich zu machen, habe ich versucht, dieses Gefühl des Verlustes in dem Konzept der ‘Solastalgie’ einzufangen.

Die Sprache kann unsere Gefühle angesichts der Umweltzerstörung nicht mehr ausdrücken.

Kann ‘Solastalgie’ zu einer größeren psychischen Störung oder Depression oder sogar körperlichen Krankheiten eskalieren?

Albrecht: Manche Menschen haben das Gefühl, dass die Not so groß ist, dass sie nicht mehr weitermachen können. Sie erleben, dass die Welt um sie herum zusammenbricht, dass ihre Beziehungen zu anderen Menschen zerrissen werden.

Es ist durchaus möglich, dass Menschen von Einsamkeitsgefühlen und Solastalgie zu Depressionen übergehen. Ich habe Menschen im Hunter Valley in New South Wales interviewt, die vom Kohletagebau betroffen waren. Sie berichten, dass sie von einer anfänglichen Verzweiflung in eine Depression gefallen sind, für die sie medizinische Hilfe benötigen.

Eines der beeindruckendsten Interviews führte ich mit einem Aboreginee, einem australischen Ureinwohner, der seine Abscheu darüber zum Ausdruck brachte, was mit seinem eigenen Land geschieht.

Er sagte, es würde seine Identität als Mensch fast zerstören, wenn er mit ansehen müsste, wie sein eigenes Land in die Luft gesprengt, in einen Lastwagen verfrachtet, verbrannt und als Energie in die übrige Welt verschickt wird, um dann als schrecklicher Klimawandel mit schweren Dürren und enormer Hitze nach Australien zurückzukehren.

In Deutschland gab es in den letzten Jahren eine große Bewegung im Zusammenhang mit dem Kohletagebau und dem Verlust des Hambacher Waldes. Glauben Sie, dass das Gefühl der ‘Solastalgie’ den Umweltbewegungen, Mitstreiter bringt?

Albrecht: Ja! Denn wenn man die Erfahrung von ‘Solastalgie’ macht, bedeutet es, dass man auch das Gegenteil in sich trägt. Sie können Solastalgie nur dann erleben, wenn Sie bereits einen starken Ortssinn, einen starken Identitätssinn, ein Gefühl der Affinität oder Empathie mit anderen Lebewesen oder mit ganzen Ökosystemen entwickelt haben.

Konzerne und Regierungen instrumentalisieren Sprache, damit sich nichts ändert.

Warum ist es so wichtig, neue Wörter zu haben, um unsere Beziehung zur Umwelt zu verstehen?

Albrecht: Der Untertitel meines englischen Buches ‘Earth Emotions’ lautet: “Neue Worte für eine neue Welt”. Darum geht es: Wir brauchen neue Worte, um den Zustand, in dem wir uns befinden, beschreiben zu können. Die Worte, die wir haben, sind nutzlos und oft irrelevant.

Manchmal haben neue Wörter auch eine subversive Wirkung. Nämlich, dass wir durch sie den Zustand verstehen und die Richtung ändern können. Wir sind kollektiv auf einem sehr gefährlichen Kurs. Also müssen wir uns ändern.

Die Welt, in der wir jetzt leben, ist nicht die Welt, für die sich Sprache in irgendeiner Kultur auf der Erde entwickelt hat. Die Welt hat sich so schnell verändert, dass die bestehenden Sprachen bislang nicht die Nuancen entwickeln konnten, die notwendig sind, um die emotionalen und psychologischen Reaktionen der Menschen auf diese neuen Zustände auszudrücken.

Also ist die Sprache nicht mehr zeitgemäß und muss sich der ökologischen Krise anpassen?

Albrecht: Ich möchte betonen, dass wir heute in einer Welt leben, die sich im Vergleich zu der von vor 50 Jahren so dramatisch verändert hat. Wir brauchen eine neue Sprache, ein neues Vokabular, um unsere Gefühle und Emotionen über das auszudrücken, was mit dieser Welt geschieht, die sich vor unseren Augen wandelt.

Ist Sprache damit auch zu einem Machtmittel geworden, weil sie das Alte fortschreibt?

Albrecht: Sprache wird zum Problem, wenn sie genau die Welt erschafft oder verstärkt, die wir zu verändern versuchen. Die bestehenden Begriffe, die wir in den letzten drei Jahrzehnten zu verwenden versucht haben, konzentrierten sich nur auf Dinge wie ‘Resilienz’ und ‘Nachhaltigkeit’. Diese beschränkten das Denken auf ‘Reparatur’, um Öko-Systeme irgendwie zu ‘regenerieren”, damit sie in einen alten Zustand der Gesundheit oder Vitalität zurückkehren.

Diese Begriffe wurden aber von genau den Organisationen, Konzernen und Regierungen verwendet, die für das Problem, in das wir geraten sind, verantwortlich sind. Und so denke ich, dass wir diese Sprache verändern müssen, um die Handlungen der Unternehmen oder Regierungen zu unterbinden. Denn sie missbrauchen Worte dafür, den Status quo aufrechtzuerhalten.

Symbiokratie beschreibt eine Politik, die im Sinne des Ganzen handelt und nicht nur für den Menschen.

Brauchen wir dann auch Worte, um auszudrücken, was wir statt dessen wollen?

Albrecht: Es gibt Leute wie E.O. Wilson und sein Konzept der ‘Biophilie’, was einfach ‘Liebe zum Leben’ bedeutet. Erich Fromm verwendete den Begriff ‘Biofilia’, um dieses Gefühl der Verbundenheit mit dem Leben zu beschreiben.

‘Earth Emotions’ nenne ich alle ‘psychoterratische Gefühle’. Diese können sowohl positive als auch negative Gefühle ausdrücken. So ist zum Beispiel die ‘Topofilie’ – die ‘Liebe zur Landschaft’ – das Gegenteil von ‘Solastalgie’.

Geologen schreiben jetzt viel über das ‘Symbiozän’ als einen Gegenbegriff zum ‘Anthropozän’. Das Konzept ‘Symbiozän’ verlangt, dass wir uns wieder mit unseren positiven Gefühlen für die Erde beschäftigen. Es ist ein Wort für einen zukünftigen Zustand einer Symbiose, die die Lebenskräfte zusammenhält, in dem Menschen wieder mit dem Rest des Lebens kooperieren – im Gegensatz zum ‘Anthropozän’, das die Periode der menschlichen Dominanz auf diesem Planeten beschreibt.

Was ich also in den letzten Jahrzehnten versucht habe, ist, den Menschen eine Sprache zu geben, mit der sie ihre eigenen Gefühle verstehen können. Das ist ein Weg, von diesen Gefühlen zum Handeln gegen die Zerstörung zu kommen.

Sie haben auch den Begriff ‘Symbiokratie’ geprägt. Ist das ein Wort für das, wohin wir als Gesellschaft gehen müssen?

Albrecht: In der ‘Symbiokratie’ geht es um die Politik, die wir brauchen, um von einer Demokratie wegzukommen, in der es nur um die Herrschaft des Menschen geht. Die ‘Symbiokratie’ ist die Herrschaft des gesamten Lebens und thematisiert Wege, wie wir die Politik aus dem rein Menschlichen heraus und in das übrige Leben hineinbringen können.

Wir denken gelegentlich über gefährdeten Arten nach und machen uns Sorgen über das, was offensichtlich ausstirbt. Aber der ‘Rest’ des existierenden Lebens ist nicht am Tisch. Und das ist einer der Gründe, warum wir uns derzeit in einer so misslichen Lage befinden.

Über ‘Symbiokratie’ zu sprechen, heißt über die Herrschaft aller nachzudenken, nicht nur die Herrschaft für die Menschen. Und so versuche ich, meine Mitmenschen zu ermutigen, aus der alten Kiste herauszukommen und zu sehen, dass die Zukunft eine unglaubliche Kreativität zulässt, wenn wir uns in diese Richtung bewegen.

So denke ich, dass mein Buch “Earth Emotions” den Leser in die Möglichkeit einer völlig neuen Lebensphilosophie einführt, in eine völlig neue Art zu denken. Das betrifft alle Fähigkeiten der Menschen, ihr Fachwissen, ihre Talente und ihre kreativen Möglichkeiten, für die Erde zu handeln.

Glenn Albrecht war Professor für Nachhaltigkeit an der Murdoch University in Westaustralien. Seit 2014 emiritiert. Ehrenmitglied der School of Geosciences der University of Sydney. 2019 erschien sein Buch „Earth Emotions: New Words for a New World“, Cornell University Press.

Dr. Geseko von Lüpke ist freier Journalist und Autor von Publikationen über Naturwissenschaft, nachhaltige Zukunftsgestaltung und ökologische Ethik.

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